Niedersachsen setzt bei Bildung den Rotstift an
Kultusressort muss 50 Millionen Euro kürzen
Von Klaus Wallbaum, HAZ 6.3.2010
Hannover. Noch Ende Januar hatte Niedersachsens Landesregierung erwogen, bei der bevorstehenden Sparrunde das Kultus- und das Hochschulressort auszuklammern. Inzwischen aber steht fest: Auch diese beiden Ministerien müssen für den Etat des kommenden Jahres den Rotstift ansetzen.
Schüler fordern gute Bildung. © Wallenwein (Archiv)
Wie diese Zeitung am Freitag erfahren hat, beträgt die Summe der Kürzungen in beiden Ministerien zusammen bis zu 150 Millionen Euro. Noch ist unklar, wo genau weniger Geld ausgegeben werden soll.
Allein das Kultusministerium, dessen 4,7-Milliarden-Etat zum überwiegenden Teil aus Gehältern der Lehrer besteht, soll im kommenden Jahr zwischen 50 und 100 Millionen Euro an den Finanzminister abliefern. Die spannende Frage wird nun sein, ob Ministerin Elisabeth Heister-Neumann frei werdende Lehrerstellen nicht wiederbesetzen will. Würden etwa 1000 Lehrer keinen Nachfolger bekommen, so könnte dies den Kultus-Etat um rund 45 Millionen Euro entlasten. Der Landesrechnungshof rät dazu schon seit Längerem – weil die Schülerzahlen zurückgehen, vor allem in den Grundschulen, könne sich das Land auf Dauer nicht die höchste Lehrerzahl aller Zeiten leisten. Klar scheint auch zu sein, dass in der Finanzplanung bis 2020 rund 7000 Lehrerstellen wegfallen sollen.
In den kommenden drei Jahren jedoch will die Regierung hier maßvoll vorgehen und nicht benötigte Stellen vorwiegend dazu nutzen, die Qualität des Unterrichts zu verbessern und die Klassen zu verkleinern. Deshalb wird über andere Wege nachgedacht, das Geld zu erwirtschaften – Kürzungen bei Kindergärten und bei Schul-Sozialarbeitern, verzögerte Neubesetzung von Schulleiterstellen, Einschnitte in der Verwaltung und bei der Schulinspektion, die die Schulen beraten soll. Auch könnte die geplante Führungsakademie für Lehrer vertagt werden.
Während im Kultusressort schon eifrig an Lösungen gearbeitet wird, liegen aus dem Wissenschaftsressort noch keine Vorschläge vor. Entschieden werden soll in der Klausurtagung des Kabinetts im Juni, bei der der Haushaltsplan für 2011 aufgestellt wird.
In den anderen Ministerien wird über verschiedene Projekte debattiert, die geopfert werden oder schrumpfen könnten – der Innovationsfonds etwa, die Sportförderung, der große Fahrzeugpark im Innenministerium, die Steuer- und die Bauverwaltung oder Standorte des Landesamtes für Soziales. Der Maßregelvollzug könnte an einem Standort konzentriert werden, Zuschüsse für Frauenhäuser, Umweltgruppen, Theater und soziale Initiativen stehen auf der Kippe. Auch das vom Ministerpräsidenten befürwortete Museum für die Schöninger Speere, für das 15 Millionen Euro fließen sollen, hat Kritiker.
Die Streichliste der Ministerien dürfte aber gerade mal 345 Millionen Euro bringen, während der Bedarf an Kürzungen im kommenden Jahr um noch einmal eine Milliarde Euro größer ist.
KOMMENTAR VON ULRICH NEUFERT (HAZ 6.4.2010)
In den Sternen
Zu Zeiten der römischen Republik hätten die Auguren, die allein die Macht besaßen, die Zeichen zu deuten, dem Senat abgeraten, weitreichende Beschlüsse zu treffen. Der niedersächsische Landtag leistet sich keine Sterndeuter, er vertraut auf den Finanzminister der Regierung, der Steuerschätzer beschäftigt, die auch Zeichen lesen können. Und diese sind eindeutig. Wenn der Finanzminister im Haushaltsplanentwurf 2011 allein bei Schulen und Hochschulen zusammen bis zu 150 Millionen Euro kürzen will, dann muss die Not noch größer sein als bisher angenommen. Kann es einen ungünstigeren Zeitpunkt für die Abstimmung über einen Landtagsneubau geben als den Moment, in dem klar wird, dass das Land finanziell auf dem Zahnfleisch geht?
Zugegeben, die Frage ist rhetorisch, und das heißt in diesem Fall, sie beantwortet sich unter Zuhilfenahme eines bisschen gesunden Menschenverstandes von allein. Aber er darf nicht in jedem Fall bei Politikern als vorhanden vorausgesetzt werden. Nicht mal bei Finanzministern. Es wäre an der Zeit, dass Hartmut Möllring die erwartungsvoll gespannte Öffentlichkeit darüber aufklärt, warum er als Parlamentarier dafür ist, 45 Millionen Euro für einen prächtigen Landtagsneubau auszugeben, als Finanzminister aber zur Garotte greift und ausgerechnet die Minister würgt, von deren Ressorts die Zukunftsfähigkeit des Landes besonders stark abhängt. Haben Sie es vielleicht doch so üppig, Herr Minister, dass es am Ende wurst ist, ob man für eine Sanierung 20 Millionen oder für einen Neubau 45 Millionen Euro ausgibt?
Parlament und Regierung sind in der Neubaufrage stärker miteinander verwoben, als den Bürgern weisgemacht werden soll. Die vornehme Zurückhaltung der Regierung soll signalisieren, hier sei allein das Parlament am Ball. Landtagsabgeordnete und Minister sollten sich dieser Illusion nicht allzu lange hingeben: Wenn 2013 gewählt wird, bis dahin 1000 Lehrerstellen gestrichen sind, dann wird allen im Leineschloss der Neubau auf die Füße fallen.
Schulausschuss votiert für Verhandlung über IGS-Trägerschaft
Von Albert Tugendheim, LZ 5.3.2010
Wunstorf. Der Schulausschuss des Rates hat am Mittwochabend einstimmig empfohlen, dass die Stadt mit der Landeskirche Verhandlungen über eine kirchliche Trägerschaft für die neue Integrierte Gesamtschule (IGS) aufnimmt.
Lediglich Lehrervertreterin Heike Duve-Diekmann enthielt sich der Stimme. Wolfgang Schulz-Binz stimmte im Namen des Stadtelternrates zu. Allerdings will das Gremium an den Verhandlungen beteiligt werden. Das sagten Bürgermeister Rolf-Axel Eberhardt und Kirchenvertreterin Kerstin Gäfgen-Track zu. Geklärt werden muss nur, ob ein oder zwei Elternvertreter benannt werden.
Der Entscheidung ging eine zweistündige Diskussion voraus. Entgegen der Gepflogenheit der Ratsausschüsse unterbrach Vorsitzender Ulrich Troschke (SPD) die Sitzung, um dem Publikum Gelegenheit zu Fragen und Beiträgen zu geben. Wie schon bei einer Informationsveranstaltung des Elternrates am Abend zuvor spielte das Thema Religionsunterricht eine entscheidende Rolle. Allerdings waren weit weniger Gäste erschienen als bei der Elternratssitzung.
Auffällig ist, dass kritische Worte nicht nur von betroffenen Eltern kommen, sondern auch von pensionierten Pädagogen. Die tun sich offenbar schwer bei dem Gedanken an den kirchlichen Schulträger.
Erstmals äußersten sich die Grünen öffentlich. Ratsfrau Meike Holste sagte, an der Basis ihrer Partei gebe es eine dünne Mehrheit für die Kirchenträgerschaft. Holste fragte an, was mit Schülern geschehe, die vom Hölty-Gymnasium auf die IGS wechseln wollten. Außerdem habe sie mit der türkischen Elterninitiative gesprochen, die demnach ihre Kinder nur dann zur IGS schicken wollen, wenn es dort muslimischen Religionsunterricht gebe. Die Kirchenvertreterin sagte erneut zu, dass sie einen solchen Modellversuch anschieben wolle, wenn genügend Nachfrage bestehe.
Heinz-Gerhard Kück begründete für die CDU die Zustimmung und den damit verbundenen Sinneswandel für eine IGS unter anderem mit dem sehr guten Ganztagsangebot. Harald Brandes nannte das Angebot des kirchlichen Träger faszinierend.
Allerdings mahnen die Politiker zur Eile. Das Problem Zeit spielt eine große Rolle. Wieder berichteten Eltern am Donnerstag, dass sie im Kultusministerium die Auskunft bekommen haben, der Trägerschaftswechsel könne nicht schon zum neuen Schuljahr klappen. Bürgermeister Rolf-Axel Eberhardt sagte, er erwarte von den staatlichen Behörden, dass der eindeutige politische Wille aus Wunstorf zügig umgesetzt werde.
Lehrermangel: Quereinsteiger werden gesucht
Von Bärbel Hilbig, HAZ 5.3.2010
Hannover. Dass Lehrer auch nach ihrer Pensionierung weiter unterrichten, ist keine Seltenheit. Nun werden wegen des Lehrermangels auch Quereinsteiger gesucht.
„Zu früh, um zu Hause zu sitzen“: Margrit Wiedemann unterrichtet auch nach ihrer Pensionierung noch in einer 6. Klasse der KGS Hemmingen. © Florian Wallenwein
In eine Ecke der Klasse haben sich die Jungen gesetzt, denen der Sinn nicht so recht nach Unterricht steht. Einer malt mit seinem Stift auf dem Nachbartisch. Einer kündigt gleich zu Beginn der Stunde an, er habe seine Arbeitsblätter vergessen. Ein anderer dreht sich nach hinten, um besser mit seinem Freund schwatzen zu können. Doch Margrit Wiedemann lässt dem Quartett nichts durchgehen.
Die dynamische 67-Jährige mit grasgrüner Kapuzenjacke und prägnanter roter Hornbrille gehört zu den Lehrern, die gerne die Fäden in der Hand behalten. Mal freundlich, mal ausgesprochen bestimmt ruft sie die Sechstklässler zur Ordnung. Sie lobt, motiviert und lenkt konzentriert und voller Elan den Ablauf der Förderstunde. An diesem Tag üben die Gymnasiasten der Carl-Friedrich-Gauß-Schule in Hemmingen den Unterschied von Wörtern mit „e“ und „ä“, „eu“ und „äu“. Eine Fehlerquelle – auch noch für Sechstklässler.
„Es wäre mir zu früh, zu Hause zu sitzen. Ich habe noch Lust zu unterrichten“, sagt Wiedemann. Und so ließ sie sich nach ihrer Pensionierung vor zwei Jahren gleich wieder von ihrer Schule anheuern, an der sie 30 Jahre lang gearbeitet hatte. Aktuell gibt sie als Deutsch- und Beratungslehrerin 13 Stunden pro Woche. Brigitta Schönke, Leiterin der Kooperativen Gesamtschule, hat neben Margrit Wiedemann gleich noch drei weitere Pensionäre unter Vertrag und schätzt sich glücklich damit.
