Ein Spitzentreffen der freundschaftlichen Art
Undogmatisch im Umgang: Minister Althusmann diskutierte gestern mit GEW-Chef Eberhard Brandt – heute sind Kommunalverbände an der Reihe
Von Saskia Döhner, HAZ 1.9.2010
Hannover. Vor einem halben Jahr noch wäre so ein Treffen undenkbar gewesen: Kultusminister Bernd Althusmann hat am Dienstagabend auf Einladung der CDU mit Eberhard Brandt, dem Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), beinahe freundschaftlich über die Schulpolitik der Zukunft diskutiert.
Zwischen Althusmanns Vorgängerin Elisabeth Heister-Neumann und Brandt war der Ton deutlich rauer gewesen. Kein Wunder, hatte doch die Landesschulbehörde im vergangenen Jahr ein Disziplinarverfahren gegen den GEW-Chef angestrengt, weil er angeblich seiner Unterrichtsverpflichtung als Lehrer an einer Wolfsburger Gesamtschule nicht nachgekommen war. Am Ende verliefen die Ermittlungen zwar im Sande, was blieb, war ein nachhaltig unterkühltes Verhältnis zwischen Lehrergewerkschaft und dem Kultusministerium.
Jetzt weht ein ungleich herzlicherer Wind. „Schön, dass wir nicht mehr in Zeiten von Intrigen leben“, sagte Brandt gestern. Unterschiedlicher Meinung war man durchaus, schließlich sei man nicht nur gekommen, um „Wattebäuschchen hin- und her zu pusten“, wie Althusmann sagte.
Anders als die Vorsitzende der Direktorenvereinigung, Heidrun Korsch, sieht der Minister allerdings in Gesamtschulen keine wirkliche Konkurrenz zu den Gymnasien. „Ich stehe mal an Ihrer Seite“, sagte Althusmann zu Korsch, „und mal an Ihrer“, fügte er an GEW-Chef Brandt gerichtet hinzu. Dies dürfe aber nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. Es gehe ihm um einen breiten Dialog mit den Bildungsverbänden: „Am Ende steht dann aber immer eine eindeutige Entscheidung.“
Die unkompliziert-pragmatische Art des neuen Ministers kommt an – ob es am Ende tatsächlich gelingen wird, einen zehnjährigen „Schulfrieden“ zu erwirken, während dem alle Schulformen unangetastet bleiben, wie es GEW-Mann Brandt vorschlug, scheint fraglich.
Immerhin erkennt auch die Opposition bei der CDU Bewegung, auch wenn SPD-Fraktionsvorsitzender Stefan Schostok meinte: „Die SPD ist das Original, die CDU kopiert unsere Reformvorschläge nur.“ Das sozialdemokratische Konzept für eine gute Schule überreichten Schostok und Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt gestern an drei Vertreter der kommunalen Spitzenverbände. „Gesamtschulen soll es überall da geben, wo Eltern und Schulträger dies wünschen“, sagte Heiligenstadt. „Unsere Forderungen lassen sich in zwei Worten zusammenfassen“, sagte der Osteroder Landrat Bernhard Reuter, „mehr Flexibilität“. Heute treffen sich die Kommunalverbände mit Althusmann zu einer zweiten Gesprächsrunde über die Schullandschaft der Zukunft.
CDU bekennt sich zu den Gymnasien
Parteitag diskutiert heftig über die Schulstruktur – verzichtet aber auf eine Festlegung / Streit um Macht der Bürgermeister
Von Klaus Wallbaum, HAZ 30.8.2010
Lingen. Die Eltern im Kreis Northeim warten – und sie werden weiter ausharren müssen. Geradezu flehend richtete sich die Northeimer Delegierte Christel Eppenstein am Sonnabend auf dem CDU-Landesparteitag an die Parteiführung: „Wir wollen wissen, ob wir eine neue Integrierte Gesamtschule gründen dürfen oder nicht. Am Montag tagen unsere Kreisgremien. Ich brauche also heute unbedingt ein Signal“, forderte sie – allerdings ohne den gewünschten Erfolg.
Zwar hat der CDU-Landesparteitag am Wochenende über die Frage der künftigen Schulorganisation diskutiert, leidenschaftlich sogar. Aber auf Bitten von Ministerpräsident David McAllister und Kultusminister Bernd Althusmann ließ der Beschluss am Ende alles offen. „Wir sind in Gesprächen, und Vorfestlegungen wären nicht sinnvoll“, sagte McAllister. Eine Linie, der nach einer engagierten Rede Althusmanns die breite Mehrheit folgte. Das Präsidium stellte sogar Einstimmigkeit fest.
Ungewöhnlich war dieser Landesparteitag, weil es inhaltliche Debatten früher eher selten gab. Allerdings hatte die Regie auch diesmal sorgfältig darauf geachtet, dass nichts aus dem Ruder läuft. Erst nach quälend langen Debatten um zwei unspektakuläre Leitanträge wurden die beiden heißen Themen angetippt: die Schulreform und die Kommunalverfassung. Als sie aufgerufen wurden, nahte die Mittagszeit – das bremste die Zahl der Wortmeldungen.
Vor allem in die Schulpolitik ist Bewegung gekommen, wie Althusmann offen einräumte. In vielen Gegenden gebe es wegen der rückläufigen Schülerzahlen kaum noch Anmeldungen für die Hauptschule, bei der Realschule sehe es vielerorts nicht besser aus. „Selbst CDU-Bürgermeister sagen mir, der einzige Ausweg zum Erhalt eines wohnortnahen Angebotes bestehe in der Gründung von Gesamtschulen“, sagte der Minister. Die Zeiten, da die CDU beim Wort Gesamtschule an den Untergang des Abendlandes denke, seien vorbei. Gleichwohl will sich Althusmann nicht festlegen. „Wir sind noch mitten im Findungsprozess.“ Nur eine Richtschnur verkündete er schon: „Die Gymnasien sind die attraktivste Schulform, sie werden gestärkt. Das ist auch eine Lehre aus dem Volksbegehren in Hamburg.“
Unter den CDU-Delegierten waren die Ansichten geteilt. Die Schaumburger wollen die Bedingungen für neue Integrierte Gesamtschulen (IGS) erleichtern, vier statt bisher fünf parallele Klassen sollten als Voraussetzung ausreichen. Die Peiner forderten mehr Freiheiten für die Kommunen in dieser Frage, Junge Union und Schüler-Union warnten indes vor der Abkehr vom alten System. „Eine zu krasse Kehrtwende wäre falsch“, meinte Jonas Soluk, Landesvorsitzender der Schüler-Union.
Was aber soll geschehen? Am Rande des Parteitags kursierten Modelle. Die Gymnasien könnten „Bestandsschutz“ bekommen, heißt eines. Dass die Hürden zur Gründung neuer IGS gesenkt werden, sei unwahrscheinlich – denn jede IGS wirke wie ein „Staubsauger“ auf Gymnasien und gefährde diese. An ein Modell „Kooperativer Gesamtschulen“ mit Gymnasial-, Real- und Hauptschulzweig bis Klasse zehn werde gedacht. Die gymnasiale Oberstufe in einem klassischen Gymnasium müsse dann mindestens einmal je Landkreis angeboten werden. Althusmann und McAllister kündigten vor den Delegierten eine Festlegung „noch in diesem Jahr“ an. „Ein Nichtstun wäre unverantwortlich“, meinte der Kultusminister und erntete dafür durchaus starken Beifall.
Auch beim zweiten Streitthema gab es ein versöhnliches Ende. An der Parteibasis kocht es, viele wollen die anstehende Reform der Gemeindeordnung nutzen, um die Macht der Bürgermeister und Landräte zu schwächen. Diese wiederum sind alarmiert und wandten sich hilfesuchend an den Ministerpräsidenten. McAllister bat dann auch die Delegierten, wie schon in der Schuldebatte, um „Augenmaß“. Die Direktwahl der Verwaltungschefs durch das Volk solle bleiben, auch die achtjährige Amtszeit, das Vorschlagsrecht für die Dezernenten müssten die Verwaltungschefs auch behalten. Die Stichwahlen für die Bürgermeister und Landräte würde McAllister gern abschaffen.
Was die Stichwahl anlangt, gab es auf dem Parteitag einige Widerworte, vor allem aus Südniedersachsen. Ansonsten aber folgte die CDU auch in der Kommunaldebatte dem Ministerpräsidenten. Ein klares Signal ging hier an den Koalitionspartner FDP. Dessen Wunsch, mit einer Änderung der Wahlbereiche und der Einführung von Einheitslisten kleinen Parteien bei Kommunalwahlen mehr Gewicht zu geben, werde strikt abgelehnt. „Mit uns geht das nicht“, sagte der Oldenburger Franz-Josef Holzenkamp unter starkem Applaus.
Probleme bei Grundschülern lange bekannt
Schon 2002 gleicher Befund
Von Bärbel Hilbig, HAZ 28.8.2010
Hannover. Zwei Menschen in Hannover sind über die großen Leistungsunterschiede von Viertklässlern in Hannover vielleicht besonders verstört. Prof. Elfriede Billmann-Mahecha und Prof. Joachim Tiedemann hatten bereits 2002 ihre erste Studie über die Grundschüler der Stadt veröffentlicht – mit ganz ähnlichen Befunden. Damals erhielten in manchen Grundschulklassen nur zwei Kinder eine Gymnasialempfehlung, in anderen bis zu 17 Schüler. Das entspricht Werten zwischen 13 und 84 Prozent. Jetzt zeigte das Bildungsmonitoring der Stadt, dass die Spanne von 14 Prozent (Linden-Süd) bis 72 Prozent (Kirchrode) reicht.
„Das ist besorgniserregend. Inzwischen ist genügend Zeit vergangen“, sagt Tiedemann. Die beiden Forscher hatten bereits damals dringend zusätzliche Sozialpädagogen für manche Grundschulen gefordert. Und sie standen dem Plan des Kultusministeriums für vorschulische Sprachförderung skeptisch gegenüber. „Das Programm ist hemdsärmelig gestrickt und wenig effizient. Es läuft nur kurze Zeit und wenige Stunden pro Woche“, sagt Tiedemann. Seit 2004 bekommen Kinder, die sehr wenig Deutsch sprechen, ein halbes Jahr lang vor der Einschulung diesen Sprachunterricht durch Grundschullehrer. 2006 ist die Dauer der Deutschkurse auf ein Jahr aufgestockt worden.
Tiedemann plädiert stattdessen für eine möglichst lange Phase, in der Kinder in Krippe und Kindergarten Deutsch lernen. Der Besuch ist allerdings weiterhin nicht verpflichtend und – je nach Einkommenslage – auch gebührenpflichtig. In ihren Grundschulstudien hatten Billmann-Mahecha und Tiedemann festgestellt, dass bis zu zwei Lernjahre Unterschied in der Lesekompetenz der Kinder bestand. Förderprogramme in der Grundschulzeit konnten diese Leistungsunterschiede nicht verringern. „Der Deutscherwerb muss vor der Einschulung weitestgehend vorangeschritten sein. Doch damit sind wir beim Ministerium auf taube Ohren gestoßen.“ Tiedemann befürchtet, dass auch die aktuelle Diskussion bald wieder abebbt.
Auf Jobsuche im Rathaus
„Lange Nacht der Berufe“
Von Felix Harbart, HAZ 28.8.2010
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Hannover. Noch ist alles drin für Marco. Überall bunte Broschüren von Betrieben, Fachhochschulen, privaten Ausbildungsinstituten. Der 16-Jährige greift hier und da mal zu, blättert kurz, steckt sie ein oder legt sie wieder weg. Es ist, als könne sich Marco seinen Beruf im Katalog aussuchen.
Zum vierten Mal veranstaltet die Stadt Hannover die „Lange Nacht der Berufe“, und zum vierten Mal zeigt sich, wie dankbar junge Menschen wie Marco und sein Freund Ridvan solche Angebote annehmen. Die beiden besuchen die 10. Klasse der Realschule, und jetzt sind sie eben hier, weil sie wissen wollen, ob sie lieber noch Abitur machen sollten oder nicht. Eigentlich hat sich Marco schon in den Kopf gesetzt, Kaufmann zu werden, und Ridvan hat ein Praktikum als Mechatroniker gemacht, aber wer weiß, vielleicht findet sich hier im Neuen Rathaus an diesem Freitagabend noch etwas anderes.
Das Angebot jedenfalls ist groß. Unten, gleich beim Eingang, halten Hannovers große Industrieunternehmen wie Volkswagen Nutzfahrzeuge, Continental oder Linde Hof. Seine halbe Familie sei bei VW, sagt Marco, das wäre also auch eine Möglichkeit. Auch deshalb nimmt er bei der Fachhochschule Hannover eine Broschüre über das Maschinenbaustudium mit. Im ersten Stock hat die Polizei einen großen Stand aufgebaut. Viele, die kämen, hätten sich schon näher mit dem Beruf beschäftigt, jetzt gehe es ihnen um die Einstellungskriterien, sagt einer der Beamten. Marco und Ridvan sagt er, dass man Abitur oder Fachabitur brauche, um Polizist zu werden. Die beiden nicken und nehmen die Broschüren mit. „Wäre eine Idee“, sagt Ridvan.
Ein paar Säle weiter präsentiert sich die Versicherungsbranche. Marco hat früher schon mal die VGH besucht und fand das interessant. Am Stand der Allianz füllen beide ein Quiz aus, zu gewinnen gibt es ein Bewerbungsgespräch oder zwei Karten für den Heidepark. Ob sie scharf auf das Gespräch sind, wissen die beiden noch nicht. Aber in den Heidepark möchten sie schon gerne.
Bildungsstudie
CDU kritisiert Schul- und Jugendpolitik in Hannover
Von Felix Harbart und Veronika Thomas, HAZ 27.8.2010
Diskussion über Versäumnisse in Hannovers Schul- und Jugendpolitik: Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse der städtischen Bildungsstudie wirft der CDU-Ratsfraktionschef Jens Seidel der Schuldezernentin Ahnungslosigkeit vor. Auch Migrantenverbände schalten sich in die Debatte ein - und fordern zusätzliche Elternvertreter.
Der Stadtteil bestimmt die Bildungschancen: In Hannover hat sich nach der Bildungsstudie eine Debatte über die Schul- und Jugendpolitik entzündet. © dpa (Symbolbild)
Die Ergebnisse der städtischen Bildungsstudie befeuern weiterhin eine Diskussion über Versäumnisse in Hannovers Schul- und Jugendpolitik. So wirft CDU-Ratsfraktionschef Jens Seidel der Verwaltung vor, die Belange von Kindern und Jugendlichen zu vernachlässigen – „und zwar ganz bewusst“. Seidel begründet seine Kritik mit der rückläufigen Zahl von Spielplätzen sowie dem Stellenabbau in Jugendeinrichtungen. „Nur mit dem Finger auf das Land zu zeigen ist definitiv zu wenig und zeigt, wie weit sich die Stadtverwaltung von der Realität in den Stadtteilen entfernt hat“, sagt Seidel.
Unterdessen schalten sich auch Repräsentanten von Migrantenverbänden und muslimischen Gläubigen in die Debatte ein. Die Vorsitzende des Türkischen Elternverbands Niedersachsen, Havva Mermertas, fordert, die Schulelternräte um zusätzliche Vertreter aus den Reihen der Eltern mit Migrationshintergrund aufzustocken. „Viele Eltern wissen gar nicht, was an den Schulen los ist.“ Der Landesverband der Muslime setzt auf Eigeninitiative und Integration. „Die großen Moscheen bieten alle Hausaufgabenhilfe an“, sagt Vorsitzender Avni Altiner. „Ein großer Fortschritt wäre es aber, wenn das niedersachsenweite Projekt Islamunterricht an Schulen in deutscher Sprache zu einer dauerhaften Einrichtung würde. Das zwingt die Eltern, deutsch zu sprechen.“ Die Muslime wollen ihre Jugendarbeit ausweiten und mit den Jugendfeuerwehren und dem Verband christlicher Pfadfinder zusammenarbeiten.
Gegenstand der Diskussion ist weiterhin auch das Modell der Durchmischung bürgerlicher Schulbezirke mit Problemstadtteilen. Zuletzt hatte SPD-Ratsherr Alptekin Kirci diesen Austausch als überlegenswert bezeichnet. Muammer Duran, Vorstand im CDU-Ortsverein Linden-Limmer und Vorsitzender des Rats türkischer Vereine, hält dagegen wenig davon. „Ich halte es für wenig praktikabel, die Kinder durch die Gegend zu kutschieren“, sagt er. Schließlich sei keinem Kind damit geholfen, wenn seine Schule in einem anderen Stadtbezirk liege als sein Zuhause. „Was machen die Kinder nach der Schule, wenn sie wieder in ein anderes soziales Umfeld müssen?“, fragt Duran. Er plädiert stattdessen dafür, schwache Standorte zu stärken.
Kritik übt die Ratsopposition auch am Schweigen von Kultur- und Schuldezernentin Marlis Drevermann zum Thema Bildungsgerechtigkeit. Die Dezernentin hatte sich im Schulausschuss am Mittwoch mit keinem Wort zu der Studie geäußert. „Das ist eine Ohrfeige für alle Eltern und Lehrer und ein politischer Offenbarungseid“, sagt CDU-Stadtchef Dirk Toepffer. Ratsherr Jens Meyburg (FDP) kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass „Frau Drevermann das Thema Kultur näher liegt als das Thema Schule“. CDU-Kollege Seidel geht noch weiter: Er nennt Drevermann die „Schuldezernentin der Ahnungslosigkeit“.
Wer hilft den Schulen?
Bildungsbericht beschäftigt auch Mitglieder des Stadtrates
Von Bärbel Hilbig und Andreas Schinkel, HAZ 26.8.2010
Die Mitglieder des Stadtrates haben sich am Mittwoch mit der neuen Statistik zu Gymnasialempfehlungen beschäftigt. „Es wäre völlig falsch, sich als Stadt zurückzulehnen. Wir müssen in Stadtteilen wie Hainholz noch genauer hingucken“, sagte Regine Kramarek, Schulpolitikerin der Grünen.
Ein Beispiel, das Schule machen könnte: Im Projekt „Freundlich und fair“ lernen Schüler der Grundschule Goetheplatz, fair miteinander umzugehen. © Rainer Surrey
Für widersprüchliche Reaktionen sorgte der neue Bildungsbericht der Stadt am Mittwoch im Schulausschuss des Rates. Michael Höntsch (Linke) sprach müde von „altbekannten Tatsachen“ – die Studie belegt allerdings eindrucksvoll und zum ersten Mal in dieser Deutlichkeit den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen in Hannovers Stadtteilen. Immerhin plädierte Höntsch dann doch dafür, Erzieher besser auszubilden und zu bezahlen, kritisierte die frühe Trennung der Kinder in unterschiedlichen Schulformen und zu straffe Lehrpläne. „Da sind Land und Bund gefragt. Im Rat haben wir keinen Einfluss auf Bildung.“
Das wollte Regine Kramarek, Schulpolitikerin der Grünen, so nicht stehen lassen. „Es wäre völlig falsch, sich als Stadt zurückzulehnen. Wir müssen in Stadtteilen wie Hainholz noch genauer hingucken.“ Der Sinn des Bildungsberichts sei es aber auch ganz klar, das Land wachzurütteln. Während in Linden-Süd nur 14 Prozent der Kinder eine Gymnasialempfehlung erreichten, waren es in Kirchrode 72 Prozent. Kramarek lobte wie auch andere den in Zukunft jährlich erscheinenden Bericht, weil so die Wirksamkeit von Förderprogrammen überprüft werden könne. Michael Klie, schulpolitischer Sprecher der SPD, betonte, es sei auch Aufgabe einer Kommune, die dargestellten eklatanten sozialen Unterschiede zu bekämpfen. Es verwies auf das beginnende städtische Programm, mit dem Grundschulen bei ihren Ganztagsangeboten unterstützt werden. „Wir werden damit aber nicht alles beheben können.“
CDU-Ratsfrau Kerstin Seitz dagegen befürchtete, die Veröffentlichung der Daten könne zur Stigmatisierung von Stadtteilen führen. „Lehrer und Schüler geben ihr Bestes.“ Seitz plädierte dafür, bereits beschlossene Konzepte wie Ganztagsgrundschulen und Sprachförderung nun über mehrere Jahre zu beobachten. Schuldezernentin Marlis Drevermann hielt es nicht für nötig, den Bericht zu kommentieren.
Einer der wenigen Kommunalpolitiker, den die Ergebnisse der Studie tatsächlich deutlich alarmierten, ist der türkischstämmige SPD-Ratsherr Alptekin Kirci, zugleich migrationspolitischer Sprecher seiner Fraktion. „Es ist höchste Zeit, die Weichen für mehr Bildungsgerechtigkeit zu stellen, sonst rutschen wir ab in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft“, sagte er gestern abseits des Schulausschusses.
Deshalb fordert er eine neue Debatte über Bildungschancen – ohne Denkverbote und ohne voreilige Stigmatisierungen. „Ich finde auch den damaligen Vorschlag von Sigmar Gabriel bedenkenswert“, sagte er. In seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident hatte Gabriel angeregt, den Ausländeranteil an Grundschulen auf 25 Prozent zu begrenzen. Das hätte einen Schüleraustausch zwischen verschiedenen Stadtteilen zur Folge, wie er zum Teil in den USA praktiziert wird. Zudem plädiert Kirci dafür, Eltern viel stärker in die Pflicht zu nehmen. „Land und Kommune müssen zusammenarbeiten und mit den Eltern Ziele vereinbaren, etwa regelmäßige Hausaufgabenkontrollen bei den Kindern“, sagt er. Kommen die Eltern ihrer Pflicht nicht nach, sollten Sanktionen drohen, etwa in Form einer Kürzung von staatlichen Hilfeleistungen.
Andere Zahlen: Das städtische Bildungsmonitoring 2010 enthielt durch einen Datenübertragungsfehler falsche Angaben über die Schullaufbahnempfehlungen in Wettbergen. Tatsächlich haben im Jahr 2009 in den beiden Grundschulen im Stadtteil 53,6 Prozent der Viertklässler eine Gymnasial-, 32,1 Prozent eine Realschul- und 14,3 Prozent eine Hauptschulempfehlung bekommen.
Interview
Stephan Weil: „Wir sind Lückenbüßer für fehlgesteuerte Bildungspolitik“
Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil spricht im Interview über den neuesten Bildungsbericht der Stadt: „Wir sind Lückenbüßer für fehlgesteuerte Bildungspolitik“. Herr Weil, das Ergebnis des städtischen Bildungsberichts, wonach die Schullaufbahn abhängig von der Herkunft aus einem Stadtteil ist, hat einige Kommunalpolitiker nicht überrascht. Sie ebenfalls nicht?
In der Tat. Dass die Bildungspolitik in Deutschland und auch in Niedersachsen nicht gerecht ist, das ist schon lange bekannt. Die Zukunftsaussichten der Schulkinder sind leider je nach ihrer sozialen Herkunft unterschiedlich.
Wenn dieser Zusammenhang schon so lange bekannt ist, warum hat die Stadt dann nicht versucht, dem entgegenzuwirken?
Hannover tut das bereits. Wir stellen im Haushalt der Stadt mehr als 350 Millionen Euro pro Jahr für Bildung zur Verfügung, können aber oft nur als Lückenbüßer für eine fehlgesteuerte Bildungspolitik des Landes dienen.
Also schieben Sie den schwarzen Peter einfach weiter?
So pauschal meine ich das nicht, aber lassen Sie mich ein Beispiel anführen: Ganztagsschulen helfen Kindern, ihre Talente zu entfalten, das ist unbestritten. Eigentlich ist die gebundene Ganztagsschule, bei der das Land zusätzliche Lehrerstunden für den Nachmittag einrichtet, das probate Mittel, um Kinder individuell zu fördern. Aber dazu ist das Land offensichtlich nicht bereit. Die offene Ganztagsschule mit ihren freiwilligen Angeboten, die wir als Kommune derzeit ermöglichen, ist nur ein Bypass, gewissermaßen die zweitbeste Lösung.
Welche Möglichkeiten hat die Stadt, um mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen?
Wir investieren in den Ausbau, aber auch in die Qualität von Kindertagesstätten – und das weit über das gesetzlich geforderte Maß hinaus. Außerdem wird exzellente Arbeit in den Schulen und Kindertagesstätten geleistet. Rund 45 Prozent aller Schüler hier in Hannover erreichen am Ende ihrer Schullaufbahn die Berechtigung für einen Hochschulzugang, das liegt weit über dem Landesdurchschnitt. Wenn wir mehr Geld hätten, etwa Zuschüsse vom Land, könnten wir auch noch mehr bewirken.
Müsste die Stadt nicht für eine bessere Durchmischung der sozialen Milieus in den Stadtteilen und letztlich in den Schulen sorgen?
Es gibt Stadtteile, die stehen auf der Schokoladenseite, und solche, die auf der Schattenseite liegen. Das lässt sich kaum verhindern. Dennoch wirken wir dem entgegen, etwa indem in Stadtteilen wie Vahrenheide und Hainholz Einfamilienhaussiedlungen entstehen. Von einem verpflichtenden Transfer von Schülern zwischen den Stadtteilen nach amerikanischem Vorbild halte ich aber gar nichts.
Wäre es nicht ratsam, die Einzugsgebiete der Grundschulen zu verändern?
Auch diesen Aspekt berücksichtigen wir bereits. So haben wir etwa das soziale Wohnungsbauprojekt „Spargelacker“ bewusst dem Schulbezirk Kirchrode zugeordnet. Aber hier sind der Einflussnahme Grenzen gesetzt.
Zumal viele Eltern diese Regelung umgehen und ihr Kind zur Schule ihrer Wahl in einem anderen Stadtteil schicken.
Schulen und Verwaltung achten sehr genau darauf, dass mit der Zuordnung der Kinder zu ihrer Grundschule nicht Schindluder getrieben wird.
Wie reagieren Sie nun unmittelbar auf den Bildungsbericht?
Die Stadtverwaltung sieht sich in ihrer Arbeit bestätigt und wird so weitermachen. Wir wünschen uns aber auch sehr viel mehr Unterstützung vom Land, etwa was die Sprachförderung in den Kitas anbelangt. (Das Interview führte Andreas Schinkel.)
„Bildungsmonitoring 2010“
Kinder starten mit ungleichen Chancen
Von Bärbel Hilbig und Felix Harbart, HAZ 25.8.2010
Weniger intelligent als in anderen Stadtteilen Hannovers sind die Schüler in Linden-Süd nicht, aber vieles andere bedrückt sie - und Probleme blockieren das Lernen.
Was bringt die Zukunft? Sybille Gaedtke hofft, dass viele ihrer Schüler ihren Weg gehen werden.© Nico Herzog
Manche Jungen in Sybille Gaedtkes Klasse träumen davon, später als Fußballer oder Tänzer Anerkennung zu ernten. Amadou hat auch mal daran gedacht, Altenpfleger zu werden oder Polizist. Richtiger Polizist, nicht so wie der nette Kontaktbeamte, der manchmal in die Grundschule kommt. „Aber das ist viel zu gefährlich“, hat sich der Neunjährige inzwschen überlegt.
Klassenlehrerin Sybille Gaedtke traut ihren Schülern zu, dass sie vielleicht auch noch ganz andere Ziele im Leben erreichen als das, wovon Viertklässler gerne träumen. „Wir haben einen tollen Jahrgang mit vielen klugen Kindern.“ Doch zahlreiche Schüler der Egestorffschule in Linden-Süd haben mit Lebensumständen zu kämpfen, die das Lernen nicht leicht machen. Vergangenes Schuljahr haben deshalb nur acht von 54 Viertklässlern, also rund 15 Prozent, eine Empfehlung für den Besuch des Gymnasiums bekommen. Im Jahr 2009 lag die Quote bei 14,3 Prozent. Im stadtweiten Durchschnitt erreichten 45,2 Prozent der Viertklässler 2009 die Gymnasialempfehlung.
Manchmal lassen die Lehrer ein Kind einen Intelligenztest machen, denn sie ahnen, dass ihre Schützlinge vieles leisten könnten, wenn die Bedingungen besser wären. Weniger intelligent als in anderen Stadtteilen sind die Schüler in Linden-Süd nicht, aber vieles andere bedrückt sie. Sybille Gaedtke hatte einmal eine Gruppe von Schülern nach ihren Erfahrungen mit Gewalt befragt. Es stellte sich heraus, dass 17 von 20 Kindern zu Hause geschlagen wurden, neun sagten, sie würden zu oft geschlagen. „Und wenn sie nicht selbst betroffen sind, erleben sie, dass die Polizei ins Haus kommt, weil dort etwas passiert ist“, berichtet Lehrerin Gyrid Hartwig. „Das bringt sie alle aus dem Gleichgewicht.“
„Unsere Schüler erleben Alkohol, Gewalt, Drogen – viele Dinge, vor denen man Kinder gerne beschützen möchte“, sagt Thomas Müller. Gyrid Hartwig hat einen Schüler, dessen Mutter in den Kosovo abgeschoben werden soll, der Vater ist geduldeter Flüchtling aus dem Irak. „Die Familie ist existenziell bedroht. Unter dieser Anspannung leiden auch die Kinder.“
Die Lehrer merken oft ganz direkt, wie behindernd sich die seelischen Belastungen auf das Lernen der Kinder auswirken. Sie berichten von Eltern, die im Ehestreit jedes Wort des Kindes ausschlachten, bis das Kind auch in der Schule völlig verstummt. Oder von einem Jungen, der merkwürdig unruhig und aggressiv wurde, bis die Lehrerin Verbrennungen an seinen Beinen entdeckte und mit ihm zum Arzt ging.
Und oft dauere es sehr lange, bis ein Eingreifen der Familienhilfe zu einer spürbaren Verbesserung führe, sagt Gyrid Hartwig. Sie hat miterlebt, wie einer ihrer Schüler immer wieder zwischen alkoholkranker Mutter und Großeltern pendelte, bis das Kind nach mehr als zwei Jahren endgültig von der Mutter getrennt wurde. „Wenn das Kind bei den Großeltern lebte, konnte es die Buchstaben lesen. Sobald es bei der Mutter war, ging das nicht.“
Die Zusammenarbeit mit den Familienhelfern, die problembelastete Familien unterstützen sollen, sei oft schwierig, sagt Lehrerin Mona Birth. Oft blockierten die Familien die Zusammenarbeit zunächst, dann seien Mitarbeiter im Urlaub, oder die Zuständigkeit wechsele. „Es dauert oft Monate, bis wir wissen, wer sich wirklich kümmert.“
Für die Lehrer, die sich nach Kräften für ihre Schüler einsetzen, liegt vieles auf der Hand, das die Situation verbessern könnte: ein Kinderpsychologe in der Schule, der als Profi schneller Probleme der Schüler erkennen könnte, eine zweite Sozialarbeiterin, die auch Familien besuchen und beraten würde. Zwei Lehrer pro Klasse seien wünschenswert, ein Ergo- und ein Sprachtherapeut. Oder auch Ruheräume in der Schule, in denen sich die Kinder entspannen könnten, ohne fernzusehen, wie zu Hause meist. „Wir empfinden jetzt vieles als Flickschusterei. Wir brauchen Profis, die für den Umgang mit Kindern aus schwierigen Verhältnissen geschult sind“, sagt Birth.
Birth selbst bietet Mathe für Schüler an, die auf das Gymnasium wechseln wollen. „Die Kinder sind ehrgeizig. Und sie fragen sich, ob sie nach dem Schulwechsel weiter genügend Unterstützung bekommen.“ Doch daran mangelt es an den weiterführenden Schulen oft. Vor vier Jahren hatte Sybille Gaedtke vier Schüler für das Gymnasium empfohlen. Nur eine Schülerin hat es ohne sitzen zu bleiben in die achte Klasse geschafft. Die anderen drei mussten aufstecken. „Einer der Jungen war überdurchschnittlich intelligent. Aber das reichte nicht.“
Der Junge war ohne Deutschkenntnisse in die Grundschule gekommen. „Wir schaffen es in vier Jahren nicht, alles aufzuholen“, sagt Schulleiterin Hannelore Oelkers. Und bisher weisen alle Deutschförderprogramme offenbar Lücken auf, durch die Kinder rutschen, wenn ihre Eltern die Wichtigkeit nicht erkennen. „Unsere Schüler waren im Durchschnitt nur anderthalb statt drei Jahre im Kindergarten“, sagt Oelkers. „In den Familien wird zu wenig geredet. Deshalb muss man versuchen, mehr Kinder schon in die Krabbelgruppe zu bekommen.“ Und in vielen Kindergärten liefen Deutschprogramme, doch de facto gebe es viele Situationen, in denen nur eine Erzieherin sich um 25 Kinder kümmern soll. Die einjährige Sprachförderung durch Lehrer vor der Einschulung ist aus Oelkers Sicht dann nur noch ein Notnagel: Dort werden nur Kinder aufgenommen, die sehr wenig Deutsch sprechen.
Wie zäh der Kampf für bessere Bedingungen sein kann, zeigt sich auch an einer anderen Geschichte: Die Egestorffschule hatte 2003 beantragt, Ganztagsschule zu werden, damit ihre 250 Schüler auch nachmittags Anregungen zum Lernen bekommen. In Linden-Süd ist der Anteil an Menschen, die von staatlicher Unterstützung leben und sich in schwierigen Lebensverhältnissen befinden, besonders hoch. Bis zur Genehmigung 2005 hatte das Land die Bedingungen verändert: Es gab keine Lehrerstunden mehr, die Kinder sind nicht mehr zur Teilnahme verpflichtet. Eine Mensa hat die Stadt erst vor zwei Wochen eingebaut.
Werben um deutsche Kinder
Schulen mit hohem Anteil von Kindern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, leiden oft an einem zusätzlichen Problem: Selbst wenn im Stadtteil bildungsbewusste deutsche Eltern leben, garantiert das keine gemischten Klassen, in denen Einwandererkinder auch von ihren Mitschülern Deutsch lernen könnten. Die deutschen Familien weichen häufig auf konfessionelle, private oder pädagogisch speziell ausgerichtete Schulen aus.
„Auch uns sind die Eltern weggelaufen, weil sie dachten, die anderen Schüler könnten ihre Kinder runterziehen“, sagt Beatrix Albrecht, Leiterin der Albert-Schweitzer-Schule in Linden-Nord. Doch mit zäher Arbeit haben die Mitarbeiter eine Wende erreicht: Inzwischen fragen sogar deutsche Eltern an, ob sie ihr Kind schicken dürfen. Die Schulinspektion bescheinigte, die Albert-Schweitzer-Schule habe sich zu einer der besten Grundschulen in Niedersachsen gemausert.
„Viele Schulen in problematischen Stadtteilen wären dazu in der Lage. Man darf sie aber nicht alleinlassen, sondern muss mehr Personal zur Verfügung stellen“, sagt Albrecht. Der tägliche Transport von Grundschülern in andere Stadtteile, damit gemischte Klassen entstehen, sei dagegen keine Lösung. „Kinder brauchen es, sich in ihrem Stadtteil selbstständig zu bewegen.“
Die Grundschule Goetheplatz kämpft dagegen weiter mit der Abwanderung deutscher Kinder. Dabei bekommt ein Drittel der Schüler eine Gymnasialempfehlung und meistert die Anforderungen dort. „Unsere gute Arbeit dringt nicht durch“, sagt Lehrerin Karin Wenzel.
Im Interview: Prof. Astrid Kaiser, Erziehungswissenschaftlerin der Uni Oldenburg
Frau Professor Kaiser, überrascht Sie eine Statistik wie die aus Hannover?
Nein, die überrascht mich überhaupt nicht. Dass Kinder aus sozial weniger entwickelten Gebieten schlechtere Bildungschancen haben, kenne ich tausendfach.
Bemühungen, das zu ändern, gibt es schon lange. Woran liegt es, dass die Ergebnisse trotzdem noch so schlecht sind?
Das liegt vor allem daran, dass Eltern aus sogenannten bildungsfernen Milieus ihren Kindern in diesen Stadtteilen keine Förderung bieten. Das geht schon damit los, dass Kinder aus diesen Schichten kein so elaboriertes Sprachniveau haben, wie sie es in der Schule brauchen. Es gibt eine Untersuchung aus Berlin, wonach an manchen Schulen 30 Prozent der Grundschüler die Instruktionen ihrer Lehrer gar nicht verstehen. Eine andere Ursache ist, dass Kindern aus diesen Verhältnissen vonseiten der Schule gar nichts mehr zugetraut wird und dass alle Aufgaben auf sprachlichem Vermögen basieren. Wenn die Kinder sie nicht verstehen, haben sie keine Möglichkeit, ihre Talente zu zeigen.
Was halten Sie von Ideen, Schulbezirke anders zuzuschneiden oder die Schülerschaften von Grundschulen so zu mischen, dass Kinder aus unterschiedlichen Milieus zusammen lernen?
Das kann ein kleines Hilfsmittel sein, aber kein Allheilmittel – und meist ist der Widerstand der Eltern sehr groß. Prinzipiell kann jeder Perspektivwechsel dem Lernerfolg zuträglich sein.
Aus den betroffenen Grundschulen kommt der Ruf nach mehr Sozialpädagogen und zusätzlichen Psychologen. Ist es damit getan?
In der Pädagogik ist nie eine einzelne Maßnahme entscheidend. Manch ein Schüler benötigt vielleicht Hilfe beim Umgang mit aggressiven Tendenzen – der braucht vielleicht psychologische Unterstützung. Ein anderer braucht Wärme und Geborgenheit – dem kann ein fester Klassenlehrer oder die Installierung einer zweiten Lehrperson im Klassenzimmer helfen. Auch die Ganztagsschule allein bringt nichts, wenn sie nicht von entsprechenden pädagogischen Angeboten flankiert wird. Notwendig ist immer ein komplexes Maßnahmensystem.
Seit Jahren versucht sich das Land Niedersachsen mit sprachlicher Frühförderung im Vorschulalter. Was bringt diese Maßnahme aus Ihrer Sicht?
Nicht viel. All diese Tests und Fördermaßnahmen basieren auf der Arbeit mit Texten und Bildern, sie sind angelegt auf mittelschichtspezifische Fähigkeiten – das legen verschiedene Studien nahe. Für Kinder mit Sprachdefiziten wäre es wichtig, Sprache anders zu vermitteln, etwa durch naturwissenschaftliche Experimentalkurse. (Interview: Felix Harbart)
Reaktion auf Bildungsbericht
Politiker fordern: Schnell mehr Ganztagsschulen
Andreas Schinkel und Saskia Döhner, HAZ 25.8.2010
Ein beschleunigter Ausbau von Grundschulen zu Ganztagsschulen und eine höhere Qualität bei der Betreuung in Kindertagesstätten – das sind die Forderungen, mit denen Hannovers Kommunalpolitiker am Dienstag auf die neuesten Zahlen aus dem Bildungsbericht für die Stadt reagierten.
Politiker fordern mehr Ganztagsschulen und eine höhere Qualität bei der Betreuung in Kindertagesstätten.© Christian Burkert (Archiv)
Landespolitiker plädierten für mehr Unterstützung durch Sozialarbeiter an den Grundschulen. „Es sollten gerade die Brennpunkt-Grundschulen mehr Sozialpädagogen einstellen können“, sagte FDP-Bildungsexperte und Landtagsabgeordneter Björn Försterling. Opposition und Regierung im Landtag sind sich einig: Man müsse die frühkindliche Bildung ausbauen und die Sprachförderung im Kindergarten ausweiten.
Die am Montag veröffentlichte Studie „Bildungsmonitoring 2010“ belegt einen Zusammenhang zwischen Schulkarriere und Sozialstruktur des jeweiligen Stadtteils. So hatten im vergangenen Jahr mehr als 70 Prozent der Viertklässler im wohlsituierten Kirchrode eine Gymnasialempfehlung bekommen, in Linden-Süd waren es nur 14 Prozent.
„Diese Zahlen müssen betroffen machen“, sagte der niedersächsische Landeselternratsvorsitzende Pascal Zimmer. Dies zeige, dass über Chancengleichheit viel geredet werde, aber an den Schulen zu wenig passiere. Besser verdienende Eltern hätten oft mehr Möglichkeiten, ihre Kinder bei den Schulaufgaben zu unterstützen, sagt Zimmer, aber es sei in dem Zusammenhang auch erschreckend, wie viele Kinder in der Grundschule schon Nachhilfe bekämen. Der Leistungsdruck wachse stetig an.
Hannovers Ratsmitglieder reagierten dagegen gelassen auf die Zahlen. „Mich überrascht die Studie nicht, die Problemstadtteile sind ja seit Langem bekannt“, sagte die Fraktionsvorsitzende der SPD im Rat, Christine Kastning. Sozialpolitische Versäumnisse habe sich die Stadt nicht vorzuwerfen. „Es ist entscheidend, in die Ausstattung der Schulen zu investieren und das Ganztagsprogramm voranzutreiben, so wie es Hannover bereits tut“, sagte Kastning. Zudem müsse die Förderung von Kindern aus problematischen Familien bereits in Krippe und Kindergarten ansetzen.
Dem pflichtete auch Lothar Schlieckau, Fraktionsvorsitzender der Grünen, bei. „Insbesondere die Schulen in sozialen Brennpunkten müssten schnellstmöglich in Ganztagsschulen umgewandelt werden“, forderte er.
Eine Absage erteilte Schlieckau einem Ansatz aus den USA, wonach Kinder aus sozialen Brennpunkten morgens zu Schulen in gutbürgerlichen Vierteln gefahren werden – und umgekehrt. „Die Schüler kehren ja nachmittags zu ihren Eltern zurück, und dort fehlt es weiterhin an Förderung“, meinte Schlieckau. Durch eine bessere Durchmischung der Klassen werde ja nicht die soziale Herkunft der Eltern verändert. Dem schloss sich auch seine Kollegin von der SPD an, wollte aber die Idee eines Schüleraustauschs zwischen den Stadtteilen nicht ganz vom Tisch wischen. „Das ist zumindest diskussionswürdig“, sagte sie.
Auch für die FDP im Rat der Stadt ist der Ausbau von 20 Grundschulen zu Ganztagsbetrieben, wie ihn die Stadt bis 2013 bewerkstelligen will, „ein richtiger Schritt“. Zugleich müsse die Qualität der frühkindlichen Betreuung verbessert werden, etwa durch kleinere Gruppen in den Kitas und eine bessere Ausbildung von Erziehern. Bei der CDU ist man skeptisch, ob die Ganztagsschule tatsächlich ein Allheilmittel ist. „Wichtiger scheint mir, das Umfeld in den Problembezirken zu verändern“, sagte der Fraktionsvorsitzende Jens Seidel.
„Bildungsmonitoring 2010“
Der Stadtteil bestimmt die Bildungschancen
Von Bärbel Hilbig, HAZ 24.8.2010
Die Schulempfehlung für Viertklässler spiegelt die Sozialstruktur der Kinder wider: 72,4 Prozent der Viertklässler, die im gut situierten Kirchrode zur Grundschule gingen, haben eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen. In der Egestorffschule in Linden-Süd waren es nur 14,3 Prozent.
Die soziale Herkunft entscheidet offenbar in extrem hohem Maß über die Bildungskarriere von Kindern. Im vergangenen Jahr haben 72,4 Prozent der Viertklässler, die im gut situierten Kirchrode zur Grundschule gingen, eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen. Am unteren Ende der Skala findet sich Linden-Süd, ein Stadtteil mit hohem Anteil von Einwanderern und Menschen, die von staatlichen Leistungen leben: Hier empfahlen die Lehrer der Egestorffschule nur 14,3 Prozent der Viertklässler den Besuch des Gymnasiums, 48,2 Prozent sollten die Hauptschule besuchen. Auch andere Stadtteile scheinen den Erwartungen an die Sozialstruktur zu entsprechen. Wo viele Akademiker leben, die ihre Kinder besser unterstützen können, wie in der List, ist der Anteil der Gymnasialempfehlungen hoch (56,8 Prozent).
Die Politiker im Jugendhilfeausschuss reagierten am Montag schockiert auf die Zahlen. „Das ist ganz schlimm. Viele Eltern können ihren Kindern selbst nicht helfen“, sagte Ingrid Wagemann, jugendpolitische Sprecherin der Grünen. Es sei deshalb wichtig zu klären, was die Stadt tun könne. Wagemann plädierte dafür, den Bericht in allen Bezirksräten zu diskutieren. „Ich würde mir wünschen, dass die Lehrer sich darüber Gedanken machen.“ Auch Nils Tilsen sprach von einem Riesenproblem. „Sozialer Aufstieg ist nur über Bildung möglich. Ich sehe hier sehr viele Jugendliche, die nicht genügend gefördert werden.“
Die Prozentzahlen zur Schullaufbahnempfehlung sind Teil des „Bildungsmonitoring 2010“, in dem die Verwaltung jetzt jährlich über Bildungsbeteiligung und -erfolg von Kindern und Jugendlichen berichten und ihr eigenes Handeln überprüfen will. „Die Wirksamkeit von Eingriffen wird erst in längeren Abständen deutlich“, sagte Sozial- und Jugenddezernent Thomas Walter. In Stadtteilen, die als soziale Brennpunkte klassifiziert sind, bekämen Kinder bereits drei Jahre lang im Kindergarten Sprachförderung. „Viel mehr lässt sich auf diesem Feld nicht mehr bewirken.“
Stefan Rauhaus, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Jugend, erlaubte sich aber, einige Ideen zu formulieren, die angesichts der Finanzlage des Landes fast utopisch klangen. „Man kann mehr in den Kindertagesstätten machen: kleinere Gruppen, mehr Personal, bessere Ausbildung der Erzieher. Und alle erfolgreichen Pisa-Länder schulen ihre Kinder erst mit sieben Jahren ein.“ Niedersachsen setzt das Einschulungsalter dagegen gerade herab. Rauhaus erklärte auch, dass die Stadt über Kindergärten und Migrantenvereine versuchen kann, benachteiligte Eltern stärker zu erreichen. Einige Programme dazu laufen bereits. „Die Eltern lernen dort, wie wichtig Bildung ist.“
„Als Kommune haben wir eigentlich wenig Einfluss auf die Schule“, sagte Birgit Teschner, Koordinatorin für Jugendhilfeplanung. Dennoch hat die Stadt dort einige Vorhaben entwickelt. Sie will in den nächsten Jahren mit eigenen Mitteln etliche Grundschulen dabei unterstützen, Ganztagsangebote zu machen. „Wir haben die Hoffnung, dass die Kinder mit diesen Nachmittagsangeboten individuell gefördert werden können.“ Außerdem werden Bildungsangebote für Eltern ausgebaut. „Beide Vorhaben finden in den Stadtteilen statt. Das ist wichtig, um Kinder und Eltern zu erreichen.“
CDU-Ratsfrau Christine Handke fand in dem umfangreichen Bericht auch positive Entwicklungen. „Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund, die ihre Kinder in Krippen und Kitas schicken, ist gestiegen.“ Doch das wirkt sich auf die aktuellen Schulabgänger noch nicht aus. Die Ratspolitiker lobten einhellig den Bericht, der jährlich fortgeschrieben wird. „Das gibt uns die Chance zu sehen, was wirkt“, sagte Wagemann. Viele Eltern richten sich nicht nach den Schulempfehlungen der Grundschulen, dennoch werfen sie ein Schlaglicht. „Wir stellen am Ende der Grundschule fest, dass vielen Kindern zu wenig Chancen geboten wurden“, sagte Teschner.
„Zwangsabschulung“. Reaktionen auf Einschränkung des Elternwillens sind gespalten
Von Bärbel Hilbig, HAZ 18.8.2010
Hannover. Die Regierungsparteien wollen Kinder früher vom Gymnasium verweisen und rütteln damit am freien Elternwillen. Eltern und Lehrer reagieren gespalten gegen die „Zwangsabschulung“..
Welche Schullaufbahnempfehlung haben die Kinder? Lehrerin Angela Geißler und ihre Kollegen an der Lutherschule wollen das in den ersten Schulwochen gar nicht wissen – damit sie die Schüler wie hier in der Klasse 5c möglichst unvoreingenommen beurteilen können. © Nico Herzog
Für Astrid Wehly ist der ärgste Stress nun erst einmal überstanden. Ihre Tochter hat die Versetzung in die siebte Klasse am Gymnasium geschafft – trotz Realschulempfehlung. Es stand gar nicht zu befürchten, dass das Mädchen sitzenbleibt. In Mathe, dem Fach, dass ihr die in der Grundschule in die Quere gekommen war, arbeitete sie sich in der fünften Klasse auf die Note Zwei hoch. Doch die 13-Jährige wusste, dass sie im Fall des Sitzenbleibens in der sechsten Klasse, anders als Kinder mit Gymnasialempfehlung, womöglich von der Schule geflogen wäre.
„Das löst Ängste aus. Wenn sie mal eine Fünf geschrieben hatte, fragte sie als erstes, ob sie jetzt von der Schule muss“, erinnert sich Wehly. Sie hat viel mit ihrer Tochter gelernt, hat gleichzeitig versucht, keinen Druck aufzubauen. „Der Wechsel an die Realschule wäre kein Drama.“ Doch die Mutter ist davon überzeugt, dass viele Kinder Zeit brauchen zur Entwicklung. Und so, wie ihre Tochter sich manches zweimal erklären lassen muss, gehe es auch anderen Schülern. „Ich habe den Eindruck, 20 Prozent der Kinder schaffen es locker am Gymnasium, der Rest arbeitet richtig.“
Wehly kann dem neuen Plan der Landtagsfraktionen von CDU und FDP deshalb nichts abgewinnen: Den Schulen soll die Möglichkeit gegeben werden, Kinder bei mangelnder Leistung bereits nach der fünften Klasse gegen den Willen ihrer Eltern auf eine niedrigere Schulform zu schicken. „Eine Entscheidung nach der fünften Klasse ist viel zu früh. Das würde den Druck noch mehr erhöhen.“
Der freie Elternwille bei der Schulwahl sei in Niedersachsen gute Praxis, die weitergeführt werden sollte, sagt Nikolaus Lange, Elternratsvorsitzender der Schillerschule. „In jedem Fall darf solch eine grundlegende Veränderung, wie jetzt angedacht, nicht auf die Schnelle und ohne breite Zustimmung erfolgen.“ Auch Barbara Ernst, Elternratsvorsitzende des Kurt-Schwitters-Gymnasiums, wünscht sich keine bayerischen Verhältnisse in Niedersachsen. Dort haben die Eltern keine Mitsprache. „Wir haben dort zahlreiche Freunde. In der dritten und vierten Klasse waren ihre Wochenenden vom Lernen bestimmt, damit das Kind es aufs Gymnasium schafft.“
Die Situation in Niedersachsen eröffne mehr Möglichkeiten. „Die meisten Kinder mit Realschulempfehlung kommen gut auf dem Gymnasium zurecht.“ Doch Barbara Ernst geht auch davon aus, dass es vereinzelt für Kinder auch besser sein könnte, bereits nach einem Jahr Gymnasium oder Realschule wieder zu verlassen. „Kinder leiden, wenn ihnen immer vorgeführt wird, dass sie zu den Schlechtesten gehören.“ Damit liegt Ernst auf einer Linie mit zahlreichen Lehrern.
Die Lutherschule hat vergangenes Schuljahr fünf von rund 120 Kindern nach der sechsten Klasse an die Realschule überwiesen. „Viele Kinder entwickeln sich weiter. Aber manche sind von Anfang an hoffnungslos überfordert“, sagt Mathelehrerin Angela Geißler. Für diese Schüler, da ist sich Geißler mit anderen Klassenlehrerinnen des Nordstädter Gymnasiums einig, wäre eine frühe Entscheidung besser. Den Lehrerinnen begegnen Kindern mit Magenschmerzen, die sich bereits im ersten Jahr am Gymnasium quälen. „Wir beraten die Eltern. Manche wollen es aber einfach nicht wahrhaben“, sagt Schulleiter Karl-Heinz Heinemann. Für die Lehrer wäre es eine zusätzliche Handlungsmöglichkeit, wenn der Schulwechsel nach der fünften und nach der sechsten Klasse gegen den Wollen der Eltern möglich wäre.
Helma Kaienburg sieht das völlig anders. „Es wäre viel zu früh, Kinder nach einem Jahr schon wieder wegzuschicken. Ich finde das brutal.“ Die Tellkampfschule setzt auf Förderung: Alle Kinder bekommen individuell Rechtschreibaufgaben, die bei ihren speziellen Problemen ansetzen. Einwandererkinder zeigten mündlich oft gute Leistungen, hätten schriftlich aber Nachholbedarf, sagt Schulleiterin Kaienburg. Je nach Bedarf und nach den Möglichkeiten der Schule gibt es auch Unterstützung in Englisch und Mathe. „Wir versuchen wirklich, die Kinder mitzunehmen.“ Mit mehr Geld und Lehrerstunden wäre es deutlich häufiger möglich, Sitzenbleiben oder Schulwechsel zu verhindern. Doch eine zwangsweise Abschulung, für die wenigen, die tatsächlich nicht mitkommen, sei keine Lösung. „Man muss in diesen Fällen die Kraft aufbringen, die Eltern von einem Schulwechsel zu überzeugen. Der Zwang schwebt sonst wie ein Damoklesschwert über allen Kindern mit Realschulempfehlung.“
„Zwangsabschulung“. Althusmann: Elternwille bleibt
Von Saskia Döhner, HAZ 18.8.2010
Hannover. Im Streit um den freien Elternwillens hat Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) klargestellt, dass er am bisherigen System mit Schullaufbahnempfehlung nach Klasse 4, der freien Entscheidung der Eltern und einer Überprüfung nach der 6. Klasse festhalten will. „Es wird keine Änderung des Schulgesetzes geben“, sagte er am Mittwochabend im Landtag in Hannover.
Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) © Nancy Heusel (Archiv)
Statt eines erzwungenen Schulwechsels nach der 5. Klasse gehe es darum, bessere Fördermöglichkeiten für Schüler zu prüfen. Insofern beinhalte der gemeinsame Prüfantrag von CDU und FDP keine Einschränkung des freien Elternwillens. Man wolle nur den wenigen Kindern besser helfen, die zweimal die fünfte Klasse absolvierten und dann auch nach der 6. Klasse nicht versetzt würden. Wenn Kinder die Schule wechselten, geschehe dies sowieso allermeist mit dem Willen der Eltern, oft sogar auf deren Antrag. Althusmann sagte, er habe großes Vertrauen in die Lehrerschaft und in die Eltern. Die bisherige Praxis sei gut und habe sich bewährt.
In der sehr emotionalen Debatte warfen Ina Korter (Grüne), Silva Seeler (SPD) und Christa Reichwaldt (Linke) den Regierungsparteien vor, mit ihrem Antrag sehr wohl am freien Elternwillen rütteln und eine „Zwangsabschulung nach der 5. Klasse“ einführen zu wollen. Die CDU-Politiker Karl-Heinz Klare und Ursula Ernst wehrten sich: Wenn sich Kinder an den weiterführenden Schulen nicht entsprechend der Prognosen entwickelten, müssten Schulen einen größeren Entscheidungsspielraum erhalten. Den Schülern sollten drei Jahre Frust erspart werden. Björn Försterling (FDP), der Sachlichkeit statt Emotionalität anmahnte, sagte: „Kinder brauchen Zeit, sich zu entwickeln, aber sie brauchen auch die Chance dazu.“
Frauke Heiligenstadt (SPD) forderte Ministerpräsident David McAllister auf, den Prüfauftrag zu kassieren. Er habe jetzt erstmals die Chance, sich von der Politik seines Amtsvorgängers Christian Wulff abzusetzen.
Stadt informiert in Almhorst über die IGS
Von Frank Walter, LZ 17.8.2010
Seelze. Die Stadtverwaltung wirbt dafür, dass sich alle Eltern von Grundschülern über die Einrichtung einer Integrierten Gesamtschule (IGS) informieren lassen. Nächste Möglichkeit dazu besteht morgen bei einem Informationsabend an der Grundschule in Almhorst. Weitere Termine gibt es in Lohnde (Donnerstag, 19. August), Dedensen (Montag, 23. August), Seelze (Dienstag, 24. August) und Harenberg (Mittwoch, 25. August). Beginn ist jeweils um 19 Uhr. Die Veranstaltungen sind offen für alle Eltern aus dem Stadtgebiet. Beim Auftakt in Velber waren keine Eltern erschienen, beim zweiten Termin in Letter waren es gerade einmal sechs Zuhörer.
Schulwahl: CDU und FDP wollen freien Elternwillen einschränken
Von Saskia Döhner, HAZ 17.8.2010
Hannover. CDU und FDP rütteln am freien Elternwillen in Niedersachsen. Sie wollen eine „Zwangsabschulung“ schon nach der Klasse 5 möglich machen. Die Opposition im Landtag reagierte empört.
„Zum Wohle des Kindes müssen die Schulen die Möglichkeit bekommen, frühzeitig nachzusteuern“, heißt es im gemeinsamen Antrag von CDU und FDP. © dpa
CDU und FDP wollen durch die Hintertür den freien Elternwillen bei der Schulwahl in Niedersachsen einschränken. Künftig sollen Schüler, die nicht versetzt werden, schon nach der fünften Klasse durch einen Beschluss der Klassenkonferenz zu einem Schulwechsel gezwungen werden können. Bislang kann erst nach der sechsten Klasse eine „Abschulung“ etwa vom Gymnasium auf die Realschule erzwungen werden.
Am Mittwochabend berät der Landtag über einen Antrag der Regierungsfraktionen über die „Abschulung“. In dem Papier heißt es etwas verklausuliert, die Regierung möge aufzeigen, wie die Förder- und Steuerungsmöglichlichkeiten im fünften und sechsten Jahrgang zum Wohle der Schüler weiterentwickelt werden könnten.
Schon im vergangenen Dezember hatte der damalige Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) beim Philologentag angekündigt, dass es zwar beim freien Elternwillen am Ende der Grundschule bleibe, die weiterführenden Schulen aber früher die Möglichkeit zum Nachsteuern erhalten müssten. Damit war er seinem Koalitionspartner entgegengekommen. Die FDP hatte vorgeschlagen, die Schullaufbahnempfehlungen verbindlicher zu machen und im Streitfall Aufnahmeprüfungen einzuführen. Nicht nur Eltern und Opposition, sondern auch die CDU und die frühere Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann hatten sich zunächst klar dagegen gewandt.
Inzwischen sieht die CDU das anders. „Zum Wohle des Kindes müssen die Schulen die Möglichkeit, bekommen, frühzeitig nachzusteuern“, heißt es im gemeinsamen Antrag mit der FDP. Deren schulpolitischer Sprecher Björn Försterling sagt: „Wir wollen den Kindern zwei oder drei Jahre Schulfrust ersparen.“ Wer an einer Schule sei, die ihn überfordere, verliere die Lust am Unterricht. Ähnlich äußert sich auch Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbandes, der allerdings beim Schulwechsel nicht auf Zwang setzt, sondern auf Freiwilligkeit und Beratung. Unklar ist noch, welche Rolle die Laufbahnempfehlung, die nach der Grundschule erstellt worden ist, künftig bei der „Abschulung“ spielen soll.
Die Opposition und der Landeselternrat lehnen den Vorschlag strikt ab. SPD, Linke und Grüne sprechen von einem Täuschungsmanöver. Hinter dem Prüfauftrag verberge sich ein Angriff auf den freien Elternwillen. „Dies ist unerträglich“, sagt Landeselternratsvorsitzender Pascal Zimmer. Zumal es keine Zahlen gebe, die belegten, dass Kinder mit einer Empfehlung für die Realschule am Gymnasium schlechtere Leistungen erbrächten als Schüler mit Gymnasialempfehlung. Fünftklässler seien mit dem Wechsel zu einer viel größeren Schule ohnehin schon arg gebeutelt, warnt GEW-Chef Eberhard Brandt, da müsse man ihnen zusätzlichen Druck ersparen.
KOMMENTAR VON SASKIA DÖHNER
FREIER ELTERNWILLE - Mehr Zeit bitte
Eine Empfehlung ist eine Entscheidungshilfe. Doch die Laufbahnempfehlungen in Niedersachsen am Ende der vierten Klasse sind schon jetzt viel mehr als das: Sie sind ein Urteil über die schulische Zukunft eines Kindes, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz.
Wenn ein Gymnasiast am Ende der sechsten Klasse sitzen bleibt und auch bei einer Wiederholung des Schuljahres keine Besserung zu erwarten ist, kann die Klassenkonferenz ihn mit einer Zweidrittelmehrheit zwingen, auf eine Realschule zu wechseln. Entscheidend ist, welche Laufbahnempfehlung der Gymnasiast zuvor hatte. Wer eine Gymnasialempfehlung hat, ist klar im Vorteil. Er darf bleiben. Wer die Empfehlung für eine Haupt- oder Realschule hat, muss in der Regel gehen.
Jetzt wollen CDU und FDP in Niedersachsen Kinder, die auf dem Gymnasium oder der Realschule nicht zurechtkommen, schon nach einem Jahr wieder wegschicken können. Ihre Begründung: Man möchte den Schülern zwei oder drei Jahre Frust ersparen – und wer sich später doch noch verbessere, könne ja wieder auf die höhere Schulform zurückkommen. Wer so argumentiert, vergisst, dass jeder Wechsel Stress bedeutet und das Ziel für ein Kind nicht sein kann, möglichst viele Schulen besucht zu haben.
Kinder brauchen eine Atempause
Fünftklässler haben schon genug damit zu tun, sich erst mal im unübersichtlichen System Gymnasium mit Fachlehrern, langen Unterrichtstagen, neuen Fächern und übervollen Klassen zurechtzufinden. Wie kann man da auf die Idee kommen, ihnen noch zusätzlich Leistungsdruck aufzubürden? Wer erlebt hat, wie schon Drittklässler fragen: „Komme ich mit einer Drei in Kunst noch aufs Gymnasium?“, der gönnt Zehnjährigen gern mal eine Atempause.
Hinzu kommt, dass sich das Land hier eigentlich gar nicht einmischen müsste. Denn von einem Missbrauch des freien Elternwillens spricht niemand. Davon sprechen nicht einmal die Politiker, die ihn jetzt einschränken wollen. Grundschullehrer und Eltern sind sich in den meisten Fällen ja einig, was die Zukunft der Kinder angeht. Die Pädagogen machen sich die Entscheidung darüber, welcher Schüler aufs Gymnasium kommen könnte und wer lieber zur Hauptschule sollte, nicht leicht. Und bei den Eltern ist dies nicht anders. Wer im ständigen Gespräch steht, weiß auch den Rat der Gegenseite zu schätzen.
Zusätzliche gesetzliche Vorschriften erschweren den Dialog zwischen Lehrern und Eltern allenfalls. Helfen werden sie jedenfalls nicht. Und ungeliebte Schulformen wie die Hauptschule lassen sich so auch nicht retten. Eltern werden immer einen Weg finden, ihre Kinder nicht dorthin schicken zu müssen: indem sie sich für Gesamtschulen entscheiden – oder dem staatlichen System ganz den Rücken kehren.
Keine Chance für Spätentwickler
Zudem sind frühe Prognosen schwierig. Wer weiß schon wirklich, was aus einem Zehnjährigen einmal wird? Die Laufbahnempfehlung ist eine Momentaufnahme der ersten Schuljahre. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Spätere Entwicklungen kann sie nicht vorausahnen. Umso fataler, wenn die Empfehlung aus der Grundschulzeit noch weitreichende Folgen für die Zeit am Gymnasium oder an der Realschule hat. Wohl dem, dessen Kinder sich von der ersten Klasse an geradlinig entwickeln. Aber was ist mit den Eltern, deren Töchter oder wohl häufiger noch deren Söhne sich in Schüben oder im Zickzackkurs mausern?
Niedersachsen kann stolz sein auf seinen freien Elternwillen. Und die Politiker sollten sich hüten, ohne Not daran zu rütteln. Denn bis heute fehlt eine Statistik, die belegt, dass Kinder, die eine Schule besuchen, für die sie keine Empfehlung hatten, sich schlechter schlagen als andere. Im Gegenteil: Die vorhandenen Untersuchungen besagen, dass es keine wesentlichen Unterschiede gibt und eine Laufbahnempfehlung nicht über den späteren Schulerfolg entscheidet.
Sicher gibt es Eltern, die ihre Sprösslinge völlig überfordern und in vermeintlich guter Absicht – „Abitur ist das Beste für mein Kind“ – auf eine Schule schicken, auf der die Kinder nur Frusterlebnisse haben. Hier müssen Lehrer und Schulleiter gegensteuern können, aber nicht per Zwang oder Klassenkonferenzbeschluss, sondern im Einvernehmen mit den Eltern. Und in den meisten Fällen klappt das ja auch. Man braucht kein Gesetz für den Ausnahmefall, das nur Misstrauen zwischen Eltern und Lehrern schürt. Wer wirklich das Wohl des Schülers im Auge hat, der sollte ihm Zeit geben – Zeit, sich zu entwickeln und den für ihn passenden Weg zu finden.
Althusmann geht auf die Eltern zu
Von Saskia Döhner, HAZ 17.8.2010
Hannover. Nach der scharfen Kritik des Landeselternrates an der Lage der Gymnasien hat Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) seine Kompromissbereitschaft bekundet. Dem Vorschlag der Elternvertreter, ein unabhängiges Institut solle die neuen Lehrpläne überprüfen, stehe er aufgeschlossen gegenüber, sagte Althusmann. Eine vom Ministerium eingesetzte neue Arbeitsgruppe werde alle neuen Kerncurricula überprüfen. Wenn nachgebessert werde, dürfte darunter allerdings nicht die Qualität des Abiturs leiden. Zudem sollten alle Lehrer Handreichungen erhalten, die ihnen mehr Sicherheit im Umgang mit den neuen Lehrplänen gebe. Mit Leitern aller Schulformen will Althusmann in den nächsten Wochen über ihre Erfahrungen mit den Kerncurricula sprechen.
Im Streit um den neuen Lehrplan für Geschichte in der Oberstufe hat sich FDP-Bildungsexperte Björn Försterling nach der Unterrichtung im Kultusausschuss des Landtages hinter die Experten gestellt, die den Entwurf formuliert hatten. Dies sei ein mutiger, moderner Lehrplan, gleichwohl müssten die Themen Nationalsozialismus und Holocaust noch breiter verankert werden.
Der Landeselternrat hatte die Senkung der Klassenobergrenzen auf 25 Schüler in den Jahrgängen 5 bis 10 gefordert. Althusmann sagte, dies wäre wünschenswert, aber angesichts der Kassenlage des Landes nicht realisierbar. Der Minister verwies darauf, dass die Größe in den fünften Klassen der Gymnasien und Realschulen um zwei Schüler reduziert werde, von derzeit 32 auf 30 Schüler. Positiv steht Althusmann der Forderung gegenüber, den Unterricht flexibler zu gestalten, etwa durch Doppelstunden.
Bildung - CDU denkt über Gesamtschulen nach
Von Saskia Döhner, HAZ 14.8.2010
Hannover. Im Streit um die Mindestgröße für neue Gesamtschulen fordern zahlreiche CDU-Politiker mehr Kompromissbereitschaft. Statt fünf Klassen sollen künftig nur noch vier Klassen Voraussetzung für die Gründung einer Integrierten Gesamtschule (IGS) sein, bei den Kooperativen Gesamtschulen (KGS) soll die vorgeschriebene Vierzügigkeit auf drei Klassen pro Jahrgang sinken.
Die CDU/FDP-Regierung hatte die Neugründung von Gesamtschulen nach ihrem Wahlsieg 2003 erst verboten und aufgrund des öffentlichen Drucks fünf Jahre später wieder erlaubt – allerdings unter strengen Vorgaben, gegen die Opposition, Elterninitiativen, die kommunalen Spitzenverbände, aber zunehmend auch Kommunalpolitiker aus den eigenen Reihen Sturm gelaufen sind.
Jetzt fordert der CDU-Kreisverband Schaumburg in einem Antrag, über den der Landesparteitag am 27. August in Lingen berät, auch vierzügige IGSen zuzulassen. „Eltern wollen neben den Gymnasien zunehmend auch eine IGS“, sagte Kreisverbandsvorsitzender und Landratskandidat Klaus-Dieter Drewes. Wichtig sei es, zugleich auch ein angemessenes Angebot an Sekundarstufe-I-Schulen bereitzuhalten, die eng mit den Berufsbildenden Schulen zusammenarbeiteten, fügte er hinzu. Nicht nur Hauptschulen, sondern alle weiterführenden Schulen mit Sekundarstufe I sollten mit Schulsozialarbeitern ausgestattet sein. Zudem macht sich der Schaumburger Kreisverband für eine zentrale Schulleitungsakademie stark mit einem obligatorischem Besuch für Nachwuchskräfte.
Egal, ob der Antrag eine Mehrheit findet beim Parteitag oder nicht, der Reformwille in der CDU sei jedenfalls da, sagt Karl-Ludwig von Danwitz, Schulexperte in der Landtagsfraktion. „Wir werden uns bewegen, nur in welche Richtung ist noch nicht ganz klar.“ Es gelte auch die Gespräche abzuwarten, die Ministerpräsident David McAllister derzeit mit den Kommunal- und Bildungsverbänden führt. Das nächste Treffen ist für Anfang September geplant. Bis Oktober würden Vorschläge auf dem Tisch liegen, versichert von Danwitz.
Im Gespräch ist auch die Idee, Haupt- und Realschulen zu berufsorientierten Oberschulen zusammenzulegen. Im Kultusministerium will man die Vorschläge zur Schulstruktur nicht kommentieren. „Wir greifen weder dem Landesparteitag noch den Gesprächen des Ministerpräsidenten vor“, sagte eine Sprecherin.
Während für die FDP eine dreizügige KGS mit je einem Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialzweig durchaus Charme hat, zeigt sich der kleine Koalitionspartner beim Thema IGS eher hartleibig. „Da bleibt es bei der Fünfzügigkeit“, sagt Bildungssprecher Björn Försterling. Andererseits sei die FDP offen für Verhandlungen und werde nicht in die Blockadehaltung gehen.
Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) hatte schon bei seinem Amtsantritt im April das Ende der ideologischen Strukturdebatten gefordert. Er wolle lieber über Unterrichtsqualität streiten.
IGS-Infos sind nicht gefragt
Elternabend geht ohne Eltern über die Bühne – Teuber: Sie wissen schon, was sie wollen
Von Nicola Wehrbein und Frank Walter, Leine-Zeitung 13.8.2010
Nicole Teuber (Zweite von links) will Eltern über die Pläne zur Gründung einer IGS informieren, sitzt aber in Velber vor beinahe leeren Stühlen. In kleiner Runde diskutiert sie mit Karin Albrecht (links), der städtischem Auszubildenden Lisa Weigelt und Erhard Klein über die Elternbefragung.Wehrbein
Velber. Die Elternbefragung zur Einrichtung einer Integrierten Gesamtschule (IGS) in Seelze hat begonnen. Weiterer Informationsbedarf besteht bei den Eltern offenbar aber nicht.
Die meisten Stühle um den langen Tisch in der Mehrzweckhalle Velber blieben am Mittwochabend leer. Zum Auftakt der Informationsreihe über die Pläne zur Gründung einer IGS war kein einziges Elternteil erschienen.
Bereits die zentrale Veranstaltung vor den Sommerferien war nur dürftig besucht gewesen. Nun will die Stadt den Betroffenen bei Elternabenden in den Stadtteilen die Gelegenheit geben, sich näher zu informieren. Doch die einzigen Gäste am Mittwochabend blieben Velbers stellvertretender Ortsbürgermeister Erhard Klein und Ortsratsmitglied Karin Albrecht (beide SPD).
„Wir haben das Angebot bereitet. Mehr können wir nicht tun“, sagte die zuständige städtische Fachbereichsleiterin Nicole Teuber. Die Abwesenheit der Eltern müsse nicht negativ interpretiert werden und sei keinesfalls mit mangelndem Interesse gleichzusetzen, war sie sich mit den beiden Ortsratspolitikern einig. Sie habe seit Schuljahresbeginn bei verschiedenen Anlässen in den Schulen den Eindruck gewonnen, dass die Eltern bereits bestens im Thema seien und wüssten, was sie wollten, sagte Teuber. „Die Eltern sind informiert und haben sich ihre Meinung gebildet.“ Dieser Ansicht sind auch Klein und Albrecht. Entscheidend sei nun, dass die Eltern sich an der Umfrage beteiligten, lautete das Fazit des sehr kurzen Abends.
Das sehen auch die Seelzer Grünen so. „Wir hoffen darauf, dass kein Elternteil den Fragebogen unausgefüllt liegen lässt. Wir können für die Entwicklung der Schullandschaft nur mithilfe der Eltern etwas erreichen. Darum: Machen Sie mit. Jeder Fragebogen ist wichtig“, appellierte Grünen-Sprecherin Evelyn Werner.
Für Eltern, die doch noch Informationsbedarf haben: Die Stadtverwaltung lädt zu weiteren Elternabenden in die Grundschulen Almhorst (Mittwoch, 18. August), Lohnde (Donnerstag, 19. August), Dedensen (Montag, 23. August), Seelze (Dienstag, 24. August) und Harenberg (Mittwoch, 25. August) ein. Beginn ist jeweils um 19 Uhr.
Gymnasien in Not
Volle Klassen, überforderte Lehrer – Niedersachsens Landeselternrat schlägt Alarm
Von Saskia Döhner, HAZ 12.8.2010
Hannover. Volle Klassen, verunsicherte Lehrer, überlastete Schüler – Niedersachsens Landeselternrat zeichnet ein düsteres Bild von der Lage an den Gymnasien des Landes.
Alltag in Niedersachsen: Volle Klassen an den Gymnasien. © dpa
„Einige Probleme waren schon vorher da“, sagte Vorsitzender Pascal Zimmer, „aber durch die Verkürzung des Abiturs auf zwölf Jahre hat sich vieles verschärft, den Gymnasiasten vergeht so der Spaß an der Schule.“ Am Donnerstag gingen die Eltern mit ihren Sorgen an die Öffentlichkeit – gut eine Woche, nachdem Kultusminister Bernd Altusmann zum Start ins neue Schuljahr eine gute Unterrichtsversorgung und kleinere Klassen versprochen hatte. Für den Landeselternrat ist dieser Alarmruf ein ungewöhnlicher Schritt.
Die von Althusmann angeregte Verkleinerung der Klassen von derzeit 32 auf maximal 30 Schüler in der 5. und vielleicht auch 6. Klasse am Gymnasium sei ein erster Schritt, sagte Zimmer, aber längst nicht ausreichend. Der Elternrat fordert eine Obergrenze von 25 Schülern in den Jahrgängen 5 bis 10. „Für Lehrer wird es immer schwieriger, ihre Schüler überhaupt kennenzulernen“, sagte Christian Postel, zuständig für Gymnasien im Landeselternrat. Fachlehrer, die in einer Klasse nur zwei Wochenstunden unterrichteten, hätten mitunter 300 Schüler gleichzeitig. „Wie soll da ein persönliches Verhältnis entstehen?“
Die Gymnasien müssten zu echten Ganztagsschulen mit zusätzlichen Stundenzuweisungen erweitert werden, fordert der Landeselternrat. Auf Antrag sollten die Schulen auch gebundene, also verpflichtende Ganztagsschulen werden können. Unabdingbar sei dabei eine vernünftige Mittagsverpflegung, ergänzte die stellvertretende Elternratsvorsitzende Sabine Hohagen. An Tagen mit Pflichtnachmittagsunterricht dürfte es keine Hausaufgaben für den Folgetag geben. Eine freie Schülerbeförderung für alle Schüler der Sekundarstufe II ermögliche auch Eltern mit geringerem Einkommen, ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken, sagte die Mutter aus dem Landkreis Aurich.
Mit Sorge betrachten die Elternvertreter die nach ihrer Ansicht viel zu überfrachteten Lehrpläne. „Grundsätzlich halten wir es für richtig, dass in den neuen Anforderungen der Schwerpunkt auf Kompetenzerwerb statt auf Wissensvermittlung gelegt wird“, sagte Postel. Aber kaum ein Pädagoge, egal welcher Fachrichtung, sei bereit, einen Themenbereich zu streichen. „Wenn im Kerncurriculum Beispielthemen vorgeschlagen werden, nehmen viele Schulen alles, aus Angst, ein Bereich könne dann im Zentralabitur geprüft werden“, sagte Zimmer. „Keiner will etwas loslassen.“
Der Elternrat macht sich für eine wissenschaftliche Überprüfung der Lehrpläne durch ein unabhängiges Institut stark. Zudem müsste das Land den Lehrern mehr gute praktische Beispiele an die Hand gegeben werden.
LESERKOMMENTARE auf HAZ OnLine:
Elternpauker Pauker – 13.08.10
Was Sie beschreiben, ist, bis auf die Klassenstärke, seit Jahrzehnten Alltag an Grundschulen. Elternrat Hansi – 13.08.10
Ich kann den Elternräten nur empfehlen, mit Gemeinschaftsklagen vor die Verwaltungsgerichte zu ziehen. Bildung ist ein Grundrecht und steht als solches im Grundgesetz. Der Staat - in diesem chaotischen, föderalen System leider das Bundesland - steht für die Bildung ein. Schlagen Sie das System mit dessen eigenen Waffen: Bildung ist nicht möglich bei einem Migrantenanteil pro Klasse von mehr als 10%. Sprache ist die Basis der Bildung. Bestehen sie darauf, und klagen Sie für die Rechte Ihrer Kinder. Denn davor zuckt das Kultusministerium zusammen. Argumentieren Sie, dass Sie eine Diskriminierung Ihrer Kinder nicht mehr hinnehmen. Wechseln Sie die Schulen, wenn Ihre begründeten Rechte nicht zur Kenntnis genommen werden. Bestehen Sie auf eine "Männerquote" (50%) beim "Lehrkörper". Es ist auch diskriminierend, wenn der Frauenanteil zu hoch ist. Außerdem: Männer können nicht schwanger werden und kommen besser mit dem wachsenden Druck durch die Disziplinlosigkeit der Schüler zurecht. Packen Sie das Übel politischer Unfähigkeit an der Wurzel und beschreiten Sie juristische Wege. Der Staat garantiert vollmundig Bildung für alle, besteht auf das alleinige Lehrrecht - dann soll er seinen Auftrag erfüllen. Wenn nicht, sehen wir uns in der Berufung wieder ... Alltag im Gymnasium Elternpauker – 13.08.10
Auf einem beliebigen Gymnasium in Hannover sieht es heute so aus: - Ausfall der ersten beiden Stunden, Lehrerin krank. - Unterricht jeden Tag bis ca. 16 Uhr, eine Mensa gibt es nicht - Hausaufgaben zum nächsten Tag, die dann am Abend nach dem Abendbrot erledigt werden, wegen Konzentrationsmängeln ist ein vernünftiges Aufarbeiten des Stoffes nicht mehr möglich - Vereinstraining Fehlanzeige, Austritte wegen erhöhtem Schulaufwand - 3 neue Lehrerinnen melden sich schwanger, Umverteilung der Wochenstunden auf die übrigen Lehrer - noch mehr Überstunden für diese, das Lehrerzimmer kocht... - in den 5.Klassen dümpeln neue Schüler, davon in einigen Klassen 2 Drittel mit Hauptschulempfehlung und Migrationshintergrund, Deutsch bei den meisten leider Fehlanzeige - Tatjana ist gerade fünf Tage in Deutschland - Fachunterricht nicht möglich, da die meisten Kinder nichts verstehen - die wenigen deutschen Kinder in den Klassen schauen gelangweilt aus dem Fenster - Klassenfahrtpläne werden eingestampft, da die meisten Kinder nicht mit dürfen aus religiösen und/oder finanziellen Gründen. Die Kinder, die dürften, sind frustriert - zum Elternabend erscheinen nur die üblichen engagierten Eltern, also eine Handvoll - Wahlen zu Elternvertretern ziehen sich stundenlang hin, keiner will es mehr machen - weitere Lehrer melden sich krank, können kräftemäßig die Überstunden nicht mehr stemmen - weiterer Unterrichtsausfall, komischerweise nie die Nachnmittagsstunden :-) - ... Schule ist nur noch zum Kotzen...
Stadt fragt Eltern nach ihrer Meinung zur IGS
Klassenlehrer verteilen Fragebögen – Infoabende an Schulen
Die Stadtverwaltung beginnt mit der zweiten Elternbefragung zur Gründung einer Integrierten Gesamtschule (IGS). Die Klassenlehrer verteilen die Fragebögen in dieser Woche an alle Grundschüler.
Von Frank Walter, Leine-Zeitung 11.8.2010
Seelze. Die Eltern haben dann bis Freitag, 3. September, Zeit, sich für oder gegen die IGS auszusprechen. Bei einer ersten Umfrage 2009 hatten insbesondere Eltern von Dritt- und Viertklässlern für die IGS votiert.
In den beiden ersten Jahrgängen dagegen waren die erforderlichen 130 Willensbekundungen pro Jahrgang nicht erreicht worden. „Wir hoffen, dass sich viele Eltern an der Umfrage beteiligen, damit wir ein aussagekräftiges Ergebnis bekommen“, sagte die zuständige Fachbereichsleiterin Nicole Teuber zum Start der zweiten Befragung. Das hofft auch SPD-Ratsherr Julian Rabe von der Initiative IGS für Seelze: „Die IGS ist eine große Chance für Seelze“, sagt er überzeugt.
Damit sich die Eltern nach der nur schwach besuchten zentralen Veranstaltung vor den Sommerferien umfassend über die Einrichtung der Gesamtschule informieren können, stellt Fachbereichsleiterin Teuber die Pläne ab heute an allen Grundschulstandorten sowie im Stadtteil Velber vor. Sie wird unter anderem darüber informieren, was eine IGS ausmacht, dass derzeit nach den Vorgaben des Landes keine gymnasiale Oberstufe möglich ist und welche Schulabschlüsse erreicht werden können.
Auch auf die Frage, was mit Schülern geschieht, die keine IGS besuchen wollen, wird sie eingehen. Sollte der Rat die Einrichtung der IGS beschließen, so würden Haupt- und Realschule jahrgangsweise auslaufen. Künftige Schüler müssten Haupt- oder Realschulen außerhalb Seelzes besuchen.
Eltern erhalten diese Informationen gemeinsam mit dem Fragebogen in einem Elternbrief, den die Stadt in deutscher, russischer und türkischer Sprache aufgesetzt hat.
Die Reihe der Elternabende beginnt heute in der Mehrzweckhalle in Velber. In den nächsten zwei Wochen werden die Eltern in den Grundschulen in Letter (morgen), Almhorst (Mittwoch, 18. August), Lohnde (Donnerstag, 19. August), Dedensen (Montag, 23. August), Seelze (Dienstag, 24. August) und Harenberg (Mittwoch, 25. August) informiert. Beginn ist jeweils um 19 Uhr.
Gemeinsames Lernen
In Badenstedt und Vahrenwald beginnen zwei neue IGS
Von Bärbel Hilbig, HAZ 7.8.2010
Hannover. Ein Neustart erfordert meist besonderen Mut: 125 Kinder und 13 Lehrer haben am Freitag diesen Schritt gewagt und in Vahrenwald eine neue Schule aus der Taufe gehoben. „Die Schule kann euch, wenn ihr euch anstrengt, alle Wege öffnen“, versprach Eberhard Dolezal, der kommissarische Leiter der neuen Integrierten Gesamtschule Büssingweg.
Die erste Schulstunde an der IGS Büssingweg: Die Lehrerinnen Petra Linnenbrink, Annika Graunke und Maria Lopez stellen sich den neuen Schülern der Klasse 5a vor. © Rainer Surrey
Den Kindern, die zur Einschulungsfeier ernst zwischen ihren Eltern und Geschwistern in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula der Geschwister-Scholl-Realschule saßen, erschien das noch ein wenig unwirklich. Schließlich ist auch die ganze Schule noch ein wenig schwer zu fassen. Die IGS startet mit fünf fünften Klassen und wird künftig jedes Jahr um einen Jahrgang anwachsen. Im Schulzentrum Büssingweg nehmen Hauptschule und Realschule dafür keine neuen Schüler mehr auf. Die IGS wächst langsam in die Räume der Hauptschule hinein.