„Wenn durch Krankheit befristet sechs Stunden pro Woche Sport ausfallen, finde ich als Vertretung doch niemanden, der davon leben muss“, sagt Schönke. Einige frühere Kollegen helfen jedoch gerne aus. Bezahlt werden die Pensionäre aus dem Honorartopf der Schule. Und die Eltern wissen das Engagement angesichts von Lehrermangel und Unterrichtsausfall zu schätzen. „Der Beruf ist anstrengend. Es ist klasse, wenn Lehrer so motiviert sind, dass sie weitermachen“, sagt Manuela Ziebolz, Schulelternratsvorsitzende an der KGS.
Ehemalige Kollegen, am besten noch aus der eigenen Schule, würde auch Thomas Seidel-Becker, Leiter der Elsa-Brändström-Schule, gerne beschäftigen. Doch für Latein hat er vergeblich gesucht. Dafür hat sich Französisch- und Biologielehrerin Ute Claus entschlossen, sich nebenbei in einem Sprintstudium zur Lateinlehrerin weiterzubilden. Ihr Schulleiter sieht in dem Schnellstudium eine gute Lösung. „Das sind ausgebildete Lehrer, die eine klare Vorstellung von Unterricht haben.“
Quereinsteiger im Klassenzimmer hält Seidel-Becker dagegen für ein gigantisches Risiko. „Der Lehrerberuf ist ein Handwerk, das erlernt werden muss.“ Seidel-Becker hat vorher in der Landesschulbehörde gearbeitet und dort zahlreiche Gespräche mit Bewerbern aus anderen Berufsfeldern über ihre Qualifikation und ihre Motivation geführt. „Nur ein geringer Teil ist wirklich für die Schule geeignet. Es ist etwas völlig anderes, ob ich selbst mein Fachgebiet beherrsche oder ob ich das Kindern beibringen kann. Das machen sich viele gar nicht bewusst.“ Die Bewerber würden zudem das Arbeitspensum mit Klausuren, Korrekturen und Konferenzen häufig unterschätzen. Es sei auch eine besondere emotionale Herausforderung, sich jeden Tag mehrmals vor 30 Schüler zu stellen.
Ein Schulleiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, berichtet von Bewerbern, die in ihrem eigentlichen Beruf in eine Sackgasse geraten waren und wenig lebenstüchtig auf ihn wirkten. „Ich hatte Leute hier, die noch bei ihren Müttern wohnen. Ein Herr Doktor hat nur von seiner Promotion erzählt. Schüler kamen in seinem Vortrag nicht vor.“ Doch die Quereinsteiger, die sich erfolgreich beworben haben, werden von ihren Schulleitern meist überschwänglich gelobt.
Die Goetheschule beschäftigt in Mathematik und Naturwissenschaften drei Berufsfremde, die Schulleiter Wilhelm Bredthauer nach ihrer Qualifizierungsphase alle an Bord behalten möchte. Die Kollegen brächten Lebenserfahrung und damit oft auch eine besondere Autorität mit, die ein Junglehrer nach dem Studium meist nicht ausstrahle. „Die Leute haben wir handverlesen“, sagt Bredthauer. In Hannover sei die Auswahl an Bewerbern dafür groß genug. Dafür sorge die Attraktivität einer Großstadt mit Universität. Dennoch warf ein vierter Seiteneinsteiger an dem Gymnasium vor Kurzem nach drei Monaten das Handtuch, berichtet der Schulleiter. „Ich kenne seine Gründe nicht. Aber manche Anwärter stehen es nicht durch, sich mit permanent fordernden 15-Jährigen auseinanderzusetzen.“
Vielen Quereinsteigern steht längerfristig allerdings nur eine Beschäftigung als angestellter und nicht als verbeamteter Lehrer offen. Bredthauer schätzt, dass sie rund 500 bis 600 Euro weniger pro Monat verdienen als ihre Beamtenkollegen. „Ich kann es niemandem empfehlen.“
Doch Andreas Gonschior ließ sich davon nicht schrecken. Der Diplom-Informatiker tauschte den Hörsaal und befristete Uni-Verträge gegen das Klassenzimmer. Er startete vor zwei Jahren gleich mit fast voller Stundenzahl in der Oberstufe der Carl-Friedrich-Gauß-Schule. „Der Einstieg ist selbst für Referendare sehr schwer.“ Doch Gonschior hatte an der Uni gemerkt, dass er sehr gerne unterrichtet. Der Sprung von Erstsemestern zu Oberstufenschülern sei zudem nicht so groß. Und der Neuling hatte einen entscheidenden Startvorteil: „Im Vergleich zu vielen anderen hatte ich ein realistisches Bild von dem Beruf, weil meine Frau Lehrerin ist.“
In den ersten Wochen durfte der neue Mathe- und Informatiklehrer einige Stunden bei Kollegen hospitieren, die gerade im gleichen Jahrgang und im gleichen Fach unterrichteten. „Ich konnte sehen, wie sie es machen. Und wenn ich Fragen hatte, haben alle mich von Anfang an unterstützt.“ Er stellte fest, dass es keine besondere Freude macht, Schülern eine Klausur mit schlechter Note zurückzugeben. „Das ist für die Schüler keine schöne Situation, aber sie brauchen eine realistische Einschätzung ihrer Leistung.“ Und der 42-Jährige schätzt es, dass der Beruf jeden Tag die Reaktion auf Unvorhergesehenes erfordert.
Dabei reicht das Spektrum von familiären Problemen seiner Schüler bis zur Vertretung eines kranken Kollegen. „Ich glaube, ich mache einen ganz guten Job – und einen gewissen Anteil von Leuten wie mir kann eine Schule gut vertragen“, sagt Gonschior.
Erste Klage im Streit um neue Gesamtschulen
Von Saskia Döhner, HAZ 4.3.2010
Hannover. Der Streit um die Gründung neuer Gesamtschulen wird jetzt erstmals auch juristisch ausgetragen. Wie Landrat Jörg Mielke (parteilos) gestern auf Anfrage bestätigte, hat der Landkreis Osterholz vor dem Verwaltungsgericht Stade Klage erhoben. Die Landesschulbehörde hatte Ende Januar den Antrag auf Errichtung einer Integrierten Gesamtschule abgelehnt.
Der Kreis hatte an die bestehenden Haupt- und Realschulen in Worpswede, Grasberg und Lilienthal zu einer gemeinsamen Gesamtschule mit drei Standorten zusammenführen wollen. „In Grasberg und Worpswede haben wir sonst über kurz oder lang bald gar keine weiterführende Schule mehr“, sagte Mielke. Für die Hauptschulzweige gebe es gar keine Anmeldungen mehr, auch aus den Realschulen wanderten die Kinder allmählich ab. Die Landesschulbehörde überzeugte das Konzept einer IGS an drei Standorten indes nicht. Man warte nun erst mal in Ruhe den Ausgang des Gerichtsverfahrens ab, sagte ein Sprecher.
Der Niedersächsische Landkreistag unterstützt Osterholz. „Es muss den Kommunen und Kreisen freigestellt sein, sich für die Schulform zu entscheiden, die sie wollen“, sagte der für Schulen zuständige Beigeordnete Manfred Fischer gestern. Immer wieder hatten sich die kommunalen Spitzenverbände in den vergangenen Monaten über die strengen Vorgaben des neuen Schulgesetzes für die Gründung neuer Gesamtschulen moniert.
Besonders umstritten ist die vorgeschriebene Fünfzügigkeit bei einer IGS. Die Schulträger müssen nachweisen, dass die neue Gesamtschule über 14 Jahre lang von mindestens 135 Kindern pro Jahrgang besucht werden wird. „Da geht es um Schüler, die noch gar nicht geboren sind“, sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eberhard Brandt. Der Gründungsboom halte an. Ab Sommer werde es vermutlich 19 neue Gesamtschulen geben. Die Landesschulbehörde ziehe manche Antragsverfahren unnötig in die Länge, bemängelte er bei einer GEW-Tagung gestern in Hannover. Die Schulbehörde wies dies zurück. Man prüfe jeden Einzelfall sorgfältig und zügig, sagte ein Sprecher.
IGS: Zeitplan verunsichert viele Eltern
Stimmung für kirchliche Trägerschaft – Schulbehörde schweigt
Von Albert Tugendheim, LZ 4.3.2010
Wunstorf. Reicht die Zeit, um eine Integrierte Gesamtschule in kirchlicher Trägerschaft nach den Sommerferien in Betrieb zu nehmen? Dass es auf diese Frage noch keine definitive Antwort gibt, verunsichert viele Eltern von Viertklässlern. So spielte diese Frage bei einer öffentlichen Informationsveranstaltung des Stadtelternrates am Dienstagabend eine wichtige Rolle. Sehr ernsthaft und engagiert haben die Eltern die Möglichkeit zum Gespräch unter anderem mit der Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track genutzt.
Der Stadtelternrat hatte Fragezettel verteilt, um ein Stimmungsbild zu bekommen. 104 wurden ausgefüllt zurückgegeben. Das Ergebnis war klarer, als zu vermuten gewesen wäre angesichts vieler kritischer Fragen: 70 Prozent der Teilnehmer sagten abschließend, sich eine IGS in kirchlicher Trägerschaft vorstellen zu können. Das Thema Schulgeld – die Kirche würde 45 Euro im Monat verlangen – behagt vielen nicht, 59 Prozent könnten sich damit anfreunden, Schulgeld zu zahlen. 73 Prozent begrüßen den echten Ganztagsbetrieb der kirchlichen IGS, den es bei der staatlichen nicht geben würde.
Bleibt das Problem des Termins. Eine Anfrage der Leine-Zeitung beim Kultusministerium wurde gestern an die nachgeordnete Landesschulbehörde weitergegeben. Die zog sich schlicht auf Formales zurück: Es gebe noch keinen Kirchenantrag. Anderen gegenüber waren Ministeriumsmitarbeiter wohl deutlicher: Der frühere Leiter der IGS Schaumburg, Richard Wilmers, sagte in der Versammlung, ihm sei aus dem Ministerium gesagt worden, dass eine Trägerschaft der Kirche zum Schuljahresbeginn nicht klappen werde.
Moderieren die Versammlung (von links):
Kerstin Gäfgen-Track,
Wolfgang Schulz-Binz
und
Monika Bring-El-Rashid.
Tugendheim
„Hauptschüler geraten ins Hintertreffen“
Von Saskia Döhner, HAZ 3.3.2010
Hannover. Der neue Erlass zur verstärkten Zusammenarbeit an den Haupt- und Realschulen stößt beim Landeselternrat auf Ablehnung. Grundsätzlich sei mehr Kooperation zwischen den beiden Schulformen begrüßenswert, heißt es in der Stellungnahme. Aber dies müsse auch durch entsprechende pädagogische Konzepte unterlegt werden. Konkrete Fragen wie Klassengröße oder Lehrerstundenzuweisung blieben ungeklärt. „Die Frage, was aus den Hauptschülern wird, gerät völlig in den Hintergrund“, sagte der Vorsitzende des Landeselternrats, Pascal Zimmer, gestern. Es habe den Anschein, als ob die Landesregierung allzu sehr auf starren Strukturen beharre. Niedersachsen gehöre zu den fünf der insgesamt 16 Bundesländer, die noch eine reine Hauptschule hätte. „Aber das Rad lässt sich nicht mehr zurückdrehen, Durchhalteparolen helfen da wenig“, meinte Zimmer.