Damit die allerersten IGS-Schüler sich nicht gar zu fremd fühlten, bereiteten ihnen Kinder und Jugendliche aus dem Schulzentrum mit Hip-Hop- und Capoeira-Aufführungen einen herzlichen Empfang. Schulleiter Dolezal betonte, dass die Kinder an der IGS nicht nach Noten auseinandersortiert werden. An drei Tagen in der Woche gibt es Ganztagsunterricht. In Arbeitsgemeinschaften können die neuen Schüler viele Sportarten ausprobieren oder auch Chinesisch lernen. Den Lehrern ist es gelungen, die Schule in ein Programm des Kultusministeriums zur Verbesserung der Unterrichtsqualität aufnehmen zu lassen.
Die neuen Schüler – meist mit Haupt- oder Realschulempfehlung – stammen aus vielen verschiedenen Grundschulen, oft in Vahrenwald, Hainholz, der List und der Nordstadt. Und auch die Lehrer kommen aus verschiedenen Schulen. Sportlehrerin Petra Linnenbrink unterrichtet zum Beispiel dieses Schuljahr auch noch an ihrer alten Schule in Schwarmstedt. Und Annika Graunke, die am Freitag mit ihrer Kollegin Maria Lopez als Klassenlehrerin die 5a begrüßte, muss an der Sophienschule ihr Referendariat beenden, bevor sie im November an der IGS beginnt. Jürgen Hein von der Landesschulbehörde hob hervor, dass die Planungsgruppe der Schule in kurzer Zeit viel geleistet hat. „Für Lehrer bietet eine neue Schule die Chance, Dinge auszuprobieren, für die man sonst lange kämpfen muss“, sagt Dolezal.
Ebenfalls an den Start geht die neue IGS Badenstedt, die am heutigen Sonnabend mit 142 Kindern und 14 Lehrern die Einschulung feiert. 130 Familien hatten ihre Kinder direkt an der neuen IGS angemeldet, das ist ein beachtlicher Vertrauensbeweis für eine Schule in Gründung. „Ich denke, wir profitieren vom guten Ruf, den Hauptschule und Realschule im Schulzentrum Badenstedt haben“, sagt Thomas Bürkner, kommissarischer Leiter der IGS und der Realschule.
An der IGS Badenstedt kümmern sich ebenfalls je zwei Klassenlehrer um die Kinder, sie unterrichten auch zwei Stunden pro Woche gemeinsam das Fach „Soziales Lernen“. „Wir wollen trotz der Leistungsspanne von Hauptschüler bis Gymnasiast aus den Klassen richtige Teams machen“, sagt Bürkner. Dass das gelinge, wisse er aus seiner Erfahrung an der IGS Mühlenberg. Zwei der fünf neuen Lerngruppen sind Integrationsklassen, in denen jeweils vier Kinder besonderen Förderbedarf in verschiedenen Lern- und Entwicklungsbereichen haben.
Die IGS bietet ihren ersten Schülern fünf verschiedene Profile, darunter Kunst, Sport und Medien. Dieser Profilunterricht läuft im Block vier Stunden pro Woche. An drei Wochentagen gibt es gemeinsames Mittagessen und Unterricht bis in den Nachmittag.
Gymnasien haben meist genug Lehrer
Unterricht fällt kaum aus
Von Bärbel Hilbig, HAZ 6.8.2010
Hannover. An den Gymnasien haben die meisten Schulleiter das neue Schuljahr gestern mit einem guten Gefühl begonnen. Fast überall konnte für Lehrer, die in Mutterschutz, Elternzeit oder Pension gegangen sind, Ersatz gefunden werden. Nach bisherigem Stand muss kein oder nur wenig Unterricht gekürzt werden. An der Ricarda-Huch-Schule haben jetzt sogar fünf Junglehrer begonnen, zwei Lehrer wechselten von anderen Schulen an das Gymnasium und zum November kommen drei weitere Berufseinsteiger. Das mache insgesamt rund sieben Vollzeitstellen aus, kalkuliert Schulleiter Dieter Wignanek. Die Schule ist angewachsen und brauchte deshalb dringend Verstärkung. „Und es ist uns leicht gefallen, die Stellen mit unseren Wunschkandidaten zu besetzen“, sagt Wignanek. Die Großstadt Hannover sei für die Bewerber besonders attraktiv.
Auch Christian Stock, Leiter des Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasiums, spricht vom Standortvorteil Hannover, von dem die hiesigen Schulen bei Stellenbesetzungen profitierten. Als alleinige Erklärung reicht das allerdings nicht aus: Vor zwei oder drei Jahren fehlten vielen Gymnasien noch Lehrer in bestimmten Mangelfächern, sodass sie gezielt in diesen Fächern den Unterricht kürzen mussten. Die meisten Schulleiter sprechen jetzt jedoch von einer ausgewogenen Fächerverteilung im Kollegium. „Wir konnten zum Beispiel durch die Neueinstellungen der vergangenen zwei Jahre Lücken schließen“, sagt Stock.
Allerdings kommen keineswegs alle Gymnasien auf eine hundertprozentige Unterrichtsversorgung. An der Goetheschule und der Sophienschule zum Beispiel leisten deshalb einige Lehrer befristet Überstunden, damit der Unterricht möglichst komplett erteilt werden kann. Die Herschelschule, die eigentlich recht gut dasteht, gleicht eine Lücke in Physik aus, indem sie aus dem eigenen Budget einen Lehrer auf Honorarbasis angestellt hat. „Mit diesem Geld können wir auch kurzfristig auf Unterrichtsausfall reagieren“, sagt Schulleiter Klaus-Dieter Bloch. Eingeplanter Unterrichtsausfall ist eher die Ausnahme. So kürzt die Sophienschule Sport in einem Jahrgang um eine Stunde, die Leibnizschule hat leichte Lücken in Kunst und Religion. An der Käthe-Kollwitz-Schule fällt Religion im sechsten und achten Jahrgang aus.
Althusmann plant kleinere Schulklassen
Niedersachsen will alle freien Lehrerstellen wiederbesetzen
Von Klaus Wallbaum, HAZ 5.8.2010
Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann will trotz der Sparauflagen versuchen, im kommenden Frühjahr alle frei werdenden Lehrerstellen unverzüglich neu zu besetzen. „Ich habe einen Etat für Personalausgaben von 3,6 Milliarden Euro, 40 Millionen soll ich beim Lehrerpersonal kürzen.
Das wird zu machen sein“, sagte der CDU-Politiker. Zugleich plant Althusmann, von Mitte 2011 an die Klassenobergrenzen abzusenken – von 32 auf 30 Schüler an Gymnasien und von 30 auf 28 an den Realschulen. Dies soll zunächst für die fünften, vielleicht auch für die sechsten Klassen gelten. Die Schulleiter sollen außerdem für ihre Verwaltungsarbeit entlastet werden.
Im neuen Schuljahr werden 1400 Stellen von Lehrern, die in Pension gegangen sind, neu besetzt. Es hat vorher mehr als 4000 Bewerber gegeben, viele auch aus benachbarten Bundesländern. Unter den neu eingestellten Lehrern wird ein Viertel sein, das von außerhalb Niedersachsens kommt. Trotzdem kann es aber zu Unterrichtsausfall kommen, weil nicht alle Lehrer die gewünschte Fächerkombination haben. An Gymnasien fehlen Pädagogen für Latein, Spanisch, Physik und Kunst, an den Realschulen gibt es zu wenige Französischlehrer, an Haupt- und Realschulen sind Physik- und Techniklehrer manchmal rar. Religionslehrer sind ebenfalls knapp. Wenn eine Schule Probleme hat, geeignete Pädagogen oder Vertretungslehrer zu finden, bietet die Landesschulbehörde mit einer Hotline (Telefon 0511-1066666) Hilfe an.
Im neuen Schuljahr geht die Zahl der Schüler weiter zurück – um 12 000 auf 928 000. Dieser Trend wird in den kommenden Jahren noch stärker. 80 000 Erstklässler werden am Sonnabend in Niedersachsen eingeschult, in drei Jahren werden es nur noch knapp 70 000 sein. Althusmann will deshalb schon im Herbst Ergebnisse einer Arbeitsgruppe vorlegen, die sich über neue Schulstrukturen Gedanken macht. Im Gespräch ist, dass Haupt- und Realschulen in dünn besiedelten Gegenden leichter fusionieren können und dass die ersten und zweiten Klassen in kleinen Grundschulen gemeinsam unterrichtet werden können. Auch die Hürden für neue Gesamtschulen könnten gesenkt werden. Dies diskutiert der Minister mit Lehrer- und Kommunalverbänden.
Frauke Heiligenstadt (SPD), Ina Korter (Grüne) und Christa Reichwaldt (Linke) bezweifelten, dass Althusmann seine Sparauflagen tatsächlich ohne verzögerte Einstellung von Lehrern wird erfüllen können. Das Ministerium indes hält dies schon für möglich. Denkbar wäre etwa, neue Stellen mit Teilzeitkräften zu besetzen. Er sehe eine hohe Nachfrage nach Teilzeitarbeit vor allem in den Grundschulen, betonte Althusmann, der am Mittwoch 100 Tage im Amt war.
KOMMENTAR VON JÖRG KALLMEYER Auf dem Bau Willkommen zurück! In den niedersächsischen Schulen geben sich heute die Handwerker und die Schüler die Klinke in die Hand. Die einen, beflügelt von den letzten Konjunkturprogrammen, haben den Kampf gegen bröckelnde Fassaden und undichte Fenster aufgenommen. Die anderen, getrieben vom Stundenplan, kehren zurück in eine pädagogische Großbaustelle, auf der keine Ruhe einkehren mag. Von Jahr zu Jahr wächst die Sehnsucht nach einem prächtigen und gut organisierten Haus des Lernens – doch inzwischen ist man schon froh, wenn der nächste Bauabschnitt nicht danebengeht. Bernd Althusmann wird sich alle Mühe geben, damit dies nicht geschieht. Der CDU-Politiker geht in sein erstes reguläres Schuljahr als Kultusminister. Er ist mit viel Vorschusslorbeeren bedacht worden und hat in den ersten 100 Tagen nichts falsch gemacht. Große Anstöße sind von ihm nicht gekommen, sein Plus im Vergleich zur abgelösten Vorgängerin ist der offene und unverkrampfte Stil. Dass Althusmann nun zusammen mit einem jungen Ministerpräsidenten an den Start geht, der ebenfalls auf ein betont sachliches Vorgehen in der Bildungspolitik setzt, lässt für die Schulen in Niedersachsen hoffen. Den Beweis, dass sie es ernst meinen, müssen die beiden Pragmatiker aber früher antreten als ihnen lieb ist. Immer mit der Ruhe Beim Streit um den Hamburger Volksentscheid gegen die schwarz-grüne Schulreform ist Althusmann noch mit der Bemerkung aufgefallen, dass die Schulen jetzt keine Neuerungen, sondern Ruhe brauchten. Dabei leidet das Bildungswesen keineswegs an guten Ideen, sondern vielmehr an schlecht gemachten Umbauaktionen. Wie soll an einem Gymnasium Ruhe einkehren, wenn die Schulzeit um ein Jahr verkürzt wird und zugleich in den Lehrplänen alles beim Alten bleibt? Wie soll eine achte Klasse in Ruhe lernen, wenn 32 Kinder in einem Raum sitzen, der für 20 geplant war? Wie sollen die Eltern ruhig bleiben, wenn der Mathematikunterricht ihrer Kinder ausfällt, weil es leider nicht gelungen ist, genug Lehrer für dieses Fach auszubilden? Für Ruhe in den Schulen zu sorgen ist eine Bringschuld der Politik. Dass auch in die Debatte um die Schulstrukturen bald Ruhe einkehren möge, ist ein gern gehegter Wunsch von Verfechtern des streng gegliederten Schulwesens. Sie mögen sich vom Scheitern der Hamburger Schulreform bestätigt sehen. Der Volksentscheid hat gezeigt, dass in Deutschland selbst dann eine Reform zulasten des Gymnasiums nicht durchsetzbar ist, wenn fast alle Parteien dafür sind. Dass trotzdem nicht alles beim Alten bleiben kann, zeigt ein nüchterner Blick auf die Entwicklung der Schülerzahlen und die Entscheidung der Eltern bei der Wahl der weiterführenden Schulen: Schon in diesem Jahr werden viele Hauptschulen in den Städten nur noch künstlich am Leben erhalten, manche Jahrgänge sind komplett verwaist. Auch in den Realschulen leeren sich die Klassen, während die Gymnasien aus allen Nähten platzen. Ministerpräsident McAllister hat in seiner Regierungserklärung angekündigt, die Aufgabe ohne Scheuklappen zu lösen. Aber wie sieht das aus? Der Hinweis, man wolle auf die ideologischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte verzichten, droht zur Plattitüde zu werden. Wird die Gründung von Gesamtschulen etwa freigegeben? Was ist, wenn eine neue Gesamtschule in Celle oder Hameln ein alteingesessenes Gymnasium bedroht? Aus der Not heraus Langfristig wird es ein zweigliedriges Schulsystem mit Gymnasien und Gesamtschulen auf der einen sowie der fusionierten Haupt- und Realschule auf der anderen Seite geben. Während andere Bundesländer längst Erfahrungen mit der neuen „Mittelschule“ haben, ringt Niedersachsen noch mit den Modalitäten der Zusammenlegung. Aus der blanken Not heraus sieht sich die Landesregierung zu dem Schritt gezwungen, ein echtes neues Ziel aber fehlt noch für die neue Schule. Allein die Abschaffung der Hauptschule macht aus einem schwachen noch keinen starken Schüler. Wie sieht es aus mit der besseren Förderung jedes einzelnen Kindes? Wie will man verhindern, dass unter einem Dach wieder eine Zweiklassengesellschaft entsteht? Die inhaltliche Aufgabe steht dem Kultusminister auch bei den Gymnasien noch bevor. Sie werden zur eigentlichen Gesamtschule, wenn in den Städten gut die Hälfte der Kinder das Abitur anstrebt. Aussieben oder fördern? Bislang bleibt es der einzelnen Schule überlassen, wie sie mit der neuen Rolle umgeht. Hier wünscht man sich nicht Pragmatismus, sondern klare Zielvorgaben für die Beschäftigten auf der Großbaustelle Schule.
Die Schule in Hannover kann wieder losgehen
Sanierungsarbeiten beendet
Von Bärbel Hilbig, HAZ 5.8.2010
Die Schule kann wieder losgehen: Die Stadt Hannover hat im Sommer etliche Sanierungsarbeiten beendet. Die Elsa-Brändstöm-Schule zieht in ihr frisch erneuertes Gebäude.
Rückkehr nach anderthalb Jahren Sanierung: Johanna, Julia, Jessica, Rebecca, Merret, Caterina und Franziska (von links) sehen sich die Mensa der Elsa-Brändström-Schule an. © Rainer Surrey
Einige Schüler konnten ihre Neugier gar nicht bis zum Ferienende am Donnerstag zügeln und warfen am Mittwoch schon einen Blick in die frisch sanierte Elsa-Brändström-Schule. Schließlich hatten Schüler und Lehrer ihr Gebäude an der Elkartallee seit Februar 2009 komplett den Handwerkern überlassen und waren selbst in die ehemalige Pädagogische Hochschule gezogen. „Es ist alles schön hell, aber es hätte ein bisschen bunter werden können“, urteilte Merret aus dem elften Jahrgang, die sich mit ihren Freundinnen umsah, während ihre Lehrer noch die letzten Bücher, Chemikalien und Reagenzgläser an ihren Platz räumten.
Schulleiter Thomas Seidel-Becker ist geradezu euphorisch über das „neue“ alte Gebäude, das auch von außen in frischen Farben erstrahlt. „Ganz viele Details sind jetzt sehr gut geregelt, Musik- und Computerräume sind zum Beispiel besser angeordnet und erreichbar.“ Besonders freut sich Seidel-Becker über die neugebaute Mensa. „Und es ist toll, dass wir alle 960 Schüler wieder zusammen in einem Haus haben.“ Die Außenstelle im Gebäude der Heinrich-Heine-Schule am Altenbekener Damm konnte jetzt aufgegeben werden.
Der lange harte Winter hat allerdings auch zu Verzögerungen geführt. In den beiden Sporthallen fehlen noch Sanitäranlagen, Elektrik und Prallwände. Bis Ende des Monats soll aber alles fertig sein. Auch das Außengelände sieht noch wie eine Baustelle aus, die Schüler können sich in den Pausen zunächst nur auf der Hälfte des Schulhofs austoben. Die Stadt will vor allem geräuschintensive Arbeiten lieber auf die Herbstferien verschieben. Alles Einschränkungen, die Schulleiter Seidel-Becker angesichts der fast punktgenau abgeschlossenen Mammutsanierung, die insgesamt knapp elf Millionen Euro gekostet hat, gerne hinnimmt. „Und in den Sportstunden weichen wir auf die Anlage des SV Eintracht aus“, sagt Seidel-Becker.
Voll des Lobes ist auch Martin Thunich, Leiter der denkmalgeschützten Wilhelm-Raabe-Schule. Dank des Konjunkturprogramms hat das Südstädter Gymnasium in seiner alten Pausenhalle eine Mensa mit Küche zur Ausgabe angelieferter Mahlzeiten bekommen. Denkmalschutz, Architekturbüro und Fachbereich Gebäudemanagement hätten sehr engagiert und mit Liebe zum Detail zusammengearbeitet, betont Thunich – und für 944.000 Euro sehr viel herausgeholt. Die Architekten rekonstruierten die historischen Wandfarben – und die Stadt stimmte zu, Eichenbänke statt der üblichen Stühle aufzustellen. „Das war gar nicht teurer und es passt zur besonderen Ausstrahlung des Raums“, sagt Thunich. Da die Kücheneinrichtung wegen Lieferschwierigkeiten noch nicht komplett ist, wird warmes Essen von einem Caterer erst in drei Wochen über den Tresen gehen. Bis dahin verkauft der Elternverein wie gehabt liebevoll belegte Brötchen und die jüngeren Schüler bekommen ihr warmes Mittagessen zunächst weiter in der Außenstelle, in der sie auch vormittags unterrichtet werden.
Leichte Verzögerungen gab es auch beim Neubau an der Bismarckschule am Maschsee. An dem neuen Gebäude, das zehn Klassenräume, die Mensa und die Cafeteria beherbergt, sind noch kleine Restarbeiten zu erledigen. „Die Mensa geht deshalb zwei Wochen später in Betrieb“, sagt Stadtsprecher Klaus Helmer. Insgesamt belaufen sich die Bau- und Sanierungskosten für die Bismarckschule auf 14 Millionen Euro. Die Sanierung des Altbaus wird in den Sporthallen, in Aula und Lehrerzimmer fortgesetzt und soll im Februar 2011 abgeschlossen sein
In der Lister Leibnizschule sind Handwerker und vor allem Lehrer aktuell noch stark beschäftigt – und die Schüler können sich über zwei zusätzliche Ferientage freuen. Schulleiter Kurt Veith hat den Unterrichtsstart auf Montag verschoben, natürlich in Absprache mit Eltern, Landesschulbehörde und dem städtischen Fachbereich Schule. Im Prinzip sei das Hauptgebäude inklusive Aula fertig, sagt Veith. Die städtische Tochter Union Boden habe die Arbeiten des ersten Bauabschnitts termingerecht beendet. Doch es fehlen noch viele Kleinigkeiten, erst am Donnerstag werden neun interaktive Tafeln geliefert, die in den Fachräumen die bisherigen Kreidetafeln ersetzen sollen. Das Hauptgebäude ist ein Jahr lang komplett saniert worden. Die neun Naturwissenschaftsräume seien nun hervorragend ausgestattet und auf dem neuesten Stand, sagt Veith. Mit Kunst und Musik beschäftigen sich die Schüler in Zukunft in großzügig bemessenen Räumen, die Platz für Gruppenarbeit bieten. „Die Gestaltung des Gebäudes in warmen Farben ist ästhetisch sehr gelungen“, lobt der Schulleiter.
Doch bis der Unterricht am Montag startet, haben die Lehrer noch alle Hände voll zu tun: Die Biologielehrerinnen Birgit Prelle und Sonya Kiefer bugsierten am Mittwoch zum Beispiel einen Seeadler und andere ausgestopfte Tiere in die neuen Schränke. Nach so einer Sanierung müssen Mineralien, Chemikalien, das Schul-skelett und alles andere, was Naturwissenschaften anschaulich machen, ihren Platz neu finden. Und auch dann gehen die Bauarbeiten und – für einen Teil der Schüler – das Lernen im Container weiter: Klassentrakte und Turnhallen sind bereits abgerissen. Bis nächsten Sommer entsteht an der Leibnizschule ein Neubau mit Klassenzimmern, Büros und Mensa.
Niedersachsen stellt Lehrer später ein
Sparzwang für Minister wird erheblich verstärkt
Von Klaus Wallbaum, HAZ 2.8.2010
Hannover. Niedersachsens Landesregierung will heute einen Mix aus harten Einschnitten bei den Ausgaben und einem langfristigen Konzept zum Abbau von Personal im Landesdienst verkünden. Seit gestern Nachmittag berät das Kabinett von Ministerpräsident David McAllister (CDU) hinter verschlossenen Türen über den Landesetat für 2011. Aus diesem 25-Milliarden-Haushalt müssen 1,3 Milliarden Euro gekürzt werden.
Klar ist bereits, dass Lehrerstellen nur verzögert wiederbesetzt werden sollen, um Geld zu sparen. Details dazu wurden gestern noch nicht bekannt. Diskutiert wird auch, dass das Land in einem Nachtragsetat für 2010 die Ausgabeansätze für den Rest dieses Jahres drastisch verringert. Dies würde womöglich alle Ministerien gleichermaßen treffen und hätte den Effekt, dass die zu kürzende Summe für 2011 geringer wird. Klar scheint bereits zu sein, dass der Etat für Bauausgaben des Landes radikal zusammengestrichen wird.
Die Grunderwerbsteuer, die Käufer von Grundstücken entrichten müssen, könnte angehoben werden. Auch über den Verkauf von Landesvermögen wird beraten. Dabei könnte der Plan aktuell werden, die öffentlichen Versicherungen unter dem Dach der hannoverschen VGH zu vereinigen – mit Braunschweig, Ostfriesland und Oldenburg. Das Land könnte seine Trägerrechte an die VGH abgeben und einen mehrstelligen Millionenbetrag einnehmen. Denkbar ist auch, dass das Land seinen Anteil von gegenwärtig 20,01 Prozent an VW verringert – wenn gesichert wird, dass der Landeseinfluss auf VW nicht schwindet.
Geschichtsunterricht
Oberstufenschüler sollen deuten lernen
Von Saskia Döhner, HAZ 29.7.2010
Hannover. Im Streit um den neuen Lehrplan für Geschichte in der Oberstufe, der im Schuljahr 2011/2012 in Kraft treten soll, setzen sich jetzt die Lehrer zu Wehr, die den Entwurf ausgearbeitet haben.
Der Vorsitzende des Geschichtslehrerverbandes, Martin Stupperich, hatte kritisiert, dass das Kerncurriculum den Nationalsozialismus vernachlässige. Zudem würden zu wenige Inhalte vorgegeben, das verunsichere Lehrer und Schüler.
Ein Mitglied der achtköpfigen Kommission, die den neuen Lehrplan erstellt hat, ist Peter Heldt. Der Fachberater für Geschichte und Lehrer am Hoffmann-von-Fallersleben-Gymnasium in Braunschweig weist die Vorwürfe zurück. Anders als im Geschichtsunterricht der unteren Jahrgänge 5 bis 10 gehe es nicht um eine chronologische Wissensvermittlung von der Steinzeit bis in die Gegenwart, in der Oberstufe sollten die Schüler – auch in Vorbereitung auf das später mögliche Studium – lernen, historische Zusammenhänge einzuordnen und zu deuten: „Es reicht nicht zu wissen, wer war Cäsar und wann hat er gelebt, sondern auch, was hat er bewirkt.“ Die Rahmenthemen wie „Krisen, Umbrüche und Revolutionen“ oder „Wurzeln unserer Identität“ seien deshalb extra weit gefasst. „Wir geben den Lehrern den Freiraum zurück, den sie an eigenverantwortlichen Schulen haben sollten.“
Von einer Vernachlässigung des Themas Nationalsozialismus könne aber gar keine Rede sein. Im Gegenteil, es passe beinahe in jedes der vorgeschlagenen acht Wahlmodule. Zudem heiße es in dem Entwurf ausdrücklich: „Es ist sicherzustellen, dass die Schülerinnen und Schüler sich im Laufe der Qualifikationsphase in mindestens einer Unterrichtssequenz mit Aspekten des Nationalsozialismus auseinandersetzen.“
Dem Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland reicht dies nicht. Stephan Kramer hat in einem Protestbrief an Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) gefordert, dem Thema Holocaust in der Oberstufe größeren Raum zu geben. Das Antwortschreiben des Ministers konnte Kramer noch nicht lesen, weil er sich bis Ende der Woche im Urlaub befindet.
Hintergrund des Konflikts ist, dass seit gut vier Jahren nach einem Beschluss der Kultusministerkonferenz die alten Lehrpläne nach und nach durch neue Kerncurricula ersetzt werden. Grundsätzlich steht dabei nicht mehr die Vermittlung von reinen Fakten, sondern von Kompetenzen im Vordergrund. In Geschichte sollen die Oberstufenschüler neben Sachwissen auch Kompetenzen in den Bereichen Methoden, Deutung und Reflexion erwerben.
Heldts Kommissionskollege Sönke Jaek, Geschichtslehrer am Göttinger Otto-Hahn-Gymnasium und Träger des Deutschen Lehrerpreises, erteilt der Forderung, auch in der Oberstufe einen zweiten Schnelldurchlauf durch die Geschichte zu machen, eine klare Absage: „Ich will die Schüler nicht noch einmal durch die Zeiten hetzen müssen.“
Mathe pauken in den Ferien
Uni-Studenten betreuen bei der Sommerschule hundert Schüler an vier Integrierten Gesamtschulen
Von Bärbel Hilbig, HAZ 28.7.2010
Erst Theater spielen: Nora Elabassi und Djahan Akhtari proben ein Stück ...
Hannover. Die drei Mädchen sind sehr ernsthaft bei der Sache. Mitten in den Sommerferien proben die Schülerinnen in der Schule an einem kurzen Stück, das sie sich selbst ausgedacht haben. Es geht um Liebeskummer und einen „schönen Mädelsurlaub“ im fernen Brasilien, der über die Liebesenttäuschung hinwegtrösten soll. Die Zeit drängt, denn nach der Theaterprobe steht vor dem Mittagessen noch eine Stunde Deutschunterricht auf dem Programm der Sommerschule in der Integrierten Gesamtschule (IGS) Linden. Deshalb konzentrieren sich Nora, Djahan und Isaura mächtig. Die angehenden Achtklässlerinnen wollen, dass die Aufführung gelingt. „Können wir das noch mal machen?“, fragt Isaura nach einem Versprecher.
... dann geht es in die Deutschstunde: Die 13-jährige Nora liest aus einem Jugendbuch vor. Im Hintergrund hören die Studentinnen Hannah Kohne (li.) und Ronja Stöter zu. Burkert (2)
An der IGS Linden läuft die Sommerschule zum dritten Mal. Drei Wochen lang üben 25 Schüler jeden Tag unter Anleitung von Sonderpädagogikstudenten die Fächer Mathe und Deutsch. Doch das Programm ist auch geschickt mit Attraktionen gespickt, um doch ein wenig Feriengefühl aufkommen zu lassen. Die Jugendlichen arbeiten auf eine Theater- und Zirkusaufführung am kommenden Freitag hin. Morgens und mittags essen die jungen Betreuer gemeinsam mit den Schülern. Und in jeder Woche ist ein Ausflug geplant – zum Schwimmen, zu einer Krimi-Stadtrallye oder ins 96-Stadion.
Das versüßt auch den Mathe- und Deutschunterricht, bei dem sich jeweils zwei Studenten um sechs bis sieben Schüler kümmern. Studentin Hannah Kohne hat heute eine längere Diskussion mit einem Jungen zu führen, der weder Tasche noch Stift mitgebracht hat. Und einen Aufsatz auf Basis einer Comicgeschichte schreiben? Der Schüler gibt sich renitent. „Das ist doch kein Kindergarten hier!“ Doch irgendwann gehen auch ihm die Argumente aus – und er greift zum geliehenen Stift.
Hannah Kohne und ihre Mitstudentin Ronja Stöter arbeiten gerne in der Sommerschule. „Das ist die beste Berufsvorbereitung, die man kriegen kann, denn wir haben die Dinge komplett selbst in der Hand“, sagt die 21-jährige Kohne. Die Studenten haben die angemeldeten Schüler bereits im Frühjahr in Deutsch und Mathe getestet. „So sehen wir, wo sie Schwierigkeiten haben und bereiten jeweils passende Aufgaben vor“, sagt Juliane Losch. Die 29-Jährige sieht die Sommerschule als große Chance für die Jugendlichen, die an der Schule sonst oft vor allem ihr eigenes Versagen erleben.
Die Studenten dagegen geben keine Noten und können sich ausgiebig um die Schüler kümmern. „Sie ziehen uns bei Streitereien auch ins Vertrauen“, sagt Losch. Und manchmal kommen in der vertraulicheren Atmosphäre auch ernstere Probleme ans Licht.
Seit dem vergangenen Jahr bieten auch die IGS List, Mühlenberg und Vahrenheide den Ferienunterricht an. „Die Lehrer schlagen den Eltern für ihr Kind die Sommerschule vor“, erklärt Elisabeth Lindenberg, Leiterin der Sekundarstufe I an der IGS Mühlenberg. Inzwischen hat sich das Angebot herumgesprochen.
„Den Schülern macht es Spaß. Manche haben sich sogar vorher in den Ferien gelangweilt.“ Die IGS Linden startete die Sommerschule speziell für Schüler, die in den Ferien auf sich gestellt sind. „Nach sechs Wochen Pause haben sie sonst manches einfach verlernt“, sagt Schulleiter Christoph Walther.
Gute Noten für Zusatzunterricht
Die Stadt finanziert dieses Jahr zum zweiten Mal den Ferienunterricht für insgesamt hundert Schüler mit 40 000 Euro. 26 Studenten des Instituts für Sonderpädagogik der Leibniz Universität kümmern sich drei Wochen lang um die Schüler an den Integrierten Gesamtschulen Linden, List, Mühlenberg, und Vahrenheide. Die Uni begleitet das Projekt wissenschaftlich. Nach Abschluss der Sommerschule 2009 hat das Institut für Pädagogische Psychologie die teilnehmenden Schüler befragt – und diese verteilten fast ausschließlich gute Noten.
Die meisten der Elf- bis 15-Jährigen zeigten sich deutlich zufrieden mit dem Angebot. Sie hoben hervor, dass sie in den Kleingruppen Fragen stellen konnten, wenn sie etwas nicht verstanden hatten. Es war ihnen weniger unangenehm als sonst, wenn ihnen ein Fehler unterlief. Viele Schüler betonten, sie hätten sich stärker beteiligt als im normalen Unterricht und seien sicherer geworden.
Vor allem trauen sich die Schüler nach der Sommerschule offenbar eher zu, in den trainierten Fächern Deutsch und Mathematik Fortschritte zu machen. Die Uni-Mitarbeiter empfehlen, diese Motivation im normalen Schulbetrieb durch weitere Förderangebote zu stützen.
Spenden für Schulkinder
Von (mic), HAZ 28.7.2010
Hannover. Vor Beginn des neuen Schuljahres am 4. August fehlt finanziell schlechter gestellten Familien oftmals das Geld für die schulische Grundausstattung ihrer Kinder. Der Verein „Mehr Aktion für Kinder und Jugend“ versucht zu helfen, indem er noch bis zum morgigen Donnerstag an einem Stand vor dem Hauptbahnhof Sachspenden sammelt. Besonders gebraucht werden neue Hefte, Farbstifte, Füller, Turnbeutel und Tuschekästen. Die Spenden werden dem Kindersozialladen „Lichtpunkt“ in Linden, der Hannöverschen Tafel, der Nienburger Tafel und dem Kinderrestaurant „k.bert“ in Hildesheim übergeben und dann von diesen Einrichtungen an die Schulkinder weitergeleitet.
Sparklausur
Althusmann will für Lehrerstellen kämpfen
Von Saskia Döhner, HAZ 26.7.2010
Vor der am Sonntag beginnenden Sparklausur des Kabinetts hat Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) bekräftigt, dass er dafür kämpfen will, keine Lehrerstellen zu streichen.
Trotz Sparkurs: Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) will gegen die Streichung von Lehrerstellen kämpfen. © Nancy Heusel
Dieser Zeitung sagte Althusmann am Montag: „Ich halte es für wünschenswert, damit wir unter anderem neben der guten Unterrichtsversorgung auch Klassengrößen senken und Schulleitungen stärker entlasten können. Sicher wird nicht alles Wünschenswerte finanzierbar sein, wir müssen die im Kultusbereich eingesetzten Gelder noch zielgerichteter einsetzen.“
GEW-Chef Eberhard Brandt sagte, er betrachte die anstehenden Sparverhandlungen mit Sorge.
Noch ist unklar, wer neuer Kultus-Staatssekretär wird, nachdem die bisherige Amtsinhaberin Christine Hawighorst in die Staatskanzlei gewechselt war. Eine Entscheidung soll aber unmittelbar bevorstehen. Der Wechsel, immerhin der vierte innerhalb von zwei Jahren, werde aber keine neue Unruhe an den Schulen bringen, versicherte Althusmann: „Wir bieten allen Personalwechseln zum Trotz Stabilität und Verlässlichkeit.“
Zu seinen Zielen für das neue Schuljahr sagte der Minister: „Insbesondere möchte ich Jugendliche mit Migrationshintergrund besser unterstützen und ihre Eltern einbinden, die Lehrerfortbildung verbessern und eine gezieltere Jugendförderung auf den Weg bringen.“ Statt quälender Strukturdebatten wünsche er sich mehr Ringen um den richtigen Weg bei Unterrichtsinhalten und -qualität. Die Grundschulzeit zu verlängern sei sicher nicht sinnvoll, zielführender sei es, die frühkindliche Bildung zu stärken: „Statt 4+2 wie in Hamburg geplant also quasi 2+4.“
Auflösung der Orientierungsstufe hat Haupt- und Realschulen geschwächt
Von Saskia Döhner, HAZ 21.7.2010
Gleichmacher OS? Im Gegenteil! Wer an die Orientierungsstufe glaubte, der glaubte auch, dass sie den Schülern mehr Chancengleichheit bringen würde. Und diejenigen, die die Orientierungsstufe (OS) in Niedersachsen 2003 abschafften, wollten damit eigentlich das dreigliedrige Schulsystem stabilisieren. Erreicht haben Befürworter und Gegner der OS genau das Gegenteil.
2003 wurde die Orientierungsstufe in Niedersachsen abgeschafft. © dpa
Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt der Bildungsexperte Peter Brammer in seiner jüngsten Studie am Beispiel der Stadt Göttingen.
„Die Auflösung der Orientierungsstufe hat die Erosion des gegliederten Schulsystems erheblich beschleunigt“, sagt der frühere Leiter der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, der jetzt Lehrbeauftragter an der Universität Göttingen ist. „Die Gymnasien und Gesamtschulen sind die großen Gewinner, die Haupt- und Realschulen sind die großen Verlierer.“ Belegen kann er seine These mit einem Vergleich der Schülerzahlen in Göttingen vor und nach Abschaffung der OS. Betrachtet wurde der Zeitraum zwischen 1996 und 2010. Wechselten im Jahr 2002 noch 20 Prozent der Schüler nach der Orientierungsstufe auf eine Hauptschule und 26,8 Prozent auf eine Realschule, haben sich zum neuen Schuljahr 2010/2011, das im August startet, nur noch vier Prozent der Grundschüler nach der 4. Klasse für den Besuch einer Hauptschule entschieden und noch sechs Prozent für eine Realschule. Insgesamt sank die Zahl der Kinder, die auf die Hauptschule gingen, nach Auflösung der Orientierungsstufe in der Stadt Göttingen um 10,7 Prozent. Bezieht man den Landkreis mit ein, waren es sogar knapp zwölf Prozent. Bei den Realschulen verlief die Entwicklung ähnlich negativ. In der Stadt Göttingen gingen nach dem Ende der Orientierungsstufe knapp acht Prozent weniger Schüler auf eine Realschule (mit Landkreis zehn Prozent). Profitieren konnten hingegen die Gymnasien. Hier nahm die Zahl der Kinder um 8,3 Prozent zu (mit Landkreis 14,1 Prozent). Von den insgesamt 1180 Fünftklässlern des neuen Schuljahres werden 60 Prozent (701) das Gymnasium und 30 Prozent (355) eine der beiden Gesamtschulen besuchen.
Untersuchungen der Schülerzahlen in den Kreisen Osterode und Northeim bestätigten den Göttinger Trend. Dabei hätten sich die Laufbahnempfehlungen der Lehrer kaum geändert, sagt Brammer. Allerdings hielten sich immer weniger Eltern daran. Hauptschulempfehlungen würden fast immer ignoriert, Realschulempfehlungen meistens.
Dass mehr Kinder aufs Gymnasium gingen, bedeute aber nicht, dass die Qualität des Abiturs verflache, betont Brammer. Beim ersten Zentralabitur 2007 hätten drei Gymnasien und eine Gesamtschule aus Göttingen Plätze unter den ersten zehn belegt. Und eine Gesamtschülerin aus Göttingen schaffte gerade die beste Abiturnote.
Getrennte Wege
Der Hamburger Volksentscheid erschüttert bundesweit alle Bemühungen um längeres gemeinsames Lernen
Von Saskia Döhner, Sarah Pancur, Daniel Alexander Schacht und Alexander Dahl, HAZ 20.7.2010
Früh übt sich, was ein Gymnasiast werden will: In den meisten Bundesländern ist nach Klasse vier mit dem gemeinsamen Lernen Schluss. dpa
Hannover. Die Schuldigen sind schnell gefunden, jedenfalls bei der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: „Hamburgs Geld-, Macht- und Bildungselite hat ihre Privilegien mit allen Mitteln verteidigt“, donnerte deren stellvertretende Vorsitzende Marianne Demmer am Montag. Annette Schavan, die christdemokratische Bundesbildungsministerin, schlug dagegen den gutbürgerlichen Kammerton an: „Es ist eine gute Nachricht für das Gymnasium. Es ist eine gute Nachricht für das Selbstbewusstsein der Bürger. Und vielleicht ist es auch ein Impuls dafür, dass jetzt über die wirklich wichtigen Fragen des Bildungssystems nachgedacht wird.“
Wie diese zu beantworten seien, wusste Ludwig Spaenle (CSU), Bayerns Kultusminister und derzeit Chef der Kultusministerkonferenz, gleich nachzutragen: Die Absage, die die Hamburger am Sonntag in einem Volksentscheid der vom Senat geplanten Schulreform erteilt haben, „ist ein klares Signal für individuelle Förderung in einem differenzierten Schulwesen“. Wahr ist: Die Reformbefürworter, die von einer um zwei Jahre verlängerten Grundschulzeit bessere Chancen für alle Kinder unabhängig vom Herkunftsmilieu erhoffen, sind gescheitert. Die Reformgegner, die Nachteile für gute Schüler und Gymnasien befürchten, haben sich durchgesetzt. Es geht also um mehr als um vier oder sechs Jahre Grundschule. Es geht um die Frage, ob unterm Strich längeres gemeinsames oder frühes getrenntes Lernen mehr Schüler zum Erfolg führt. Eine Grundsatzfrage, auf die die Bundesländer je nach Regierungspartei verschiedene Antworten bereithalten.
Im Saarland zum Beispiel geht die schwarz-gelb-grüne Jamaika-Koalition einen ganz eigenen Weg. Nicht vier oder sechs, sondern fünf Jahre Grundschule sind hier geplant. Für Kultusstaatssekretär Stefan Körner (Grüne) ist dies ein gelungener Kompromiss: „Es ist zum einen ein Einstieg ins längere gemeinsame Lernen, und es nimmt zum anderen denjenigen die Ängste, die eine sechsjährige Primarschule ablehnen.“ Außerdem gingen auch im benachbarten Frankreich die Kinder fünf Jahre zur Grundschule.
Im Saarland sollen die Schüler nach der 5. Klasse dann entweder das Gymnasium mit dem Abitur nach zwölf Jahren oder die sogenannte Gemeinschaftsschule besuchen, an der auch das Abitur nach 13 Jahren möglich ist. Für die Schulreform braucht die Regierungskoalition allerdings eine Zweidrittelmehrheit im Landtag. Mit der SPD, aber auch mit den Linken sei man in Gesprächen, sagt Körner. Die Eltern habe man so früh wie möglich mit ins Boot geholt: Die verbindliche Schullaufbahnempfehlung nach der Grundschule wurde abgeschafft und durch ein Beratungsgespräch für die Eltern ersetzt.
In Niedersachsen ist der freie Elternwille schon lange heilig. Als die FDP im vergangenen Winter vorschlug, ihn einzuschränken, war der Sturm der Entrüstung groß. Der freie Elternwille blieb – wie die vierjährige Grundschule. Zwar gibt es auch im Primarbereich Reformversuche wie das Brückenjahr, eine verstärkte Zusammenarbeit von Kindergärten und Grundschulen oder die flexible Eingangsstufe, das heißt die Zusammenlegung der ersten und zweiten Klasse. Und auch die Neugründung von Gesamtschulen gesteht man den Kommunen wieder zu, freilich mit hohen Hürden. Dass Schulminister Bernd Althusmann (CDU) prinzipiell auch auf dem Lande an der Dreigliedrigkeit festhalten will, stößt auf Kritik der SPD: „Jenseits der Städte fehlt gerade den Hauptschulen der Schülernachwuchs“, sagt Fraktionschef Stefan Schostok. Auch reiche es nicht, mit den Schulträgern nur über wohnortnahe Schulangebote zu sprechen. „Wir brauchen auch eine inhaltliche Qualitätsdebatte.“ Für Schostok wie für andere Integrationsbefürworter steht fest, dass durchmischte Lerngruppen für alle am besten sind. „Sie dienen auch der Leistungsspitze.“
Nach Ansicht des Philologenverbandes gehen allerdings gerade die starken Schüler in allzu heterogenen Lerngruppen unter. Eine Verlängerung der Grundschulzeit bringe kein höheres, sondern ein niedrigeres Leistungsniveau, sagt der niedersächsische Philologenverbandsvorsitzende Horst Audritz. Ebenso wenig entstünde dadurch bessere Chancengerechtigkeit.