Ähnlich äußert sich auch die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Ina Korter: „Die Regierung versucht mit allen Mitteln zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Eltern wollten keine Bildungssackgassen für ihre Kinder, sondern eine individuelle Förderung der Stärken.“ Schon nach der 8. Klasse würden die Haupt- und Realschüler in Richtung berufliche Ausbildung gedrängt. Der Wechsel zum Gymnasium werde immer schwerer.
Einerseits unterstütze die Regierung die musikalische Bildung in Kindergärten mit 1,15 Millionen Euro, andererseits werde der Musik- und Kunstunterricht gerade in der Realschule massiv gekürzt: „Diese Bildungspolitik widerspricht sich und ist nichts weiter als ein Flickenteppich von Einzelmaßnahmen.“
Eltern fordern: Lehrerstellen nicht kappen
Protest gegen Sparpläne
Von Bärbel Hilbig, HAZ 25.2.2010
Hannover. Die Überlegungen in der Landesregierung, angesichts landesweit sinkender Schülerzahlen Lehrerstellen zu streichen, stoßen auf Protest des Regionselternrats, dessen gewählte Vertreter die Interessen der Eltern von Schülern in der Region vertreten. In einem offenen Brief erinnert der Regionselternrat Ministerpräsident Christian Wulff an seine Aussagen in der Koalitionsvereinbarung, in der von der Stärkung der Bildungsqualität die Rede ist. Dort hieß es auch, dass „Lehrerressourcen“, die aufgrund sinkender Schülerzahlen frei werden, im Bildungswesen belassen würden. Der Regionselternrat fordert in diesem Sinne, keineswegs bei der Bildung zu sparen.
Die Elternvertreter sehen vielfältige Einsatzmöglichkeiten, sollten sich im Verhältnis mehr Lehrer als bisher um die Schüler kümmern. Ganztagsschulen benötigten für ihr erweitertes Angebot mehr Pädagogen, auch für die angestrebte individuelle Förderung der Kinder seien mehr Lehrer notwendig – besonders, wenn künftig verstärkt behinderte und nicht behinderte Schüler gemeinsam unterrichtet werden. Die Eltern fordern kleinere Klassen. Sie verweisen darauf, dass die Unterrichtsqualität angesichts der bisherigen nationalen Pisa-Leistungen verbesserungswürdig sei. In Niedersachsen komme noch hinzu, dass das Land aktuell keinen Erfolg dabei habe, wie angestrebt die Zahl der Abiturienten zu erhöhen. In Grundschulen könnten zusätzliche Lehrer die Kinder in Betreuungs- und Vertretungsstunden fördern, statt sie im Zweifelsfall nur beaufsichtigen zu lassen.
IGS-Antrag in Hannover möglich
Restriktion aufgehoben: Viertklässler können sich in der Landeshauptstadt bewerben
Von Uwe Kreuzer, Leine-Zeitung 24.2.2010
Seelze/Hannover. Seelzer Viertklässler können sich zum nächsten Schuljahr an integrierten Gesamtschulen (IGS) in Hannover anmelden. Das war zuletzt nicht mehr möglich.
Die Stadtverwaltung hat lange mit der Stadt Hannover verhandelt, um die Öffnung der integrierten Gesamtschulen für auswärtige Schüler zu erreichen. Möglich wurde die Zusage, Anmeldungen auch von Seelzer Schülern anzunehmen, wegen der Neueröffnung der Gesamtschule in Stöcken zu diesem Schuljahr. In Badenstedt und Vahrenwald ist eine Neueröffnung für 2011 geplant. Wegen der vorgeschriebenen Fünfzügigkeit bieten die drei neuen Standorte bis zu 450 Plätze je Schuljahrgang an. „Wir und auch die Stadt Hannover gehen davon aus, dass die Kapazität jetzt ausreicht, um auch die Seelzer Schüler aufnehmen zu können“, sagte die Seelzer Fachbereichsleiterin Nicole Teuber gestern.
Eine Garantie, dass tatsächlich alle Seelzer Viertklässler mit IGS-Wunsch auf einer hannoverschen Schule unterkommen, könne es allerdings nicht geben. In den vergangenen zwei Jahren hätten die Gesamtschulen in der Landeshauptstadt allerdings schon gar keine Anmeldungen mehr entgegengenommen. Jetzt seien alle Schulleiter über die Vereinbarung informiert. Seelzer Viertklässler könnten sich an allen integrierten Gesamtschulen in Hannover bewerben – sei an einer Schule kein Platz mehr frei, dann sicher an einer anderen. Die Stadt zahlt für jeden Viertklässler, der künftig eine IGS in Hannover besucht, das normale Gastschulgeld. Für einen garantierten Platz hatte die Landeshauptstadt zuletzt einen Aufpreis von 1000 Euro gefordert.
„Schulen stehen vor Kollaps“
Von Saskia Döhner, HAZ 22.2.2010
Hannover. Das Schulsystem steht nach Ansicht des Schulleitungsverbandes kurz vor dem Kollaps. Weil sich die Verwaltungsaufgaben häuften, seien immer mehr Lehrkräfte überfordert und meldeten sich krank, berichtet die Vorsitzende des Schulleitungsverbandes, Helga Akkermann. Diese Pädagogen müssten dann durch andere vertreten werden, was wiederum zu Überstunden, Überlastung und Ausfällen führe: „So kann es nicht weitergehen, wir sind am Limit.“ Schulleiter müssten dringend entlastet werden, alle freiwerdenden Lehrerstellen müssten auch angesichts zurückgehender Schülerzahlen wiederbesetzt werden. Dies forderte auch die Vorsitzende der Elternräte an Gymnasien, Hiltrud Sürmann, bei einer Tagung in Braunschweig. Wegen der bevorstehenden Pensionierungswelle in den nächsten Jahren zeichne sich bereits heute in einigen Fächern ein Lehrermangel ab. Gymnasien müssten zudem besser ausgestattet werden, betonte Sürmann. Viele Schulen hätten kein medizinisch geschultes Personal und keine Mensa, obwohl sie de facto längst Ganztagsschulen seien. Auch seien die Klassenräume oft zu klein.
Verwaltung verhandelt mit Hannover über IGS-Plätze
Stadt sucht nach Übergangslösung für die jetzigen Viertklässler
Von Frank Walter, LZ 18.2.2010
Seelze. Die Seelzer Stadtverwaltung verhandelt mit Hannover über ein Kontingent von Plätzen an einer integrierten Gesamtschule (IGS) für Seelzer Schüler. Das wurde am Dienstagabend im Bildungsausschuss bekannt.
Zwar plant Seelze nach wie vor die Einrichtung einer eigenen IGS. Diese soll aber erst zum Schuljahreswechsel 2011/2012 ihren Betrieb aufnehmen – zu spät für die Schüler, die schon in diesem Sommer in die fünfte Klasse kommen. Deshalb wird nach einer Zwischenlösung gesucht. Zu konkreten Erfolgsaussichten wollte sich Fachbereichsleiterin Nicole Teuber mit Verweis auf die laufenden Gespräche noch nicht äußern. „Ich habe aber ein gutes Gefühl dabei.“ Laut Stadtsprecherin Martina Krapp hofft die Stadtverwaltung auf eine Einigung bis Ende Februar.
Das Vorhaben, eine eigene IGS in Seelze einzurichten, ist laut Teuber zwar schwieriger geworden, seitdem Garbsen an einer Kooperation mit Seelze kein Interesse bekundet hatte. „Es ist aber lösbar“, sagte sie. Nach den Sommerferien soll mithilfe einer zweiten Befragung ermittelt werden, welche Eltern ihre Kinder auf eine IGS schicken wollen. Um dieses Mal in allen Jahrgangsstufen die notwendige Zustimmung zu erhalten, will die Stadtverwaltung zuvor massiv für die Gesamtschule werben.
• Die Verwaltung will wegen der rückläufigen Besucherzahlen im April ein überarbeitetes Konzept für die Arbeit im Jugendzentrum Letter vorstellen. Die Angebote im Jugendzentrum Seelze dagegen werden laut Teuber deutlich besser angenommen. Dies sei offenbar unter anderem der zentraleren Lage im Ort zu verdanken.
IGS will Schüler im Ostercamp gezielter fördern
Gesamtschule hilft bei der Versetzung
Von Sabrina Friedrich, LZ 18.2.2010
Garbsen. Versetzung gefährdet: Der Eintrag im Halbjahreszeugnis ist für Kinder und ihre Eltern eine Warnung und Mahnung zugleich. Um schlechteren Schülern die Möglichkeit zu geben, ihre Zensuren zu verbessern und so die Versetzung zu schaffen, bietet die IGS von Montag bis Donnerstag, 22. März bis 1. April, erstmals ein Ostercamp an. An diesen neun Tagen lernen Siebt- bis Zehntklässler täglich von 10 bis 15 Uhr in Kleingruppen mit bis zu fünf Schülern. Die Teilnahme ist kostenlos.
Nach den Halbjahreskonferenzen hatten Lehrer der IGS entschieden, welche Schüler die Förderung in den Ferien am nötigsten haben. „Wir haben die Eltern angeschrieben und über das Angebot informiert“, sagte Karl-Otto Eckartsberg gestern. Der Pädagoge gehört zu einer Gruppe von fünf Lehrern, die sich nach Besuchen an Schulen in Niedersachsen und Bremen dazu entschlossen haben, das Ostercamp an der IGS anzubieten.
Etwa 60 Eltern haben ihre Kinder bereits für das Ostercamp angemeldet. Zunächst stehen nur Englisch, Mathematik, Deutsch und Naturwissenschaften im Ferienlehrplan. „Die Fächer sind in der weiteren Schullaufbahn am wichtigsten“, sagte Schulleiter Günther Herweg. Wenn die Schüler angemeldet sind, ist Anwesenheit Pflicht. „Die Nichtteilnahme ist, wie im normalen Schulbetrieb, nur mit Entschuldigung der Eltern möglich“, sagte Herweg.
Ob sie zwei oder vier Stunden Förderung pro Tag bekommen, hängt von den Leistungen der Schüler ab. Referendare und Studenten übernehmen die Förderstunden und gehen individuell auf Schwächen ein. Außerdem sorgt die Schule für Speisen und Getränke: In der 30-minütigen Mittagspause bieten die Eltern im Juniorclub einen kleinen Imbiss an. Dafür wird voraussichtlich ein geringer Kostenbeitrag fällig.
Der Förderkreis unterstützt das Projekt finanziell. Die Schule stellt Geld aus dem Etat für besondere pädagogische Projekte bereit. „Wir wollen außerdem die Schulbehörde und die Klosterkammer um ihre Unterstützung bitten“, sagte Eckartsberg.
Um festzustellen, ob das Ostercamp effektiv ist, entwickelt die Schule einen Fragebogen, den die Teilnehmer zum Abschluss ausfüllen. „Wir werden uns außerdem in den nächsten Zeugniskonferenzen ein Bild davon machen, ob sich die Leistungen der Schüler tatsächlich verbessert haben“, sagte Eckartsberg. Wenn dies der Fall ist, will die IGS das Camp zu einem festen Angebot der Schule machen.