Diese Haltung prägt auch die unionsregierten Länder im Süden und Osten der Republik. Baden-Württemberg und Bayern sind die einzigen Südländer, die am dreigliedrigen Schulsystem festhalten. Beide sehen sich durch den Volksentscheid an der Elbe bestätigt. „Das Ergebnis zeigt, dass die Menschen keine Strukturdiskussionen mehr wollen“, sagt Thomas Hilsenbeck, Sprecher des baden-württembergischen Kultusministeriums. Die Konzentration auf die Qualität des Unterrichts stehe für die Eltern im Vordergrund. In Bayern wird es ähnlich gesehen. Ein differenziertes Schulwesen könne die Kinder und Jugendlichen mit ihren Talenten und Begabungen besser fördern, betont Kultusminister Spaenle. Entscheidend sei eine hohe Durchlässigkeit – im jüngsten Ländervergleich hätten Schüler in einem differenzierten Schulwesen am besten abgeschnitten.
Anderswo in der bunten Bildungsrepublik folgten Schulstrukturreformen indes keiner „reinen Lehre“, sondern dem Sachzwang sinkender Schülerzahlen an Haupt- und Realschulen. Das CDU/FDP-regierte Schleswig-Holstein fasste sie 2008 in der „Regionalschule“ (Klasse fünf bis zehn) zusammen, daneben gibt es nur noch die traditionellen Gymnasien und einige Gemeinschaftsschulen. „Eine Ausweitung der Grundschulzeit auf sechs Schuljahre ist mit gewaltigen Kosten und einer massiven Schwächung der Gymnasien verbunden; zugleich aber ist ihr vermeintlicher Nutzen in höchstem Maße zweifelhaft“, sagte gestern Kultusminister Ekkehard Klug (FDP). Auch das SPD-regierte Rheinland-Pfalz reagierte auf rückläufige Schülerzahlen. „Realschule plus“ heißt die Zusammenfassung der Haupt- und Realschule seit 2009 euphemistisch.
Im Osten Deutschlands hingegen war die Debatte kaum hörbar. Die DDR kannte nur die Gemeinschaftsschule von Klasse eins bis zehn; hinzu kam eine Oberstufe, die zum Abitur führte. „Lange gemeinsame Schulzeiten haben hier Tradition“, sagt Stephan Breiding, Sprecher des Kultusministeriums in Brandenburg. Neben der sechsjährigen Grundschule und dem Gymnasium gibt es in Brandenburg und Berlin daher nur eine „Oberschule“ für die Klassen sieben bis zehn. Mecklenburg-Vorpommern nennt letztere „Regionale Schule“ und schaltet allen weiterführenden Schulen noch eine „schulartunabhängige Orientierungsstufe“ (Klasse fünf und sechs) vor. Auch andere Ostländer, wie Sachsen, setzen auf die „Mittelschule“ als Haupt- und Realschulersatz.
So unterschiedlich auch die Schulformen sind – gemeinsam scheint quer durch die Republik ein Festhalten am Bestehenden zu sein. Umso ernster muss die rot-grüne NRW-Minderheitsregierung wohl die Drohung der CDU nehmen, der Gegenwind bei der Schulreform in Hamburg werde den Politikern in Düsseldorf als „laues Lüftchen“ erscheinen, wenn sie dort schulpolitische Experimente riskierten. Kein Wunder, dass die neue Schulministerin Sylvia Löhrmann betonte, man setze beim längeren gemeinsamen Lernen auf „Freiwilligkeit und regionalen Konsens“. Im Koalitionsvertrag kann freilich schon ein einziger Satz Sprengkraft entwickeln: „Jede Schule muss alle einmal aufgenommenen Schülerinnen und Schüler zu einem Abschluss führen“ – für Gymnasien würde dies heißen, dass sie die ganze Sekundarstufe hindurch jeden schwachen Schüler mitziehen müssen. Der Satz hat das Zeug, auch an Rhein und Ruhr eine neue Bürgerbewegung zu mobilisieren.
In Hamburg kehrt Schwarz-Grün die Scherben zusammen
Nach dem überstürzten Rückzug Ole von Beusts und der verlorenen Volksabstimmung ringt die Koalition um einen neuen Anfang
Von Gunnar Menkes, HAZ 20.7.2010
„Ein ziemlicher Scheißtag“: Die Grünen Jens Kerstan und Christa Goetsch sowie CDU-Fraktionsvorsitzender Frank Schira ziehen eine niederschmetternde Bilanz. ap
Hamburg. Der Sonntag ist nach eigener Einschätzung für Hamburgs Schulsenatorin Christa Goetsch (Grüne) schon „ein ziemlicher Scheißtag“ gewesen. Der sympathische Bürgermeister Ole von Beust war freiwillig über Bord gegangen, Stunden später stürzte ein zorniges Bürgertum die schwarz-grüne Schulreform im Volksentscheid hinterher.
Am Montagmorgen sitzt die 57-jährige Senatorin hinter einem Mikrofon im Rathaus. Müde, enttäuscht, angeschlagen. Goetsch sieht aus, als ob dieser Tag nicht viel besser werden würde. Sie zählt auf, was bleibt von der Reform. Kleinere Klassen, mehr Lehrer. Aber es ist nur der routinierte Versuch, ein Debakel zu mildern, denn gescheitert ist ihre große Idee, dass alle Kinder künftig die ersten sechs statt vier Jahre gemeinsam in einer Primarschule lernen. Die Chancengerechtigkeit zu verbessern war das maßgebliche Vorhaben der Hamburger Regierung, und sie zielte stets über die Elbe hinaus. Die Primarschule sollte die Bildungspolitik in Deutschland erneuern.
Beim Aufkehren des zerborstenen Porzellans wussten Politiker von CDU und Grünen gestern nicht recht, bei welchem Haufen sie zuerst anfangen sollten. Umgehend stellte nicht nur die Opposition die Frage, ob dieses Rathausbündnis weiter regieren kann. Die Bürger hatten Ole von Beust in der Annahme gewählt, dass er bis 2012 im Amt bleibt. Jetzt ist der Bürgermeister weg. Und die Mehrheit der Menschen lehnte auch die Primarschule ab. „Eine Sachentscheidung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger“, interpretierte CDU-Chef Frank Schira die Niederlage im Volksentscheid. Und weil sich die neben ihm platzierte Christa Goetsch ähnlich äußerte und im Amt bleiben will, war die Botschaft klar: Schwarz-Grün, das erste Bündnis dieser Art auf Länderebene, will weiter regieren in der Hansestadt.
Die CDU-Bürgerschaftsfraktion nominierte in einer Sondersitzung am Montagabend den konservativen Innensenator Christoph Ahlhaus einstimmig als Nachfolger des liberalen Großstadtpolitikers von Beust. Der 40-jährige Ahlhaus hat in etlichen Punkten, darunter der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik, allerdings deutlich strengere Vorstellungen, als es die Hamburger Grünen mögen. Deren Fraktionschef Jens Kerstan forderte am Montag vorsorglich ein „Signal der Verlässlichkeit im Hinblick auf den liberalen Kurs“.
Dem kleinen Koalitionspartner kommt in möglichen Verhandlungen über Ahlhaus? Wahl die politische Stimmung zugute. Die CDU braucht die Grünen, die Alternativen müssen Neuwahlen nicht scheuen. Umfragen zufolge scheint auch ein Bündnis mit der SPD möglich. Die Sozialdemokraten wittern Chancen auf die Macht. Parteichef Olaf Scholz sagte, es gehe nicht an, einen neuen Bürgermeister „irgendwo im Hinterzimmer“ aufzustöbern. Was auch die FDP findet. Die Liberalen sind in der Bürgerschaft nicht vertreten und waren als einzige Partei gegen die Reform.
Auf die neue Stadtregierung warten unpopuläre Aufgaben. In den nächsten Jahren wächst der Schuldenberg auf eine Milliarde Euro an. Das begrenzt nicht allein politisches Handeln, es zwingt den Senat zu einem harten Sparkurs. Von Beust hatte vor Kurzem eingestanden, dass Hamburg „über seine Verhältnisse“ gelebt habe.
Mögliche Folgen: 100 Millionen Euro Einsparungen beim öffentlichen Personal, Weihnachtsgeld wird gestrichen oder stark gekürzt. 100 Millionen Euro kürzen in der Verwaltung, irgendwie. Die Universität wird nicht umziehen. Schon jetzt steigen die Kita-Gebühren – und der Fehlbetrag im Etat ist längst nicht gedeckt. Auch die Schulreform, oder was davon übrig ist, kostet einen dreistelligen Millionenbetrag. Um in kleineren Klassen unterrichten zu können, muss Hamburg Schulen umbauen und Lehrer einstellen. Der Bau der Elbphilharmonie, kulturelles Prestigeobjekt der Kulturstadt, wird unaufhaltsam teurer. Und immer wieder brennen Autos in den Straßen, die Polizei scheint ohnmächtig. Ole von Beust hat soeben bekannt, dass Regieren nicht immer Spaß macht.
Bis zur Regierungsbildung ist der Senat beschäftigt, die Niederlage beim Volksentscheid zu analysieren. In der Schulbehörde war gestern keine Erklärung zu bekommen, wohl aber bei Jobst Fiedler, Professor an der Hertie School of Governance und ehemals Oberstadtdirektor in Hannover. Der Sozialdemokrat führte „Die Schulverbesserer“ an, jene Gruppe sich als fortschrittlich verstehender Bürger, die in Hamburg für die Primarschule focht.
„Diejenigen, deren Kinder von der Reform profitieren sollten, haben sich nur in geringem Maß beteiligt“, sagte Fiedler. Eine Umschreibung dafür, dass das Interesse laut Wahlstatistik dort sehr niedrig war, wo viele Menschen staatliche Unterstützung beziehen. Bürger aus gut situierten Stadtteilen dagegen beteiligten sich weitaus mehr am Volksentscheid über die Primarschule. Die Reformgegner der Initiative „Wir wollen lernen“ feierten den Sieg. Sprecher Walter Scheuerl meinte, nach den Sommerferien starte in Hamburg „ein tolles Schulsystem mit starken Gymnasien und Stadtteilschulen“. Stadtteilschulen ersetzen die bisherigen Haupt-, Real- und Gesamtschulen.
„Das ist ein schwieriger Tag“, sagte Goetsch am Montag in der Pressekonferenz. Schwierige Monate dürften folgen: Schwarz-Grün in Hamburg muss einen neuen Weg finden. Ole von Beust sieht die Koalition nicht gefährdet. Wie es aber weitergehen soll, kann auch er nicht sagen. Ganz sicher ist nur sein politisches Rentnertum. Drei Monate bekommt er 13 577 Euro im Monat, bis August 2012 dann 6788 Euro. Im Anschluss könnte der Christdemokrat 6313 Euro Ruhegehalt beziehen – es sei denn, er hat eine neue Beschäftigung. Dann wird die Pension gegen das Gehalt verrechnet.
NACHGEFRAGT „Nicht immer wieder neue Reformen“
Interview von Alexander Dahl, HAZ 20.7.2010
Bernd Althusmann,
Kultusminister
Niedersachsen
Ist das Hamburger Votum auch ein Signal an andere Länder? Schwarz-Grün ist einen anderen Weg gegangen als viele andere Bundesländer. Das haben wir zu respektieren. Ich weise nur vorsichtig darauf hin, dass der Weg längeren gemeinsamen Lernens unter Bildungswissenschaftlern höchst umstritten ist und die Erweiterung der Grundschule um zwei Jahre offensichtlich wenig Erfolg bringt. Unser niedersächsischer Weg ist ein anderer: mehr frühkindliche Bildung mit Sprachförderung und die enge Verzahnung von Kindertagesstätte und Grundschule. So wird auch für Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen der Bildungserfolg vorbereitet.
Was ist so schlecht an der sechsjährigen Grundschule, wie sie jetzt in Hamburg geplant war? Wer die Primarschule will, der nimmt den Gymnasien zwei Schuljahre. Wir müssen aber unsere starken Gymnasien weiter stärken, nicht schwächen. Wichtig ist erstens eine intensive Beratung der Eltern nach Klasse vier über die Schulkarriere ihres Kindes, zweitens den Elternwillen zu akzeptieren und dann drittens mit einer hohen Durchlässigkeit dafür zu sorgen, dass der Weg zu höheren Bildungsabschlüssen bis hin zum Abitur offen bleibt. Viele, viele Eltern erwarten von der Bildungspolitik Verlässlichkeit und Kontinuität und nicht immer wieder neue Reformen – so gut sie auch auf dem Papier gemeint sein mögen.
Sollte das deutsche Schulsystem einheitlicher gestaltet werden? Ich bin Anhänger des Bildungsföderalismus, weil Wettbewerb Qualität sichert. Landesregierungen sind näher dran an Schülern und Eltern, aber auch an Problemen der Landkreise und Städte, mit denen wir für den demografischen Wandel gute Lösungen finden müssen. Und: In Frankreich und Finnland etwa ist die Jugendarbeitslosigkeit sehr hoch, bei uns ist sie drastisch niedriger – ein Beweis für unser starkes Bildungssystem. Gute Bildungspolitik fängt in der Familie an, setzt sich fort über engagierte Lehrkräfte und gut ausgestattete Schulen. Ideologische Debatten führen nicht weiter.
Die Tücken der direkten Demokratie
Von Matthias Koch, HAZ 20.7.2010
Hamburg. Es war eine schwierige Geburt. Erst nach jahrelangem Ringen war es CDU und Grünen in Hamburg gelungen, einen Kompromiss über die Ausgestaltung von Volksentscheiden in der Hansestadt zu finden. Als die Regelungen am 6. November 2008 das Licht der Welt erblickten, wurde es allerdings prompt feierlich im Hamburger Rathaus.
„Dies ist ein historischer Tag“, hob damals der Grünen-Abgeordnete Farid Müller an. „Wir erleben einen Durchbruch für die direkte Demokratie.“ Lange hatten die Grünen vor allem dafür gekämpft, Volksentscheide auch wirklich verbindlich zu machen. Zuletzt hatten auch Bürgernetzwerke für „Mehr Demokratie“ die Grünen unterstützt.
Der 18. Juli 2010 brachte dann einen historischen Tag ganz anderer Art. Beim Volksentscheid über die Schulreform nahm die Mehrheit das geschärfte neue Instrument in die Hand – und wendete es zu einem schmerzhaften Stich gegen seine schwarz-grünen Schöpfer. Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik ist eine Landesregierung bei einem Plebiszit in einer so zentralen Frage so empfindlich getroffen worden.
Jetzt beginnt ein neues Nachdenken – nicht nur über die Schulreform, sondern auch über die Tücken der direkten Demokratie. In Hamburg genügt es für einen gültigen Volksentscheid, wenn 20 Prozent der Wähler dafür stimmen. Das Votum eines Fünftels der Bürger ist also juristisch verbindlich für alle – auch für die übrigen 80 Prozent, die entweder gegen die jeweilige Initiative waren oder gar nicht zur Abstimmung gingen.
Ein solcher Volksentscheid ist naturgemäß eine Einladung an die politisch aktive Minderheit, sich zur Herrschaft über die desinteressierte Mehrheit aufzuschwingen. Und so geschah es auch. In den vornehmeren Hamburger Stadtteilen mit ihrer quirligen, tendenziell konservativen Bürgerschaft gab es eine hohe Beteiligung an der Abstimmung. In Gegenden mit durchschnittlich niedrigem Bildungsstand und geringem Einkommen hatte man das Thema indessen gar nicht recht zur Kenntnis genommen. Entsprechend fiel am Ende das Votum aus: nein zur sechsjährigen Primarschule.
Keiner spricht es laut aus, alle fügen sich. Aber im Nachhinein entdecken mittlerweile viele, dass der gute, alte Gedanke einer gleichmäßigen Repräsentanz aller Bürger durch ihre Abgeordneten im Parlament wohl doch einiges für sich hat – besonders dann, wenn es um Projekte geht, mit denen die gesellschaftliche Integration vorangebracht werden soll.
Man hätte es ahnen können. Wer Integrationserfolge will, muss mit Elementen direkter Demokratie sparsam umgehen. Erfahrungen aus der Schweiz, etwa beim Minarettverbot oder auf dem Feld des Ausländerrechts, zeigen, dass Volksabstimmungen oft zweierlei bewirken: Abschottung, wenn nicht gar Isolation nach außen plus Abgrenzung gegenüber Minderheiten im Inland.
Während Parlamente integrierend wirken können und oft Kompromisse suchen, strebt beim Volksentscheid meist eine Seite ganz stumpf den Sieg über die andere an. So setzte in Bayern am 4. Juli die aktive Minderheit der Nichtraucher durch, dass Raucher auch in speziellen Raucherzimmern nicht mehr rauchen dürfen. Nur eine Minderheit (37,7 Prozent) nahm zwar an der Abstimmung teil; so stimmten letztlich nur 23 Prozent der Wahlberechtigten für die strikten neuen Gesetze. Doch die übrigen 67 Prozent müssen sich, was immer sie meinen, jetzt unterordnen – die direkte Demokratie kennt kein Pardon.
Arbeitsgruppe
Es naht das Ende der Hauptschulen
Von Klaus Wallbaum, HAZ 11.7.2010
Hannover. Die Tage der selbstständigen Hauptschulen in Niedersachsen sind möglicherweise gezählt. Im August will die Landesregierung eine Arbeitsgruppe einsetzen und überlegen, wie die Schulstrukturen im Lande besser auf den bevorstehenden starken Schülerrückgang eingestellt werden können. „Vorurteilsfrei und unideologisch“ solle darüber gesprochen werden, forderte der neue Ministerpräsident David McAllister am 1. Juli in seiner Regierungserklärung. Im Gespräch sind nur mehr Freiheiten für die Kommunen als Schulträger – möglicherweise sinken auch die Hürden, die vor der Errichtung neuer Gesamtschulen aufgerichtet sind.
Gegenwärtig sind die Integrierten Gesamtschulen nur als Ergänzung zum bestehenden Schulsystem erlaubt. Außerdem muss eine IGS parallel fünf Klassen und mindestens 130 Schüler haben. Diese Vorgaben werden von vielen Kommunen als zu hoch angesehen. Vier statt fünf parallele Klassen je IGS sollten vorgeschrieben werden, fordert der Landkreistag. Städtetag und Städte- und Gemeindebund schlagen sogar die Dreizügigkeit vor. Doch dagegen wenden sich Bedenkenträger: Je Gesamtschule müsse es mindestens zwei parallele Gymnasialklassen geben – sonst könne ein gutes Angebot an Fachlehrern kaum sichergestellt werden.
Die Größe der Schulen ist ohnehin das Problem. Nach Ansicht von Fachleuten ist die Dreiteilung in Gymnasium, Real- und Hauptschule in Zukunft nur noch in Ballungsräumen möglich – auf dem flachen Land aber nicht mehr. Vor allem in Nord-, Ost- und Südniedersachsen geht die Schülerzahl in den kommenden Jahren zurück, teilweise um bis zu 40 Prozent. Ein Gymnasium in der Nähe zu haben, ist aber ein entscheidender Standortfaktor. Davon hängt ab, ob Firmen Mitarbeiter anlocken können.
Diskutiert werden nun mehrere Varianten, wie ein gutes Bildungsangebot auf dem Land gewährleistet werden kann. Ein Vorschlag lautet, in jedem Landkreis mindestens so viele Gymnasien anzubieten, dass diese von jedem Ort in zumutbarer Entfernung – nicht mehr als 20 Kilometer – erreichbar sind.
Daneben könnte eine neue Schulform gedeihen, eine Zusammenlegung von Haupt- und Realschule. Damit würde nur ein ohnehin zu beobachtender Trend fortgesetzt, denn die Hälfte aller Haupt- und Realschulen ist schon heute organisatorisch miteinander verzahnt. Als wenig tauglich würde sich dieses Modell allerdings dann erweisen, wenn der Bevölkerungsschwund so stark wird, dass die Wege zum Gymnasium für die Schüler noch länger werden müssten – und Kindern, die gerade die Grundschule verlassen haben, kaum aufgebürdet werden könnten.
In diesem Fall böte sich eine Art Kooperative Gesamtschule an – die Gymnasium, Real- und Hauptschule unter einem Dach vereint. Nach Klasse zehn müssten die Schüler dann zur Oberstufe des nächstgelegenen Gymnasiums wechseln – also unter Umständen eine längere Fahrtzeit in Kauf nehmen. Dies wäre eine Möglichkeit, zumindest bis dahin ein gymnasiales Angebot in jeder mittelgroßen Stadt zu halten. Eine KGS in jeder Stadt, darüber hinaus ein Gymnasium mit Oberstufe in jeder Kreisstadt – dies könnte die Antwort auf den starken Bevölkerungsschwund in einigen Regionen Niedersachsens sein.
Gesamtschülerin schafft beste Abiturnote
Von (gum), HAZ 3.7.2010
Hannover. Mehr als 30 000 Abiturienten haben in diesem Jahr in Niedersachsen die Hochschulreife geschafft. Nur denjenigen mit den besten Noten gratuliert Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) jedoch im niedersächsischen Landtag persönlich. Unter ihnen war jetzt Jana Wilkening aus Gleichen. An der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen kam sie im Abschlusszeugnis auf 883 von 900 möglichen Punkten, eine Durchschnittsnote von 1,0.
Die junge Frau bekam für diese Leistung von Althusmann nicht nur einen „Bildungsgutschein“ in Höhe von 1000 Euro, sondern auch den Tipp, die „exzellente Abiturnote für einen guten Start ins Studium oder direkt in den Beruf“ zu nutzen. Sie selbst sagte zurückhaltend zu ihrem Zeugnis: „Das ist gar nicht so toll, wie alle denken.“ Ein Einser-Abitur gelang mit 838 Punkten auch Katharina Wilkening, der Schwester von Jana Wilkening.
Althusmanns Glückwünsche für „hervorragende Leistungen“ richtete sich auch an Simon Koch (882 Punkte) vom Gymnasium Burgdorf (Region Hannover) und Daniel Michael Schünemann (881 Punkte) vom Buchholzer Albert-Einstein-Gymnasium. Sie bekamen jeweils 500 Euro für Bücher oder Computer.
Im abgelaufenen Schuljahr haben 193 Schüler der 30 000 Absolventen mit der Note 1,0 bestanden.
Neuer Ministerpräsident McAllister leitet Wende in der Schulpolitik ein
Von Michael B. Berger und Klaus Wallbaum, HAZ 2.7.2010
Der neue niedersächsische Ministerpräsident David McAllister will in der Schulpolitik neue Akzente setzen. „Wenn in einigen Regionen die Schülerzahlen um bis zu 40 Prozent sinken, müssen wir vorurteilsfrei und unideologisch Konsequenzen ziehen“, sagte der CDU-Politiker am Donnerstag in seiner Regierungserklärung.
An Papas Arbeitsplatz: David McAllister mit seinen Töchtern Jamie (6) und Mia (4) am Rednerpult des Landtags. © dpa
Ob dies den Abschied von der Dreigliedrigkeit in Gymnasium, Real- und Hauptschule bedeute, sagte der 39-Jährige nicht. Eine Arbeitsgruppe mit den Kommunen solle eingerichtet werden, anschließend wolle man sich entscheiden. Eine Erhöhung der Lehrerarbeitszeit schloss er aus.
McAllister war am Morgen in geheimer Wahl im Landtag zum Nachfolger von Christian Wulff zum Ministerpräsidenten gewählt worden. 80 Abgeordnete sprachen sich für ihn aus, 67 gegen ihn. Damit fehlten zwei Stimmen aus der CDU/FDP-Koalition für ihn. Die Ministerriege ließ der neue Ministerpräsident unverändert. Nachdrücklich warb McAllister für eine stärkere Integration von Zuwanderern. „Dieses Land sollte Heimat sein für alle, die hier geboren wurden, und für jene, die im Laufe ihres Lebens zu uns gekommen sind, um hier rechtmäßig dauerhaft zu leben und zu arbeiten.“
Die Zukunft, sagte der Ministerpräsident, gehöre den erneuerbaren Energien. Der Anteil der Kernenergie solle nach und nach verringert werden.
Zum Nachfolger McAllisters als CDU-Fraktionschef wurde der 39-jährige Björn Thümler aus der Wesermarsch gewählt, Parlamentarischer Geschäftsführer ist Jens Nacke aus Oldenburg. In den Kreis der Vizefraktionschefs rückt Dirk Toepffer aus Hannover vor.
Mit mehr Arbeit zum Abitur
Jüngere Schüler im Doppeljahrgang erzielen ähnliche Noten wie ältere Mitschüler
Von Bärbel Hilbig, HAZ 30.6.2010
Hannover. Ein Jahr weniger Zeit zum Lernen bis zum Abitur: Das klingt schwierig und scheint doch zumindest dem ersten Schülerjahrgang, der kommendes Frühjahr nach zwölf Jahren Schulzeit in die Prüfungen geht, gut zu gelingen. Ein Schuljahr haben die Jugendlichen bereits in den gleichen Oberstufenkursen wie ihre älteren Mitschüler verbracht, die als letzter Jahrgang in Niedersachsen das Abitur noch nach 13 Jahren machen werdenAn den meisten Gymnasien haben die Lehrer nach dem ersten gemeinsamen Jahr keine Leistungsunterschiede zwischen den Jüngeren und den Älteren festgestellt. „Die Jüngeren sind wirklich motiviert und gleichen damit manches aus“, sagt Gerd Köhncke, bis vor Kurzem Leiter der Käthe-Kollwitz-Schule. Am Kurt-Schwitters-Gymnasium haben die Lehrer sogar akribisch die Klausurnoten der beiden Gruppen verglichen – und kamen zum gleichen Ergebnis.
Der Doppeljahrgang unterscheidet sich in den Zensuren auch nicht von den Vorgängerjahrgängen. „Unsere aktuellen Abiturienten hatten nach dem zweiten Semester denselben Notendurchschnitt wie jetzt der Doppeljahrgang. Für uns ist das ein sehr beruhigendes Ergebnis“, sagt Doris Espel, Leiterin der Schillerschule. Die Zahl der Schüler, die in dieser Phase freiwillig ein Jahr wiederholen oder die Schule verlassen, ist ebenfalls vergleichbar. Das haben mehrere Gymnasien festgestellt.
Doch die unfreiwilligen Pioniere des G-8, wie das Abitur nach acht Jahren am Gymnasium verkürzt genannt wird, müssen für ihre passablen Leistungen deutlich mehr Anstrengung aufwenden. „Sie lernen mit großer Konzentration und richten ihre Aufmerksamkeit stark auf die Schule“, sagt Winfried Baßmann, Leiter des Kurt-Schwitters-Gymnasiums. Freizeitaktivitäten wie Sport im Verein oder Musikunterricht fallen dem häufig zum Opfer.
Eine besonders große Leistungsbereitschaft der G-8-Schüler beobachten auch die Lehrer der Goetheschule. Im Durchschnitt erzielen auch dort beide Lerngruppen ähnliche Noten. Schulleiter Wilhelm Bredthauer hat dennoch Unterschiede ausgemacht. Die älteren Schüler bildeten mit ihren Leistungen ein solides Mittelfeld. Die Jüngeren, die sich stärker anstrengen, zählen oft entweder zur Spitzengruppe des Doppeljahrgangs oder zu den Schlusslichtern. Überrascht habe ihn und sein Kollegium das nicht, sagt Bredthauer. „Wenn man die Bedingungen für einen 100-Meter-Lauf verschärft, fällt das Feld weiter auseinander.“
Die Leistungsbereitschaft der ersten G-8-Schüler, die eigentlich G-7 genannt werden müssten, da sie die fünfte Klasse noch in der Orientierungsstufe verbrachten, hat eine doppelte Ursache. Die Jugendlichen messen sich jetzt an den ein Jahr älteren Mitschülern, mit denen sie gemeinsam das Abitur machen. Und danach konkurrieren beide Gruppen um Studien- und Ausbildungsplätze. Der Doppeljahrgang steht wohl deshalb auch an der Humboldtschule gut da.
Schulleiter Henning Lawes sieht aber Probleme in den unteren Jahrgängen. Die Zahl der Kinder, die sitzen bleiben, sei deutlich gestiegen. „Wir müssen den Schülern wegen der Abiturreform eine höhere Leistungsdichte abfordern. Gleichzeitig kommen verstärkt Einwandererkinder mit sprachlichen Problemen an die Gymnasien.“ Lawes hält deshalb kleinere Klassen mit 25 statt 32 oder 33 Schülern für dringend notwendig. „Wir brauchen außerdem Lehrer, die Förderunterricht und Hausaufgabenhilfe geben.“
Eltern meiden die Hauptschule
Nur 14 Fünftklässler zum nächsten Schuljahr angemeldet– 263 Erstklässler werden erwartet
Wenn im August das neue Schuljahr beginnt, werden fast genauso viele neue Fünftklässler das Gymnasium und die Hauptschule besuchen wie im Vorjahr – die Hauptschule allerdings nach wie vor auf niedrigem Niveau.
Von Susanne Wallentin, LZ 28.6.2010
Seelze. Einzige weiterführende Schule mit steigenden Anmeldezahlen ist die Humboldt-Realschule. Bislang sind dort 102 Schüler für die vier neuen fünften Klassen notiert, nur zwei weniger als im Rekordjahr 2008. „Das ist ein sehr schöner Wert“, sagt Konrektor Manfred Röttgers. 2009 hatten sich nur 89 Schüler angemeldet.
Das Georg-Büchner-Gymnasium (GBG) in Letter zählt mit 171 nur einen neuen Schüler weniger als zuletzt. Davon hätten sich etwa 100 Kinder für die Ganztagsschule angemeldet, sagt Direktor Gerold Müller. Mit den neuen Sechst- und Siebtklässlern werden am GBG nach derzeitigem Stand insgesamt 140 Schüler den Ganztagsbetrieb nutzen. Engpässe gebe es aber deshalb nicht, sagt Müller. Für die Betreuung der Hausaufgabenhilfe hätten sich genug Eltern gefunden, und zu den fünf neuen Arbeitsgemeinschaften seien mit Fußball und Tischtennis noch zwei weitere hinzugekommen.
Nur 16 Fünftklässler werden dagegen ab dem nächsten Schuljahr die Hauptschule besuchen. Das seien mehr als erwartet, heißt es dort. Im vergangenen Jahr hatten sich nur 14 Schüler angemeldet. Sollte aber bei der Elternbefragung im August die erforderliche Anzahl an Interessenbekundungen an einer IGS eingehen, könnte das der letzte fünfte Jahrgang an der Haupt- und auch an der Realschule sein. Die IGS würde dann Mitte 2011 ihre Arbeit aufnehmen, Haupt- und Realschule würden in der Folge auslaufen.
Insgesamt wechseln 276 Grundschüler im Stadtgebiet zu weiterführenden Schulen. 263 Erstklässler rücken nach, das sind 14 weniger als zuletzt. Die kleinste Gruppe mit elf Kindern wird in Almhorst eingeschult. In Lohnde werden 37 neue Kinder erwartet.
Seit dem vergangenen Schuljahr bilden Lohnde und Almhorst gemeinsam die Astrid-Lindgren-Schule. Die Grundschule Dedensen zählt 21 neue Schüler, Harenberg 24. Die größten Grundschulen in Letter (82 Schulanfänger) und Seelze (88) beginnen das neue Schuljahr mit jeweils vier ersten Klassen.
Althusmann will Jungen fördern
Niedersachsen bei Schultest im Mittelfeld
Von Saskia Döhner und Sarah Pankur, HAZ 24.6.2010
Hannover/Berlin. Bei vergleichenden Bildungsstudien kommt Niedersachsen aus dem unteren Mittelfeld nicht heraus. Erneut haben die Länder Bayern und Baden-Württemberg bei einem Ländervergleich am besten abgeschnitten, Bremen landete ganz hinten. „Mein Ziel ist es, dass Niedersachsen im Länderranking unter die ersten fünf kommt“, sagte Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) gestern.
Getestet worden war die sprachliche Kompetenz von Neuntklässlern in den Fächern Deutsch, Englisch und Französisch. Mädchen haben dabei die Nase vorn, in Deutsch und Englisch beträgt das Wissensvorsprung gegenüber Jungen ein halbes, in Rechtschreibung sogar ein Schuljahr. Althusmann sagte: „Wir brauchen eine gezieltere Jungenförderung an den Schulen.“ Vor allem in der Lesekompetenz lägen Jungen zurück.
Nicht nur das Geschlecht, sondern auch die soziale Herkunft ist entscheidend für den Bildungserfolg. Migrantenkinder und Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern benötigten mehr individuelle Hilfen, sagte der Präsident der Kultusministerkonferenz, Bayerns Schulminister Ludwig Spaenle (CSU). Niedersachsens Kultusminister Althusmann betonte, wichtig sei es, Kinder von klein auf bestmöglich zu unterstützen. Der Sprachförderung komme dabei eine besondere Bedeutung zu, auch die Eltern müssten stärker eingebunden werden – etwa über den an 37 Grundschulen in Niedersachsen angebotenen islamischen Religionsunterricht.
Nur Mittelfeld – trotz der Reformen
Opposition kritisiert Ergebnis der Pisa-Studie
Von Saskia Döhner und Eckhard Stengel, HAZ 24.6.2010
Hannover/Bremen. Vergleichsarbeiten, Zentralabitur, eigenverantwortliche Schule, Sprachförderung und Schulinspektion – an Reformen hat es in den vergangenen Jahren wahrlich nicht gemangelt. Dennoch hat Niedersachsen bei der jüngsten Bildungsstudie wieder nur mittelmäßig abgeschnitten. Dabei will Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) im Ländervergleich doch gern unter den ersten fünf landen, und seine Vorgängerin Elisabeth Heister-Neumann hatte sich vor zwei Jahren auch schon „langfristig einen Platz in der Spitzengruppe“ gewünscht.
Der Erfolg mancher Reformen, wie etwa der verbindliche Sprachtest vor der Einschulung, den Niedersachsen als erstes Bundesland eingeführt hat, werde sich erst in einigen Jahren zeigen, meint Althusmann. Ähnlich argumentiert seine Bremer Kollegin Renate Jürgens-Pieper (SPD), die früher Kultusministerin in Niedersachsen war. Obwohl in Bremen nach dem Pisa-Schock vor zehn Jahren das Schulsystem gründlich umgekrempelt worden sei und die Kinder mehr gefördert würden, hätten die jetzt getesteten Neuntklässler noch weitgehend unter alten Bedingungen gelernt. „Das Bildungssystem ist ein großer, schwerer Tanker“, sagte Jürgens-Pieper gestern. „Wir haben noch eine lange Strecke vor uns.“
Auch Althusmann versprach: „Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, um die Qualität der Schulen zu verbessern.“ Verbesserungswürdig sei vor allem die Lesekompetenz und die Rechtschreibung. „Das sichere Beherrschen der deutschen Sprache ist besonders wichtig für den Bildungserfolg“, sagte der Minister. Deshalb investiere das Land jährlich sechs Millionen Euro für die Sprachförderung im Kindergarten und 15 Millionen Euro für die verbindlichen Sprachtests bei den Schulanfängern. Auch im Fach Englisch liegen die niedersächsischen Schüler unter dem Bundesdurchschnitt. Es gelte, die Aus- und Fortbildung der Lehrer voranzutreiben, sagte Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU).
Kinder aus Akademikerfamilien haben in Niedersachsen eine 5,8-mal so hohe Chance, aufs Gymnasium zu kommen, wie ein Facharbeiterkind. Das soziale Gefälle ist damit ausgeprägter als im Bundesschnitt, wo die Chance für einen Schüler aus der Oberschicht auf einen Gymnasialbesuch 4,5-mal größer ist. Die Grünen sprachen gestern von einer „inakzeptablen Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Bildungserfolg“. Das mehrgliedrige Schulsystem habe „ausgedient“, sagte die Landesvorsitzende Stefanie Henneke.
„Das Aufteilen der Kinder mag der Spitzenförderung dienen, wie das Abschneiden Bayerns und Baden-Württembergs zeigt, doch in der Breite versagt das System.“ Auch Frauke Heiligenstadt (SPD) betonte, diese Bildungsungerechtigkeit dürfe man nicht länger hinnehmen. Das mittelmäßige Abschneiden sei nicht die Schuld der Lehrer oder Schüler, sondern der schlechten Bedingungen: „Zu große Klassen, drastischer Fachlehrermangel, hoher Unterrichtsausfall und die ständige Verunsicherung der Lehrer tragen einen großen Teil der Schuld.“ Die Linken bemängelten die Kluft zwischen den leistungsstarken und -schwachen Schülern.
GEW-Landesvorsitzender Eberhard Brandt zweifelt generell an dem Sinn von Vergleichsstudien: „Ein Gymnasium, das von 20 Prozent eines Schülerjahrgangs besucht wird, kann man doch nicht mit einem 40- bis 50-Prozent-Gymnasium messen.“ Schüler in ländlichen Gebieten müssten höhere Chancen auf einen Zugang zum Abitur erhalten. Das Rankingergebnis zeige jedoch auch, dass die meisten Reformen keine Auswirkungen auf die Unterrichtsqualität gehabt hätten.
KOMMENTAR VON SASKIA DÖHNER: Wo bleiben die türkischen Lehrer? Bildungsstudien interpretiert jeder so, wie es ihm gefällt. Für die einen zeigt das mittelmäßige Abschneiden Niedersachsens, dass Länder wie Bayern und Baden-Württemberg, die nur leistungsstarke Schüler an ihre Gymnasien lassen, es richtig machen. Für die anderen ist ganz klar, dass Gymnasien ihre Schüler nicht richtig fördern und die Antwort darauf nur „mehr Gesamtschulen“ lauten kann. Recht hat keiner. Entscheidend ist nicht, ob ein Land im Bundesvergleich auf Platz 3, 7 oder 10 landet, sondern entscheidend ist, dass auch zehn Jahre nach Pisa in Deutschland immer noch die soziale Herkunft viel zu ausschlaggebend für den Bildungserfolg ist. Es kann auch nicht sein, dass Jahr um Jahr und Studie um Studie festgestellt wird, dass Kinder aus Familien ausländischer Herkunft durchweg schlechtere Leistungen erbringen als ihre deutschen Klassenkameraden. Hoffnung macht immerhin, dass sich diese Erkenntnis mittlerweile bei allen Parteien durchgesetzt hat, egal, welches Schulsystem sie bevorzugen. Richtige Ansätze – wie die verbindlichen Sprachtests und die Sprachförderung im Kindergarten – gibt es in Niedersachsen. Wann kommen endlich die türkischen Grundschullehrer und Erzieherinnen, die helfen, diese Projekte umzusetzen und auch die Eltern erreichen können? Denn ohne deren Einbindung wird es nicht gehen.
Die Wunstorfer Jusos wollen mehr IGS
Von Albert Tugendheim, LZ 22.6.2010
Wunstorf. Die Juso AG Wunstorf freut sich angesichts der hohen Anmeldezahlen über den überwältigenden Zuspruch zur neuen integrierten Gesamtschule (IGS) in Wunstorf. „Wir sehen die Entwicklung der Schullandschaft in Wunstorf auf einem guten Weg. Den vielen Kindern, die nicht aufgenommen wurden, müssen aber Alternativen geboten werden“, schreibt die Juso-Sprecherin Alexandra Girod in einer Pressemitteilung.
Mehr als 190 Anmeldungen für die nach den Sommerferien in der Scharnhorstschule startende IGS sind eingegangen. Weil die fünfzügig angelegte Schule nur 150 Schüler in den ersten fünften Jahrgang aufnehmen kann, musste das Los entscheiden. Der große Zuspruch ist für die Jusos ein Indiz dafür, dass das mehrgliedrige Schulsystem ein Auslaufmodell sei.
„Die IGS ist die Schulform, welche den Schülern die besten Möglichkeiten bietet, sich zu entwickeln“, schreibt Girod weiter. Deshalb müsse über eine Ausweitung des Angebots diskutiert werden. Eine Vergrößerung der bestehenden IGS oder eine zweite Gesamtschule, beispielsweise in Steinhude, sind für die Jusos nur zwei Ansätze, die in Betracht gezogen werden könnten. Außerdem müsse sich auch die Blockadehaltung der Landesregierung in der Schulpolitik endlich lockern.
„Wir brauchen kleinere Klassen an allen Schulen, die Lehrmittelfreiheit und die Möglichkeit des Abiturs nach 13 Jahren sollten wieder eingeführt werden. Schüler und Lehrer müssen entlastet werden, um ein Lernen und Lehren in einer guten Atmosphäre zu verwirklichen“, schreibt Girod.
SPD hofft in Seelze auf 2500 Unterschriften
Partei unterstützt Schul-Volksbegehren
Von Ralf Heußinger, LZ 22.6.2010
Seelze. Mit Informationsständen und Werbung in den einzelnen Abteilungen will die SPD mithelfen, dass das Volksbegehren für bessere Schulen erfolgreich ist. Das Ziel der Sozialdemokraten: In Seelze sollen insgesamt 2500 Bürger für die Aktion unterschreiben. Damit würde zumindest in Seelze die landesweit geforderte Hürde von zehn Prozent der Wahlberechtigten geschafft.
Bisher ist aber nur ein Grundstein für das Vorhaben gelegt: Parteimitglieder reichten gestern 330 Unterschriften im Rathaus ein. Diese waren in den vergangenen Wochen an Ständen in Harenberg, Letter und Seelze sowie in den Abteilungen gesammelt worden und werden nun von der Stadtverwaltung auf ihre Gültigkeit überprüft. Gut 600 weitere Unterschriften haben die Bürger bisher zudem im Rathaus abgegeben.
Um das Volksbegehren zum Erfolg zu machen, müssen bis etwa Ende des Jahres gut 608 000 Menschen in ganz Niedersachsen unterschreiben. Wie Andrea Hesse, Sprecherin der Initiatoren sagt, sind bisher etwas mehr als 100 000 Unterschriften eingegangen.
Die Seelzer Genossen unterstützen vor allem die Forderung nach einer Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium. „Das Turbo-Abi belastet die Schüler stark“, sagt SPD-Ratsmitglied Karin Albrecht. „Kinder brauchen die Zeit zum Lernen, und das ist unter den jetzigen Bedingungen nicht möglich.“
Auch die Forderung, IGS-Gründungen zu erleichtern, hält die SPD für richtig. Auswirkungen auf die geplante IGS in Seelze hat das Volksbegehren jedoch nicht mehr. Die Aktion läuft noch mindestens bis Ende 2010. Selbst bei einem Erfolg ist offen, ob und wann die Forderungen in Gesetze gegossen werden. In Seelze sollen jedoch bereits im August erneut die Eltern gefragt werden, sodass bei Erfolg die IGS 2011 öffnen könnte.
Kay-Uwe Kiene (von links) vom Rathaus nimmt aus den Händen von Julian Rabe, Karin Albrecht und Riza Uka die Unterschriften entgegen.Oheim
Den Gymnasien gehen die Lehrer aus
Von Saskia Döhner, HAZ 22.6.2010
Hannover. Weil auch die Lehrer an Gymnasien anfangen, ihre seit 1998 angesammelten Überstunden auszugleichen, werden im Jahr 2012 landesweit knapp 1500 Lehrerstellen fehlen. Das geht aus der Antwort des Kultusministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Ina Korter hervor. Am stärksten betroffen sind die Gymnasien – mit rund 840 fehlenden Lehrerstellen. „Wir betrachten das mit großer Sorge“, sagt der Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz. Zwar werde nach dem doppelten Abiturjahrgang 2011 eine Entlastung von 1000 bis 1100 Stellen erreicht, aber mindestens 400 Pädagogen fehlten dennoch.
„Nach 2011 sollte nach der Aussage der Landesregierung eigentlich alles besser werden“, sagt Landeselternratsvorsitzender Pascal Zimmer. „Doch jetzt steht auf einmal alles wieder in den Sternen.“ Es sei fraglich, ob die versprochene Entlastung der Schulleiter und die Verkleinerung der Klassen tatsächlich kämen. Die Spardiskussion sei das falsche Signal an Menschen, die Lehrer werden wollten. „Die werden abgeschreckt, und der Fachlehrermangel wird immer größer werden.“ Eberhard Brandt, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, fordert einen Stufenplan zur Klassenverkleinerung. Ziel müsse es sein, die Klassenobergrenze in der Sekundarstufe I (Klasse 5 bis 9) von 32 auf 25 Kinder und in den Grundschulen von 28 auf 20 zu senken.
Zu wenig Geld für Bildung
Neuer Bericht: Ausgaben seit 1995 gesunken
Von Karl-Heinz Reith, dpa 18.6.2010
Berlin. Deutschland gibt noch immer erheblich weniger Geld für Bildung aus, als andere vergleichbare Industrienationen. Dies geht aus dem neuen Bildungsbericht von Bund und Ländern hervor, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde.
Allerdings sind in Einzelbereichen Verbesserungen zu verzeichnen. So stiegen die durchschnittlichen Ausgaben pro Schüler von 4300 Euro (1995) auf 5000 Euro pro Jahr (2008). Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) sanken jedoch die Gesamtausgaben von Staat und Privatwirtschaft für Bildung von 6,8 Prozent (1995) auf 6,2 Prozent (2008). Vom Ziel des Bund-Länder-Bildungsgipfels, bis 2015 die Gesamtausgaben von Staat und Wirtschaft für Bildung auf 7 Prozent und für Forschung auf 3 Prozent anzuheben (Zehn-Prozent-Ziel) ist Deutschland damit aber noch weit entfernt. Die Gesamtausgaben von Staat und Wirtschaft für Bildung beziffert der Bericht mit 147,8 Milliarden Euro (2007).
Der Bildungsforscher Horst Weißhaupt, unter dessen Federführung der Bericht entstanden war, sagte, trotz des erheblichen Schülerrückganges in den kommenden Jahren müsse das gegenwärtige Niveau der Bildungsausgaben „mindestens erhalten bleiben“. Für zusätzliche Aufgaben, wie etwa den Ausbau der frühkindlichen Bildung und Betreuung, müsse es dagegen auch zusätzliches Geld geben.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband rechnete umgehend mit der deutschen Bildungspolitik ab. „Wir stehen vor einem bildungspolitischen Scherbenhaufen, der das Ergebnis jahrzehntelanger Untätigkeit ist“, kritisierte der Verbandsvorsitzende Eberhard Jüttner. Das bestehende Bildungssystem fördere die soziale Ausgrenzung, reproduziere und zementiere soziale Ungleichheiten, kritisiert der Verband.
Schulstruktur wird im Herbst überprüft
IGS in der Südstadt fraglich
Von Bärbel Hilbig, HAZ 18.6.2010
Hannover. Die Stadtverwaltung will erst im Herbst mögliche Konsequenzen aus den gesunkenen Anmeldezahlen an Hauptschulen und der weiter sehr großen Nachfrage nach Gesamtschulen ziehen – wenn die tatsächliche Zahl der Fünftklässler an den verschiedenen Schulformen feststeht. Wie berichtet lagen nach den offiziellen Anmeldeterminen nur 74 Anfragen für die Hauptschulen vor gegenüber 150 im Vorjahr. Doch gehen an dieser Schulform weiterhin Anmeldungen ein.
Die Stadt hatte als eine Alternative zur Gesamtschule auch die Zusammenlegung von Hauptschulen und Realschulen verfolgt. Dieses Modell scheint bei Eltern jedoch meist besonders wenig beliebt zu sein. In der Südstadt zum Beispiel fusionieren zum August Gustav-Stresemann-Realschule und Heinrich-Heine-Schule. Bisher reichen die Anmeldungen nur zur Bildung einer Hauptschul- und einer Realschulklasse.
„Wir haben mit viel Aufwand eine gute neue Schule auf die Beine gestellt“, sagt Wolfgang Drücker, bisheriger Leiter der Gustav-Stresemann-Realschule. Die geringen Anmeldezahlen seien enttäuschend, aber keine Überraschung. Südstädter Eltern hatten sich vehement für die Bildung einer Gesamtschule statt einer kombinierten Haupt- und Realschule eingesetzt. Drückers Realschule besuchten früher auch etliche Kinder aus dem Norden der Stadt. „Das ist seit der Gründung der IGS Stöcken völlig eingebrochen.“ In der Südstadt gibt es jedoch kein Schulgebäude, das genügend Platz für eine IGS mit fünf Klassen pro Jahrgang, wie bisher vorgeschrieben, bietet.
Hauptschulen: Neue Schließungen drohen
Nur 74 Kinder angemeldet
Von Bärbel Hilbig, HAZ 17.6.2010
Hannover. Die Schülerzahlen an den Hauptschulen sinken weiter: Für das neue Schuljahr im August konnten die Schulen bisher nur 74 Anmeldungen von Fünftklässlern verzeichnen. Im Juni vergangenen Jahres lag die Zahl noch bei 150 Schülern. „Es ist völlig klar, es wird zu weiteren Schulschließungen kommen“, sagt Rainer Lubert, Sprecher der hannoverschen Hauptschulleiter. Der drastische Einbruch werde sicher nicht mehr ausgeglichenAllerdings rechneten die Hauptschulen durchaus noch mit weiteren Anmeldungen, erklärt Lubert. Denn gerade bei dieser Schulform kümmerten sich manche Eltern nicht um die Anmeldetermine für ihre Kinder. In Hannover gibt es nur noch vier Hauptschulen und drei kombinierte Haupt- und Realschulen, die neue Fünftklässler aufnehmen. Die Heisterbergschule in Ahlem bekam bisher nur Anmeldungen für eine Realschulklasse, die anderen sechs Hauptschulen teilen sich die 74 neuen Hauptschüler. Pro Schule wird es nach bisherigem Stand je eine kleine Klasse geben.
Die Realschulen stehen mit 458 angemeldeten Fünftklässlern zwar besser da als die Hauptschulen, doch im Vorjahr konnten sie im August noch mit 538 neuen Schülern starten. „Wir haben ja auch zwei Realschulen weniger, weil diese in Gesamtschulen aufgehen“, sagt Enno Dargatz, Sprecher der Realschulleiter. Dennoch sehen die Zahlen auch für manche Realschule nicht erfreulich aus. Dargatz spricht von einem „erheblichen Einbruch“. Die sechs eigenständigen Realschulen werden je zur Hälfte mit zwei oder drei fünften Klassen das Schuljahr beginnen. Die drei kombinierten Haupt- und Realschulen eröffnen jeweils nur eine Realschulklasse – das spricht nicht für die Beliebtheit dieses Modells. Die Peter-Petersen-Schule ist genau auf diese Größe ausgelegt. Doch für die jetzt fusionierende Heinrich-Heine-Schule/Gustav-Stresemann-Realschule stehen die Zeichen schlecht. Die Heisterbergschule muss sogar ohne Hauptschulklasse und mit nur einer Realschulklasse auskommen.
Die Gymnasien zählten 1854 Anmeldungen und liegen damit quasi auf Vorjahresniveau, als dort 1900 Fünftklässler begannen. „Die Ströme, die zur Integrierten Gesamtschule gehen, kommen woanders her – das belegen die Zahlen“, sagt Doris Espel, Sprecherin der Gymnasialleiter. Stadtweit wird es 63 fünfte Klassen an Gymnasien geben. „Wir haben alle Schüler untergebracht, die an ein Gymnasium wollten. Die Stadt hat genügend Platz vorgehalten“, betont Espel. Vier Gymnasien bekamen allerdings zu viele Anmeldungen, rund 130 Schüler müssen auf andere Gymnasien ausweichen.
Die Integrierten Gesamtschulen konnten, wie bereits berichtet, dieses Jahr mit 1511 Anmeldungen einen neuen Rekord aufstellen. Allerdings stehen dort nur 1443 Plätze zur Verfügung. Realschulleiter Dargatz ärgert sich angesichts dieser Situation, dass offenbar manche Grundschullehrer die Eltern vor allem in Richtung Gesamtschule orientieren. „Manche Eltern sind stark verunsichert und fragen uns, ob sie ihr Kind denn noch bei uns an der Realschule anmelden können“, sagt Dargatz. Hauptschulen und Realschulen bekämen ab der sechsten Klasse neue Schüler, die in anderen Schulformen gescheitert seien, berichtet Lubert.
Zoff um Lehrerstellen
Althusmann rät zur Gelassenheit / Beschluss im August
Von Saskia Döhner, HAZ 17.6.2010
Hannover. Plant das Kultusministerium im kommenden Schuljahr rund 2000 freiwerdende Lehrerstellen aus Spargründen erst mit sechsmonatiger Verzögerung zu besetzen? Kultusminister Bernd Althusmann hat entsprechende Medienberichte über einen internen Vermerk des Ministeriums ins Reich der Spekulation verwiesen. „Dies ist nur einer von vielen Vermerken, der in die Öffentlichkeit gelangt ist“, sagt der CDU-Politiker gestern dieser Zeitung. Er selbst kenne das Papier gar nicht.
„Ich rate zum Abwarten und zur Gelassenheit“, sagte Althusmann. Er habe im Vorfeld der für ursprünglich nächste Woche angesetzten Sparklausur des Kabinetts Gespräche mit Finanzminister Hartmut Möllring geführt. „Das haben auch die anderen Kabinettskollegen getan.“ Entscheidungen würden erst bei der inzwischen auf Anfang August verschobenen Klausur getroffen. Klar sei aber, dass auch der Kultusbereich seinen Beitrag zur Konsolidierung des Haushalts leisten müsse. Vermutlich müssten zwischen 80 und 100 Millionen Euro eingespart werden. „Das wird wehtun“, räumte der Minister ein.
Bildungsverbände und Oppositionsparteien reagierten gestern jedenfalls alarmiert auf den Vorschlag, Lehrerstellen verzögert zu besetzen. „Die Zahlen bestätigen unsere schlimmsten Befürchtungen“, sagte Frauke Heiligenstadt (SPD). Die ohnehin schon missliche Situation an den Schulen werde noch schlechter, es bleibe bei großen Klassen, das Problem des Unterrichtsausfalls werde sich wahrscheinlich noch verzögern. Ina Korter (Grüne) sprach von katastrophalen Vorschlägen. Gitta Franke-Zöllmer, Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, kritisierte, während sich der scheidende Ministerpräsident Christian Wulff auf „seinem Zukunftsweg nach Berlin“ befinde, solle nun sein Nachfolger auf dem Rücken von Kindern, Eltern und Lehrern das große Haushaltsdefizit abdichten.
„Jungen besser fördern“: Kultusminister Althusmann kündigte angesichts einer Expertentagung, die heute in Hannover stattfindet, an, dass Lehrer das unterschiedliche Lernverhalten der Geschlechter künftig stärker in den Blick nehmen sollen. Der Jungenanteil unter den Hauptschülern liege bei 57 Prozent, während es bei den Gymnasiasten nur 46 Prozent seien. „Wir müssen Jungen speziell fördern, so wie wir auch Mädchen besonders fördern“, unterstrich der Unionspolitiker. Jungen seien oft mehr an Mathematik und Naturwissenschaften interessiert, entscheidend sei aber auch die Lesekompetenz.
Änderung bei Klassenbildung
Von Saskia Döhner, HAZ 10.6.2010
Hannover. Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) will zulassen, dass nicht mehr in jedem Jahrgang Klassen neu gebildet werden müssen, wenn die Schülerzahl unter die festgelegte Klassenobergrenze sinkt, etwa weil Kinder wegziehen oder sitzen bleiben. Wegen sinkender Schülerzahlen und der guten Unterrichtsversorgung soll jetzt am Ende der ersten und der fünften Klasse auf eine Neubildung verzichtet werden, kündigte Althusmann in der gestrigen Landtagssitzung an. Seine Vorgängerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) hatte erst im vergangenen Sommer verfügt, dass nicht mehr im Zweijahresrhythmus, sondern jährlich Klassen neu gebildet werden sollen.
An allen Schulen fehlen Musiklehrer
„Nachwuchssituation ist dramatisch“ / Kultusministerium weist Vorwürfe zurück
Von Saskia Döhner, HAZ 10.6.2010
Hannover. Vorgestern haben Ministerpräsident Christian Wulff und Kultusminister Bernd Althusmann (beide CDU) in Hannover erklärt, wie wichtig der Landesregierung das Singen im Unterricht ist. Mit Schülern haben sie gleich auch noch ein Liedchen geträllert. Die Wahrheit an den Schulen im Lande sehe allerdings ganz anders aus, sagen Vertreter des Verbandes Deutscher Schulmusiker, Musikpädagogikprofessoren und Referendarsausbilder. Von Lippenbekenntnissen der Politiker – gesungenen wie gesprochenen – hätten sie ohnehin die Nase voll.
Das Kultusministerium weist die Vorwürfe zurück. „Die Zahl der Musiklehrer ist von 4432 im Jahr 2000 auf 4913 im laufenden Schuljahr angestiegen“, sagt Sprecherin Corinna Fischer. Allein im laufenden Schuljahr seien 192 Pädagogen eingestellt worden. Niedersachsen sei das einzige Land, das schon in der Grundschule Musik als eigenständiges Fach ausweise, mit zwei Wochenstunden in Klasse 3 und 4.
„Überall fehlen Musiklehrer“, entgegnet Prof. Hans Bäßler von der Musikhochschule Hannover. An den Förderschulen sei die Versorgung mit unter drei Prozent gar nicht messbar. Bei den Grundschulen liege die Versorgung unter 20 Prozent, bei den Haupt- und Realschulen bei 37 Prozent und an Gymnasien immerhin bei 60 Prozent.
Und Besserung sei nicht in Sicht: „Die Nachwuchssituation ist dramatisch, eine ganze nachfolgende Generation steht quasi ohne Musiklehrer da“, betont Klaus-Jürgen Etzold, der am Studienseminar Hannover Musikpädagogen für die Gymnasien ausbildet. Rund 200 Nachwuchslehrer müssten nach Expertenschätzungen jährlich ihr Studium aufnehmen. Es sind nicht annähernd so viele. Die Anforderungen seien in Niedersachsen aber auch besonders hoch, beklagt der Verband der Schulmusiker. Während sich die Studenten in anderen Bundesländern allein auf das Fach Musik konzentrieren könnten, gilt in Niedersachsen das Zwei-Fach-Prinzip. Professoren fordern schon seit Langem, dass Gymnasialmusiklehrer das zweite Fach nicht mehr bis zur Oberstufe studieren, sondern nur noch die sogenannte kleine Fakultas (eigentlich für Unterricht bis Klasse 10) absolvieren sollten.
Hartmut Geiling, Vorsitzender des Schulmusiker-Verbandes, sagt, der neue Erlass zu Haupt- und Realschulen sei nur eine Mogelpackung. Danach sollen Realschüler in den Klassen 5 bis 10 insgesamt 13 Stunden Unterricht im Fachbereich musisch-kulturelle Bildung haben, bei den Hauptschülern sind es elf. Das Kultusministerium hatte seine ursprünglichen Kürzungspläne nach heftigen Protesten korrigiert, den Unterricht an Hauptschulen sogar um eine Stunde erweitert. Für den Musikunterricht bringe dies aber nichts, sagt Geiling: „Wenn kein Musiklehrer da ist, haben die Schüler haben eben stattdessen Kunst.“
KOMMENTAR: Musik, nicht Kunst Schulen suchen händeringend Musiklehrer. Hehre Landesprogramme zur Musikförderung und Tricksereien bei den Lehrplänen helfen da nicht weiter. Natürlich darf man Kunst, Musik und Werken zu einem Fachbereich zusammenfassen, aber das eine Fach kann das andere nicht ersetzen. Es ist eben nicht egal, ob die Schüler Bilder malen oder singen und musizieren. Musikunterricht sollte die gesamte Schullaufbahn hindurch, auch und gerade an den Haupt- und Realschulen, erteilt werden. Natürlich kann die Landesregierung keine Musikpädagogen aus dem Hut zaubern. Aber das Wissenschafts- und das Kultusministerium sollten bei den strengen Studienvorgaben nicht weiterhin auf stur schalten und auch das Ein-Fach-Studium erlauben. Dass er flexibel reagieren kann, hat Kultusminister Bernd Althusmann schon bewiesen. Saskia Döhner
IGS: Seelze hofft auf Plätze in Hannover
Der Ansturm ist groß, Verschiebungen sind wahrscheinlich
Von Ralf Heussinger und Frank Walter, LZ 5.6.2010
Seelze/Hannover. Obwohl der Ansturm auf die Plätze an Gesamtschulen in der Landeshauptstadt groß ist, hofft die Stadt Seelze, dass auch Schüler aus ihrem Bereich berücksichtigt werden. Schließlich – das hatte die Elternbefragung im Herbst 2009 gezeigt – besteht gerade bei den jetzigen Viertklässler ein großer Bedarf an IGS-Plätzen. Die in Seelze geplante Gesamtschule soll aber erst zum Schuljahr 2011/2012 ihren Betrieb aufnehmen.
„Wir gehen davon aus, dass sich die Situation in Hannover noch entspannt, gerade vor dem Hintergrund der zwei neuen Gesamtschulen in Vahrenwald und Badenstedt“, sagte Stadtsprecherin Martina Krapp mit Blick auf Zeitungsmeldungen, dass die Gesamtschulen in Hannover einen Anmelderekord verzeichneten. Nach den bisherigen Zahlen stünden den 1551 Anmeldungen 1443 Plätze für Fünftklässler gegenüber, hieß es Mitte der Woche.
Seelzer Schüler können sich jedenfalls weiter an den hannoverschen Gesamtschulen bewerben. Ob sie dort auch unterkommen, ist allerdings offen. Dies geschehe „im Rahmen freier Kapazitäten“, sagte Susanne Stroppe, Sprecherin der Stadt Hannover. Zunächst würden Schüler aus Hannover berücksichtigt. Wohnortnähe und mögliche Geschwister an der Schule spielen laut Stroppe eine Rolle bei der Vergabe. Die Entscheidung, ob ein Schüler angenommen wird, liege allein bei den Schulen. Wer sich früher als andere angemeldet hat, hat dagegen keine besseren Chancen. „Das Windhundprinzip findet keine Anwendung“, sagte Stroppe.
Werner Schlüter, Leiter der Seelze nahegelegenen IGS Stöcken, sprach auf Anfrage von einem „großen Verschiebebahnhof“. Unter Umständen blieben noch Plätze auch für Seelzer Schüler frei. „Wirklich Klarheit haben wir wohl erst am 1. August.“
Eltern bleiben Veranstaltung zur IGS fern
Wenig Zuspruch
Von Nicola Wehrbein, LZ 5.6.2010
Seelze. Fühlen sich die Eltern bereits ausreichend informiert? Bei der Informationsveranstaltung der Stadt zur Einführung der integrierten Gesamtschule (IGS) am Donnerstagabend jedenfalls sind die meisten Stühle leer geblieben.
Vor nicht einmal 30 Zuhörern berichtete der Erste Stadtrat Karsten Balzer über die Pläne. Sollte bei der Elternbefragung im August die erforderliche Anzahl an Interessenbekundungen eingehen, würde die IGS Mitte 2011 ihre Arbeit aufnehmen. Haupt- und Realschule liefen dann in der Folge aus. Das Land genehmigt aktuell jedoch keine IGS mit Oberstufe und Ganztagsbetrieb. Edith Ehlers-Mertens, Leiterin der Humboldt-Realschule, sprach denn auch von einer verkappten Haupt-und Realschule, einer Mogelpackung. „Welche Argumente gibt es denn, ein Kind mit Gymnasialempfehlung auf einer IGS ohne Oberstufe anzumelden?“, fragte Mutter Anke Peukert. Gerade die Mischung sei doch wesentlicher Bestandteil des IGS-Konzepts.
Edith Ehlers-Mertens (links), Leiterin der Humboldt-Realschule, spricht von einer IGS-Mogelpackung und trifft damit die Bedenken einiger Eltern. Viele Stühle bleiben allerdings leer. Wehrbein
Werner Schlüter, Leiter der IGS Stöcken, verwies auf die etablierten Gesamtschulen, die mittlerweile auch leistungsstarke Kinder anzögen. Man müsse die Schule halt attraktiv machen. „Ein Schulwechsel nach Klasse zehn bietet auch Chancen. Das geruhsamere Lernen an einer IGS sowie die Förder- und Fordermöglichkeiten kommen den Kindern zugute.“
Eine IGS sei die einzig denkbare Alternative zur immer weniger nachgefragten Hauptschule, betonte deren Leiterin Alexandra Khallafi.
Gesamtschulen verzeichnen Anmelderekord
1511 Familien wollen Kind an eine IGS schicken / Plätze reichen trotz Aufstockung nicht aus
Von Bärbel Hilbig, HAZ 2.6.2010
Hannover. 1511 Familien wollen ihre Kinder im August in die fünfte Klasse einer Integrierten Gesamtschule in Hannover schicken – das sind mehr Anmeldungen denn je. Im vergangenen Sommer hatten sich 1350 Eltern für eine IGS entschieden, doch nicht alle Kinder konnten berücksichtigt werden. In diesem August gehen mit der IGS Badenstedt und der IGS Büssingweg in Vahrenwald zwei weitere Gesamtschulen mit jeweils fünf Klassen an den Start. Doch auch dieses Mal wird das Platzangebot voraussichtlich nicht ausreichen. Nach den bisherigen Zahlen stehen den 1511 Anmeldungen stadtweit 1443 Plätze für Fünftklässler gegenüber. Demnach würden rund 70 Kinder bei der Platzvergabe leer ausgehen.
Doch bis die Anmeldungen für Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien abgeschlossen sind, kann es noch zu Verschiebungen kommen. Manche Eltern, die ihr Kind nicht an der gewünschten IGS unterbringen können, wählen vielleicht doch eine Schule aus dem dreigliedrigen System. Auf der anderen Seite haben offenbar etliche Eltern ihre Kinder noch gar nicht angemeldet. Als die Schulverwaltung im Februar die Eltern der Viertklässler nach ihren vorläufigen Wünschen befragte, sahen die Zahlen für die Gesamtschulen noch anders aus. Zu den Anmeldungen an der IGS erschienen jetzt mehr Kinder mit Realschul- oder Gymnasialempfehlung, aber weniger Kinder mit Hauptschulempfehlung. Christoph Walther, Sprecher der IGS-Leiter, rechnet deshalb mit rund 50 Nachmeldungen.
„Die Anmeldezahlen für die Gesamtschulen sind deutlich. Es gibt sicherlich bei vielen Eltern den Wunsch, dass ihr Kind die gesamte Schulzeit an einer Schule verbringt“, sagt Walther, der selbst die IGS Linden leitet. „Eltern wissen, dass ihre Kinder bei uns nicht unter allen Umständen nach zwölf Jahren das Abitur machen müssen.“ Als weiteren Pluspunkt sieht Walther das breite Ganztagsangebot an Gesamtschulen an. Bernd Steinkamp, Leiter der IGS Roderbruch, geht sogar davon aus, dass sich die Zahl der IGS-Schüler in der fünften Klasse der Zahl der Gymnasiasten annähern wird.
Die bisherigen Anmeldungen verteilen sich allerdings sehr unterschiedlich auf die ab August neun Gesamtschulen. An der IGS Roderbruch stehen 344 Anfragen knapp 180 Plätzen gegenüber. Einen „Lena-Meyer-Landrut-Effekt“ sieht Schulleiter Steinkamp darin aber nicht. Im Vorjahr hatte die Schule bereits die hohe Zahl von 330 Anmeldungen verzeichnet. Die IGS List bekam ähnlich wie im Vorjahr 172 Anmeldungen auf 120 Plätze. Auch IGS Linden und IGS Mühlenberg können nicht alle angemeldeten Schüler aufnehmen.
Die IGS Badenstedt, die erst im August ihre Arbeit aufnimmt, bekam aus dem Stand 121 Anmeldungen, maximal 20 Kinder mehr könnten dort die fünfte Klasse besuchen. Auch an der IGS Kronsberg wäre noch Platz für rund 20 weitere Kinder. Auch die IGS Stöcken könnte noch einige Schüler aufnehmen. Besonders niedrig liegen die Anmeldezahlen bisher an der IGS Vahrenheide und der neu gegründeten IGS Büssingweg. Auf Anhieb meldeten sich dort zunächst nur 70 (Vahrenheide) und 49 Familien.
Das Lena-Wunder
„Ich muss jetzt meiner Stellvertreterin eine Flasche Sekt ausgeben, sie hat voll auf Sieg gesetzt. Angesichts der Schulpolitik der Landesregierung finde ich es eine schöne Pointe, dass ausgerechnet eine Gesamtschülerin Deutschland so gut vertreten hat.“
Bernd Steinkamp, Leiter IGS Roderbruch, HAZ 31.5.2010
26 050 Unterschriften für 13 Schuljahre
Viele Hannoveraner unterstützen das „Volksbegehren für gute Schulen in Niedersachsen“
Von Dirk Meyland, HAZ 28.5.2010
Hannover. Mehr als 25 000 Hannoveraner haben bislang das „Volksbegehren für gute Schulen in Niedersachsen“ mit ihrer Unterschrift unterstützt. Am Donnerstag überreichte Stadtelternratsvorsitzende Ute Janus im Neuen Rathaus ein Paket mit 3019 Signaturen an Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil. Ziel des Volksbegehrens ist eine Wiedereinführung des 13. Schuljahres an Gymnasien und Gesamtschulen.
Niedersachsenweit müssen dafür bis zum 2. Dezember dieses Jahres 608 731 Unterschriften gesammelt sein. Das entspricht zehn Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung. Bislang wurden insgesamt etwa 90 000 Unterschriften geleistet. Besonders fleißig beteiligten sich die 210 Schüler der Glockseeschule in Döhren an der Initiative. Unter dem Motto „Jetzt schlägt's 13!“ sammelten sie innerhalb von knapp zwei Monaten 3329 Unterschriften – das entspricht immerhin 0,5 Prozent der insgesamt benötigten Anzahl. Die Organisatoren hatten 2700 Unterschriften angepeilt – diese Zahl wurde zur Freude aller deutlich überboten.
Auch diese von den Glockseeschülern zusammengetragenen Unterschriften gehören zu dem Paket, das Stadtelternratsvorsitzende Janus jetzt dem Oberbürgermeister überreichte. Bislang seien exakt 26 050 Unterschriften von Hannoveranern geleistet worden, sagte Janus. Mehr als die Hälfte ihres selbst gesteckten Ziels ist damit erreicht. „Ich hoffe, dass in Hannover mindestens 50 000 Unterschriften gesammelt werden.“
Jede einzelne Unterschrift muss von der zuständigen Stadt- oder Gemeindeverwaltung auf ihre Gültigkeit überprüft werden. „Das ist eine Heidenarbeit“, sagte Weil, denn Handschriften und Adressen müssten entziffert werden.
Rund 1500 ungültige Signaturen seien bislang in Hannover aufgelaufen. Dazu zählen auch die Unterschriften von ausländischen Mitbürgern ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Weil zeigte Verständnis dafür, dass trotz der Bestimmungen in der niedersächsischen Verfassung und im Volksabstimmungsgesetz der Wunsch bestehe, dennoch mitzustimmen: „Es geht auch um ihre Kinder.“ Hannovers Jugend habe zu 50 Prozent einen Migrationshintergrund.
319 wollen zur IGS wechseln
Von Sven Sokoll, LZ 27.5.2010
Garbsen. Der Ansturm auf die IGS ist ungebrochen: 319 Anmeldungen für den neuen fünften Jahrgang hat die Gesamtschule in der vergangenen Woche angenommen. Das sind 58 Prozent aller Garbsener Viertklässler. Weil sie nur 240 Plätze vergeben kann, muss heute das Los entscheiden. 79 Schüler werden Ablehnungsbescheide erhalten. Von den Bewerbern haben 68 eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen, 166 für die Realschule und 84 für die Hauptschule.
Für Schulleiter Günther Herweg sind die Anmeldezahlen ein Zeichen dafür, dass die meisten Eltern die IGS für die Schule der Zukunft halten.
Niedersachsen droht drastischer Lehrermangel
Sparen bei der Bildung? Merkel bremst Koch
Von Saskia Döhner, HAZ 15.5.2010
Hannover/Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dem Vorstoß des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), in der Schulpolitik und bei der Kinderbetreuung zu sparen, eine klare Absage erteilt: Forschung, Bildung und Kinderbetreuung seien Zukunftsthemen. „Da müssen wir klare Akzente setzen.“ Über eine Regierungssprecherin ließ Merkel in Berlin mitteilen, dass der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren, Forschung und Bildung erklärte Schwerpunkte der schwarz-gelben Regierungskoalition seien. „Die stehen im Moment nicht zu Disposition“, hieß es.
Zuvor hatte bereits Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) Kochs Sparvorschläge scharf kritisiert: „Wer jetzt für die Kürzung des Bildungssystems plädiert, versündigt sich an der Zukunft.“
In Niedersachsen hatten CDU-Abgeordnete angeregt, den Krippenausbau zu stoppen oder das dritte beitragsfreie Kindergartenjahr wieder abzuschaffen. Von den kommunalen Spitzenverbänden und den Oppositionsparteien hagelte es heftigen Protest. Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) will sich an der öffentlichen Debatte nicht beteiligen. „Alle Sparüberlegungen sind Spekulation“, sagte er am Freitag dieser Zeitung. Konkret werde es erst, wenn sich das Kabinett im Juni zur Klausurtagung treffe. Die aktuelle Debatte auf Bundesebene habe keinerlei Einfluss auf den Ausbau der Betreuungsplätze für die unter Dreijährigen in Niedersachsen. Über mögliche Kürzungen bei Lehrerstellen sagte er: „Es wäre ein Riesenerfolg, wenn wir bis 2013 alle Stellen im System halten könnten.“
Weil in den kommenden Jahren immer mehr Pädagogen die Überstunden abbauen müssen, die sie seit 1998 auf ihrem Arbeitszeitkonto angesammelt haben, werden Lehrer zusehends zur Mangelware – trotz zurückgehender Schülerzahlen. „Die demografische Rendite wird aufgefressen“, sagte Gitta Franke-Zöllmer, Landesvorsitzende des Verbandes Erziehung und Bildung. Hinzu kommt die große Pensionierungswelle: Bis 2020 wird jeder zweite Lehrer in den Ruhestand gehen. Und schon jetzt gibt es an den Hochschulen nicht genügend Nachwuchs. Ohnehin studieren die meisten nicht die so dringend benötigten naturwissenschaftlichen Fächer. Viele wählen das Grundschullehramt, während die begehrten Gymnasiallehrer fehlen.
Das Land Niedersachsen versucht jetzt, die Löcher in den Schulen zu stopfen: Quereinsteiger sollen schneller im Unterricht eingesetzt werden. Vertretungslehrer können schon verbeamtet werden, wenn sie zwei Jahre lang mindestens die Hälfte der Regelstundenzahl unterrichtet haben. Andererseits werden Feuerwehrlehrer in Niedersachsen nicht durchgehend beschäftigt, sondern regelmäßig vor den Sommerferien entlassen und danach wieder eingestellt.
KOMMENTAR von Jörg Kallmeyer
BILDUNGSSPAREN
Ohne Plan
Was ist der Plan hinter diesem Vorstoß? Will Roland Koch mit seinem Vorschlag, in Schulen und bei der Kinderbetreuung zu sparen, von anderen Themen ablenken? Oder will er vielleicht jemand anderem eine Brücke bauen?
Es gelingt beim besten Willen nicht, die große Linie hinter dem Koch-Vorstoß zu erkennen. Bleibt man aber bei der Sache selbst, dann kommt man schnell zu einem Urteil: Der Vorschlag des Bildungssparens ist in der aktuellen Lage ziemlich dumm. Er ist inhaltlich falsch, weil er die Zukunftschancen des Landes gefährdet; er ist politisch gefährlich für Koch selbst, weil die Bildung eines der wenigen Themen ist, mit denen sich eine Landesregierung wirklich profilieren kann. Und er kann strategisch fatal für die gesamte Politik sein: Wie soll man erklären, dass wieder Milliarden in die Finanzsysteme fließen und zugleich das Geld fehlt, um neue Lehrer einzustellen?
Dass ausgerechnet Roland Koch der Kanzlerin einen Gefallen tun wollte, ist kaum vorstellbar. Angela Merkel ließ den Vorschlag ihres Parteifreundes aus Hessen am Freitag in Bausch und Bogen verdammen – ein leichtes Spiel für Merkel. Sie ist nicht für das Thema Schulen und Kinderbetreuung zuständig. Die Kämpfe um die Etats für die Bildung werden nicht in Berlin ausgefochten, sondern mit den Finanzministern der Länder. Und hier hat, wie die Lehrereinstellung in Niedersachsen zeigt, die Erosion längst begonnen. Man kann dem Kultusminister in Hannover nur wünschen, dass ihm der Ministerpräsident nicht in den Rücken fällt. Einen Sparbeitrag können die Regierungschefs gleichwohl schon leisten: Bis auf weiteres sollten die beliebten Gipfelrunden gestrichen werden, bei denen Roland Koch und Co. über die „Zukunftsinvestitionen in die Bildung“ philosophieren.
IGS beginnt zunächst ohne Kirche
Formalitäten sind nicht mehr zu schaffen
Von Albert Tugendheim, LZ 12.5.2010
Wunstorf. Wenn die neue Integrierte Gesamtschule (IGS) nach den Sommerferien ihren Betrieb aufnimmt, dann zunächst nicht unter kirchlicher Trägerschaft. Das scheint inzwischen klar. Die Formalitäten sind bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu schaffen. Zudem ist der bisher vorgelegte Vertragsentwurf bei Kommunalpolitikern auf Skepsis gestoßen.
Dabei handelt es sich aber dem Vernehmen nach um den ersten Entwurf, an dem noch viel gefeilt werden muss. Bürgermeister Rolf-Axel Eberhardt hat am Montag dem Verwaltungsausschuss über den Stand berichtet. Zuvor hatte die Verhandlungsgruppe mit Vertretern von Landeskirche, Stadt, Lehrern und Eltern drei Stunden lang getagt. Es geht offenbar um Investitionen und deren Verteilung.
Bisher hat das Landeskirchenamt noch keinen Antrag zur Übernahme der IGS-Trägerschaft beim Land gestellt. Schon deshalb ist der 1. August als Termin nicht mehr zu halten. Denn einige Formalitäten sind noch zu erledigen. Wenn die Kirche ihren Antrag stellt, muss der beim Land vorliegende (und längst genehmigte) Antrag auf Einrichtung einer staatlichen IGS ersetzt werden. Und den neuen Bescheid bräuchte die Stadt vor den Schulanmeldeterminen Anfang Juni. „Das schafft kein Ministerium“, hieß es aus dem nicht öffentlich tagenden Ausschuss.
Der Rat wird sich in einer Sondersitzung erneut mit dem Thema Trägerschaft der IGS befassen. Dazu wird das Gremium zum 31. Mai eingeladen. Bis dahin soll ein Beschlussvorschlag ausgearbeitet sein. Das Ziel: Der Rat kann dann seine Absicht formulieren, die Trägerschaft der IGS durch die Kirche für das nächste Schuljahr zu verwirklichen.
An dem Start der IGS nach diesen Sommerferien ändert das alles nichts. Die Vorbereitungen dazu sind im vollen Gange. Auch wenn dabei die Zeit sehr knapp bemessen ist, sind sich die Mitglieder der Planungsgruppe einig, den Schulbetrieb der ersten Eingangsklasse der Wunstorfer IGS regulär mit einer Einschulungsfeier am 6. August aufzunehmen.
IGS-Planer legen Programm vor
Ganztagsangebot, Jahrgangsbereiche und viele Projekte werden vor Beginn festgezurrt
Die Planungsgruppe für die neue integrierte Gesamtschule (IGS) hat einen wichtigen Meilenstein gesetzt: Bei einer Klausurtagung hat sie ein Schulprogramm verabschiedet.
Von Albert Tugendheim, LZ 11.5.2010
Wunstorf. Eine der wesentlichen Grundideen für das Schulprogramm ist die Einrichtung von Jahrgangsbereichen. Gemeint ist damit, dass Schüler einer Jahrgangsstufe mit ihren Lehrern zusammen sind. Der Gang der Pädagogen ins weit entfernte und abgeschottete Lehrerzimmer entfällt, sie stehen als Ansprechpartner immer zur Verfügung. Aber auch für die Schüler ändert sich dann einiges, wie der kommissarische didaktische Leiter, Hans-Dieter Moris, erläutert: Sie erhalten Aufgaben in der Organisation wie etwa einen Schlüsseldienst. Das müssen sie selbstständig regeln, werden nur dabei beaufsichtigt.
Die IGS im Gebäude der Scharnhorstschule nimmt ihren Betrieb am 6. August auf. Die Schule wird täglich für Schüler ab 7.20 Uhr geöffnet sein. „Das ist ein offener Beginn“, sagt der kommissarische Schulleiter Frank Kasburg, die Schüler sollen entspannt in den Unterricht kommen. Wichtig ist der Planungsgruppe, dass es an mindestens drei Tagen Ganztagsunterricht gibt. Und der ist dann auch an den Nachmittagen verbindlich und besteht nicht nur aus freiwilligen Angeboten.
Bei einer Ganztagsschule geht es ohne Mittagessen nicht. Dieses biete neben der Nahrungsaufnahme auch Gelegenheit für Gespräche und Zusammensein der Schüler.
Hinter dem Schulprogramm stehen wichtige Leitideen für den Schulbetrieb. Fordern und Fördern gehört dazu. „Jedes Kind hat Begabungen, wir wollen diese erkennen und fördern“, sagt Kasburg. Arbeiten und Üben sind elementare Bestandteil des Schulalltags. Alle Schüler sollen individuell und optimal begleitet werden. „Dazu zählt auch, dass die Schüler immer wieder individuell über ihre schulische Laufbahn und ihre späteren beruflichen Möglichkeiten beraten werden“, sagt Kasburg.
„Was es an anderen Schulen so nicht gibt, ist ein Methodentraining, das fest im Stundenplan verankert wird“, sagt der didaktische Leiter Moris. „Das Lernen lernen“, könnte die Überschrift dafür sein.
Die integrierte Gesamtschule beginnt wie vorgesehen fünfzügig. Geplant ist die Einrichtung zweier sogenannter Profilklassen: einer Bläserklasse, wie es sie auch jetzt schon gibt, und einer Medienklasse.
ANMELDETERMINE
Anfang Juni kann es losgehen
Wunstorf. Eltern können Anfang Juni ihre Kinder zum fünften Jahrgang erstmals in der IGS anmelden. Die Termine: Freitag, 4. Juni, 14 bis 18 Uhr, Sonnabend, 5. Juni, 9 bis 12 Uhr, und Montag, 7. Juni, 8 bis 12 Uhr. Der Termin die Einschulungsfeier steht auch bereits: Freitag, 6. August, 15 Uhr. Informationen sind auf der Internetseite www.igs-wunstorf.de zu finden.
21 Schulen unterrichten bald ganztags
Ministerium stimmt zu
Von Bärbel Hilbig, HAZ 7.5.2010
Hannover. Im kommenden Schuljahr können 21 weitere Schulen in der Region ihren Schülern ein Ganztagsprogramm bieten. Das Kultusministerium hat den Anträgen jetzt zugestimmt und sichert eine Grundausstattung für das Nachmittagsangebot zu. Die Schulen können entweder zusätzliche Lehrerstunden in Anspruch nehmen oder Geld für Kooperationen mit externen Partnern wie Sportvereinen.
In Hannover profitieren die Grundschulen Alemannstraße, Kurt-Schumacher-Straße, Wasserkampstraße, Lüneburger Damm, Gebrüder Körting-Schule und Hinrich-Wilhelm Kopf-Schule sowie das Ricarda-Huch-Gymnasium und die beiden neu startenden Integrierten Gesamtschulen Badenstedt sowie Vahrenwald. Die Stadt Hannover kann damit ihr eigenes Programm zum Ausbau von Grundschulen in Ganztagsschulen weiterverfolgen. Die Kommune stellt den Schulen zusätzliche Mittel für ein verlässliches Angebot zur Verfügung.