„Das Projekt geht weit über die normale Arbeit der Schule hinaus“, sagte Katja Burmann vom Schulelternrat. „Wir freuen uns sehr über diese Unterstützung.“
Gruppe arbeitet am IGS-Beginn
Von Albert Tugendheim, LZ 16.2.2010
Wunstorf. Unabhängig von der Diskussion um eine kirchliche Trägerschaft der neuen IGS arbeitet eine Initiativgruppe hinter den Kulissen für den Schulbeginn. Die Landesschulbehörde hat zwar noch nicht offiziell den Start der Vorbereitungsgruppe für die Integrierte Gesamtschule (IGS) eingeläutet. Aber die Vorbereitungen sind hinter den Kulissen längst im Gange. Schließlich soll die IGS nach den Sommerferien gut ins Rennen gehen und keinen Fehlstart hinlegen.
Eine Initiativgruppe hat sich bereits zusammengefunden, um Überlegungen anzustellen. Das ist völlig unabhängig von der Debatte um die Trägerschaft der vergangenen zwei Wochen geschehen. „Wir haben Grundideen formuliert, mit denen sich die Planungsgruppe befassen wird“, sagte Frank Kasburg. Schulleiter der Scharnhorstschule. In seinem Schulzentrum An der Aue wird die IGS ihren Betrieb zum nächsten Schuljahr aufnehmen.
Die Abkürzung IGS inspiriert die Teilnehmer zu einer Charakterisierung des Unterrichts: Der Unterricht soll sich auszeichnen durch individuelles, gemeinschaftliches und selbstständiges und soziales Lernen. Vielfältige Fähigkeiten und Interessen der Schüler sollen als Bereicherung verstanden werden. Daher soll es auch sogenannte Profilklassen geben wie die schon an der Schule bestehende Bläserklasse.
„Eine Idee ist es auch, weg von dem starren 45-Minuten-Takt zu kommen“, sagte Kasburg. Nachmittagsunterricht soll nicht nur als ergänzendes Angebot erteilt werden. Aufgabe der Planungsgruppe wird es auch sein, ein Raumkonzept vorzulegen. Kasburg und den bisherigen Mitstreitern schwebt dabei vor, Jahrgangsbereiche zu schaffen, denen dann Lehrerstationen zugeordnet werden.
Wichtig werde auch transparentes Arbeiten sein. Das gilt den ersten Ideenskizzen zufolge für den Umgang mit den Eltern und den Schülern ebenso wie für den mit der Öffentlichkeit. Teamarbeit soll in der IGS großgeschrieben werden.
Schulleiter Kasburg hat angeboten, bei Bedarf in die Grundschulen zu kommen und dort über den Stand der Dinge zu berichten und Informationslücken zu schließen. Im Scharnhorst-Schulzentrum beginnt die Wunstorfer IGS nach den Sommerferien zunächst mit der Klassenstufe fünf.
Phorms beklagt geringe Fördermittel
Grundschule soll schließen
Von Bärbel Hilbig, HAZ 16.2.2010
Hannover. Die Berliner Phorms AG bestätigt, dass sie ihre erst seit August 2008 bestehende Grundschule und den Kindergarten schließen wird. Die Einrichtung nimmt im August keine neuen Kinder mehr auf. „Wir geben die Zusicherung, dass alle unsere 120 Schüler bis zum Ende der vierten Klasse bei uns bleiben können“, sagt Klaus Lechner, geschäftsführender Direktor der Phorms Holding. Die rund 40 Kinder im Kindergarten sollen noch bis zu ihrer Einschulung betreut werden.
Als Hauptgrund für den Rückzug nennt Lechner die geringe staatliche Förderung für Privatschulen in Niedersachsen. Aus dem Kultusministerium heißt es, die Förderbedingungen hätten sich nicht geändert. Phorms hatte seine Grundschule ursprünglich im Sommer 2010 um ein Gymnasium erweitern wollen. „Wir mussten feststellen, dass die Refinanzierung in Niedersachsen nicht ausreicht. Sie ist eine der schlechtesten in der Bundesrepublik“, sagt der Direktor der Phorms Holding. Phorms-Schulen bieten ein ambitioniertes Programm mit Bilingualität, Ganztagsunterricht und individueller Förderung. Und das kostet.
An den anderen Standorten Berlin, Köln, Frankfurt, München und Hamburg trägt der Staat nach Angaben von Lechner rund die Hälfte der Kosten. In Hannover hätte Phorms nach den ersten drei Jahren 25 Prozent seiner Ausgaben für die Grundschule vom Land erstattet bekommen, für das Gymnasium noch weniger. Außerdem sind die Elternbeiträge auf 500 Euro pro Monat gedeckelt. An anderen Standorten zahlen reiche Eltern bis zu 1000 Euro und finanzieren so Familien mit geringerem Einkommen mit. In Hannover können die Eltern den Beitrag freiwillig auf bis zu 800 Euro aufstocken. „Das können wir nicht erzwingen“, sagt Lechner. Es gebe auch hier Stipendien für Bedürftige. Niedersachsen hatte sich an der zunächst angepeilten Mindesthöhe des Schulgeldes von 200 Euro gestoßen. In Hamburg war die Schulgründung deshalb ein Jahr verschoben worden.
Die Nachfrage war in Hannover von Anfang an deutlich geringer als zum Beispiel in München, wo sich auf 30 freie Plätze 400 Erstklässler meldeten. Das spiele bei der Schulschließung jedoch keine Rolle, heißt es von Unternehmensseite.
Privatschule Phorms vor dem Aus
Eltern und Lehrer sind überrascht – und suchen nach einem neuen Träger
Von Felix Harbart, HAZ 15.2.2010
Hannover. Die private Phormsschule in Hannover-Kleefeld steht nach nur anderthalb Jahren vor dem Aus. Wie Elternvertreter der HAZ bestätigten, hat der Träger der Schule, die Berliner Phorms AG, den Eltern jetzt mitgeteilt, keine neuen Schüler in ihrer hannoverschen Dependance mehr aufnehmen zu wollen.
Bisher erstreckt sich das Angebot der privaten Schule auf den Grundschulbereich. In den Jahrgangsstufen 1 und 2 gibt es in Hannover je zwei, in Jahrgang 3 und 4 je eine Klasse. Wie die schockierten Eltern nun auf einem Informationsabend erfuhren, hat Phorms nicht nur die für 2010 vorgesehene Gründung eines Gymnasialzweigs ad acta gelegt, sondern die gesamte Schule zur Disposition gestellt.
Mit großen Ambitionen hatte Phorms die Schule im August 2008 in der ehemaligen Post- und Fernmeldeschule in Kleefeld eröffnet. Das Unternehmen, das bundesweit acht Schulen betreibt, wirbt mit seinem Konzept der Bilingualität und der starken individuellen Förderung um Schüler. Die Förderung drückt sich unter anderem darin aus, dass jede Klasse in Hauptfächern von einer Lehrkraft und einer Hilfslehrkraft betreut wird. Diesen Standard lassen sich die Eltern einkommensabhängig zwischen 90 und 800 Euro im Monat kosten. Vom Ergebnis seien Schüler und Eltern durchweg begeistert, sagt Elternvertreter Michael Freidel. Umso größer sei der Schock, dass die hannoversche Niederlassung aufgegeben werden soll.
Um ihre Schule zu retten, sind die Eltern bereit, gewaltige Anstrengungen zu unternehmen – ohne dass sich der private Schulträger jedoch bisher gerührt hätte. So haben sie in Form von privaten Darlehenszusagen und mithilfe einer hannoverschen Bank bereits einen hohen Betrag eingesammelt – ursprünglich, um einen Teil der Kosten von 2,5 Millionen Euro abzudecken, die die Gründung des Gymnasiums hätte kosten sollen. In Niedersachsen erhalten Privatschulen erst nach drei Jahren öffentliche Fördergelder – so lange müssen sie sich selbst finanzieren. Offenbar war dieses Detail den Phorms-Planern entgangen, heißt es hinter den Kulissen.
Nun fordern die Eltern von Phorms zweierlei: Zum einen wollen sie schriftliche Garantien darüber haben, dass ihre Kinder die vierte Klasse noch beenden können. Zum anderen regen sie an, dass die Phorms AG einen angemessenen Betrag zur Verfügung stellt, den die Elternschaft auf der Suche nach einem neuen Schulträger verwenden kann. Man sei in guten Gesprächen mit mehreren möglichen Trägern, sagen die Elternvertreter Stefan Marx und Michael Freidel. Sollte ein solcher Übergang nicht gelingen, würde die Schließung der Schule für die Phorms deutlich teurer, sagen sie.
Nachwuchsprobleme hat die Schule derweil offenbar nicht. Für die 44 Plätze in den beiden neuen 1. Klassen des kommenden Schuljahres habe man bereits aus mehr als 60 Bewerbern auswählen müssen, sagen die Elternvertreter – und stellen sich demonstrativ hinter die Lehrer und den Direktor der Schule. Für sie sei die schlechte Nachricht aus der Berliner Zentrale genauso überraschend gekommen wie für die Elternschaft, sagt ein Vater: „Viele Lehrer hatten Tränen in den Augen.“
„Umbau der Schulbehörde ohne Konzept“
SPD kritisiert Reformpläne des Kabinetts
Von Saskia Döhner, 13.2.2010 HAZ
Hannover. Die SPD hat massive Kritik am geplanten Umbau der Landeschulbehörde geübt. Von derzeit 25 Außenstellen sollen 16 geschlossen werden, darunter Helmstedt, Peine, Stade, Nienburg und Wilhelmshaven. „Es hat den Anschein, dass nicht sachliche Gründe, sondern die Wahlkreise der Kabinettskollegenentscheidend für die Standortwahl der Landesschulbehörde seien“, sagte die bildungspolitische Sprecherin der SPD, Frauke Heiligenstadt, nach der Sitzung des Kultusausschusses am Freitag. Karl-Heinz Klare (CDU) wies den Vorwurf zurück: Bei der Wahl der Standorte sei auf regional gewachsene Traditionen und Strukturen Rücksicht genommen worden. Die verbleibenden neun Außenbüros seien personell besser ausgestattet.
Ministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) hatte dem Ausschuss das Konzept zur Neustrukturierung vorgestellt. Sie sagte, die Zahl der Schulpsychologen solle von derzeit 38 auf 74 erhöht werden.
Tags zuvor hatte der Bielefelder Wissenschaftler Prof. Rainer Dollase moniert, dass kein Bundesland so schlecht mit Schulpsychologen versorgt sei wie Niedersachsen. Selbst Zypern stehe besser da.
Heiligenstadt bemängelte, dass von den vorgesehen 74 Stellen knapp ein Drittel auf Verwaltungskräfte und Schulentwicklungsberatung entfällt, für Psychologen seien es tatsächlich nur 51 Stellen. Es sei zudem ein Trugschluss, dass Beratungslehrer die Arbeit der Psychologen übernehmen könnten, zumal nur 1200 der rund 3200 Schulen landesweit überhaupt Beratungslehrer hätte.
Sprintstudium gestartet: Die ersten 30 Pädagogen haben gestern ihr Schnellstudium zum Lateinlehrer begonnen. Schon im ersten Jahr der ingesamt auf zwei Jahre angelegten Weiterbildung sollen sie im begrenzten Rahmen an ihrer Schule auch Latein unterrichten. Am 19. Februar startet das Sprintstudium in evangelischer Religion mit 16 Teilnehmern.
Weniger Psychologen als in Zypern
Experte: Überforderte Lehrer brauchen ein gut ausgebautes Unterstützungssystem
Von Saskia Döhner, 12.2.2010 HAZ
Hannover. Selbst Zypern ist besser mit Schulpsychologen versorgt als Niedersachsen. Der Bielefelder Professor Rainer Dollase hat in seiner Studie für die Max-Träger-Stiftung, die er gestern in Hannover bei einer Tagung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vorstellte, eine düstere Bilanz gezogen: „Der Berufsstand ist bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschrumpft.“ Rein rechnerisch muss sich in Niedersachsen ein Psychologe derzeit um 30?000 Schüler kümmern, während international eine Relation von 1:5000 empfohlen wird. 38 der 48 Planstellen sind derzeit besetzt, 250 müssten es eigentlich sein, sagte Dollase. Seine Forderung: „Sofort 20 neue Psychologen einstellen.“
Im europäischen Vergleich stehe Deutschland schon schlecht da, sagte der Bielefelder Wissenschaftler, innerhalb Deutschlands sei Niedersachsen Schlusslicht. Jahrelang seien den Lehrern immer neue Aufgaben aufgebürdet worden, für die sie gar nicht ausgebildet seien, meinte Dollase. Sie seien oft überfordert. Für den eigentlichen Unterricht bliebe ihnen immer weniger Zeit. Es fehle ein vernetztes Unterstützungssystem mit Sozialpädagogen, Psychologen und Beratungslehrern um die Schule herum. Jeder müsse dabei klar umrissene Aufgaben erfüllen: „Sozialarbeiter können nicht den Job von Schulpsychologen machen oder umgekehrt.“
„Man kann noch so viel Prävention, Projekte und Programme machen, Probleme wird es immer geben“, ist der Forscher überzeugt, „so, wie es Aufgaben für Feuerwehr, Polizei und Ärzte an den Schulen gibt, so werden auch Psychologen gebraucht.“ Die Nähe zur Schule sei wichtig für den Erfolg. Ein Psychologe sollte nicht mehr als vier Schulen gleichzeitig betreuen.
GEW-Vorsitzender Eberhard Brandt hält allerdings wenig davon, die Psychologen direkt bei den Schulen anzusiedeln. „In einem Land mit lauter Minischulen, wo 40 Prozent der Schulen weniger als sieben Vollzeitlehrerstellen und immerhin 80 Prozent weniger als 20 Lehrerstellen haben, hat das keinen Sinn.“ Die Psychologen sollten auch weiterhin bei der Landesschulbehörde beschäftigt sein, betonte er.
Im Zuge der Umstrukturierung der Landesschulbehörde soll die Rolle der Psychologen aufgewertet werden. Sie bekommen ein eigenes Dezernat, außerdem könnte bei weiteren Sparrunden vorrangig Personal aus der Schulverwaltung und -aufsicht und nicht bei den Psychologen abgebaut werden. Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) stellt heute im Kultusausschuss des Landtages die Pläne für den Umbau der Landesschulbehörde vor.
Prof. Dollase sagte, vor allem Schüler in der Pubertät bräuchten Hilfe von Psychologen. Aber der hannoversche Schulpsychologe Hans Meyer wusste zu berichten, dass zunehmend auch Anfragen aus den Grundschulen kommen. In anderen europäischen Ländern wie Italien betreuen Psychologen auch Vorschüler.
Wirbel um IGS-Trägerschaft
Von Jörg Rocktäschel, LZ 7.2.2010
Wunstorf. Die von der evangelischen Landeskirche angebotene Trägerschaft für die Integrierte Gesamtschule (IGS) sorgt für Wirbel. Die Gesamtschul-Initiative bemängelt das geforderte Schulgeld. Die SPD fordert die Fraktion auf, vor einer Entscheidung die Basis zu beteiligen. Die Gesamtschul-Initiative Wunstorf (GIW) übt scharfe Kritik, weil Verhandlungen und Planungen für eine mögliche Trägerschaft für die IGS seitens der Landeskirche hinter verschlossenen Türen stattfinden.
Vorsitzende Ralfina Dicker wirft zudem den beiden Ratsgruppen eine übereilte und einseitige Informationspolitik vor. „Wie es scheint, soll auf Teufel komm raus die Landeskirche die Trägerschaft für die IGS übernehmen“, sagte sie gestern. Es werde nicht einmal für nötig gehalten, das erste offizielle Beratungstreffen am 24. Februar, zu dem auch Vertreter der GIW unter großer Geheimhaltungspflicht eingeladen seien, abzuwarten. Das Gespräch scheine nur noch eine Alibifunktion zu haben.
Ob die kirchliche Trägerschaft wirklich zu mehr Bildungsgerechtigkeit führe, sei unklar. Besonders das geforderte Schulgeld von 45 Euro monatlich sei ein „ganz heikles Thema“. Dicker beklagte die offenbar vorschnelle Bereitschaft politischer Entscheidungsträger, die Verantwortung für die Bildung junger Menschen abzutreten und mahnt eine intensive Prüfung der Vor- und Nachteile an.
Für Diskussionen sorgte die Nachricht auch während der Jahresversammlung des SPD-Ortsvereins am Freitagabend. Bildungsbeauftragter Sören Thoms nannte das Angebot problematisch. „Wir brauchen keine Bildungspolitik, wenn wir das Thema den Privaten überlassen. Wir müssen für eine Verbesserung des staatlichen Angebots kämpfen“, sagte er. Der stellvertretende Ortsvereinsvorsitzende Torben Klant schlug eine Mitgliederversammlung zu dem Thema vor: „Bevor die Fraktion eine Entscheidung trifft, muss die Partei entscheiden.“ Mitglied Bernd Riedel gab zu bedenken, dass das kirchliche Angebot eine Qualität habe, die vom Staat nicht zu bekommen sei. So liege die Klassenstärke bei höchstens 26 Schülern. Vorsitzender Bernd Maschke sieht ebenfalls Vorteile, wollte jedoch nicht vorschnell urteilen. Der Vorstand will morgen beraten.
Kirche will IGS-Trägerin werden
Der Schulbesuch soll aber nicht an die Konfession gebunden werden: Offen für alle
Von Albert Tugendheim, LZ 6.2.2010
Wunstorf. Wunstorf bekommt eine integrierte Gesamtschule. Das hat die Stadt jetzt endlich auch schriftlich. Neu ist: Die Evangelische Landeskirche hat sich als Schulträger angeboten. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Kerstin Gäfgen-Track von der Landeskirche war zu Gast in den Fraktionssitzungen der beiden großen Ratsgruppen. Das, was die Landeskirche zu bieten hat, erscheint vielen der Entscheidungsträger als äußerst attraktiv. Die Landeskirche setzt ihrerseits eine breite Zustimmung voraus. „Wir stehen noch ganz am Anfang“, sagte Gäfgen-Track gestern.
Kirche macht Schule, so lautet das Motto der Landeskirche. Wunstorf ist zwar kein Einzelfall, hat aber durchaus Modellcharakter in Sachen kirchlicher Schulpolitik. Die Vertreterin der Landeskirche hat es den Politikern klar gemacht: Eine IGS in der Trägerschaft der evangelischen Kirche ist offen für alle Kinder. „Ehrenwort“, fügte sie im Gespräch mit der Leine-Zeitung an. Katholische Schüler erhalten ihren Religionsunterricht. Bei Bedarf wird auch muslimischer Religionsunterricht erteilt. Konfessionszugehörigkeit ist kein Kriterium für den Unterrichtsbesuch.
Die Kröte, die es für manch einen zu schlucken gilt: Es wird ein Schulgeld erhoben. 45 Euro pro Monat wird als Zahl genannt. Aber: Wer die Schule besuchen will und nicht zahlen kann, dem werde geholfen. „Am Geld scheitert der Schulbesuch nicht“, sagte die Vertreterin der Landeskirche ganz klar.
Was Eltern interessieren dürfte, sind erstaunliche Ansagen des möglichen Schulträgers Kirche. Die Klassenstärke wird auf 26 Schüler begrenzt. Bei staatlichen Schulen ist der Grenzwert 33. Es werde zudem eine geschlossene Ganztagsschule eingerichtet. Das heißt, es gibt Ganztagsunterricht und Förderangebote für die Schüler, die Schwächen haben.
Bildungsgerechtigkeit ist für uns ein großes Thema“, sagte Gäfgen-Track. Schulbücher sind für die Kinder der kirchlichen Schule kostenfrei.
Integrierte Gesamtschule startet im August
Von Bärbel Hilbig, HAZ 2.2.2010
Vahrenwald. Die geplante Integrierte Gesamtschule in Hannover-Vahrenwald kann im August starten. Das Land hat die Stadtverwaltung jetzt über die Genehmigung der neuen Schule informiert.
Das Schulzentrum am Büssingweg in Vahrenwald © HAZ (Archiv)
Die Initiativgruppe zur Gründung der IGS Büssingweg in Vahrenwald hat mit der inhaltlichen Planung begonnen. Im Schulprofil werden bisher die Schwerpunkte Medien und Information, Bewegung, Sport und Gesundheit sowie Technik und Umwelt genannt. Im Schulprogramm sind als Kernziele „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“, die Stärkung der Persönlichkeit und das Einfordern von Leistung aufgeführt. Ein wesentliches Ziel sehen die Planer in der Vorbereitung der künftigen Schüler auf den Beruf nach der zehnten Klasse als auch auf Abitur und Studium. Das Land genehmigt bei der Neugründung einer IGS in der Regel erst nach einigen Jahren eine gymnasiale Oberstufe. Die Stadt als Schulträger hat die Oberstufe als Option für den Standort Büssingweg vorgesehen.
Am Büssingweg arbeiten jetzt die Karl-Jatho-Schule als Hauptschule und die Geschwister-Scholl-Schule als Realschule. Beide nehmen ab August keine Fünftklässler mehr auf.
Eltern können sich über die neue IGS am 11. März um 19 Uhr in der Aula der Geschwister-Scholl-Schule im Büssingweg 1 informieren. Bei einem „Tag der Offenen Tür“ am 24. April gibt es weitere aktuelle Informationen über den Stand der Planungen. Kinder und Eltern können dann außerdem Schulgebäude und Gelände ansehen. Informationen gibt es per Telefon an der Karl-Jatho-Schule unter (05 11) 16 84 34 42.
Recht auf Regelschule
Von T-Online, 28.1.2010
Das Recht auf den Besuch einer Regelschule für behinderte Kinder gilt sofort, Deutschland muss die UN-Konvention umsetzen. Ein Rechtsgutachten stellt jetzt die unmittelbare Wirksamkeit des Rechts auf Unterricht an Allgemeinen Schulen klar - die Bundesländer müssen handeln, um die Inklusion umzusetzen. Bisher ist Deutschland bei der Integration behinderter Kinder UN-Schlusslicht.