Im Umland beginnen Heinrich-Heller-Hauptschule in Isernhagen, Berthold-Otto-Schule (Förderschule in Lehrte), Grundschule Lehrte-Süd, Hauptschule Lehrte, Realschule Lehrte, Grundschule Schulenburg, Grundschule Pattensen, Georg-Büchner-Gymnasium in Seelze, die Grundschule Breite Straße in Seelze, Graf-Wilhelm-Schule (Haupt- und Realschule, Steinhude), Otto-Hahn-Schule (Haupt- und Realschule, Wunstorf) und die neue IGS Wunstorf.
Diskussion: Eingliederung von Förderschülern in die Grundschule
Stundenkürzungen
Von Bärbel Hilbig, HAZ 21.4.2010
Hannover. Es wird viel davon geredet, in Zukunft Kinder mit Handicaps generell in der normalen Grundschule zu unterrichten. Doch aktuell schlagen sich die Förderschulen damit herum, dass selbst zaghafte Ansätze in diese Richtung durch Stundenkürzungen erschwert werden.
Konkret ist es bereits jetzt so, dass die Förderschulen für Sprache und für Lernen Grundschullehrern dabei helfen, Kinder mit Entwicklungsstörungen an der Grundschule zu halten. Doch das Land hat die Stunden für diesen „Mobilen Dienst“ in diesem Schuljahr um rund ein Drittel gekürzt.
Das führt dazu, dass zum Beispiel die Schule im Großen Freien in Sehnde ihre Förderschullehrer für Sprache jetzt noch für 39 statt vorher 60 Wochenstunden in die 15 umliegenden Grundschulen schicken kann. „Wir müssen dann voraussichtlich wieder mehr Kinder an unserer Förderschule aufnehmen“, sagt Andreas Pohl, Schulleiter und Sprecher der Förderschulen für Sprache in der Region. Das laufe auch dem neuen Förderschulkonzept der Region zuwider. „Die Region setzt darauf, dass der mobile Dienst ausgeweitet wird, damit möglichst viele Kinder erst gar nicht mehr in die Förderschule kommen“, sagt Pohl.
Doch auch das wären nur erste Schritte bis zur inklusiven Schule, die alle Kinder unabhängig von der Art ihrer Behinderung oder Lernverzögerung aufnimmt. Die SPD-Regionsfraktion lud deshalb jetzt die Leiter der Förderschulen zu einer Anhörung. „Inklusion bedeutet, alle Kinder haben das Recht, in der Grundschule in ihrem Stadtteil eingeschult zu werden“, definierte es Ulrike Strauch, Leiterin der Astrid-Lindgren-Schule für Lernen. Für die Grundschulen würde das eine unglaubliche Herausforderung darstellen, sagte Strauch.
„Die Kollegen an den Grundschulen stehen unter großem Leistungsdruck. Sie haben Angst, mit ihrem Stoff nicht schnell genug weiterzukommen, wenn sie auch geistig behinderte Kinder in der Klasse haben“, berichtete Harald Köllen, Leiter der Eberhard-Schomburg-Schule für geistige Entwicklung in Gleidingen. Köllen forderte deshalb sicherzustellen, dass Förderschüler auch bei einer inklusiven Erziehung die notwendige Unterstützung erhielten, zum Beispiel, indem ständig zwei Lehrer in einer Klasse unterrichten.
Wie stark Förderschulen bereits mit Regelschulen kooperieren, fällt sehr unterschiedlich aus. Die Wilhelm-Schade-Schule (für geistige Entwicklung) hat ihre gesamte Primarstufe an Grundschulen ausgelagert. „Grenzen sehe ich nicht“, sagte Schulleiter Gerd Bohl. Petra Lichtenberg, Leiterin der Selma-Lagerlöf-Schule in Ronnenberg, argumentierte defensiver. „Wir müssen sehen, was an welchem Standort realistisch ist.“
Deutlich fiel bei vielen die Kritik an mangelnder personeller und konzeptioneller Unterstützung aus. „Das Land nimmt seine Verantwortung nicht wahr. Wir werden alleingelassen“, sagte Bohl.
IGS soll höchstens fünfzügig werden
Die Wunstorfer Stadtverwaltung schlägt Auswahlkriterien für den Fall vor, dass sich zu viele Kinder anmelden
Mehr als fünf Klassen einer Jahrgangsstufe soll es für die neue IGS nach den Sommerferien nicht geben, das schlägt die Verwaltung vor.
Von Albert Tugendheim, LZ 20.4.2010
Wunstorf. Der Start der neuen integrierten Gesamtschule (IGS) nach den Sommerferien erfordert eine weitere Ratsentscheidung. Die Verwaltung hat ein Papier vorgelegt, das die Begrenzung auf fünf Parallelklassen vorsieht. Der Grund: Würde die IGS größer als fünfzügig, dann würde der Platz an der Scharnhorstschule nicht ausreichen. Die Verwaltung warnt angesichts der in den nächsten Jahren kräftig sinkenden Schülerzahlen davor, neue Klassenräume anzubauen.
Es muss ohnehin Geld in die IGS investiert werden. Denn die neue Schule braucht eine Mensa und Freizeitbereiche. Die Planungsgruppe, die den Start der IGS vorbereitet, beabsichtigt, sogenannte Jahrgangsbereiche einzurichten. Schüler einer Klassenstufe und ihre Lehrer sollen nah beieinander ihre Zimmer haben. Auch das erfordert ein anderes Raumkonzept als an der bisherigen Haupt- und Realschule. Für den Leiter der Planungsgruppe, Frank Kasburg, Rektor der Scharnhorstschule, ist es pädagogisch nicht sinnvoll, die IGS mehr als fünfzügig beginnen zu lassen.
Was aber, wenn mehr Schüler angemeldet werden, als in fünf Klassen aufgenommen werden können? Nach den Ergebnissen der IGS-Umfrage sowie der Abfrage der Trendempfehlungen bei den Grundschulen der Stadt haben mehr als 150 Eltern Interesse an einem Schulbesuch ihrer Kinder in der IGS bekundet. Daher ist es notwendig, Aufnahmekriterien festzulegen. Das muss in diesem Fall die Stadt als Schulträger übernehmen, weil die IGS noch keine Schulleitung hat. Zwei Auswahlkriterien hat die Stadt in ihrer Drucksache vorgeschlagen, auch das in enger Übereinstimmung mit der IGS-Planungsgruppe: Zunächst erhalten die Schüler Vorrang, die in Wunstorf und seinen Ortsteilen wohnen.
Zudem soll die Auswahl nach sogenannten Leistungstöpfen erfolgen. Schüler mit unterschiedlichen Laufbahnempfehlungen sollen gleichermaßen berücksichtigt werden. So soll ein repräsentativer Querschnitt erreicht werden.
Für das Auswahlverfahren ist ein Aufnahmeausschuss zu bilden, dessen Zusammensetzung mit der Landesschulbehörde abgestimmt werden soll.
Niedersachsen sind unzufrieden mit Schulpolitik
Von dpa/lni, 1.4.2010
Hannover. Niedersachsens Eltern sind unzufrieden mit der Schulpolitik ihrer Landesregierung. In einer Allensbach-Umfrage gaben sie der Arbeit von Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) nur die Note 3,8.
Die Grünen im Landtag kritisierten am Donnerstag, es sei „unglaublich“, mit welcher Ignoranz die Regierung die Kritik an der schlechten Unterrichtsversorgung aussitze.
Hauptkritikpunkt der Eltern war der Ausfall von Unterricht. Mehr als die Hälfte forderte zudem kleinere Klassen.
Mit ihrer Unzufriedenheit stehen die Väter und Mütter in Niedersachsen aber nicht alleine da. Bestenfalls mit einer Drei minus (3,6) bewerten die Bundesbürger in der Umfrage die Schulpolitik in ihren Ländern. Fast zwei Drittel der Eltern wollen, dass der Bund überall in Deutschland die gleiche Schulqualität garantiert, nur 23 Prozent der Niedersachsen finden, dass es in Länderhand bleiben sollte.
Kultusministerium: Bildungspolitik seit jeher Sache der Länder
„Bildungspolitik steht seit jeher in der Verantwortung der Länder, dies ist durch die Föderalismuskommission 2006 nochmals bestätigt worden“, sagte ein Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums am Donnerstag in Hannover.
Auch der Präsident der Kultusministerkonferenz, Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), sieht die Bildungspolitik in der Verantwortung der Länder „sehr gut angesiedelt“. „Ich möchte nicht wissen“, sagte Spaenle, „wie die Menschen reagieren würden, wenn Bildungspolitik von Berlin aus gemacht werden würde.“
Beim schulpolitischen Länder-Zeugnis schneidet Bayern mit der Note 3,3 noch am besten ab - bei einem bundesweiten Zufriedenheitsschnitt von 3,6. Schleswig-Holstein landet mit der Note 4,2 auf dem letzten Platz. Gemeinsam mit Hamburg und Bremen belegt Niedersachsen den drittletzten Platz im Ranking.
Landtagsgrüne: „Unglaubliche Ignoranz“ der Regierung bei Schulpolitik
Die Grünen im Landtag kritisierten, es sei „unglaublich“, mit welcher Ignoranz die Regierung die Kritik an der schlechten Unterrichtsversorgung aussitze. Angesichts der erheblichen Klagen von Eltern in Niedersachsen fordern sie von Ministerin Heister-Neumann konkrete Zahlen, wie viele Lehrerstellen durch Auslaufen und Wegfall des Lehrerarbeitszeitkontos in den kommenden Jahren benötigt werden und wie viele besetzt werden sollen.
Es sei nicht hinnehmbar, dass die „Inkompetenz der Regierung Wulff“ auf dem Rücken der jetzigen Schülergeneration ausgetragen werde, sagte die schulpolitische Sprecherin Ina Korter.
61 Prozent der Eltern in Niedersachsen wünschen sich kleinere Klassen, 57 Prozent fordern weniger Unterrichtsausfall. Zugleich hadern noch viele Eltern in Westdeutschland mit der Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre. Nur 7 Prozent halten die Umstellung für richtig, 39 Prozent wollen gar zur alten Lösung zurück. Dagegen wollen in Ostdeutschland nur 12 Prozent der Eltern die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren, 33 Prozent halten 12 Jahre für richtig.
Die Umfrage im Auftrag von Vodafone-Stiftung und Philologenverband wurde am Mittwoch in Berlin vorgestellt. Das Institut für Demoskopie Allensbach befragte 2262 repräsentativ ausgewählte Bürger.
Jede zehnte Unterrichtsstunde fällt aus
Landeselternrat kritisiert „erschreckende Bilanz“ und mahnt Wulffs ausstehenden Bildungspakt an
Von Saskia Döhner, HAZ 31.3.2010
Hannover. Nach einer Erhebung des Landeselternrats fallen an den Gymnasien im Schnitt zehn Prozent des Unterrichts aus. An Realschulen sind es 9,3 und an Hauptschulen sechs Prozent. Elternvertreter hatten im vergangenen November zwei Wochen lang in rund 840 Klassen mit insgesamt 27 000 Schülern im früheren Regierungsbezirk Lüneburg ermittelt, wie viele Stunden nicht erteilt werden konnten, weil Lehrer im Mutterschutz, krank, auf Fortbildung oder Klassenfahrt waren. Zehn Landkreise hatten sich an der Umfrage beteiligt, die seit 2006 regelmäßig zweimal im Jahr erhoben wird. Nach der jüngsten Untersuchung war das Fehl in den Gymnasien mit 6,1 Stunden am größten, gefolgt von den Realschulen mit 4,4 und den Hauptschulen mit 3,5 Stunden.
Landeselternratsvorsitzender Pascal Zimmer sprach gestern in Hannover von einer „erschreckenden Bilanz“. Manche Gymnasien könnten selbst die eigentlich vorgesehenen Pflichtstunden nicht erteilen. „Im Laufe eines Schülerlebens hat ein Kind in Niedersachsen statistisch gesehen ein Jahr weniger Unterricht als ein Kind in Bayern“, sagte Fritz Hullen, Elternvertreter aus Ashausen im Kreis Harburg. Zwar sei der Protest größer, wenn vermeintlich wichtige Fächer wie Mathematik oder Englisch ausfielen, aber auch Fehlstunden in Musik oder Kunst seien ärgerlich. „Die Eltern müssen mit Nachhilfe Versäumnisse der Schulen ausgleichen und dafür auch noch teuer bezahlen.“
Das Kultusministerium wies den Vorwurf der mangelnden Unterrichtsversorgung zurück. Sprecher Andreas Krischat nannte die Lüneburger Erhebung „nicht zuverlässig“. Die Daten seien nur punktuell ermittelt worden. So werde sogenannter Epochalunterricht, wenn also ein Fach für einen bestimmten Zeitraum im Mittelpunkt steht, beispielsweise nicht erfasst. „Die rechnerische Unterrichtsversorgung im Land ist übers Schuljahr gesehen gesichert.“
Zimmer und Hullen widersprachen: Die Zahlen seien sehr wohl repräsentativ. Eine Einschätzung, die auch die Elterninitiative „Land unter“ bestätigt.Landauf, landab klagten Eltern über Unterrichtsausfall, sagt Initiator Knut Gerschau und verweist auf Beispiele aus Bückeburg, Bremervörde, Osnabrück und Hannover.
Der Einzelfall sei keine Katstrophe, sagte Zimmer. „Das Problem ist der Unterrichtsausfall in der Summe.“ Das System sei ausgereizt, es gebe keine Vertretungsreserve. Je kleiner eine Schule sei, desto schwieriger sei es, Vertretungen zu organisieren. „Wenn ein Kollegium aus sieben Lehrkräften besteht, gibt es einfach keine Jongliermasse wie an Schulen mit mehr als 100 Pädagogen“, sagte Zimmer. Ministeriumssprecher Krischat entgegnete, kleine Schulen könnten Hilfe von benachbarten Schulen beanspruchen oder bei der Landesschulbehörde Feuerwehrlehrkräfte anfordern.
Elternratsvorsitzender Pascal Zimmer mahnte angesichts übervoller Klassen und irritierender Meldungen über mögliche Stellenkürzungen bei Lehrern den „Zukunftsvertrag Bildung“ an, den Ministerpräsident Christian Wulff Anfang Dezember beim Philologentag in Goslar versprochen hatte. „Passiert ist seitdem nichts. Mit uns hat jedenfalls noch keiner von der Landesregierung gesprochen, dabei vertritt unser Verband 1,8 Millionen Eltern in Niedersachsen.“
Rettung für Phorms-Schule
Privater Träger aus Braunschweig will bilinguales Konzept fortführen
Von Bärbel Hilbig, HAZ 31.3.2010
Hannover. Eltern, die ihre Kinder auf die private Phorms-Grundschule in Kleefeld schicken, können aufatmen. Die drohende Schließung von Schule und Kindergarten scheint abgewendet: Innerhalb kurzer Zeit haben rührige Eltern und die Berliner Phorms Holding offenbar einen Nachfolger für den bisherigen Träger gefunden. Die private Oskar Kämmer Schule mit Sitz in Braunschweig und die Phorms Holding haben eine Absichtserklärung zur Übergabe des Phorms-Standorts Hannover unterzeichnet. Beide Unternehmen informieren in einer gemeinsamen Erklärung auf ihren Internetseiten über den Sachstand.
Die Oskar Kämmer Schule, eine gemeinnützige Bildungsgesellschaft mbH, hat langjährige Erfahrungen in Aus- und Weiterbildung. Sie startete 1945 in Braunschweig mit berufsbildenden Kursen und betreibt heute vor allem in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt an verschiedenen Standorten Berufsschulen. Seit 2005 kamen zwei Grundschulen und drei Realschulen hinzu.
„Wir schätzen das bilinguale Konzept der Phorms-Schule sehr. Für uns ist das neu und eine bereichernde Ergänzung unseres bisherigen Angebots“, sagt Andreas Schraknepper, Geschäftsbereichsleiter Schulen an der Oskar Kämmer Schule. An der Phorms-Grundschule lernen die Kinder auf Englisch und auf Deutsch, am Anfang wird sogar überwiegend die Fremdsprache eingesetzt, damit die Schüler sie schnell sprechen.
Schraknepper hat gestern außerdem bei der Landesschulbehörde in Hannover die Antragsunterlagen für ein privates bilinguales Gymnasium eingereicht. Das hatte Phorms ursprünglich selbst geplant, bis das Unternehmen Mitte Februar den Rückzug aus Hannover ankündigte. Die Oskar Kämmer Schule hofft, mit dem Gymnasium bereits im August starten zu können, sodass die aktuellen Viertklässler aus der Grundschule nahtlos weiter bilingualen Unterricht bekommen. „Wir wollen mit einer Klasse beginnen und würden für Schüler, die von außen kommen, ein extra Sprachprogramm anbieten“, sagt Schraknepper.
Phorms hatte die geringen staatlichen Zuschüsse für Privatschulen in Niedersachsen als Grund für seinen Rückzug angeführt. Die Oskar Kämmer Schule lässt sich davon nicht schrecken. „Wir arbeiten daran, wie das Konzept wirtschaftlich weitergeführt werden kann“, sagt Schraknepper. Die bisherige Klassengröße von maximal 22 Kindern, die von einem Lehrer plus einem pädagogischen Mitarbeiter betreut werden, wird sich wohl nicht halten lassen.
Laut Elternvertreter Michael Freidel wollen voraussichtlich 200 von 220 Elternpaaren ihre Kinder an der Schule lassen. „Das ist für den neuen Träger natürlich interessant.“ In Köln, wo Phorms seine Grundschule ebenfalls aufgibt, sollen laut Freidels Informationen dagegen etliche gut zahlende Eltern bereits an teurere Privatschulen abgewandert sein. „Wir brauchen aber alle, denn die reicheren tragen die Kosten für weniger wohlhabende Familien mit“, sagt Freidel. Die Eltern zahlen je nach Einkommen offiziell bis zu 500 Euro pro Monat, spenden aber über einen Förderverein zum Teil noch darüber hinaus. Freidel betont, Phorms unterstütze den neuen Träger und den Standort mit einem namhaften Betrag. „Das hat die Suche sehr erleichtert.“ Es gab zwei weitere Interessenten.
IGS Stöcken - Gemeinsamer Unterricht für alle
Von Marcel Schwarzenberger, HAZ 26.3.2010
Hannover. Die Integrierte Gesamtschule Stöcken soll eine Einrichtung werden, in der behinderte und nicht behinderte Kinder ab Klasse fünf gemeinsam unterrichtet werden. Die IGS will dafür ihre Zusammenarbeit mit zwei Förderschulen auf eine völlig neue Basis stellen.
An der IGS Stöcken kommt Bewegung in das Modellprojekt. © Behrens
Beim Kultusministerium läuft bereits ein Antrag für das „Modellprojekt Inklusive Schule“; der Schulausschuss der Region behandelt voraussichtlich im April eine entsprechende Drucksache. Auch die beteiligten Schulen selbst treiben die Diskussion voran. Sie planen für das Wochenende, 9. und 10. April, die Bildungskonferenz „Herrenhausen-Stöcken – all inclusive“.
„Es geht gar nicht mehr so sehr darum, ob die inklusive Schule kommt. Sondern darum, wann und wie wir das Vorhaben starten“, sagt Dirk Reiche, Leiter der Paul-Dohrmann-Schule in Burg, einer städtischen Förderschule für Lernen. Gemeinsam mit den Kollegen der Stöckener Wilhelm-Schade-Förderschule, einer Bildungsstätte der Region, sowie dem Kollegium der IGS setzt sich Reiche für das Modellprojekt ein. „In unserem Stadtbezirk sind wir schon sehr weit.“ Schon lange werden die Grundschüler der beiden Förderschulen nicht in den eigenen Häusern, sondern in städtischen Grundschulen unterrichtet – in sogenannten Integrationsklassen. Nun soll auch die räumliche Trennung nicht behinderter und besonders geförderter Schüler in der Sekundarstufe I aufgehoben werden. „Modellversuch heißt für uns, dass ein neuer fünfter Jahrgang nicht mehr bei uns, sondern eben in der IGS Stöcken eingeschult wird“, erläutert Reiche. Von der Paul-Dohrmann-Schule, die rund 80 Schüler in den Jahrgängen fünf bis zehn hat, würden dann auch Förderlehrer mit einer entsprechenden Zahl an Lehrerstunden zur IGS wechseln. Dort gäbe es dann nur noch Klassen mit maximal 24 Schülern. Den Status „Förderschüler“ soll es nicht mehr geben. Vereinfacht gesagt: Jedes Kind, ob behindert oder nicht, soll die Unterstützung bekommen, die es braucht. Den IGS-Lehrern stehen dann die besonders geschulten Pädagogen der Förderschulen zur Seite.
Stadt und Region Hannover stehen dem Modellprojekt positiv gegenüber. Einen genauen Zeitplan für den Start gibt es noch nicht. „Wie eine Inklusive Schule genau funktionieren wird, darüber gibt es noch viel Gesprächsbedarf“, sagt Reiche. Viele Fragen sollen bei der Bildungskonferenz diskutiert werden. Sie steht Interessierten aus dem Stadtbezirk und vor allem jenen Vereinen und Verbänden offen, die mit Kindern und deren Bildung zu tun haben. Der Bezirksrat Herrenhausen-Stöcken fördert die Konferenz mit 1500 Euro. „Es ist ein reizvolles Projekt. Die IGS wäre die einzige Schule dieser Art in Hannover“, begründete Bezirksbürgermeisterin Margrit Heidi Stolzenwald in der jüngsten Sitzung des Gremiums. „Wenn die Inklusion klappt, ließe sich mittelfristig eine Schule einsparen“, sagt SPD-Fraktionschef Holger Diener. Tatsächlich wäre die Paul-Dohrmann-Schule auf dem besten Weg, sich selbst aufzulösen, weil immer neue Jahrgänge in der IGS eingeschult würden. „Wir wären dann ein virtueller Teil der IGS“, sagt Rektor Reiche. Das vorläufige Konzept der drei Schulen sieht vor, dass die Wilhelm-Schade-Schule als ein Förderzentrum bestehen bleibt, das unter anderem berufsvorbereitende Kurse für die Sekundarstufe II anbietet. Die Bildungskonferenz beginnt am Freitag, 9. April, um 9 Uhr in der Außenstelle der Emil-Berliner-Schule, Kreuzriede 12. Anmeldungen nimmt die Paul-Dohrmann-Schule per Fax unter 16 84 77 06 entgegen.
GEW schlägt „Schulfrieden“ vor
Schulstandorte opfern, damit Lehrer effektiver arbeiten können? Votum für Gesamtschulen
Von Klaus Wallbaum, HAZ 25.3.2010
Hannover. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat der Landesregierung vorgeschlagen, einen „Schulfrieden“ mit den Kritikern in der Opposition und in den Kommunen zu schließen. „Bei zurückgehenden Schülerzahlen stellt sich massiv das Problem der effektiven Arbeit an den Schulen. Darauf muss die Regierung Antworten finden“, sagt der GEW-Landesvorsitzende Eberhard Brandt dieser Zeitung. Der Vorsitzende des Landkreistages, Bernhard Reuter, fordert von der Regierung „ein Ende der ideologischen Verbohrtheit“ in der Schulpolitik.
Die GEW ist nach den Worten von Brandt alarmiert von den Entwicklungen in einigen Regionen des Landes, die durch starken Bevölkerungsrückgang geprägt sind. So habe etwa in Braunlage (Kreis Goslar) die Hauptschule lediglich noch 13 Schüler, die Realschule habe in manchen Jahrgängen nur wenige Schüler je Klasse, und das Gymnasium könne auf Dauer nicht parallel zwei Klassen je Jahrgang aufrechthalten. In solchen Gegenden sei es „sinnvoll, alle Schulen zu einer Gesamtschule zusammenzuführen“, sagt Brandt. Der Vorteil sei, dass in der Schule dann genügend Schüler vorhanden sind, sodass ein ausreichendes Angebot an Fachlehrern gewährleistet werden kann. „Die Alternative wäre, Schulen zu schließen und den Schülern einen noch längeren Schulweg in weiter entfernt liegende Orte zuzumuten.“
Brandt nennt nun mehrere Bestandteile eines möglichen Schulfriedens in Niedersachsen: Erstens reiche es vielerorts nicht, nur die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen zu erleichtern. „Selbst die fusionierten Schulen sind oft zu klein, um ein gutes Angebot an Lehrern zu bekommen.“ Die Landesregierung solle daher die Hürden für die Gründung neuer Gesamtschulen senken. Bislang ist vorgeschrieben, dass dafür über einen längeren Zeitraum mindestens fünf parallele Klasse je Jahrgang gewährleistet sein müssen. „Die Drei- oder Vierzügigkeit reicht auch aus“, betont Brandt.
Zweitens fordert der GEW-Vorsitzende, dass die Landesregierung unverkrampft auch über die Schließung von Schulen diskutieren soll. „Wir können das Thema nicht länger umgehen“, sagt er. So sinnvoll es sei, dass Kinder ihre Schule in der unmittelbaren Nähe des Wohnortes haben, so fragwürdig seien doch oft kleine Haupt- oder Realschulen mit lediglich zwei parallelen Klassen. „Wenn eine Schule von Klasse fünf bis zehn mindestens vierzügig ist, kann sie sich ein Kollegium mit qualifizierten Fachlehrern leisten.“ Das Land müsse sich fragen, so Brandt, ob nicht besondere Zuschüsse etwa für Ganztagsunterricht an Bedingungen gekoppelt werden können: So sei es denkbar, dass eine Kommune Zuschüsse nur dann erhält, wenn sie selbst kleine Schulen schließt und ausreichend große neue Schulen schafft. Schulen müssten dann auch so zentral innerhalb einer Region liegen, dass sie von den meisten Schülern in relativ kurzer Entfernung erreicht werden können. Auch bei den Grundschulen müsse über Reformen diskutiert werden, sagt Brandt. „Eine Verzahnung auch beim Personaleinsatz mit Kindergärten und Horten ist dabei sinnvoll“, betont er.
Osterodes Landrat Bernhard Reuter (SPD), Vorsitzender des Landkreistages, unterstützt die GEW-Initiative. In seinem Kreis mussten bereits drei Grundschulen, eine Haupt- und eine Realschule schließen. „Das Land muss uns bei der Neuordnung der Schulstruktur mehr Freiheiten geben“, fordert der Landrat.
„Das Musikland ist massiv gefährdet“
Die Kürzung des Musikunterrichts an Haupt- und Realschulen entrüstet Lehrer, Schüler und Eltern
Von Jutta Rinas, HAZ 24.3.2010
Aushängeschild des „Musiklandes Niedersachsen“, bald vielleicht vorbei: Ein Erlassentwurf des Kultusministeriums behindert Bläserklassen wie diese an der KGS Hemmingen. Dillenberg
Hannover. Niedersachsen nennt sich „Musikland“, ein Bundesland also, das sich der musikalischen Bildung verschrieben hat. Mit einem „Zehn-Punkte-Plan“ hat Ministerpräsident Christian Wulff die Entwicklung des Musiklandes Niedersachsen 2005 sogar zur Chefsache erklärt. „Fächer wie Kunst und Musik sind für eine ganzheitliche Entwicklung extrem wichtig“, sagte er damals. Die musikalische Förderung von Haupt- und Realschülern scheint der Landesregierung jetzt aber nicht mehr am Herzen zu liegen. So jedenfalls interpretieren Kritiker den neuen Erlassentwurf des Kultusministeriums für den Unterricht an Haupt- und Realschulen. Er sieht drastische Kürzungen des Musik- und Kunstunterrichts ab der 7. Klasse zugunsten von Fächern wie Arbeit, Wirtschaft oder Technik vor.
Dieser Plan hat bei Oppositionspolitikern, Musikexperten und an Schulen eine Flut von Protesten ausgelöst. Realschulen haben ihre Bedenken in Eingaben an das Kultusministerium formuliert. Fachmoderatoren in den Fächern Kunst und Musik an den Gesamtschulen haben ebenso protestiert wie der Landesmusikrat, die Musikhochschule Hannover oder der Verband der Schulmusiker. Sogar der Präsident der Föderation musikpädagogischer Verbände Deutschlands, Christian Rolle, hat sich an Kultusministerin Heister-Neumann (CDU) gewandt: Er könne nicht glauben, dass schulpädagogisch verantwortungsvoll agierende Experten den Stundenumfang im musisch-kulturellen Bereich ernsthaft derartig kürzen wollten, heißt es in seinem Brief.
Der Erlass torpediere die Grundidee des „Musiklandes Niedersachsen“, musikalische Bildung quer durch alle Bevölkerungsschichten zu fördern, sagt der Präsident des Landesmusikrates, Karl-Jürgen Kemmelmeyer. Niedersachsen sei in Sachen Musik bundesweit tonangebend und habe allein mit dem Aktionsprogramm „Hauptsache: Musik“ in fünf Jahren um die 30 000 Kindern „ans Instrument gebracht“. Erst im Februar habe der Landtag beschlossen, das Musikland weiter zu stärken. Dazu habe das Kultusministerium mit der Niedersächsischen Sparkassenstiftung gerade ein Förderprogramm über 50 000 Euro für Bläserklassen an Hauptschulen initiiert. Diese Arbeit werde massiv gefährdet, weil die Ansprechpartner in Schulen gerade für Kinder aus bildungsfernen Schichten ab Klasse 7 wegfielen: „Der Erlass steht quer zur niedersächsischen Kulturpolitik.“
Auch die Liste der Bedenken der Musikpädagogen ist lang. Auf dem Land sei die Schule oft der einzige Ort für musikalische Bildung, sagt Johanna Trumann, Fachleiterin Musik an der KGS Bad Bevensen. 2000 Schüler hätten allein an ihrer Schule seit 1998 Bläserklassen absolviert, wo Kinder ohne Vorbildung im Unterricht ein Instrument erlernen. Viele machten in höheren Klassen weiter, manche wollten später auf ein Gymnasium wechseln: „Man weiß aber gar nicht, wie das bei so wenig Musikunterricht künftig mit der Durchlässigkeit der Schulen ist.“ Teamfähigkeit, Konzentration, Pünktlichkeit, all das, was Arbeitgeber heutzutage an Lehrstellenanwärtern bemängeln, werde beim gemeinsamen Musizieren gelernt, sagt der Fachbereichsleiter Musisch-kulturelle Bildung der KGS Hemmingen, Hans-Olaf Meyer-Grotjahn. Dort wurde 1996 die erste Bläserklasse Niedersachsens initiiert. Am Tag der offenen Tür kann man solche Qualitäten von Musik eindrucksvoll erleben. Musikklassen, eine „Bläserprofilgruppe“ der Klasse 7, die Bigband und sogar ein Orchester sind dort zu hören: mit Disko-Nummern wie „What a feeling“ von Irene Cara oder Klassikern wie einer „Musette“ von Bach. Dass solche Angebote für Realschüler künftig wegfallen könnten, verstehen die Jugendlichen nicht: „Da werden Musiktalente missachtet, nur weil sie in Mathe schlecht sind“, sagt der 15-jährige Kenneth empört: „Die von Tokio-Hotel waren bestimmt auch nicht auf dem Gymnasium.“
In der Chorklasse 9c an der Gunzelin-Realschule in Peine, einer der ersten Realschul-Chorklassen in Niedersachsen, proben die Schüler gerade eine freie Bearbeitung von Alban Bergs „Wozzeck“. Eine Szenenfolge aus dem Libretto haben sie mit Songs wie „Only Time“ von Enya unterlegt. „Man kann nicht hoch genug einschätzen, wie die Teamfähigkeit und die Persönlichkeit der Kinder durch gemeinsames Singen gefördert werden“, sagt der Fachbereichsleiter Musik, Carsten Heidenreich. Die meisten seiner Schüler bestätigen, dass sie ohne Schule nie Musik gemacht hätten. „Es kann nicht sein, dass das, was Spaß macht, nur Gymnasiasten lernen dürfen“, sagt die 14-jährige Sarina. „Wir stehen schon so unter Druck wegen Beruf und so. Hier kann man das einmal vergessen und einfach singen.“
Singen fördert die Teamfähigkeit: Musiklehrer Carsten Heidenreich mit der Chorklasse 9c in der Gunzelin-Realschule in Peine. Blüher
Großes Interesse an Informationen über integrierte Gesamtschule
Von Albert Tugendheim, LZ 17.3.2010
Massenhafter Andrang bei der Informationsveranstaltung zur integrierten Gesamtschule in der Scharnhorstschule: Etliche interessierte Eltern können nur vom Flur aus dem Vortrag folgen.Tugendheim
Wunstorf. Das Interesse an der neuen IGS ist immens. Mehr als 250 Teilnehmer kamen am Montagabend zu einer Informationsveranstaltung der Planungsgruppe. Frank Kasburg, Leiter der Scharnhorstschule, berichtete über den Stand der Vorbereitungen. Das Thema Trägerschaft der Kirche spielte dabei keine Rolle.
Unabhängig davon steht die Aussage, die auch in einem Informationsblatt zu lesen ist: Es geht los am 5. August 2010. Dann werden die Schüler des ersten fünften Jahrganges an der IGS Wunstorf eingeschult. Neben den bisher erarbeiteten allgemeinen Leitlinien für den Schulbetrieb stellte Kasburg die Bildung von Profilkassen wie Bläserklasse vor. Fordern und Fördern ist ein Motto, dem mit differenzierten Projekten Rechnung getragen werde. Bis zur achten Klasse wird es kein Sitzenbleiben geben, statt der Zeugnisse gibt es Lernentwicklungsberichte. Fragen der Eltern behandelten unter anderem das Anmeldeverfahren. An der IGS können Schüler der jetzigen vierten Klassen angemeldet werden, alle Schullaufbahnempfehlungen sind geeignet. Maximal 150 Schüler können in der neuen IGS starten. Kommen mehr Anmeldungen, entscheidet das Los. Als Anmeldetermin ist die erste Juniwoche geplant.
Widerstand gegen Kürzung bei Lehrern
Verbände sind verärgert über Sparvorschläge
Von Saskia Döhner, HAZ 11.3.2010
„Schulleiter sind überfordert“: Helga Akkermann.
Hannover. Die Forderung des Landesrechnungshofes, bis 2020 rund 9200 Lehrerstellen abzubauen, und entsprechende Überlegungen im Finanzministerium haben bei den Lehrerverbänden und der Opposition einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. „Weiß der Rechnungshof eigentlich, dass Schulleiter seit 15 Jahren auf die versprochene Entlastung von Unterricht warten, dass Hunderte von Schulleiterstellen aus Spargründen ein bis zwei Jahren lang kommissarisch geführt werden und dass immer mehr organisatorische Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt werden muss?“, fragte die Vorsitzende des Schulleitungsverbandes, Helga Akkermann, bei einer Regionaltagung am Mittwoch in Hannover. Schulleiter sollten nicht mehr als zwei Stunden pro Tag, also maximal zehn in der Woche, unterrichten müssen. An großen Schulen müsste ein Verwaltungsinspektor eingestellt werden.
Auch die Vorsitzende der Direktorenvereinigung, Heidrun Korsch, sagte nach der Jahreshauptversammlung gestern in Bad Zwischenahn: „An den Gymnasien ist eine Stellenreduzierung derzeit überhaupt nicht denkbar.“ Anders als andere Schulformen hätten die Gymnasien schließlich stetig steigende Schülerzahlen. Korsch erinnerte den Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) an seine Zusage, die Zahl der Unterrichtsverpflichtung für Gymnasiallehrer (24,5 Stunden in der Woche) nicht zu erhöhen und ab 2011 die Klassen zu verkleinern. Gerade im 5. und im 10. Jahrgang seien 33 Schüler in einer Klasse unzumutbar.
Frauke Heiligenstadt (SPD) nannte die Überlegungen der Regierung, Lehrerstellen abzubauen, „Wortbruch in mehrfacher Hinsicht“. Alle Versprechungen wie kleinere Klassen oder mehr Anrechnungsstunden für Beratungslehrer seien damit hinfällig. Das Kultusministerium wollte sich gestern zu den Sparvorschlägen nicht äußern. Man wolle einem Kabinettsbeschluss nicht vorgreifen.
Niedersachsen setzt bei Bildung den Rotstift an
Kultusressort muss 50 Millionen Euro kürzen
Von Klaus Wallbaum, HAZ 6.3.2010
Hannover. Noch Ende Januar hatte Niedersachsens Landesregierung erwogen, bei der bevorstehenden Sparrunde das Kultus- und das Hochschulressort auszuklammern. Inzwischen aber steht fest: Auch diese beiden Ministerien müssen für den Etat des kommenden Jahres den Rotstift ansetzen.
Schüler fordern gute Bildung. © Wallenwein (Archiv)
Wie diese Zeitung am Freitag erfahren hat, beträgt die Summe der Kürzungen in beiden Ministerien zusammen bis zu 150 Millionen Euro. Noch ist unklar, wo genau weniger Geld ausgegeben werden soll.
Allein das Kultusministerium, dessen 4,7-Milliarden-Etat zum überwiegenden Teil aus Gehältern der Lehrer besteht, soll im kommenden Jahr zwischen 50 und 100 Millionen Euro an den Finanzminister abliefern. Die spannende Frage wird nun sein, ob Ministerin Elisabeth Heister-Neumann frei werdende Lehrerstellen nicht wiederbesetzen will. Würden etwa 1000 Lehrer keinen Nachfolger bekommen, so könnte dies den Kultus-Etat um rund 45 Millionen Euro entlasten. Der Landesrechnungshof rät dazu schon seit Längerem – weil die Schülerzahlen zurückgehen, vor allem in den Grundschulen, könne sich das Land auf Dauer nicht die höchste Lehrerzahl aller Zeiten leisten. Klar scheint auch zu sein, dass in der Finanzplanung bis 2020 rund 7000 Lehrerstellen wegfallen sollen.
In den kommenden drei Jahren jedoch will die Regierung hier maßvoll vorgehen und nicht benötigte Stellen vorwiegend dazu nutzen, die Qualität des Unterrichts zu verbessern und die Klassen zu verkleinern. Deshalb wird über andere Wege nachgedacht, das Geld zu erwirtschaften – Kürzungen bei Kindergärten und bei Schul-Sozialarbeitern, verzögerte Neubesetzung von Schulleiterstellen, Einschnitte in der Verwaltung und bei der Schulinspektion, die die Schulen beraten soll. Auch könnte die geplante Führungsakademie für Lehrer vertagt werden.
Während im Kultusressort schon eifrig an Lösungen gearbeitet wird, liegen aus dem Wissenschaftsressort noch keine Vorschläge vor. Entschieden werden soll in der Klausurtagung des Kabinetts im Juni, bei der der Haushaltsplan für 2011 aufgestellt wird.
In den anderen Ministerien wird über verschiedene Projekte debattiert, die geopfert werden oder schrumpfen könnten – der Innovationsfonds etwa, die Sportförderung, der große Fahrzeugpark im Innenministerium, die Steuer- und die Bauverwaltung oder Standorte des Landesamtes für Soziales. Der Maßregelvollzug könnte an einem Standort konzentriert werden, Zuschüsse für Frauenhäuser, Umweltgruppen, Theater und soziale Initiativen stehen auf der Kippe. Auch das vom Ministerpräsidenten befürwortete Museum für die Schöninger Speere, für das 15 Millionen Euro fließen sollen, hat Kritiker.
Die Streichliste der Ministerien dürfte aber gerade mal 345 Millionen Euro bringen, während der Bedarf an Kürzungen im kommenden Jahr um noch einmal eine Milliarde Euro größer ist.
KOMMENTAR VON ULRICH NEUFERT (HAZ 6.4.2010)
In den Sternen
Zu Zeiten der römischen Republik hätten die Auguren, die allein die Macht besaßen, die Zeichen zu deuten, dem Senat abgeraten, weitreichende Beschlüsse zu treffen. Der niedersächsische Landtag leistet sich keine Sterndeuter, er vertraut auf den Finanzminister der Regierung, der Steuerschätzer beschäftigt, die auch Zeichen lesen können. Und diese sind eindeutig. Wenn der Finanzminister im Haushaltsplanentwurf 2011 allein bei Schulen und Hochschulen zusammen bis zu 150 Millionen Euro kürzen will, dann muss die Not noch größer sein als bisher angenommen. Kann es einen ungünstigeren Zeitpunkt für die Abstimmung über einen Landtagsneubau geben als den Moment, in dem klar wird, dass das Land finanziell auf dem Zahnfleisch geht?
Zugegeben, die Frage ist rhetorisch, und das heißt in diesem Fall, sie beantwortet sich unter Zuhilfenahme eines bisschen gesunden Menschenverstandes von allein. Aber er darf nicht in jedem Fall bei Politikern als vorhanden vorausgesetzt werden. Nicht mal bei Finanzministern. Es wäre an der Zeit, dass Hartmut Möllring die erwartungsvoll gespannte Öffentlichkeit darüber aufklärt, warum er als Parlamentarier dafür ist, 45 Millionen Euro für einen prächtigen Landtagsneubau auszugeben, als Finanzminister aber zur Garotte greift und ausgerechnet die Minister würgt, von deren Ressorts die Zukunftsfähigkeit des Landes besonders stark abhängt. Haben Sie es vielleicht doch so üppig, Herr Minister, dass es am Ende wurst ist, ob man für eine Sanierung 20 Millionen oder für einen Neubau 45 Millionen Euro ausgibt?
Parlament und Regierung sind in der Neubaufrage stärker miteinander verwoben, als den Bürgern weisgemacht werden soll. Die vornehme Zurückhaltung der Regierung soll signalisieren, hier sei allein das Parlament am Ball. Landtagsabgeordnete und Minister sollten sich dieser Illusion nicht allzu lange hingeben: Wenn 2013 gewählt wird, bis dahin 1000 Lehrerstellen gestrichen sind, dann wird allen im Leineschloss der Neubau auf die Füße fallen.
Schulausschuss votiert für Verhandlung über IGS-Trägerschaft
Von Albert Tugendheim, LZ 5.3.2010
Wunstorf. Der Schulausschuss des Rates hat am Mittwochabend einstimmig empfohlen, dass die Stadt mit der Landeskirche Verhandlungen über eine kirchliche Trägerschaft für die neue Integrierte Gesamtschule (IGS) aufnimmt.
Lediglich Lehrervertreterin Heike Duve-Diekmann enthielt sich der Stimme. Wolfgang Schulz-Binz stimmte im Namen des Stadtelternrates zu. Allerdings will das Gremium an den Verhandlungen beteiligt werden. Das sagten Bürgermeister Rolf-Axel Eberhardt und Kirchenvertreterin Kerstin Gäfgen-Track zu. Geklärt werden muss nur, ob ein oder zwei Elternvertreter benannt werden.
Der Entscheidung ging eine zweistündige Diskussion voraus. Entgegen der Gepflogenheit der Ratsausschüsse unterbrach Vorsitzender Ulrich Troschke (SPD) die Sitzung, um dem Publikum Gelegenheit zu Fragen und Beiträgen zu geben. Wie schon bei einer Informationsveranstaltung des Elternrates am Abend zuvor spielte das Thema Religionsunterricht eine entscheidende Rolle. Allerdings waren weit weniger Gäste erschienen als bei der Elternratssitzung.
Auffällig ist, dass kritische Worte nicht nur von betroffenen Eltern kommen, sondern auch von pensionierten Pädagogen. Die tun sich offenbar schwer bei dem Gedanken an den kirchlichen Schulträger.
Erstmals äußersten sich die Grünen öffentlich. Ratsfrau Meike Holste sagte, an der Basis ihrer Partei gebe es eine dünne Mehrheit für die Kirchenträgerschaft. Holste fragte an, was mit Schülern geschehe, die vom Hölty-Gymnasium auf die IGS wechseln wollten. Außerdem habe sie mit der türkischen Elterninitiative gesprochen, die demnach ihre Kinder nur dann zur IGS schicken wollen, wenn es dort muslimischen Religionsunterricht gebe. Die Kirchenvertreterin sagte erneut zu, dass sie einen solchen Modellversuch anschieben wolle, wenn genügend Nachfrage bestehe.
Heinz-Gerhard Kück begründete für die CDU die Zustimmung und den damit verbundenen Sinneswandel für eine IGS unter anderem mit dem sehr guten Ganztagsangebot. Harald Brandes nannte das Angebot des kirchlichen Träger faszinierend.
Allerdings mahnen die Politiker zur Eile. Das Problem Zeit spielt eine große Rolle. Wieder berichteten Eltern am Donnerstag, dass sie im Kultusministerium die Auskunft bekommen haben, der Trägerschaftswechsel könne nicht schon zum neuen Schuljahr klappen. Bürgermeister Rolf-Axel Eberhardt sagte, er erwarte von den staatlichen Behörden, dass der eindeutige politische Wille aus Wunstorf zügig umgesetzt werde.
Lehrermangel: Quereinsteiger werden gesucht
Von Bärbel Hilbig, HAZ 5.3.2010
Hannover. Dass Lehrer auch nach ihrer Pensionierung weiter unterrichten, ist keine Seltenheit. Nun werden wegen des Lehrermangels auch Quereinsteiger gesucht.
„Zu früh, um zu Hause zu sitzen“: Margrit Wiedemann unterrichtet auch nach ihrer Pensionierung noch in einer 6. Klasse der KGS Hemmingen. © Florian Wallenwein
In eine Ecke der Klasse haben sich die Jungen gesetzt, denen der Sinn nicht so recht nach Unterricht steht. Einer malt mit seinem Stift auf dem Nachbartisch. Einer kündigt gleich zu Beginn der Stunde an, er habe seine Arbeitsblätter vergessen. Ein anderer dreht sich nach hinten, um besser mit seinem Freund schwatzen zu können. Doch Margrit Wiedemann lässt dem Quartett nichts durchgehen.
Die dynamische 67-Jährige mit grasgrüner Kapuzenjacke und prägnanter roter Hornbrille gehört zu den Lehrern, die gerne die Fäden in der Hand behalten. Mal freundlich, mal ausgesprochen bestimmt ruft sie die Sechstklässler zur Ordnung. Sie lobt, motiviert und lenkt konzentriert und voller Elan den Ablauf der Förderstunde. An diesem Tag üben die Gymnasiasten der Carl-Friedrich-Gauß-Schule in Hemmingen den Unterschied von Wörtern mit „e“ und „ä“, „eu“ und „äu“. Eine Fehlerquelle – auch noch für Sechstklässler.
„Es wäre mir zu früh, zu Hause zu sitzen. Ich habe noch Lust zu unterrichten“, sagt Wiedemann. Und so ließ sie sich nach ihrer Pensionierung vor zwei Jahren gleich wieder von ihrer Schule anheuern, an der sie 30 Jahre lang gearbeitet hatte. Aktuell gibt sie als Deutsch- und Beratungslehrerin 13 Stunden pro Woche. Brigitta Schönke, Leiterin der Kooperativen Gesamtschule, hat neben Margrit Wiedemann gleich noch drei weitere Pensionäre unter Vertrag und schätzt sich glücklich damit.
„Wenn durch Krankheit befristet sechs Stunden pro Woche Sport ausfallen, finde ich als Vertretung doch niemanden, der davon leben muss“, sagt Schönke. Einige frühere Kollegen helfen jedoch gerne aus. Bezahlt werden die Pensionäre aus dem Honorartopf der Schule. Und die Eltern wissen das Engagement angesichts von Lehrermangel und Unterrichtsausfall zu schätzen. „Der Beruf ist anstrengend. Es ist klasse, wenn Lehrer so motiviert sind, dass sie weitermachen“, sagt Manuela Ziebolz, Schulelternratsvorsitzende an der KGS.
Ehemalige Kollegen, am besten noch aus der eigenen Schule, würde auch Thomas Seidel-Becker, Leiter der Elsa-Brändström-Schule, gerne beschäftigen. Doch für Latein hat er vergeblich gesucht. Dafür hat sich Französisch- und Biologielehrerin Ute Claus entschlossen, sich nebenbei in einem Sprintstudium zur Lateinlehrerin weiterzubilden. Ihr Schulleiter sieht in dem Schnellstudium eine gute Lösung. „Das sind ausgebildete Lehrer, die eine klare Vorstellung von Unterricht haben.“
Quereinsteiger im Klassenzimmer hält Seidel-Becker dagegen für ein gigantisches Risiko. „Der Lehrerberuf ist ein Handwerk, das erlernt werden muss.“ Seidel-Becker hat vorher in der Landesschulbehörde gearbeitet und dort zahlreiche Gespräche mit Bewerbern aus anderen Berufsfeldern über ihre Qualifikation und ihre Motivation geführt. „Nur ein geringer Teil ist wirklich für die Schule geeignet. Es ist etwas völlig anderes, ob ich selbst mein Fachgebiet beherrsche oder ob ich das Kindern beibringen kann. Das machen sich viele gar nicht bewusst.“ Die Bewerber würden zudem das Arbeitspensum mit Klausuren, Korrekturen und Konferenzen häufig unterschätzen. Es sei auch eine besondere emotionale Herausforderung, sich jeden Tag mehrmals vor 30 Schüler zu stellen.
Ein Schulleiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, berichtet von Bewerbern, die in ihrem eigentlichen Beruf in eine Sackgasse geraten waren und wenig lebenstüchtig auf ihn wirkten. „Ich hatte Leute hier, die noch bei ihren Müttern wohnen. Ein Herr Doktor hat nur von seiner Promotion erzählt. Schüler kamen in seinem Vortrag nicht vor.“ Doch die Quereinsteiger, die sich erfolgreich beworben haben, werden von ihren Schulleitern meist überschwänglich gelobt.
Die Goetheschule beschäftigt in Mathematik und Naturwissenschaften drei Berufsfremde, die Schulleiter Wilhelm Bredthauer nach ihrer Qualifizierungsphase alle an Bord behalten möchte. Die Kollegen brächten Lebenserfahrung und damit oft auch eine besondere Autorität mit, die ein Junglehrer nach dem Studium meist nicht ausstrahle. „Die Leute haben wir handverlesen“, sagt Bredthauer. In Hannover sei die Auswahl an Bewerbern dafür groß genug. Dafür sorge die Attraktivität einer Großstadt mit Universität. Dennoch warf ein vierter Seiteneinsteiger an dem Gymnasium vor Kurzem nach drei Monaten das Handtuch, berichtet der Schulleiter. „Ich kenne seine Gründe nicht. Aber manche Anwärter stehen es nicht durch, sich mit permanent fordernden 15-Jährigen auseinanderzusetzen.“
Vielen Quereinsteigern steht längerfristig allerdings nur eine Beschäftigung als angestellter und nicht als verbeamteter Lehrer offen. Bredthauer schätzt, dass sie rund 500 bis 600 Euro weniger pro Monat verdienen als ihre Beamtenkollegen. „Ich kann es niemandem empfehlen.“
Doch Andreas Gonschior ließ sich davon nicht schrecken. Der Diplom-Informatiker tauschte den Hörsaal und befristete Uni-Verträge gegen das Klassenzimmer. Er startete vor zwei Jahren gleich mit fast voller Stundenzahl in der Oberstufe der Carl-Friedrich-Gauß-Schule. „Der Einstieg ist selbst für Referendare sehr schwer.“ Doch Gonschior hatte an der Uni gemerkt, dass er sehr gerne unterrichtet. Der Sprung von Erstsemestern zu Oberstufenschülern sei zudem nicht so groß. Und der Neuling hatte einen entscheidenden Startvorteil: „Im Vergleich zu vielen anderen hatte ich ein realistisches Bild von dem Beruf, weil meine Frau Lehrerin ist.“
In den ersten Wochen durfte der neue Mathe- und Informatiklehrer einige Stunden bei Kollegen hospitieren, die gerade im gleichen Jahrgang und im gleichen Fach unterrichteten. „Ich konnte sehen, wie sie es machen. Und wenn ich Fragen hatte, haben alle mich von Anfang an unterstützt.“ Er stellte fest, dass es keine besondere Freude macht, Schülern eine Klausur mit schlechter Note zurückzugeben. „Das ist für die Schüler keine schöne Situation, aber sie brauchen eine realistische Einschätzung ihrer Leistung.“ Und der 42-Jährige schätzt es, dass der Beruf jeden Tag die Reaktion auf Unvorhergesehenes erfordert.
Dabei reicht das Spektrum von familiären Problemen seiner Schüler bis zur Vertretung eines kranken Kollegen. „Ich glaube, ich mache einen ganz guten Job – und einen gewissen Anteil von Leuten wie mir kann eine Schule gut vertragen“, sagt Gonschior.
Erste Klage im Streit um neue Gesamtschulen
Von Saskia Döhner, HAZ 4.3.2010
Hannover. Der Streit um die Gründung neuer Gesamtschulen wird jetzt erstmals auch juristisch ausgetragen. Wie Landrat Jörg Mielke (parteilos) gestern auf Anfrage bestätigte, hat der Landkreis Osterholz vor dem Verwaltungsgericht Stade Klage erhoben. Die Landesschulbehörde hatte Ende Januar den Antrag auf Errichtung einer Integrierten Gesamtschule abgelehnt.
Der Kreis hatte an die bestehenden Haupt- und Realschulen in Worpswede, Grasberg und Lilienthal zu einer gemeinsamen Gesamtschule mit drei Standorten zusammenführen wollen. „In Grasberg und Worpswede haben wir sonst über kurz oder lang bald gar keine weiterführende Schule mehr“, sagte Mielke. Für die Hauptschulzweige gebe es gar keine Anmeldungen mehr, auch aus den Realschulen wanderten die Kinder allmählich ab. Die Landesschulbehörde überzeugte das Konzept einer IGS an drei Standorten indes nicht. Man warte nun erst mal in Ruhe den Ausgang des Gerichtsverfahrens ab, sagte ein Sprecher.
Der Niedersächsische Landkreistag unterstützt Osterholz. „Es muss den Kommunen und Kreisen freigestellt sein, sich für die Schulform zu entscheiden, die sie wollen“, sagte der für Schulen zuständige Beigeordnete Manfred Fischer gestern. Immer wieder hatten sich die kommunalen Spitzenverbände in den vergangenen Monaten über die strengen Vorgaben des neuen Schulgesetzes für die Gründung neuer Gesamtschulen moniert.
Besonders umstritten ist die vorgeschriebene Fünfzügigkeit bei einer IGS. Die Schulträger müssen nachweisen, dass die neue Gesamtschule über 14 Jahre lang von mindestens 135 Kindern pro Jahrgang besucht werden wird. „Da geht es um Schüler, die noch gar nicht geboren sind“, sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eberhard Brandt. Der Gründungsboom halte an. Ab Sommer werde es vermutlich 19 neue Gesamtschulen geben. Die Landesschulbehörde ziehe manche Antragsverfahren unnötig in die Länge, bemängelte er bei einer GEW-Tagung gestern in Hannover. Die Schulbehörde wies dies zurück. Man prüfe jeden Einzelfall sorgfältig und zügig, sagte ein Sprecher.
IGS: Zeitplan verunsichert viele Eltern
Stimmung für kirchliche Trägerschaft – Schulbehörde schweigt
Von Albert Tugendheim, LZ 4.3.2010
Wunstorf. Reicht die Zeit, um eine Integrierte Gesamtschule in kirchlicher Trägerschaft nach den Sommerferien in Betrieb zu nehmen? Dass es auf diese Frage noch keine definitive Antwort gibt, verunsichert viele Eltern von Viertklässlern. So spielte diese Frage bei einer öffentlichen Informationsveranstaltung des Stadtelternrates am Dienstagabend eine wichtige Rolle. Sehr ernsthaft und engagiert haben die Eltern die Möglichkeit zum Gespräch unter anderem mit der Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track genutzt.
Der Stadtelternrat hatte Fragezettel verteilt, um ein Stimmungsbild zu bekommen. 104 wurden ausgefüllt zurückgegeben. Das Ergebnis war klarer, als zu vermuten gewesen wäre angesichts vieler kritischer Fragen: 70 Prozent der Teilnehmer sagten abschließend, sich eine IGS in kirchlicher Trägerschaft vorstellen zu können. Das Thema Schulgeld – die Kirche würde 45 Euro im Monat verlangen – behagt vielen nicht, 59 Prozent könnten sich damit anfreunden, Schulgeld zu zahlen. 73 Prozent begrüßen den echten Ganztagsbetrieb der kirchlichen IGS, den es bei der staatlichen nicht geben würde.
Bleibt das Problem des Termins. Eine Anfrage der Leine-Zeitung beim Kultusministerium wurde gestern an die nachgeordnete Landesschulbehörde weitergegeben. Die zog sich schlicht auf Formales zurück: Es gebe noch keinen Kirchenantrag. Anderen gegenüber waren Ministeriumsmitarbeiter wohl deutlicher: Der frühere Leiter der IGS Schaumburg, Richard Wilmers, sagte in der Versammlung, ihm sei aus dem Ministerium gesagt worden, dass eine Trägerschaft der Kirche zum Schuljahresbeginn nicht klappen werde.
Moderieren die Versammlung (von links):
Kerstin Gäfgen-Track,
Wolfgang Schulz-Binz
und
Monika Bring-El-Rashid.
Tugendheim
„Hauptschüler geraten ins Hintertreffen“
Von Saskia Döhner, HAZ 3.3.2010
Hannover. Der neue Erlass zur verstärkten Zusammenarbeit an den Haupt- und Realschulen stößt beim Landeselternrat auf Ablehnung. Grundsätzlich sei mehr Kooperation zwischen den beiden Schulformen begrüßenswert, heißt es in der Stellungnahme. Aber dies müsse auch durch entsprechende pädagogische Konzepte unterlegt werden. Konkrete Fragen wie Klassengröße oder Lehrerstundenzuweisung blieben ungeklärt. „Die Frage, was aus den Hauptschülern wird, gerät völlig in den Hintergrund“, sagte der Vorsitzende des Landeselternrats, Pascal Zimmer, gestern. Es habe den Anschein, als ob die Landesregierung allzu sehr auf starren Strukturen beharre. Niedersachsen gehöre zu den fünf der insgesamt 16 Bundesländer, die noch eine reine Hauptschule hätte. „Aber das Rad lässt sich nicht mehr zurückdrehen, Durchhalteparolen helfen da wenig“, meinte Zimmer.
Ähnlich äußert sich auch die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Ina Korter: „Die Regierung versucht mit allen Mitteln zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Eltern wollten keine Bildungssackgassen für ihre Kinder, sondern eine individuelle Förderung der Stärken.“ Schon nach der 8. Klasse würden die Haupt- und Realschüler in Richtung berufliche Ausbildung gedrängt. Der Wechsel zum Gymnasium werde immer schwerer.
Einerseits unterstütze die Regierung die musikalische Bildung in Kindergärten mit 1,15 Millionen Euro, andererseits werde der Musik- und Kunstunterricht gerade in der Realschule massiv gekürzt: „Diese Bildungspolitik widerspricht sich und ist nichts weiter als ein Flickenteppich von Einzelmaßnahmen.“
Eltern fordern: Lehrerstellen nicht kappen
Protest gegen Sparpläne
Von Bärbel Hilbig, HAZ 25.2.2010
Hannover. Die Überlegungen in der Landesregierung, angesichts landesweit sinkender Schülerzahlen Lehrerstellen zu streichen, stoßen auf Protest des Regionselternrats, dessen gewählte Vertreter die Interessen der Eltern von Schülern in der Region vertreten. In einem offenen Brief erinnert der Regionselternrat Ministerpräsident Christian Wulff an seine Aussagen in der Koalitionsvereinbarung, in der von der Stärkung der Bildungsqualität die Rede ist. Dort hieß es auch, dass „Lehrerressourcen“, die aufgrund sinkender Schülerzahlen frei werden, im Bildungswesen belassen würden. Der Regionselternrat fordert in diesem Sinne, keineswegs bei der Bildung zu sparen.
Die Elternvertreter sehen vielfältige Einsatzmöglichkeiten, sollten sich im Verhältnis mehr Lehrer als bisher um die Schüler kümmern. Ganztagsschulen benötigten für ihr erweitertes Angebot mehr Pädagogen, auch für die angestrebte individuelle Förderung der Kinder seien mehr Lehrer notwendig – besonders, wenn künftig verstärkt behinderte und nicht behinderte Schüler gemeinsam unterrichtet werden. Die Eltern fordern kleinere Klassen. Sie verweisen darauf, dass die Unterrichtsqualität angesichts der bisherigen nationalen Pisa-Leistungen verbesserungswürdig sei. In Niedersachsen komme noch hinzu, dass das Land aktuell keinen Erfolg dabei habe, wie angestrebt die Zahl der Abiturienten zu erhöhen. In Grundschulen könnten zusätzliche Lehrer die Kinder in Betreuungs- und Vertretungsstunden fördern, statt sie im Zweifelsfall nur beaufsichtigen zu lassen.
IGS-Antrag in Hannover möglich
Restriktion aufgehoben: Viertklässler können sich in der Landeshauptstadt bewerben
Von Uwe Kreuzer, Leine-Zeitung 24.2.2010
Seelze/Hannover. Seelzer Viertklässler können sich zum nächsten Schuljahr an integrierten Gesamtschulen (IGS) in Hannover anmelden. Das war zuletzt nicht mehr möglich.
Die Stadtverwaltung hat lange mit der Stadt Hannover verhandelt, um die Öffnung der integrierten Gesamtschulen für auswärtige Schüler zu erreichen. Möglich wurde die Zusage, Anmeldungen auch von Seelzer Schülern anzunehmen, wegen der Neueröffnung der Gesamtschule in Stöcken zu diesem Schuljahr. In Badenstedt und Vahrenwald ist eine Neueröffnung für 2011 geplant. Wegen der vorgeschriebenen Fünfzügigkeit bieten die drei neuen Standorte bis zu 450 Plätze je Schuljahrgang an. „Wir und auch die Stadt Hannover gehen davon aus, dass die Kapazität jetzt ausreicht, um auch die Seelzer Schüler aufnehmen zu können“, sagte die Seelzer Fachbereichsleiterin Nicole Teuber gestern.
Eine Garantie, dass tatsächlich alle Seelzer Viertklässler mit IGS-Wunsch auf einer hannoverschen Schule unterkommen, könne es allerdings nicht geben. In den vergangenen zwei Jahren hätten die Gesamtschulen in der Landeshauptstadt allerdings schon gar keine Anmeldungen mehr entgegengenommen. Jetzt seien alle Schulleiter über die Vereinbarung informiert. Seelzer Viertklässler könnten sich an allen integrierten Gesamtschulen in Hannover bewerben – sei an einer Schule kein Platz mehr frei, dann sicher an einer anderen. Die Stadt zahlt für jeden Viertklässler, der künftig eine IGS in Hannover besucht, das normale Gastschulgeld. Für einen garantierten Platz hatte die Landeshauptstadt zuletzt einen Aufpreis von 1000 Euro gefordert.
„Schulen stehen vor Kollaps“
Von Saskia Döhner, HAZ 22.2.2010
Hannover. Das Schulsystem steht nach Ansicht des Schulleitungsverbandes kurz vor dem Kollaps. Weil sich die Verwaltungsaufgaben häuften, seien immer mehr Lehrkräfte überfordert und meldeten sich krank, berichtet die Vorsitzende des Schulleitungsverbandes, Helga Akkermann. Diese Pädagogen müssten dann durch andere vertreten werden, was wiederum zu Überstunden, Überlastung und Ausfällen führe: „So kann es nicht weitergehen, wir sind am Limit.“ Schulleiter müssten dringend entlastet werden, alle freiwerdenden Lehrerstellen müssten auch angesichts zurückgehender Schülerzahlen wiederbesetzt werden. Dies forderte auch die Vorsitzende der Elternräte an Gymnasien, Hiltrud Sürmann, bei einer Tagung in Braunschweig. Wegen der bevorstehenden Pensionierungswelle in den nächsten Jahren zeichne sich bereits heute in einigen Fächern ein Lehrermangel ab. Gymnasien müssten zudem besser ausgestattet werden, betonte Sürmann. Viele Schulen hätten kein medizinisch geschultes Personal und keine Mensa, obwohl sie de facto längst Ganztagsschulen seien. Auch seien die Klassenräume oft zu klein.
Verwaltung verhandelt mit Hannover über IGS-Plätze
Stadt sucht nach Übergangslösung für die jetzigen Viertklässler
Von Frank Walter, LZ 18.2.2010
Seelze. Die Seelzer Stadtverwaltung verhandelt mit Hannover über ein Kontingent von Plätzen an einer integrierten Gesamtschule (IGS) für Seelzer Schüler. Das wurde am Dienstagabend im Bildungsausschuss bekannt.
Zwar plant Seelze nach wie vor die Einrichtung einer eigenen IGS. Diese soll aber erst zum Schuljahreswechsel 2011/2012 ihren Betrieb aufnehmen – zu spät für die Schüler, die schon in diesem Sommer in die fünfte Klasse kommen. Deshalb wird nach einer Zwischenlösung gesucht. Zu konkreten Erfolgsaussichten wollte sich Fachbereichsleiterin Nicole Teuber mit Verweis auf die laufenden Gespräche noch nicht äußern. „Ich habe aber ein gutes Gefühl dabei.“ Laut Stadtsprecherin Martina Krapp hofft die Stadtverwaltung auf eine Einigung bis Ende Februar.
Das Vorhaben, eine eigene IGS in Seelze einzurichten, ist laut Teuber zwar schwieriger geworden, seitdem Garbsen an einer Kooperation mit Seelze kein Interesse bekundet hatte. „Es ist aber lösbar“, sagte sie. Nach den Sommerferien soll mithilfe einer zweiten Befragung ermittelt werden, welche Eltern ihre Kinder auf eine IGS schicken wollen. Um dieses Mal in allen Jahrgangsstufen die notwendige Zustimmung zu erhalten, will die Stadtverwaltung zuvor massiv für die Gesamtschule werben.
• Die Verwaltung will wegen der rückläufigen Besucherzahlen im April ein überarbeitetes Konzept für die Arbeit im Jugendzentrum Letter vorstellen. Die Angebote im Jugendzentrum Seelze dagegen werden laut Teuber deutlich besser angenommen. Dies sei offenbar unter anderem der zentraleren Lage im Ort zu verdanken.
IGS will Schüler im Ostercamp gezielter fördern
Gesamtschule hilft bei der Versetzung
Von Sabrina Friedrich, LZ 18.2.2010
Garbsen. Versetzung gefährdet: Der Eintrag im Halbjahreszeugnis ist für Kinder und ihre Eltern eine Warnung und Mahnung zugleich. Um schlechteren Schülern die Möglichkeit zu geben, ihre Zensuren zu verbessern und so die Versetzung zu schaffen, bietet die IGS von Montag bis Donnerstag, 22. März bis 1. April, erstmals ein Ostercamp an. An diesen neun Tagen lernen Siebt- bis Zehntklässler täglich von 10 bis 15 Uhr in Kleingruppen mit bis zu fünf Schülern. Die Teilnahme ist kostenlos.
Nach den Halbjahreskonferenzen hatten Lehrer der IGS entschieden, welche Schüler die Förderung in den Ferien am nötigsten haben. „Wir haben die Eltern angeschrieben und über das Angebot informiert“, sagte Karl-Otto Eckartsberg gestern. Der Pädagoge gehört zu einer Gruppe von fünf Lehrern, die sich nach Besuchen an Schulen in Niedersachsen und Bremen dazu entschlossen haben, das Ostercamp an der IGS anzubieten.
Etwa 60 Eltern haben ihre Kinder bereits für das Ostercamp angemeldet. Zunächst stehen nur Englisch, Mathematik, Deutsch und Naturwissenschaften im Ferienlehrplan. „Die Fächer sind in der weiteren Schullaufbahn am wichtigsten“, sagte Schulleiter Günther Herweg. Wenn die Schüler angemeldet sind, ist Anwesenheit Pflicht. „Die Nichtteilnahme ist, wie im normalen Schulbetrieb, nur mit Entschuldigung der Eltern möglich“, sagte Herweg.
Ob sie zwei oder vier Stunden Förderung pro Tag bekommen, hängt von den Leistungen der Schüler ab. Referendare und Studenten übernehmen die Förderstunden und gehen individuell auf Schwächen ein. Außerdem sorgt die Schule für Speisen und Getränke: In der 30-minütigen Mittagspause bieten die Eltern im Juniorclub einen kleinen Imbiss an. Dafür wird voraussichtlich ein geringer Kostenbeitrag fällig.
Der Förderkreis unterstützt das Projekt finanziell. Die Schule stellt Geld aus dem Etat für besondere pädagogische Projekte bereit. „Wir wollen außerdem die Schulbehörde und die Klosterkammer um ihre Unterstützung bitten“, sagte Eckartsberg.
Um festzustellen, ob das Ostercamp effektiv ist, entwickelt die Schule einen Fragebogen, den die Teilnehmer zum Abschluss ausfüllen. „Wir werden uns außerdem in den nächsten Zeugniskonferenzen ein Bild davon machen, ob sich die Leistungen der Schüler tatsächlich verbessert haben“, sagte Eckartsberg. Wenn dies der Fall ist, will die IGS das Camp zu einem festen Angebot der Schule machen.
„Das Projekt geht weit über die normale Arbeit der Schule hinaus“, sagte Katja Burmann vom Schulelternrat. „Wir freuen uns sehr über diese Unterstützung.“
Gruppe arbeitet am IGS-Beginn
Von Albert Tugendheim, LZ 16.2.2010
Wunstorf. Unabhängig von der Diskussion um eine kirchliche Trägerschaft der neuen IGS arbeitet eine Initiativgruppe hinter den Kulissen für den Schulbeginn. Die Landesschulbehörde hat zwar noch nicht offiziell den Start der Vorbereitungsgruppe für die Integrierte Gesamtschule (IGS) eingeläutet. Aber die Vorbereitungen sind hinter den Kulissen längst im Gange. Schließlich soll die IGS nach den Sommerferien gut ins Rennen gehen und keinen Fehlstart hinlegen.
Eine Initiativgruppe hat sich bereits zusammengefunden, um Überlegungen anzustellen. Das ist völlig unabhängig von der Debatte um die Trägerschaft der vergangenen zwei Wochen geschehen. „Wir haben Grundideen formuliert, mit denen sich die Planungsgruppe befassen wird“, sagte Frank Kasburg. Schulleiter der Scharnhorstschule. In seinem Schulzentrum An der Aue wird die IGS ihren Betrieb zum nächsten Schuljahr aufnehmen.
Die Abkürzung IGS inspiriert die Teilnehmer zu einer Charakterisierung des Unterrichts: Der Unterricht soll sich auszeichnen durch individuelles, gemeinschaftliches und selbstständiges und soziales Lernen. Vielfältige Fähigkeiten und Interessen der Schüler sollen als Bereicherung verstanden werden. Daher soll es auch sogenannte Profilklassen geben wie die schon an der Schule bestehende Bläserklasse.
„Eine Idee ist es auch, weg von dem starren 45-Minuten-Takt zu kommen“, sagte Kasburg. Nachmittagsunterricht soll nicht nur als ergänzendes Angebot erteilt werden. Aufgabe der Planungsgruppe wird es auch sein, ein Raumkonzept vorzulegen. Kasburg und den bisherigen Mitstreitern schwebt dabei vor, Jahrgangsbereiche zu schaffen, denen dann Lehrerstationen zugeordnet werden.
Wichtig werde auch transparentes Arbeiten sein. Das gilt den ersten Ideenskizzen zufolge für den Umgang mit den Eltern und den Schülern ebenso wie für den mit der Öffentlichkeit. Teamarbeit soll in der IGS großgeschrieben werden.
Schulleiter Kasburg hat angeboten, bei Bedarf in die Grundschulen zu kommen und dort über den Stand der Dinge zu berichten und Informationslücken zu schließen. Im Scharnhorst-Schulzentrum beginnt die Wunstorfer IGS nach den Sommerferien zunächst mit der Klassenstufe fünf.
Phorms beklagt geringe Fördermittel
Grundschule soll schließen
Von Bärbel Hilbig, HAZ 16.2.2010
Hannover. Die Berliner Phorms AG bestätigt, dass sie ihre erst seit August 2008 bestehende Grundschule und den Kindergarten schließen wird. Die Einrichtung nimmt im August keine neuen Kinder mehr auf. „Wir geben die Zusicherung, dass alle unsere 120 Schüler bis zum Ende der vierten Klasse bei uns bleiben können“, sagt Klaus Lechner, geschäftsführender Direktor der Phorms Holding. Die rund 40 Kinder im Kindergarten sollen noch bis zu ihrer Einschulung betreut werden.
Als Hauptgrund für den Rückzug nennt Lechner die geringe staatliche Förderung für Privatschulen in Niedersachsen. Aus dem Kultusministerium heißt es, die Förderbedingungen hätten sich nicht geändert. Phorms hatte seine Grundschule ursprünglich im Sommer 2010 um ein Gymnasium erweitern wollen. „Wir mussten feststellen, dass die Refinanzierung in Niedersachsen nicht ausreicht. Sie ist eine der schlechtesten in der Bundesrepublik“, sagt der Direktor der Phorms Holding. Phorms-Schulen bieten ein ambitioniertes Programm mit Bilingualität, Ganztagsunterricht und individueller Förderung. Und das kostet.
An den anderen Standorten Berlin, Köln, Frankfurt, München und Hamburg trägt der Staat nach Angaben von Lechner rund die Hälfte der Kosten. In Hannover hätte Phorms nach den ersten drei Jahren 25 Prozent seiner Ausgaben für die Grundschule vom Land erstattet bekommen, für das Gymnasium noch weniger. Außerdem sind die Elternbeiträge auf 500 Euro pro Monat gedeckelt. An anderen Standorten zahlen reiche Eltern bis zu 1000 Euro und finanzieren so Familien mit geringerem Einkommen mit. In Hannover können die Eltern den Beitrag freiwillig auf bis zu 800 Euro aufstocken. „Das können wir nicht erzwingen“, sagt Lechner. Es gebe auch hier Stipendien für Bedürftige. Niedersachsen hatte sich an der zunächst angepeilten Mindesthöhe des Schulgeldes von 200 Euro gestoßen. In Hamburg war die Schulgründung deshalb ein Jahr verschoben worden.
Die Nachfrage war in Hannover von Anfang an deutlich geringer als zum Beispiel in München, wo sich auf 30 freie Plätze 400 Erstklässler meldeten. Das spiele bei der Schulschließung jedoch keine Rolle, heißt es von Unternehmensseite.
Privatschule Phorms vor dem Aus
Eltern und Lehrer sind überrascht – und suchen nach einem neuen Träger
Von Felix Harbart, HAZ 15.2.2010
Hannover. Die private Phormsschule in Hannover-Kleefeld steht nach nur anderthalb Jahren vor dem Aus. Wie Elternvertreter der HAZ bestätigten, hat der Träger der Schule, die Berliner Phorms AG, den Eltern jetzt mitgeteilt, keine neuen Schüler in ihrer hannoverschen Dependance mehr aufnehmen zu wollen.
Bisher erstreckt sich das Angebot der privaten Schule auf den Grundschulbereich. In den Jahrgangsstufen 1 und 2 gibt es in Hannover je zwei, in Jahrgang 3 und 4 je eine Klasse. Wie die schockierten Eltern nun auf einem Informationsabend erfuhren, hat Phorms nicht nur die für 2010 vorgesehene Gründung eines Gymnasialzweigs ad acta gelegt, sondern die gesamte Schule zur Disposition gestellt.
Mit großen Ambitionen hatte Phorms die Schule im August 2008 in der ehemaligen Post- und Fernmeldeschule in Kleefeld eröffnet. Das Unternehmen, das bundesweit acht Schulen betreibt, wirbt mit seinem Konzept der Bilingualität und der starken individuellen Förderung um Schüler. Die Förderung drückt sich unter anderem darin aus, dass jede Klasse in Hauptfächern von einer Lehrkraft und einer Hilfslehrkraft betreut wird. Diesen Standard lassen sich die Eltern einkommensabhängig zwischen 90 und 800 Euro im Monat kosten. Vom Ergebnis seien Schüler und Eltern durchweg begeistert, sagt Elternvertreter Michael Freidel. Umso größer sei der Schock, dass die hannoversche Niederlassung aufgegeben werden soll.
Um ihre Schule zu retten, sind die Eltern bereit, gewaltige Anstrengungen zu unternehmen – ohne dass sich der private Schulträger jedoch bisher gerührt hätte. So haben sie in Form von privaten Darlehenszusagen und mithilfe einer hannoverschen Bank bereits einen hohen Betrag eingesammelt – ursprünglich, um einen Teil der Kosten von 2,5 Millionen Euro abzudecken, die die Gründung des Gymnasiums hätte kosten sollen. In Niedersachsen erhalten Privatschulen erst nach drei Jahren öffentliche Fördergelder – so lange müssen sie sich selbst finanzieren. Offenbar war dieses Detail den Phorms-Planern entgangen, heißt es hinter den Kulissen.
Nun fordern die Eltern von Phorms zweierlei: Zum einen wollen sie schriftliche Garantien darüber haben, dass ihre Kinder die vierte Klasse noch beenden können. Zum anderen regen sie an, dass die Phorms AG einen angemessenen Betrag zur Verfügung stellt, den die Elternschaft auf der Suche nach einem neuen Schulträger verwenden kann. Man sei in guten Gesprächen mit mehreren möglichen Trägern, sagen die Elternvertreter Stefan Marx und Michael Freidel. Sollte ein solcher Übergang nicht gelingen, würde die Schließung der Schule für die Phorms deutlich teurer, sagen sie.
Nachwuchsprobleme hat die Schule derweil offenbar nicht. Für die 44 Plätze in den beiden neuen 1. Klassen des kommenden Schuljahres habe man bereits aus mehr als 60 Bewerbern auswählen müssen, sagen die Elternvertreter – und stellen sich demonstrativ hinter die Lehrer und den Direktor der Schule. Für sie sei die schlechte Nachricht aus der Berliner Zentrale genauso überraschend gekommen wie für die Elternschaft, sagt ein Vater: „Viele Lehrer hatten Tränen in den Augen.“
„Umbau der Schulbehörde ohne Konzept“
SPD kritisiert Reformpläne des Kabinetts
Von Saskia Döhner, 13.2.2010 HAZ
Hannover. Die SPD hat massive Kritik am geplanten Umbau der Landeschulbehörde geübt. Von derzeit 25 Außenstellen sollen 16 geschlossen werden, darunter Helmstedt, Peine, Stade, Nienburg und Wilhelmshaven. „Es hat den Anschein, dass nicht sachliche Gründe, sondern die Wahlkreise der Kabinettskollegenentscheidend für die Standortwahl der Landesschulbehörde seien“, sagte die bildungspolitische Sprecherin der SPD, Frauke Heiligenstadt, nach der Sitzung des Kultusausschusses am Freitag. Karl-Heinz Klare (CDU) wies den Vorwurf zurück: Bei der Wahl der Standorte sei auf regional gewachsene Traditionen und Strukturen Rücksicht genommen worden. Die verbleibenden neun Außenbüros seien personell besser ausgestattet.
Ministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) hatte dem Ausschuss das Konzept zur Neustrukturierung vorgestellt. Sie sagte, die Zahl der Schulpsychologen solle von derzeit 38 auf 74 erhöht werden.
Tags zuvor hatte der Bielefelder Wissenschaftler Prof. Rainer Dollase moniert, dass kein Bundesland so schlecht mit Schulpsychologen versorgt sei wie Niedersachsen. Selbst Zypern stehe besser da.
Heiligenstadt bemängelte, dass von den vorgesehen 74 Stellen knapp ein Drittel auf Verwaltungskräfte und Schulentwicklungsberatung entfällt, für Psychologen seien es tatsächlich nur 51 Stellen. Es sei zudem ein Trugschluss, dass Beratungslehrer die Arbeit der Psychologen übernehmen könnten, zumal nur 1200 der rund 3200 Schulen landesweit überhaupt Beratungslehrer hätte.
Sprintstudium gestartet: Die ersten 30 Pädagogen haben gestern ihr Schnellstudium zum Lateinlehrer begonnen. Schon im ersten Jahr der ingesamt auf zwei Jahre angelegten Weiterbildung sollen sie im begrenzten Rahmen an ihrer Schule auch Latein unterrichten. Am 19. Februar startet das Sprintstudium in evangelischer Religion mit 16 Teilnehmern.
Weniger Psychologen als in Zypern
Experte: Überforderte Lehrer brauchen ein gut ausgebautes Unterstützungssystem
Von Saskia Döhner, 12.2.2010 HAZ
Hannover. Selbst Zypern ist besser mit Schulpsychologen versorgt als Niedersachsen. Der Bielefelder Professor Rainer Dollase hat in seiner Studie für die Max-Träger-Stiftung, die er gestern in Hannover bei einer Tagung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vorstellte, eine düstere Bilanz gezogen: „Der Berufsstand ist bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschrumpft.“ Rein rechnerisch muss sich in Niedersachsen ein Psychologe derzeit um 30?000 Schüler kümmern, während international eine Relation von 1:5000 empfohlen wird. 38 der 48 Planstellen sind derzeit besetzt, 250 müssten es eigentlich sein, sagte Dollase. Seine Forderung: „Sofort 20 neue Psychologen einstellen.“
Im europäischen Vergleich stehe Deutschland schon schlecht da, sagte der Bielefelder Wissenschaftler, innerhalb Deutschlands sei Niedersachsen Schlusslicht. Jahrelang seien den Lehrern immer neue Aufgaben aufgebürdet worden, für die sie gar nicht ausgebildet seien, meinte Dollase. Sie seien oft überfordert. Für den eigentlichen Unterricht bliebe ihnen immer weniger Zeit. Es fehle ein vernetztes Unterstützungssystem mit Sozialpädagogen, Psychologen und Beratungslehrern um die Schule herum. Jeder müsse dabei klar umrissene Aufgaben erfüllen: „Sozialarbeiter können nicht den Job von Schulpsychologen machen oder umgekehrt.“
„Man kann noch so viel Prävention, Projekte und Programme machen, Probleme wird es immer geben“, ist der Forscher überzeugt, „so, wie es Aufgaben für Feuerwehr, Polizei und Ärzte an den Schulen gibt, so werden auch Psychologen gebraucht.“ Die Nähe zur Schule sei wichtig für den Erfolg. Ein Psychologe sollte nicht mehr als vier Schulen gleichzeitig betreuen.
GEW-Vorsitzender Eberhard Brandt hält allerdings wenig davon, die Psychologen direkt bei den Schulen anzusiedeln. „In einem Land mit lauter Minischulen, wo 40 Prozent der Schulen weniger als sieben Vollzeitlehrerstellen und immerhin 80 Prozent weniger als 20 Lehrerstellen haben, hat das keinen Sinn.“ Die Psychologen sollten auch weiterhin bei der Landesschulbehörde beschäftigt sein, betonte er.
Im Zuge der Umstrukturierung der Landesschulbehörde soll die Rolle der Psychologen aufgewertet werden. Sie bekommen ein eigenes Dezernat, außerdem könnte bei weiteren Sparrunden vorrangig Personal aus der Schulverwaltung und -aufsicht und nicht bei den Psychologen abgebaut werden. Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) stellt heute im Kultusausschuss des Landtages die Pläne für den Umbau der Landesschulbehörde vor.
Prof. Dollase sagte, vor allem Schüler in der Pubertät bräuchten Hilfe von Psychologen. Aber der hannoversche Schulpsychologe Hans Meyer wusste zu berichten, dass zunehmend auch Anfragen aus den Grundschulen kommen. In anderen europäischen Ländern wie Italien betreuen Psychologen auch Vorschüler.
Wirbel um IGS-Trägerschaft
Von Jörg Rocktäschel, LZ 7.2.2010
Wunstorf. Die von der evangelischen Landeskirche angebotene Trägerschaft für die Integrierte Gesamtschule (IGS) sorgt für Wirbel. Die Gesamtschul-Initiative bemängelt das geforderte Schulgeld. Die SPD fordert die Fraktion auf, vor einer Entscheidung die Basis zu beteiligen. Die Gesamtschul-Initiative Wunstorf (GIW) übt scharfe Kritik, weil Verhandlungen und Planungen für eine mögliche Trägerschaft für die IGS seitens der Landeskirche hinter verschlossenen Türen stattfinden.