Nach UN-Vorstellung sollen
behinderte und nichtbehinderte
Kinder gemeinsam lernen.
(Bild: Imago)
Behinderte Kinder haben gleiches Recht
Behinderte Kinder haben ab sofort das Recht, gemeinsam mit nicht behinderten Kindern eine allgemeine Schule zu besuchen. Nach der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) gilt dieser Anspruch für das einzelne Kind unabhängig von anders lautenden Schulgesetzen. Zudem müssen Bund und Länder zügig inklusive Bildung verwirklichen und dafür auch Qualitätsmaßstäbe festlegen. Dies sind zwei wesentliche Ergebnisse des Rechtsgutachtens, das der führende deutsche Völkerrechtler Professor Dr. Eibe Riedel heute in Berlin vorgestellt hat. Dass die Kinder mit Behinderung immer noch vor verschlossenen Schultüren stehen, war für den Elternverband "Gemeinsam leben, Gemeinsam lernen" der Grund, gemeinsam mit dem Sozialverband Deutschland (SoVD) die Rechtslage eingehend durch einen international renommierten Völkerrechtler untersuchen zu lassen.
UN-Konvention gilt schon länger
"Die UN-Konvention gilt bereits seit dem vergangenen Frühjahr. Die Bundesländer haben nun zügig die Forderungen der UN-Konvention in ihren schulrechtlichen Gesetzen und Vorschriften umzusetzen", erklärte Riedel. Gefordert sei ein inklusives Schulsystem, so Riedel, der auch Mitglied des UN-Ausschusses für die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte in Genf ist. Das bedeute die Aufnahme des Kindes mit Behinderung in die Regelschule, wobei die im Einzelfall notwendigen Vorkehrungen getroffen werden müssen. Die Bundesländer lassen sich jedoch mit der Anpassung ihrer Schulgesetze Zeit. Im Gegenteil: Einige versuchen, die Konvention zu unterlaufen. Und dies obwohl Deutschland in der Schulbildung für behinderte Kinder hinterherhinkt: Mit einer Integrationsquote von 15,7 Prozent ist Deutschland Schlusslicht in Europa. Würde die Konvention umgesetzt, sollten bis zu 90 Prozent der Kinder mit Behinderung eine ganz normale Schule besuchen.
Deutschland ist Schlusslicht
SoVD Präsident Adolf Bauer forderte deshalb: "Auch wenn die Konvention, die einen so umfassenden Umbau eines Schulsystems fordert, den Ländern eine gewisse Übergangsfrist für strukturelle Maßnahmen gibt, müssten spätestens binnen zwei Jahren nachhaltige Änderungen auf den Weg gebracht worden sein. Aus dem Gutachten geht klar hervor, dass es ein Verstoß gegen die Konvention wäre, wenn Bund und Länder nicht zielgerichtet und zeitnah Maßnahmen ergreifen, um inklusive Bildung zu verwirklichen." Zudem verbiete das Gutachten es den Ländern, sich auf leere Kassen zu berufen. Hier seien nötigenfalls Umschichtungen vorzunehmen, so Bauer. "Eine Zuweisung zur Sonderschule gegen ihren erklärten Willen müssen Kinder und ihre Eltern auch schon jetzt nicht mehr dulden", auf diese Feststellungen des Gutachtens wies Camilla Dawletschin-Linder, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen" nachdrücklich hin. "Eltern haben nunmehr juristische Argumente zur Hand, wonach ihre Kinder Anspruch auf Zugang zur Allgemeinen Schule haben", so Dawletschin-Lindner. Das Gutachten ist im Internet unter http://www.gemeinsam-leben-nrw.de/ oder http://www.sovd.de/ abrufbar.
SPD unterstützt das Volksbegehren
Von Frank Walter, LZ 27.1.2010
Seelze/Letter. Die SPD sammelt Unterschriften für das „Volksbegehren für gute Schulen“. Informationsstände unter dem Motto „Zeit zum Lernen“ werden am Freitag, 29. Januar, ab 15 Uhr auf dem Wochenmarkt in Seelze sowie ab 16 Uhr vor dem Rossmann-Markt in Letter aufgebaut.
Ostfriesen planen erste evangelische IGS
Auricher Gemeinden wollten eine staatliche Gesamtschule, scheiterten aber an den strengen Hürden
Von Saskia Döhner, HAZ 28.1.2010
Pewsum. Im ostfriesischen Pewsum soll die erste Integrierte Gesamtschule (IGS) in kirchlicher Trägerschaft entstehen. Schon ab Sommer könnten die Haupt- und Realschulen in Hinte und Krummhörn im Kreis Aurich zu einer Gesamtschule mit zwei Standorten für insgesamt rund 1000 Schüler verschmelzen. Auch eine Oberstufe ist geplant.
„Weil wir an den strengen Vorgaben für eine staatliche Gesamtschulgründung gescheitert sind, haben wir uns schließlich an die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers gewandt, das war ein glücklicher Zufall“, berichtet Hintes parteiloser Bürgermeister Wolfgang Schneider. Gemeinden, die eine IGS gründen wollen, müssen nachweisen, dass sie genügend Schüler haben, um auf 14 Jahre fünf Klassen pro Jahrgang zu sichern. Hinte und Krummhörn konnten dies aber nur für 13 Jahre, in einem Jahr waren zu wenig Kinder geboren worden.
Die Landeskirche Hannover unterhält bislang eine Grundschule in Wolfsburg und vier Gymnasien (Hildesheim, Nordhorn, Dassel und Meine bei Gifhorn). Pewsum wäre die erste IGS. „Das Interesse an Bildung ist der Kirche seit der Reformation in die Wiege gelegt“, sagt Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track. Neben inklusiven Grundschulen, an denen behinderte mit nicht behinderten Kindern zusammenlernen, wolle man zunehmend weiterführende Schulen übernehmen, die alle Abschlüsse anbieten, und das seien eben Gymnasien und Gesamtschulen.
„Etwas Besseres für unsere Kinder als eine IGS kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Hintes Bürgermeister. Und Frank Baumann, Sprecher der Gemeinde Krummhörn, meint: „Dann hätten wir endlich auch eine moderne Schulform in unseren modernen Schulgebäuden.“ Das Schulzentrum in Krummhörn war für elf Millionen Euro saniert worden, zwei Millionen davon kamen vom Land. In Hinte waren sechs Millionen Euro investiert worden.
Für die ostfriesischen Kommunalpolitiker ist die IGS-Gründung buchstäblich eine Überlebensfrage. Die Hauptschulzweige bluteten aus, erzählen sie: „Im diesjährigen fünften Jahrgang hatten wir gerade einmal vier Anmeldungen“, sagt Schneider. Die Realschulen würden zu Restschulen, und viele Eltern meldeten ihre Kinder lieber an neuen Gesamtschulen in der Umgebung an, etwa in Marienhafe oder Emden.
„Mit der IGS könnten wir erstmals auch ein gymnasiales Angebot machen“, betont Hintes Bürgermeister Schneider. Zwar gibt es seit Kurzem in Krummhörn eine Außenstelle eines Emder Gymnasiums, aber das kann nur bis zur 9. Klasse besucht werden. Anschließend müssen die Schüler bis nach Emden fahren. Die IGS in Pewsum könnte die gymnasiale Außenstelle überflüssig machen.
Auch die Schulleiter der bisherigen Haupt- und Realschulen wünschen sich die Fusion. „So können wir beide Schulstandorte halten“, sagt Friedrich Wollers von der Haupt- und Realschule Hinte. Und Ingrid Mensch, seine Kollegin aus Krummhörn, fügt hinzu, eine verpflichtende Ganztagsschule würde auch die Schüler erreichen, die es nötig hätten. Eine Kröte gebe es allerdings, die geschluckt werden müsste, sagen die beiden Schulleiter. Und das sind die 45 Euro Schulgeld im Monat. Darin wären allerdings auch die Schulbuchausleihe und möglicherweise nötiger Nachhilfeunterricht enthalten. Außerdem wollen Kommunen die Kosten für das Mittagessen übernehmen.
Den Eltern stößt die Schulgebühr trotzdem sauer auf: „Wir sind hier keine wohlhabende Gegend“, sagt die Gemeindeelternratsvorsitzende Sandra Nanninga: „Warum sollen Eltern für Bildung zahlen?“ Oberlandeskirchenrätin Gäfgen-Track verweist darauf, dass alle Schulen in freier Trägerschaft laut Landesgesetz Gebühren verlangen müssen. „Der Schulbesuch wird nicht am Schulgeld scheitern“, verspricht sie.
Keine Kooperation
Seelze muss Gründung der IGS allein stemmen
Von Ralf Heußinger, LZ 27.1.2010
Seelze. Die Stadt Seelze muss bei der geplanten Einrichtung einer Integrierten Gesamtschule (IGS) ohne Unterstützung Garbsens auskommen. Die Nachbarstadt will bei der IGS-Gründung nicht mit Seelze kooperieren. SPD, Grüne und Verwaltung wollen an den IGS-Plänen dennoch festhalten. Die CDU zeigt sich skeptisch.
"Wir haben einen Ratsauftrag, den wir auch umsetzen werden“, sagte der Erste Stadtrat Karsten Balzer. Der bisherige Fahrplan bleibe bestehen. Im Oktober hatte der Rat einstimmig beschlossen, eine IGS-Gründung zum Schuljahr 2011/12 anzustreben. Da sich bei der ersten Befragung zu wenige Eltern für die IGS ausgesprochen hatten, sollten bei einer zweiten Erhebung auch die Garbsener Eltern gefragt werden, ob sie ihre Kinder an einer Seelzer IGS anmelden würden. Dies scheitert nun am ablehnenden Votum aus Garbsen. Nach den Sommerferien sollen nun wieder ausschließlich die Seelzer Eltern befragt werden.
SPD-Ratsherr Heinrich Aller ist zuversichtlich, dass auch auf diesem Weg die nötigen 130 Jastimmen pro Jahrgang zusammenkommen. Die Eltern müssten nur frühzeitiger informiert werden, und die Abfrage bei den Schulen und Kindergärten müsse verbindlicher organisiert werden als beim ersten Durchgang. Trotz der Absage aus Garbsen hält Aller es für möglich, dass Garbsener Schüler nach Seelze kommen. „Die Tür bei der Zusammenarbeit ist nicht zugeschlagen“, sagte Aller. Auch die Grünen wollen die Pläne wie gehabt vorantreiben: „Wir können uns jetzt nicht abschrecken lassen“, sagte Sprecherin Evelyn Werner.
Die CDU dagegen will eine neue Grundsatzdebatte führen. „Wir sollten in aller Offenheit über alles reden“, sagte CDU-Chef Gerold Papsch. Die Chancen für einen Erfolg der zweiten Umfrage seien gesunken. „Wenn man den IGS-Plan dennoch blind durchziehen will, dann wird das zu einer Farce.“
Garbsen steigt aus der IGS-Kooperation aus
Rektoren warnen vor Schulsterben – Busverbindung ist mangelhaft
Von Markus Holz, LZ 27.1.2010 Garbsen. Keine gemeinsame IGS mit Seelze: Garbsen steigt aus dem Projekt aus. Das hat der Verwaltungsausschuss einstimmig beschlossen. Sinkende Schülerzahlen und die schlechte Busanbindung sind die Hauptgründe für das Nein aus Garbsen.
Fast alle Leiter der weiterführenden Schulen hatten sich in einem Gespräch mit Bürgermeister Alexander Heuer gegen die Kooperation ausgesprochen, auch IGS-Schulleiter Günter Herweg. Er muss jedes Jahr zwischen 50 und 70 Schüler ablehnen, weil die Kapazitäten der Gesamtschule erschöpft sind. 2008 hätten mehr als die Hälfte aller Eltern von Viertklässlern ihre Kinder gern zur IGS geschickt.
Eine neue Gesamtschule könnte den Druck vor allem auf die Haupt- und Realschulen erhöhen, meinen die Schulleiter. Angesichts der ohnehin sinkenden Schülerzahlen sei die Garbsener Schulstruktur gefährdet. „Durch eine IGS Seelze mit Schülern aus Garbsen würden unseren weiterführenden Schulen viele Schüler verloren gehen“, heißt es in einem Appell der Schulleiter an Heuer, der die Fraktionen offensichtlich zum Umdenken bewogen hat.
In Seelze hatten sich nicht genügend Eltern für die Einrichtung einer IGS gemeldet. Die Nachbarstadt hatte sich mit der Bitte an Garbsen gewandt, auch hiesige Eltern zu befragen. Die Verwaltung hatte zugestimmt und die Kooperation als aussichtsreich bezeichnet. „Wir hoffen jetzt für Seelze, dass das Land die Anforderungen für die Einrichtung neuer Gesamtschulen reduziert“, schreibt Heuer in seiner Stellungnahme.
Kommentar von Markus Holz
Mit diesem Votum werden viele Eltern nicht zufrieden sein. Es entspricht nicht ihrem Willen, sondern gleicht einem Schutzzaun, der vielleicht nicht nötig wäre. Der Trend zur IGS ist auch eine Aufforderung an weiterführende Schulen, ihr Angebot zu überprüfen und zusammenzurücken. Aber Berenbostels Haupt- und Realschule schaffen es nicht, in Richtung Ganztagsschule zu denken – damit kämen sie ganz sicher einigen Eltern entgegen.
Hauptschule muss nachsitzen
Inspekteure bemängeln auch die Qualität des Unterrichts der Geschwister-Scholl-Schule
Von Uwe Kreuzer, LZ 21.1.2010
Die Geschwister-Scholl-Schule erhält von den Schulinspektoren schlechte Noten.Bartels
Seelze. Der Bericht ist Verschlusssache – jetzt gerät das Ergebnis der Schulinspektion an der Hauptschule doch ans Tageslicht. Was die Inspektoren im vergangenen Jahr dokumentiert haben, ist für die Leitung der Geschwister-Scholl-Schule ein Schlag ins Kontor. Schulleiterin Regina Lies betrachtet das aber als Chance.
Bisher waren nur bauliche Mängel bekannt geworden. Die Kritik an der inhaltlichen Arbeit war bisher geheim. Das 40-seitige Dokument, das der Leine-Zeitung nun vorliegt, stellt Schulleiterin Lies und ihrem Kollegium ein schlechtes Zeugnis aus. Die Inspektoren bewerten sieben von 15 Qualitätskriterien als „eher schwach“, den Bereich Qualitätssicherung sogar als „schwach“ – die schlechteste der vier möglichen Noten. Die Schule kommt nicht über die Wertung „eher stark“ hinaus. Die beste Note „stark“ wird nie erreicht.
Allerdings loben die Experten die insgesamt positive Atmosphäre und die Arbeit der Sozialpädagoginnen. Dennoch gibt es auch im sozialen Bereich Kritik. So seien Schüler und Eltern zu wenig am Schulleben beteiligt, es gebe zu wenige wiederkehrende Aktivitäten abseits des Unterrichts.
Die größte Kritik: Nach Abschaffung der landeseinheitlichen Lehrpläne habe die Schule es nicht geschafft, Arbeitspläne zu erstellen. Die Unterrichtsqualität hänge zu sehr vom einzelnen Lehrer ab. Schüler würden kaum lernen, selbstständig Inhalte zu erarbeiten, den Umgang mit Computern genauso wenig lernen wie den mit Nachschlagewerken. „Nicht zu erkennen“, „nicht wahrzunehmen“, „kein Konzept“ – die Formulierungen häufen sich in dem Bericht. Im Herbst muss sich die Schule einer Nachinspektion stellen.
Schulleiterin Lies, die zum Februar nach Wunstorf wechselt, fühlte sich den Spiegel vorgehalten. „Man hat uns klar die Baustellen aufgezeigt“, sagt sie. Die Experten hätten anhand „objektiver Kriterien“ gearbeitet. Mit Unterstützung der Landesschulbehörde arbeite das Kollegium jetzt daran, Versäumtes nachzuholen.
Aber nicht alles hänge von den Lehrern ab. Die Hauptschule sei nach der Trennung von der Realschule vor fünf Jahren ohne Schulleitung „an einem Nullpunkt“ gestartet. Die Entwicklung seitdem sei trotz allem positiv. Außerdem sei die Klientel an Hauptschulen eben nicht einfach – so auch an der Seelzer Schule mit 222 Schülern, von denen 75 Prozent einen Migrationshintergrund haben.
Man versuche, Eltern und Schüler einzubinden. „Aber wenn niemand zum Elternabend kommt, was soll ich machen?“, fragt Lies.
Regina Lies
BAULICHE MÄNGEL
Stadt verbessert Ausstattung
Von Uwe Kreuzer, LZ 21.1.2010
Seelze. Bauliche Mängel, die bei der Schulinspektion festgestellt wurden, waren bereits im Herbst bekannt geworden. Für die Behebung der dokumentierten Schäden ist der Schulträger, also die Stadt, verantwortlich.
Die Inspektoren bemängelten die Einrichtung einzelner Räume, Vandalismus und die mangelhafte Ausstattung des Schulhofs mit Spielgeräten. Viele Schäden sind schon behoben worden. „Wir haben zum Beispiel lose Deckenplatten befestigt und kaputte Fenster repariert“, sagt Stadtsprecherin Martina Krapp. Geld für weitere Verbesserungen, etwa neue Möbel im Werkraum, steht im Haushalt 2010, der vom Land noch genehmigt werden muss.
IGS-Unterstützer wollen den Eltern genaue Perspektiven aufzeigen
Von Ralf Heußinger, LZ 20.1.2010
Seelze. Die von der SPD getragene Initiative IGS für Seelze will sich dafür einsetzen, dass Eltern früher und genauer über die Gründung einer Gesamtschule in Seelze informiert werden. Das sei der Wunsch der Eltern bei der Informationsveranstaltung der Initiative am Montagabend gewesen, sagte SPD-Ratsherr Julian Rabe. Vor allem müsse den Eltern eine Perspektive für die Zeit nach der zehnten Klasse eröffnet werden. Die Landesgesetzgebung lässt bei IGS-Neugründungen in der Regel nur die Jahrgänge fünf bis zehn zu.
„Es muss für die Eltern deutlich werden, wie es nach der zehnten Klasse weitergeht“, sagte Ratsfrau Karin Albrecht (SPD). Denkbar seien etwa Kooperationen mit bestehenden Gesamtschulen. Die Initiative will sich außerdem dafür einsetzen, dass das noch bis Juni laufende Schul-Volksbegehren in Seelze bekannter wird. „Wir stehen inhaltlich voll hinter dem Volksbegehren“, sagte Rabe. Das Volksbegehren setzt sich unter anderem dafür ein, die Gründung von Gesamtschulen zu erleichtern.
Erhard Klein aus Velber zum Bericht „IGS-Unterstützer wollen den Eltern genaue Perspektiven aufzeigen“ vom 20. Januar:
In Seelze bleibt nur die Einrichtung einer IGS
Leine-Zeitung, 28.1.2010
Die IGS-Unterstützer möchten nicht nur die Perspektiven aufzeigen, sondern auch über mögliche Alternativen aufklären. Fakt ist, dass die Hauptschule bundesweit am Ende ist und zu einer „Restschule“ mutiert. Zudem hat der „Schul-TÜV“ der Seelzer Hauptschule eine schlechte Note gegeben, was eine Folge dieser Entwicklung sein könnte.
Auch Realschule und Gymnasium haben darunter zu leiden. Verlagerung auf diese Schulen mit übervollen Klassen, überforderten Lehrern und letztlich kranken, geschädigten Kindern sind die Folge. Als Alternative wurde die Zusammenlegung der Hauptund Realschulen in Hannover getestet. Laut Schulforschung ist das aber nur eine Krücke. Die Elternreaktion ist entsprechend, auch diese Schulform wird nicht angewählt. Die Gründung weiterer Gesamtschulen ist die Folge.
Wenn nun die Landesregierung die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule wieder aufleben lässt, so hat das keinesfalls pädagogische Gründe. Denn nach außen wird zwar weiterhin das dreigliedrige Schulsystem proklamiert, nach innen ist es aber bereits abgeschafft. Durch Änderung der Ausbildung gibt es nur noch den „einheitlichen“ Haupt- und Realschullehrer, der an jeder dieser Schulformen eingesetzt wird. Da auch die Besoldung vereinheitlicht wurde, ist das mit einem Qualitätsverlust des Lehrpersonals verbunden. Die bereits eingetretene Folge ist eine Abwanderung von „Junglehrern“ in besser zahlende Bundesländer. Die „preiswerte“ Zusammenlegung von Haupt- und Realschule ist keine Alternative. Die Bildung unserer Kinder darf nicht finanziell auf der Strecke bleiben. Für die Situation in Seelze bleibt nur die Einrichtung einer IGS, die auch das Georg-Büchner- Gymnasium entlasten kann. Deshalb sollten alle Eltern, unabhängig von der zukünftigen Schulwahl für ihre Kinder, die Initiative unterstützen. Das gilt auch für die Eltern, deren Kinder heute noch in den Kindergärten sind.
Regierung Wulff geht auf die Gesamtschulen zu
Erlass erlaubt 13 Jahre bis zum Abitur in der IGS
Von Saskia Döhner, HAZ 15.1.2010
Im erbitterten Streit um die Gesamtschulen in Niedersachsen geht die schwarz-gelbe Landesregierung auf ihre schärfsten Kritiker zu: Integrierte Gesamtschulen (IGS) werden von der Pflicht zum Turboabitur ausgenommen.
Das Turbo-Abi - gegen das diese Schülerin im vergangen Jahr in Hannover protestiert hat - ist an der IGS nicht mehr Pflicht. © Christian Behrens/Archiv
Integrierte Gesamtschulen (IGS) sollen selbst entscheiden können, ob sie das Abitur nach zwölf oder 13 Schuljahren vergeben. Das geht aus einem Erlass des niedersächsischen Kultusministeriums hervor, der am Freitag veröffentlicht werden soll.