Vorsitzende Ralfina Dicker wirft zudem den beiden Ratsgruppen eine übereilte und einseitige Informationspolitik vor. „Wie es scheint, soll auf Teufel komm raus die Landeskirche die Trägerschaft für die IGS übernehmen“, sagte sie gestern. Es werde nicht einmal für nötig gehalten, das erste offizielle Beratungstreffen am 24. Februar, zu dem auch Vertreter der GIW unter großer Geheimhaltungspflicht eingeladen seien, abzuwarten. Das Gespräch scheine nur noch eine Alibifunktion zu haben.
Ob die kirchliche Trägerschaft wirklich zu mehr Bildungsgerechtigkeit führe, sei unklar. Besonders das geforderte Schulgeld von 45 Euro monatlich sei ein „ganz heikles Thema“. Dicker beklagte die offenbar vorschnelle Bereitschaft politischer Entscheidungsträger, die Verantwortung für die Bildung junger Menschen abzutreten und mahnt eine intensive Prüfung der Vor- und Nachteile an.
Für Diskussionen sorgte die Nachricht auch während der Jahresversammlung des SPD-Ortsvereins am Freitagabend. Bildungsbeauftragter Sören Thoms nannte das Angebot problematisch. „Wir brauchen keine Bildungspolitik, wenn wir das Thema den Privaten überlassen. Wir müssen für eine Verbesserung des staatlichen Angebots kämpfen“, sagte er. Der stellvertretende Ortsvereinsvorsitzende Torben Klant schlug eine Mitgliederversammlung zu dem Thema vor: „Bevor die Fraktion eine Entscheidung trifft, muss die Partei entscheiden.“ Mitglied Bernd Riedel gab zu bedenken, dass das kirchliche Angebot eine Qualität habe, die vom Staat nicht zu bekommen sei. So liege die Klassenstärke bei höchstens 26 Schülern. Vorsitzender Bernd Maschke sieht ebenfalls Vorteile, wollte jedoch nicht vorschnell urteilen. Der Vorstand will morgen beraten.
Kirche will IGS-Trägerin werden
Der Schulbesuch soll aber nicht an die Konfession gebunden werden: Offen für alle
Von Albert Tugendheim, LZ 6.2.2010
Wunstorf. Wunstorf bekommt eine integrierte Gesamtschule. Das hat die Stadt jetzt endlich auch schriftlich. Neu ist: Die Evangelische Landeskirche hat sich als Schulträger angeboten. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Kerstin Gäfgen-Track von der Landeskirche war zu Gast in den Fraktionssitzungen der beiden großen Ratsgruppen. Das, was die Landeskirche zu bieten hat, erscheint vielen der Entscheidungsträger als äußerst attraktiv. Die Landeskirche setzt ihrerseits eine breite Zustimmung voraus. „Wir stehen noch ganz am Anfang“, sagte Gäfgen-Track gestern.
Kirche macht Schule, so lautet das Motto der Landeskirche. Wunstorf ist zwar kein Einzelfall, hat aber durchaus Modellcharakter in Sachen kirchlicher Schulpolitik. Die Vertreterin der Landeskirche hat es den Politikern klar gemacht: Eine IGS in der Trägerschaft der evangelischen Kirche ist offen für alle Kinder. „Ehrenwort“, fügte sie im Gespräch mit der Leine-Zeitung an. Katholische Schüler erhalten ihren Religionsunterricht. Bei Bedarf wird auch muslimischer Religionsunterricht erteilt. Konfessionszugehörigkeit ist kein Kriterium für den Unterrichtsbesuch.
Die Kröte, die es für manch einen zu schlucken gilt: Es wird ein Schulgeld erhoben. 45 Euro pro Monat wird als Zahl genannt. Aber: Wer die Schule besuchen will und nicht zahlen kann, dem werde geholfen. „Am Geld scheitert der Schulbesuch nicht“, sagte die Vertreterin der Landeskirche ganz klar.
Was Eltern interessieren dürfte, sind erstaunliche Ansagen des möglichen Schulträgers Kirche. Die Klassenstärke wird auf 26 Schüler begrenzt. Bei staatlichen Schulen ist der Grenzwert 33. Es werde zudem eine geschlossene Ganztagsschule eingerichtet. Das heißt, es gibt Ganztagsunterricht und Förderangebote für die Schüler, die Schwächen haben.
Bildungsgerechtigkeit ist für uns ein großes Thema“, sagte Gäfgen-Track. Schulbücher sind für die Kinder der kirchlichen Schule kostenfrei.
Integrierte Gesamtschule startet im August
Von Bärbel Hilbig, HAZ 2.2.2010
Vahrenwald. Die geplante Integrierte Gesamtschule in Hannover-Vahrenwald kann im August starten. Das Land hat die Stadtverwaltung jetzt über die Genehmigung der neuen Schule informiert.
Das Schulzentrum am Büssingweg in Vahrenwald © HAZ (Archiv)
Die Initiativgruppe zur Gründung der IGS Büssingweg in Vahrenwald hat mit der inhaltlichen Planung begonnen. Im Schulprofil werden bisher die Schwerpunkte Medien und Information, Bewegung, Sport und Gesundheit sowie Technik und Umwelt genannt. Im Schulprogramm sind als Kernziele „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“, die Stärkung der Persönlichkeit und das Einfordern von Leistung aufgeführt. Ein wesentliches Ziel sehen die Planer in der Vorbereitung der künftigen Schüler auf den Beruf nach der zehnten Klasse als auch auf Abitur und Studium. Das Land genehmigt bei der Neugründung einer IGS in der Regel erst nach einigen Jahren eine gymnasiale Oberstufe. Die Stadt als Schulträger hat die Oberstufe als Option für den Standort Büssingweg vorgesehen.
Am Büssingweg arbeiten jetzt die Karl-Jatho-Schule als Hauptschule und die Geschwister-Scholl-Schule als Realschule. Beide nehmen ab August keine Fünftklässler mehr auf.
Eltern können sich über die neue IGS am 11. März um 19 Uhr in der Aula der Geschwister-Scholl-Schule im Büssingweg 1 informieren. Bei einem „Tag der Offenen Tür“ am 24. April gibt es weitere aktuelle Informationen über den Stand der Planungen. Kinder und Eltern können dann außerdem Schulgebäude und Gelände ansehen. Informationen gibt es per Telefon an der Karl-Jatho-Schule unter (05 11) 16 84 34 42.
Recht auf Regelschule
Von T-Online, 28.1.2010
Das Recht auf den Besuch einer Regelschule für behinderte Kinder gilt sofort, Deutschland muss die UN-Konvention umsetzen. Ein Rechtsgutachten stellt jetzt die unmittelbare Wirksamkeit des Rechts auf Unterricht an Allgemeinen Schulen klar - die Bundesländer müssen handeln, um die Inklusion umzusetzen. Bisher ist Deutschland bei der Integration behinderter Kinder UN-Schlusslicht.
Nach UN-Vorstellung sollen
behinderte und nichtbehinderte
Kinder gemeinsam lernen.
(Bild: Imago)
Behinderte Kinder haben gleiches Recht
Behinderte Kinder haben ab sofort das Recht, gemeinsam mit nicht behinderten Kindern eine allgemeine Schule zu besuchen. Nach der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) gilt dieser Anspruch für das einzelne Kind unabhängig von anders lautenden Schulgesetzen. Zudem müssen Bund und Länder zügig inklusive Bildung verwirklichen und dafür auch Qualitätsmaßstäbe festlegen. Dies sind zwei wesentliche Ergebnisse des Rechtsgutachtens, das der führende deutsche Völkerrechtler Professor Dr. Eibe Riedel heute in Berlin vorgestellt hat. Dass die Kinder mit Behinderung immer noch vor verschlossenen Schultüren stehen, war für den Elternverband "Gemeinsam leben, Gemeinsam lernen" der Grund, gemeinsam mit dem Sozialverband Deutschland (SoVD) die Rechtslage eingehend durch einen international renommierten Völkerrechtler untersuchen zu lassen.
UN-Konvention gilt schon länger
"Die UN-Konvention gilt bereits seit dem vergangenen Frühjahr. Die Bundesländer haben nun zügig die Forderungen der UN-Konvention in ihren schulrechtlichen Gesetzen und Vorschriften umzusetzen", erklärte Riedel. Gefordert sei ein inklusives Schulsystem, so Riedel, der auch Mitglied des UN-Ausschusses für die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte in Genf ist. Das bedeute die Aufnahme des Kindes mit Behinderung in die Regelschule, wobei die im Einzelfall notwendigen Vorkehrungen getroffen werden müssen. Die Bundesländer lassen sich jedoch mit der Anpassung ihrer Schulgesetze Zeit. Im Gegenteil: Einige versuchen, die Konvention zu unterlaufen. Und dies obwohl Deutschland in der Schulbildung für behinderte Kinder hinterherhinkt: Mit einer Integrationsquote von 15,7 Prozent ist Deutschland Schlusslicht in Europa. Würde die Konvention umgesetzt, sollten bis zu 90 Prozent der Kinder mit Behinderung eine ganz normale Schule besuchen.
Deutschland ist Schlusslicht
SoVD Präsident Adolf Bauer forderte deshalb: "Auch wenn die Konvention, die einen so umfassenden Umbau eines Schulsystems fordert, den Ländern eine gewisse Übergangsfrist für strukturelle Maßnahmen gibt, müssten spätestens binnen zwei Jahren nachhaltige Änderungen auf den Weg gebracht worden sein. Aus dem Gutachten geht klar hervor, dass es ein Verstoß gegen die Konvention wäre, wenn Bund und Länder nicht zielgerichtet und zeitnah Maßnahmen ergreifen, um inklusive Bildung zu verwirklichen." Zudem verbiete das Gutachten es den Ländern, sich auf leere Kassen zu berufen. Hier seien nötigenfalls Umschichtungen vorzunehmen, so Bauer. "Eine Zuweisung zur Sonderschule gegen ihren erklärten Willen müssen Kinder und ihre Eltern auch schon jetzt nicht mehr dulden", auf diese Feststellungen des Gutachtens wies Camilla Dawletschin-Linder, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen" nachdrücklich hin. "Eltern haben nunmehr juristische Argumente zur Hand, wonach ihre Kinder Anspruch auf Zugang zur Allgemeinen Schule haben", so Dawletschin-Lindner. Das Gutachten ist im Internet unter http://www.gemeinsam-leben-nrw.de/ oder http://www.sovd.de/ abrufbar.
SPD unterstützt das Volksbegehren
Von Frank Walter, LZ 27.1.2010
Seelze/Letter. Die SPD sammelt Unterschriften für das „Volksbegehren für gute Schulen“. Informationsstände unter dem Motto „Zeit zum Lernen“ werden am Freitag, 29. Januar, ab 15 Uhr auf dem Wochenmarkt in Seelze sowie ab 16 Uhr vor dem Rossmann-Markt in Letter aufgebaut.
Ostfriesen planen erste evangelische IGS
Auricher Gemeinden wollten eine staatliche Gesamtschule, scheiterten aber an den strengen Hürden
Von Saskia Döhner, HAZ 28.1.2010
Pewsum. Im ostfriesischen Pewsum soll die erste Integrierte Gesamtschule (IGS) in kirchlicher Trägerschaft entstehen. Schon ab Sommer könnten die Haupt- und Realschulen in Hinte und Krummhörn im Kreis Aurich zu einer Gesamtschule mit zwei Standorten für insgesamt rund 1000 Schüler verschmelzen. Auch eine Oberstufe ist geplant.
„Weil wir an den strengen Vorgaben für eine staatliche Gesamtschulgründung gescheitert sind, haben wir uns schließlich an die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers gewandt, das war ein glücklicher Zufall“, berichtet Hintes parteiloser Bürgermeister Wolfgang Schneider. Gemeinden, die eine IGS gründen wollen, müssen nachweisen, dass sie genügend Schüler haben, um auf 14 Jahre fünf Klassen pro Jahrgang zu sichern. Hinte und Krummhörn konnten dies aber nur für 13 Jahre, in einem Jahr waren zu wenig Kinder geboren worden.
Die Landeskirche Hannover unterhält bislang eine Grundschule in Wolfsburg und vier Gymnasien (Hildesheim, Nordhorn, Dassel und Meine bei Gifhorn). Pewsum wäre die erste IGS. „Das Interesse an Bildung ist der Kirche seit der Reformation in die Wiege gelegt“, sagt Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track. Neben inklusiven Grundschulen, an denen behinderte mit nicht behinderten Kindern zusammenlernen, wolle man zunehmend weiterführende Schulen übernehmen, die alle Abschlüsse anbieten, und das seien eben Gymnasien und Gesamtschulen.
„Etwas Besseres für unsere Kinder als eine IGS kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Hintes Bürgermeister. Und Frank Baumann, Sprecher der Gemeinde Krummhörn, meint: „Dann hätten wir endlich auch eine moderne Schulform in unseren modernen Schulgebäuden.“ Das Schulzentrum in Krummhörn war für elf Millionen Euro saniert worden, zwei Millionen davon kamen vom Land. In Hinte waren sechs Millionen Euro investiert worden.
Für die ostfriesischen Kommunalpolitiker ist die IGS-Gründung buchstäblich eine Überlebensfrage. Die Hauptschulzweige bluteten aus, erzählen sie: „Im diesjährigen fünften Jahrgang hatten wir gerade einmal vier Anmeldungen“, sagt Schneider. Die Realschulen würden zu Restschulen, und viele Eltern meldeten ihre Kinder lieber an neuen Gesamtschulen in der Umgebung an, etwa in Marienhafe oder Emden.
„Mit der IGS könnten wir erstmals auch ein gymnasiales Angebot machen“, betont Hintes Bürgermeister Schneider. Zwar gibt es seit Kurzem in Krummhörn eine Außenstelle eines Emder Gymnasiums, aber das kann nur bis zur 9. Klasse besucht werden. Anschließend müssen die Schüler bis nach Emden fahren. Die IGS in Pewsum könnte die gymnasiale Außenstelle überflüssig machen.
Auch die Schulleiter der bisherigen Haupt- und Realschulen wünschen sich die Fusion. „So können wir beide Schulstandorte halten“, sagt Friedrich Wollers von der Haupt- und Realschule Hinte. Und Ingrid Mensch, seine Kollegin aus Krummhörn, fügt hinzu, eine verpflichtende Ganztagsschule würde auch die Schüler erreichen, die es nötig hätten. Eine Kröte gebe es allerdings, die geschluckt werden müsste, sagen die beiden Schulleiter. Und das sind die 45 Euro Schulgeld im Monat. Darin wären allerdings auch die Schulbuchausleihe und möglicherweise nötiger Nachhilfeunterricht enthalten. Außerdem wollen Kommunen die Kosten für das Mittagessen übernehmen.
Den Eltern stößt die Schulgebühr trotzdem sauer auf: „Wir sind hier keine wohlhabende Gegend“, sagt die Gemeindeelternratsvorsitzende Sandra Nanninga: „Warum sollen Eltern für Bildung zahlen?“ Oberlandeskirchenrätin Gäfgen-Track verweist darauf, dass alle Schulen in freier Trägerschaft laut Landesgesetz Gebühren verlangen müssen. „Der Schulbesuch wird nicht am Schulgeld scheitern“, verspricht sie.
Keine Kooperation
Seelze muss Gründung der IGS allein stemmen
Von Ralf Heußinger, LZ 27.1.2010
Seelze. Die Stadt Seelze muss bei der geplanten Einrichtung einer Integrierten Gesamtschule (IGS) ohne Unterstützung Garbsens auskommen. Die Nachbarstadt will bei der IGS-Gründung nicht mit Seelze kooperieren. SPD, Grüne und Verwaltung wollen an den IGS-Plänen dennoch festhalten. Die CDU zeigt sich skeptisch.
"Wir haben einen Ratsauftrag, den wir auch umsetzen werden“, sagte der Erste Stadtrat Karsten Balzer. Der bisherige Fahrplan bleibe bestehen. Im Oktober hatte der Rat einstimmig beschlossen, eine IGS-Gründung zum Schuljahr 2011/12 anzustreben. Da sich bei der ersten Befragung zu wenige Eltern für die IGS ausgesprochen hatten, sollten bei einer zweiten Erhebung auch die Garbsener Eltern gefragt werden, ob sie ihre Kinder an einer Seelzer IGS anmelden würden. Dies scheitert nun am ablehnenden Votum aus Garbsen. Nach den Sommerferien sollen nun wieder ausschließlich die Seelzer Eltern befragt werden.
SPD-Ratsherr Heinrich Aller ist zuversichtlich, dass auch auf diesem Weg die nötigen 130 Jastimmen pro Jahrgang zusammenkommen. Die Eltern müssten nur frühzeitiger informiert werden, und die Abfrage bei den Schulen und Kindergärten müsse verbindlicher organisiert werden als beim ersten Durchgang. Trotz der Absage aus Garbsen hält Aller es für möglich, dass Garbsener Schüler nach Seelze kommen. „Die Tür bei der Zusammenarbeit ist nicht zugeschlagen“, sagte Aller. Auch die Grünen wollen die Pläne wie gehabt vorantreiben: „Wir können uns jetzt nicht abschrecken lassen“, sagte Sprecherin Evelyn Werner.
Die CDU dagegen will eine neue Grundsatzdebatte führen. „Wir sollten in aller Offenheit über alles reden“, sagte CDU-Chef Gerold Papsch. Die Chancen für einen Erfolg der zweiten Umfrage seien gesunken. „Wenn man den IGS-Plan dennoch blind durchziehen will, dann wird das zu einer Farce.“
Garbsen steigt aus der IGS-Kooperation aus
Rektoren warnen vor Schulsterben – Busverbindung ist mangelhaft
Von Markus Holz, LZ 27.1.2010 Garbsen. Keine gemeinsame IGS mit Seelze: Garbsen steigt aus dem Projekt aus. Das hat der Verwaltungsausschuss einstimmig beschlossen. Sinkende Schülerzahlen und die schlechte Busanbindung sind die Hauptgründe für das Nein aus Garbsen.
Fast alle Leiter der weiterführenden Schulen hatten sich in einem Gespräch mit Bürgermeister Alexander Heuer gegen die Kooperation ausgesprochen, auch IGS-Schulleiter Günter Herweg. Er muss jedes Jahr zwischen 50 und 70 Schüler ablehnen, weil die Kapazitäten der Gesamtschule erschöpft sind. 2008 hätten mehr als die Hälfte aller Eltern von Viertklässlern ihre Kinder gern zur IGS geschickt.
Eine neue Gesamtschule könnte den Druck vor allem auf die Haupt- und Realschulen erhöhen, meinen die Schulleiter. Angesichts der ohnehin sinkenden Schülerzahlen sei die Garbsener Schulstruktur gefährdet. „Durch eine IGS Seelze mit Schülern aus Garbsen würden unseren weiterführenden Schulen viele Schüler verloren gehen“, heißt es in einem Appell der Schulleiter an Heuer, der die Fraktionen offensichtlich zum Umdenken bewogen hat.
In Seelze hatten sich nicht genügend Eltern für die Einrichtung einer IGS gemeldet. Die Nachbarstadt hatte sich mit der Bitte an Garbsen gewandt, auch hiesige Eltern zu befragen. Die Verwaltung hatte zugestimmt und die Kooperation als aussichtsreich bezeichnet. „Wir hoffen jetzt für Seelze, dass das Land die Anforderungen für die Einrichtung neuer Gesamtschulen reduziert“, schreibt Heuer in seiner Stellungnahme.
Kommentar von Markus Holz
Mit diesem Votum werden viele Eltern nicht zufrieden sein. Es entspricht nicht ihrem Willen, sondern gleicht einem Schutzzaun, der vielleicht nicht nötig wäre. Der Trend zur IGS ist auch eine Aufforderung an weiterführende Schulen, ihr Angebot zu überprüfen und zusammenzurücken. Aber Berenbostels Haupt- und Realschule schaffen es nicht, in Richtung Ganztagsschule zu denken – damit kämen sie ganz sicher einigen Eltern entgegen.
Hauptschule muss nachsitzen
Inspekteure bemängeln auch die Qualität des Unterrichts der Geschwister-Scholl-Schule
Von Uwe Kreuzer, LZ 21.1.2010
Die Geschwister-Scholl-Schule erhält von den Schulinspektoren schlechte Noten.Bartels
Seelze. Der Bericht ist Verschlusssache – jetzt gerät das Ergebnis der Schulinspektion an der Hauptschule doch ans Tageslicht. Was die Inspektoren im vergangenen Jahr dokumentiert haben, ist für die Leitung der Geschwister-Scholl-Schule ein Schlag ins Kontor. Schulleiterin Regina Lies betrachtet das aber als Chance.
Bisher waren nur bauliche Mängel bekannt geworden. Die Kritik an der inhaltlichen Arbeit war bisher geheim. Das 40-seitige Dokument, das der Leine-Zeitung nun vorliegt, stellt Schulleiterin Lies und ihrem Kollegium ein schlechtes Zeugnis aus. Die Inspektoren bewerten sieben von 15 Qualitätskriterien als „eher schwach“, den Bereich Qualitätssicherung sogar als „schwach“ – die schlechteste der vier möglichen Noten. Die Schule kommt nicht über die Wertung „eher stark“ hinaus. Die beste Note „stark“ wird nie erreicht.
Allerdings loben die Experten die insgesamt positive Atmosphäre und die Arbeit der Sozialpädagoginnen. Dennoch gibt es auch im sozialen Bereich Kritik. So seien Schüler und Eltern zu wenig am Schulleben beteiligt, es gebe zu wenige wiederkehrende Aktivitäten abseits des Unterrichts.
Die größte Kritik: Nach Abschaffung der landeseinheitlichen Lehrpläne habe die Schule es nicht geschafft, Arbeitspläne zu erstellen. Die Unterrichtsqualität hänge zu sehr vom einzelnen Lehrer ab. Schüler würden kaum lernen, selbstständig Inhalte zu erarbeiten, den Umgang mit Computern genauso wenig lernen wie den mit Nachschlagewerken. „Nicht zu erkennen“, „nicht wahrzunehmen“, „kein Konzept“ – die Formulierungen häufen sich in dem Bericht. Im Herbst muss sich die Schule einer Nachinspektion stellen.
Schulleiterin Lies, die zum Februar nach Wunstorf wechselt, fühlte sich den Spiegel vorgehalten. „Man hat uns klar die Baustellen aufgezeigt“, sagt sie. Die Experten hätten anhand „objektiver Kriterien“ gearbeitet. Mit Unterstützung der Landesschulbehörde arbeite das Kollegium jetzt daran, Versäumtes nachzuholen.
Aber nicht alles hänge von den Lehrern ab. Die Hauptschule sei nach der Trennung von der Realschule vor fünf Jahren ohne Schulleitung „an einem Nullpunkt“ gestartet. Die Entwicklung seitdem sei trotz allem positiv. Außerdem sei die Klientel an Hauptschulen eben nicht einfach – so auch an der Seelzer Schule mit 222 Schülern, von denen 75 Prozent einen Migrationshintergrund haben.
Man versuche, Eltern und Schüler einzubinden. „Aber wenn niemand zum Elternabend kommt, was soll ich machen?“, fragt Lies.
Regina Lies
BAULICHE MÄNGEL
Stadt verbessert Ausstattung
Von Uwe Kreuzer, LZ 21.1.2010
Seelze. Bauliche Mängel, die bei der Schulinspektion festgestellt wurden, waren bereits im Herbst bekannt geworden. Für die Behebung der dokumentierten Schäden ist der Schulträger, also die Stadt, verantwortlich.
Die Inspektoren bemängelten die Einrichtung einzelner Räume, Vandalismus und die mangelhafte Ausstattung des Schulhofs mit Spielgeräten. Viele Schäden sind schon behoben worden. „Wir haben zum Beispiel lose Deckenplatten befestigt und kaputte Fenster repariert“, sagt Stadtsprecherin Martina Krapp. Geld für weitere Verbesserungen, etwa neue Möbel im Werkraum, steht im Haushalt 2010, der vom Land noch genehmigt werden muss.
IGS-Unterstützer wollen den Eltern genaue Perspektiven aufzeigen
Von Ralf Heußinger, LZ 20.1.2010
Seelze. Die von der SPD getragene Initiative IGS für Seelze will sich dafür einsetzen, dass Eltern früher und genauer über die Gründung einer Gesamtschule in Seelze informiert werden. Das sei der Wunsch der Eltern bei der Informationsveranstaltung der Initiative am Montagabend gewesen, sagte SPD-Ratsherr Julian Rabe. Vor allem müsse den Eltern eine Perspektive für die Zeit nach der zehnten Klasse eröffnet werden. Die Landesgesetzgebung lässt bei IGS-Neugründungen in der Regel nur die Jahrgänge fünf bis zehn zu.
„Es muss für die Eltern deutlich werden, wie es nach der zehnten Klasse weitergeht“, sagte Ratsfrau Karin Albrecht (SPD). Denkbar seien etwa Kooperationen mit bestehenden Gesamtschulen. Die Initiative will sich außerdem dafür einsetzen, dass das noch bis Juni laufende Schul-Volksbegehren in Seelze bekannter wird. „Wir stehen inhaltlich voll hinter dem Volksbegehren“, sagte Rabe. Das Volksbegehren setzt sich unter anderem dafür ein, die Gründung von Gesamtschulen zu erleichtern.
Erhard Klein aus Velber zum Bericht „IGS-Unterstützer wollen den Eltern genaue Perspektiven aufzeigen“ vom 20. Januar:
In Seelze bleibt nur die Einrichtung einer IGS
Leine-Zeitung, 28.1.2010
Die IGS-Unterstützer möchten nicht nur die Perspektiven aufzeigen, sondern auch über mögliche Alternativen aufklären. Fakt ist, dass die Hauptschule bundesweit am Ende ist und zu einer „Restschule“ mutiert. Zudem hat der „Schul-TÜV“ der Seelzer Hauptschule eine schlechte Note gegeben, was eine Folge dieser Entwicklung sein könnte.
Auch Realschule und Gymnasium haben darunter zu leiden. Verlagerung auf diese Schulen mit übervollen Klassen, überforderten Lehrern und letztlich kranken, geschädigten Kindern sind die Folge. Als Alternative wurde die Zusammenlegung der Hauptund Realschulen in Hannover getestet. Laut Schulforschung ist das aber nur eine Krücke. Die Elternreaktion ist entsprechend, auch diese Schulform wird nicht angewählt. Die Gründung weiterer Gesamtschulen ist die Folge.
Wenn nun die Landesregierung die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule wieder aufleben lässt, so hat das keinesfalls pädagogische Gründe. Denn nach außen wird zwar weiterhin das dreigliedrige Schulsystem proklamiert, nach innen ist es aber bereits abgeschafft. Durch Änderung der Ausbildung gibt es nur noch den „einheitlichen“ Haupt- und Realschullehrer, der an jeder dieser Schulformen eingesetzt wird. Da auch die Besoldung vereinheitlicht wurde, ist das mit einem Qualitätsverlust des Lehrpersonals verbunden. Die bereits eingetretene Folge ist eine Abwanderung von „Junglehrern“ in besser zahlende Bundesländer. Die „preiswerte“ Zusammenlegung von Haupt- und Realschule ist keine Alternative. Die Bildung unserer Kinder darf nicht finanziell auf der Strecke bleiben. Für die Situation in Seelze bleibt nur die Einrichtung einer IGS, die auch das Georg-Büchner- Gymnasium entlasten kann. Deshalb sollten alle Eltern, unabhängig von der zukünftigen Schulwahl für ihre Kinder, die Initiative unterstützen. Das gilt auch für die Eltern, deren Kinder heute noch in den Kindergärten sind.
Regierung Wulff geht auf die Gesamtschulen zu
Erlass erlaubt 13 Jahre bis zum Abitur in der IGS
Von Saskia Döhner, HAZ 15.1.2010
Im erbitterten Streit um die Gesamtschulen in Niedersachsen geht die schwarz-gelbe Landesregierung auf ihre schärfsten Kritiker zu: Integrierte Gesamtschulen (IGS) werden von der Pflicht zum Turboabitur ausgenommen.
Das Turbo-Abi - gegen das diese Schülerin im vergangen Jahr in Hannover protestiert hat - ist an der IGS nicht mehr Pflicht. © Christian Behrens/Archiv
Integrierte Gesamtschulen (IGS) sollen selbst entscheiden können, ob sie das Abitur nach zwölf oder 13 Schuljahren vergeben. Das geht aus einem Erlass des niedersächsischen Kultusministeriums hervor, der am Freitag veröffentlicht werden soll.
Vor gut einem Jahr hatten Ministerpräsident Christian Wulff und Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (beide CDU) verkündet, auch an Gesamtschulen die Schulzeit auf zwölf Jahre verkürzen zu wollen. Vor allem in Hannover schlugen die Wellen der Empörung hoch. Tausende Lehrer, Eltern und Schüler gingen gegen den Beschluss auf die Straße. Ein von verschiedenen Initiativen gestartetes Volksbegehren richtet sich vor allem gegen die Einführung des Turboabiturs an den Gesamtschulen. Die Hauptsorge: Die Reifeprüfung nach zwölf Jahren würde den gemeinsamen Unterricht unmöglich machen. Die Kinder müssten schon ab der 6. Klasse aufgeteilt werden, das Kernprinzip der IGS wäre damit zerschlagen worden.
Der neue Erlass ist von einer Arbeitsgruppe im Ministerium formuliert worden, in der auch Vertreter der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule saßen. Er sieht vor, dass der Klassenverband bis zum Ende des 9. Jahrgangs bestehen bleibt. Ab Klasse 7 kann auf zwei oder drei unterschiedlichen Leistungsniveaus in Mathematik und Englisch unterrichtet werden, Ein Jahr später folgt die Differenzierung in Deutsch, dann auch in den Naturwissenschaften. In der 9. Klasse muss differenziert werden, in den unteren Jahrgängen kann auf Antrag gemeinsam unterrichtet werden. Die Schüler können entweder nach der 9. Klasse in die gymnasiale Oberstufe eintreten und nach zwölf Jahren Abitur machen oder sie lassen sich ein Jahr länger Zeit.
„An der IGS ist so ein Abitur der zwei Geschwindigkeiten möglich, in zwölf oder 13 Jahren“, sagt der Leiter der Hildesheimer Robert-Bosch-Gesamtschule, Wilfried Kretschmer. Er bewertet den Entwurf „überwiegend positiv“: Die IGS erhalte mehr Freiheitsgrade.
Das Kultusministerium in Hannover will dagegen nicht von einer Überraschung sprechen. „Wir haben immer gesagt, dass es nicht darum geht, die Gesamtschulen zu zerschlagen“, sagte Ministeriumssprecher Andreas Krischat. Der IGS-Erlass des Ministeriums wird am Freitag veröffentlicht. Er geht danach in die Anhörung der Verbände und Interessengruppen.
KOMMENTAR von Saskia Döhner
Kluger Schachzug
Die Angst war groß: Viele Kritiker hatten befürchtet, dass mit dem Turbo-Abitur auch das Ende des gemeinsamen Unterrichts an den Integrierten Gesamtschulen kommen würde. Und ihre Sorgen waren durchaus begründet: Entgegen der Beteuerungen von Kultusministerin Heister-Neumann gibt es in der Regierung entschiedene Gesamtschulgegner, immer noch. Aber es gibt auch starke Fürsprecher. Und es gibt zum Glück die Realisten, für die Gesamtschulen ganz einfach auch zum gegliederten System gehören. Und die haben sich anscheinend durchgesetzt. Sicherlich haben auch der Druck der Öffentlichkeit, die vielen Demonstrationen und Protestbriefe, aber auch die leisen Gespräche im Hintergrund das Einlenken leichter gemacht. Der liberale IGS-Erlass ist ein kluger Schachzug der Regierung und nimmt den Kritikern den Wind aus den Segeln. Für die Bildungspolitik im Land ist es aber nur gut, wenn beide Seiten unaufgeregter miteinander umgehen. Gelassenheit ist hilfreicher als starre Schwarz-Weiß-Ideologie. Kritik wird es in den nächsten Tagen dennoch geben. Die Vertreter der reinen IGS-Linie werden um den 9. und 10. Jahrgang fürchten, und die Gymnasien werden sich ungerechtet behandelt sehen, weil sie nicht die Wahl zwischen dem Abitur nach zwölf oder 13 Jahren haben. Wer sich hier länger Zeit lassen will, ist zum Sitzenbleiben verdonnert. Wenn der Erlass die Anhörung übersteht und nicht über Ausführungsverordnungen wieder eingeschränkt wird, zeigt die Landesregierung, dass sie sich in der Schulpolitik dem Zug der Zeit doch nicht gänzlich verschließt. Die Schulen hätten es verdient, dass man ihnen mehr Freiheit zutraut – und das gilt nicht nur für Gesamtschulen.
Berlin schafft Hauptschule ab
Von dpa, HAZ 15.1.2010
Ein Jahr hat das Land Berlin über seine Schulen gestritten, nun ist es beschlossen: Die Hauptstadt schafft im Sommer ihre Hauptschulen ab. Das Abgeordnetenhaus beschloss die Reform am Donnerstag mit den Stimmen von SPD und Linken. Haupt-, Real- und Gesamtschulen werden zu sogenannten Sekundarschulen zusammengefasst. Sie bilden neben dem Gymnasium dann die einzige weiterführende Schulform nach der sechsjährigen Grundschule. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) versprach den Schülern mehr Chancengleichheit und den Schulen mehr Eigenverantwortung. „Dies ist das Ende der Zwangsbeglückung von Schulen, es ist das Entlassen in Verantwortung und Freiheit.“
Viele Schüler scheitern auf Weg zum Abitur
SPD kritisiert: Weniger Aufsteiger, mehr Absteiger
Von Saskia Döhner, HAZ 6.1.2010
Hannover. In Niedersachsen sinkt nicht nur die Zahl der Abiturienten, sondern auf dem Weg zur Abschlussprüfung scheitern an den Gymnasien immer mehr Schüler. Darauf hat SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt gestern hingewiesen. Die Zahl der Absteiger nehme zu, die der Aufsteiger sinke, sagte sie. Betrachte man allein den 7. Jahrgang, habe sich der Anteil der Schüler an den Gymnasien, die von einer Realschule gekommen seien, in den vergangenen vier Jahren halbiert, während im gleichen Zeitraum die Zahl der Schüler, die von einem Gymnasium auf die Realschule wechselten, von 2,2 auf 3,5 Prozent gestiegen sei.
Die Durchlässigkeit zwischen den Realschulen und Gymnasien habe sich deutlich von oben nach unten verändert, kritisierte Heiligenstadt. Zu große Klassen und Oberstufenkurse, Fachlehrermangel, schlechte Arbeitsbedingungen für die Pädagogen, aber auch die Unruhe, die das verkürzte Abitur gebracht habe, zeigten schon jetzt Wirkung, obwohl erst 2011 der erste Jahrgang das Turboabitur ablegt.
Heidrun Korsch, Vorsitzende der Direktorenvereinigung, bestätigte, dass sich die Unsicherheit bei den Eltern durch das Zentralabitur und die Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre verstärkt hat. „Die Gymnasien sind in einer Umbruchphase.“ Sie hat beobachtet, dass der Anteil der Jungen bei den Abiturienten sinkt: „In den Oberstufenkursen sitzen immer mehr Mädchen.“ Durch die erhöhte Stundenzahl in der Mittelstufe wechselten Schüler oft schon in der 9. Klasse aufs Fachgymnasium.
Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbands, wandte ein, eine sinkende Abiturientenquote sei nicht unbedingt besorgniserregend. Wenn der Anteil derjenigen Schüler, die Abitur machten, in einem Jahrgang immer weiter wachse, leide langfristig auch die Qualität des Abschlusses generell darunter: „Dann wird durch Studieneingangsprüfungen an den Universitäten das nachgeholt, was eigentlich das Schulsystem leisten sollte.“ Auch Hiltrud Sürmann, Vorsitzende der Elternräte an Gymnasien, verwies darauf, dass Deutschland mit der allgemeinen Hochschulreife ein hohes Gut habe, was es in vielen Ländern gar nicht gebe: „Und dessen Qualität darf nicht leichtfertig verspielt werden.“
Kultusministerium und Regierungsfraktionen betonten, entscheidend sei nicht, dass es im vergangenen Jahr weniger Abiturienten gab, sondern die Quote der Studienberechtigten insgesamt, inklusive der Absolventen mit Fachhochschulreife. „Es kommt nicht auf die Schulform an, sondern auf das einzelne Kind“, sagte Ministeriumssprecher Andreas Krischat. Viele Wege führten zum Abitur, ob in zwölf oder 13 Jahren. Möglicherweise zögen viele Realschüler einen lukrativen Job in der Wirtschaft vor, anstatt weiter zur Schule zu gehen und Abitur zu machen.
In Niedersachsen sinkt der Anteil der Abiturienten
Von Gabriele Schulte, HAZ 5.1.2010
Der Anteil der Abiturienten ist in Niedersachsen erstmals seit Jahren gesunken. Nur noch 27,7 Prozent eines Jahrgangs erwarben nach Angaben des Landesbetriebs für Statistik 2008 die allgemeine Hochschulreife, ein Jahr zuvor waren es noch 30 Prozent.
Der Anteil der Abiturienten ist in Niedersachsen erstmals seit Jahren gesunken. © Nico Herzog
Die bundesweite Quote stieg im selben Zeitraum von 31 auf 31,7 Prozent. Im Vergleich der Länder ist Niedersachsen das einzige, dessen Anteil an Studienberechtigten sank. Während das Kultusministerium in Hannover am Montag von einer „möglicherweise nur kurzfristigen Verlagerung“ sprach, forderte die Opposition im Landtag einen Kurswechsel in der Bildungspolitik.
„Wir sind alarmiert“, sagte die schulpolitische Sprecherin der SPD, Frauke Heiligenstadt. Sollte sich in Niedersachsen tatsächlich ein Trend weg vom Abitur entwickeln, werde das Land „abgehängt“ und steuere mehr noch als die anderen auf einen Fachkräftemangel zu. Ina Korter von den Grünen rief die Landesregierung auf, ihre Beschlüsse zum Turboabitur auch an Gesamtschulen zurückzunehmen und nicht am freien Elternwillen beim Wechsel auf das Gymnasium zu rütteln: „Sonst geht die Regierung wissentlich das Risiko ein, Schüler schlechter zu qualifizieren als andere Bundesländer.“ Die Unterschiede zwischen den Ländern sind jetzt schon sehr groß. Der Anteil derjenigen eines Altersjahrgangs, die die allgemeine Hochschulreife erwerben, reicht von 21 Prozent in Bayern bis 38,8 Prozent in Hamburg. Von den Stadtstaaten abgesehen, steht Nordrhein-Westfalen mit 33,8 Prozent weit vorn, die Durchschnittsquote der Flächenländer liegt bei 31,3 Prozent.
Weiterhin machen in den großen Städten deutlich mehr Schüler Abitur als auf dem Land. Niedersachsens GEW-Chef Eberhard Brandt führte die zwischen Ems und Elbe gesunkene Quote auf „oft noch zu weite Wege zum Kreisgymnasium“ zurück. Gegensteuern lässt sich nach Ansicht der Lehrergewerkschaft mit weiteren Gesamtschulen. Roland Neßler vom Philologenverband warnte indes davor, die Leistungsanforderungen für das Abitur weiter zu senken. „Dann ist die Gefahr zu groß, im Studium zu scheitern.“
An den Abiturprüfungen direkt scheitern die wenigsten: im Jahr 2008 nur 913 bei mehr als 25.600 Abiturienten. Viele von den 31,1 Prozent des Jahrgangs, die 2001 – damals noch von der Orientierungsstufe – in die 7. Klasse des Gymnasium wechselten, müssen es lange vor dem Abitur wieder verlassen haben. Auch bei den Studienberechtigten mit Fachhochschulreife ist die Quote in Niedersachsen gesunken: von 12,8 auf 12,5 Prozent.
Ein Weckruf
Kommentar von Jörg Kallmeyer, HAZ 5.1.2010
Die schwarz-gelbe Landesregierung hat sich zuletzt in Zahlen der Statistiker sonnen können: Der Anstieg der Arbeitslosigkeit fällt geringer aus als anderswo; es gibt weniger arme Familien im Land als befürchtet; der größte Autobauer liefert stabile Ergebnisse – Niedersachsen, so scheint es, kommt besser durch die Krise als andere Bundesländer. Umso hässlicher wirkt da der kleine Schatten, den die Statistiker jetzt auf das Hochglanzbild werfen: Die Zahl der Abiturienten ist erstmals seit Jahren wieder zurückgegangen.
Die Quote von 27,7 Prozent eines Schülerjahrgangs ist im internationalen Vergleich blamabel – und sie ist beunruhigend, weil sie viel darüber aussagt, wie zukunftsfähig eine Gesellschaft und ihr Bildungssystem sind. Deutschlands Wirtschaft braucht mehr Abiturienten, wenn sie im Wettbewerb der Wissensnationen mithalten will. Das weiß man spätestens seit dem Pisa-Schock. Dass nun in Niedersachsen die Abiturquote sogar wieder zurückgeht, kann man nicht direkt der Landesregierung anlasten. Wer 2008 die Reifeprüfung abgelegt hat, ist noch von der Orientierungsstufe aufs Gymnasium geschickt worden.
Die Reformen von Schwarz-Gelb kamen später. Die neue Statistik ist aber ein Weckruf: Die Landesregierung legt in ihrer Schulpolitik viel Wert auf Leistung der Schüler und Trennung der Schulformen. Von der Förderung jedes einzelnen Schülers – nach Pisa ein neues Credo – ist kaum noch etwas zu hören. Die Bilanz von Wulffs Schulpolitik steht noch aus. Ein Kriterium wird in einigen Jahren auch die Abiturquote sein. Und dann zählen keine Ausreden – der Ministerpräsident selbst hat in seiner ersten Amtszeit den Maßstab gesetzt: Wulff verlangte Ende 2005 eine Abiturquote von 40 Prozent.
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