Vor gut einem Jahr hatten Ministerpräsident Christian Wulff und Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (beide CDU) verkündet, auch an Gesamtschulen die Schulzeit auf zwölf Jahre verkürzen zu wollen. Vor allem in Hannover schlugen die Wellen der Empörung hoch. Tausende Lehrer, Eltern und Schüler gingen gegen den Beschluss auf die Straße. Ein von verschiedenen Initiativen gestartetes Volksbegehren richtet sich vor allem gegen die Einführung des Turboabiturs an den Gesamtschulen. Die Hauptsorge: Die Reifeprüfung nach zwölf Jahren würde den gemeinsamen Unterricht unmöglich machen. Die Kinder müssten schon ab der 6. Klasse aufgeteilt werden, das Kernprinzip der IGS wäre damit zerschlagen worden.
Der neue Erlass ist von einer Arbeitsgruppe im Ministerium formuliert worden, in der auch Vertreter der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule saßen. Er sieht vor, dass der Klassenverband bis zum Ende des 9. Jahrgangs bestehen bleibt. Ab Klasse 7 kann auf zwei oder drei unterschiedlichen Leistungsniveaus in Mathematik und Englisch unterrichtet werden, Ein Jahr später folgt die Differenzierung in Deutsch, dann auch in den Naturwissenschaften. In der 9. Klasse muss differenziert werden, in den unteren Jahrgängen kann auf Antrag gemeinsam unterrichtet werden. Die Schüler können entweder nach der 9. Klasse in die gymnasiale Oberstufe eintreten und nach zwölf Jahren Abitur machen oder sie lassen sich ein Jahr länger Zeit.
„An der IGS ist so ein Abitur der zwei Geschwindigkeiten möglich, in zwölf oder 13 Jahren“, sagt der Leiter der Hildesheimer Robert-Bosch-Gesamtschule, Wilfried Kretschmer. Er bewertet den Entwurf „überwiegend positiv“: Die IGS erhalte mehr Freiheitsgrade.
Das Kultusministerium in Hannover will dagegen nicht von einer Überraschung sprechen. „Wir haben immer gesagt, dass es nicht darum geht, die Gesamtschulen zu zerschlagen“, sagte Ministeriumssprecher Andreas Krischat. Der IGS-Erlass des Ministeriums wird am Freitag veröffentlicht. Er geht danach in die Anhörung der Verbände und Interessengruppen.
KOMMENTAR von Saskia Döhner
Kluger Schachzug
Die Angst war groß: Viele Kritiker hatten befürchtet, dass mit dem Turbo-Abitur auch das Ende des gemeinsamen Unterrichts an den Integrierten Gesamtschulen kommen würde. Und ihre Sorgen waren durchaus begründet: Entgegen der Beteuerungen von Kultusministerin Heister-Neumann gibt es in der Regierung entschiedene Gesamtschulgegner, immer noch. Aber es gibt auch starke Fürsprecher. Und es gibt zum Glück die Realisten, für die Gesamtschulen ganz einfach auch zum gegliederten System gehören. Und die haben sich anscheinend durchgesetzt. Sicherlich haben auch der Druck der Öffentlichkeit, die vielen Demonstrationen und Protestbriefe, aber auch die leisen Gespräche im Hintergrund das Einlenken leichter gemacht. Der liberale IGS-Erlass ist ein kluger Schachzug der Regierung und nimmt den Kritikern den Wind aus den Segeln. Für die Bildungspolitik im Land ist es aber nur gut, wenn beide Seiten unaufgeregter miteinander umgehen. Gelassenheit ist hilfreicher als starre Schwarz-Weiß-Ideologie. Kritik wird es in den nächsten Tagen dennoch geben. Die Vertreter der reinen IGS-Linie werden um den 9. und 10. Jahrgang fürchten, und die Gymnasien werden sich ungerechtet behandelt sehen, weil sie nicht die Wahl zwischen dem Abitur nach zwölf oder 13 Jahren haben. Wer sich hier länger Zeit lassen will, ist zum Sitzenbleiben verdonnert. Wenn der Erlass die Anhörung übersteht und nicht über Ausführungsverordnungen wieder eingeschränkt wird, zeigt die Landesregierung, dass sie sich in der Schulpolitik dem Zug der Zeit doch nicht gänzlich verschließt. Die Schulen hätten es verdient, dass man ihnen mehr Freiheit zutraut – und das gilt nicht nur für Gesamtschulen.
Berlin schafft Hauptschule ab
Von dpa, HAZ 15.1.2010
Ein Jahr hat das Land Berlin über seine Schulen gestritten, nun ist es beschlossen: Die Hauptstadt schafft im Sommer ihre Hauptschulen ab. Das Abgeordnetenhaus beschloss die Reform am Donnerstag mit den Stimmen von SPD und Linken. Haupt-, Real- und Gesamtschulen werden zu sogenannten Sekundarschulen zusammengefasst. Sie bilden neben dem Gymnasium dann die einzige weiterführende Schulform nach der sechsjährigen Grundschule. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) versprach den Schülern mehr Chancengleichheit und den Schulen mehr Eigenverantwortung. „Dies ist das Ende der Zwangsbeglückung von Schulen, es ist das Entlassen in Verantwortung und Freiheit.“
Viele Schüler scheitern auf Weg zum Abitur
SPD kritisiert: Weniger Aufsteiger, mehr Absteiger
Von Saskia Döhner, HAZ 6.1.2010
Hannover. In Niedersachsen sinkt nicht nur die Zahl der Abiturienten, sondern auf dem Weg zur Abschlussprüfung scheitern an den Gymnasien immer mehr Schüler. Darauf hat SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt gestern hingewiesen. Die Zahl der Absteiger nehme zu, die der Aufsteiger sinke, sagte sie. Betrachte man allein den 7. Jahrgang, habe sich der Anteil der Schüler an den Gymnasien, die von einer Realschule gekommen seien, in den vergangenen vier Jahren halbiert, während im gleichen Zeitraum die Zahl der Schüler, die von einem Gymnasium auf die Realschule wechselten, von 2,2 auf 3,5 Prozent gestiegen sei.
Die Durchlässigkeit zwischen den Realschulen und Gymnasien habe sich deutlich von oben nach unten verändert, kritisierte Heiligenstadt. Zu große Klassen und Oberstufenkurse, Fachlehrermangel, schlechte Arbeitsbedingungen für die Pädagogen, aber auch die Unruhe, die das verkürzte Abitur gebracht habe, zeigten schon jetzt Wirkung, obwohl erst 2011 der erste Jahrgang das Turboabitur ablegt.
Heidrun Korsch, Vorsitzende der Direktorenvereinigung, bestätigte, dass sich die Unsicherheit bei den Eltern durch das Zentralabitur und die Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre verstärkt hat. „Die Gymnasien sind in einer Umbruchphase.“ Sie hat beobachtet, dass der Anteil der Jungen bei den Abiturienten sinkt: „In den Oberstufenkursen sitzen immer mehr Mädchen.“ Durch die erhöhte Stundenzahl in der Mittelstufe wechselten Schüler oft schon in der 9. Klasse aufs Fachgymnasium.
Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbands, wandte ein, eine sinkende Abiturientenquote sei nicht unbedingt besorgniserregend. Wenn der Anteil derjenigen Schüler, die Abitur machten, in einem Jahrgang immer weiter wachse, leide langfristig auch die Qualität des Abschlusses generell darunter: „Dann wird durch Studieneingangsprüfungen an den Universitäten das nachgeholt, was eigentlich das Schulsystem leisten sollte.“ Auch Hiltrud Sürmann, Vorsitzende der Elternräte an Gymnasien, verwies darauf, dass Deutschland mit der allgemeinen Hochschulreife ein hohes Gut habe, was es in vielen Ländern gar nicht gebe: „Und dessen Qualität darf nicht leichtfertig verspielt werden.“
Kultusministerium und Regierungsfraktionen betonten, entscheidend sei nicht, dass es im vergangenen Jahr weniger Abiturienten gab, sondern die Quote der Studienberechtigten insgesamt, inklusive der Absolventen mit Fachhochschulreife. „Es kommt nicht auf die Schulform an, sondern auf das einzelne Kind“, sagte Ministeriumssprecher Andreas Krischat. Viele Wege führten zum Abitur, ob in zwölf oder 13 Jahren. Möglicherweise zögen viele Realschüler einen lukrativen Job in der Wirtschaft vor, anstatt weiter zur Schule zu gehen und Abitur zu machen.
In Niedersachsen sinkt der Anteil der Abiturienten
Von Gabriele Schulte, HAZ 5.1.2010
Der Anteil der Abiturienten ist in Niedersachsen erstmals seit Jahren gesunken. Nur noch 27,7 Prozent eines Jahrgangs erwarben nach Angaben des Landesbetriebs für Statistik 2008 die allgemeine Hochschulreife, ein Jahr zuvor waren es noch 30 Prozent.
Der Anteil der Abiturienten ist in Niedersachsen erstmals seit Jahren gesunken. © Nico Herzog
Die bundesweite Quote stieg im selben Zeitraum von 31 auf 31,7 Prozent. Im Vergleich der Länder ist Niedersachsen das einzige, dessen Anteil an Studienberechtigten sank. Während das Kultusministerium in Hannover am Montag von einer „möglicherweise nur kurzfristigen Verlagerung“ sprach, forderte die Opposition im Landtag einen Kurswechsel in der Bildungspolitik.
„Wir sind alarmiert“, sagte die schulpolitische Sprecherin der SPD, Frauke Heiligenstadt. Sollte sich in Niedersachsen tatsächlich ein Trend weg vom Abitur entwickeln, werde das Land „abgehängt“ und steuere mehr noch als die anderen auf einen Fachkräftemangel zu. Ina Korter von den Grünen rief die Landesregierung auf, ihre Beschlüsse zum Turboabitur auch an Gesamtschulen zurückzunehmen und nicht am freien Elternwillen beim Wechsel auf das Gymnasium zu rütteln: „Sonst geht die Regierung wissentlich das Risiko ein, Schüler schlechter zu qualifizieren als andere Bundesländer.“ Die Unterschiede zwischen den Ländern sind jetzt schon sehr groß. Der Anteil derjenigen eines Altersjahrgangs, die die allgemeine Hochschulreife erwerben, reicht von 21 Prozent in Bayern bis 38,8 Prozent in Hamburg. Von den Stadtstaaten abgesehen, steht Nordrhein-Westfalen mit 33,8 Prozent weit vorn, die Durchschnittsquote der Flächenländer liegt bei 31,3 Prozent.
Weiterhin machen in den großen Städten deutlich mehr Schüler Abitur als auf dem Land. Niedersachsens GEW-Chef Eberhard Brandt führte die zwischen Ems und Elbe gesunkene Quote auf „oft noch zu weite Wege zum Kreisgymnasium“ zurück. Gegensteuern lässt sich nach Ansicht der Lehrergewerkschaft mit weiteren Gesamtschulen. Roland Neßler vom Philologenverband warnte indes davor, die Leistungsanforderungen für das Abitur weiter zu senken. „Dann ist die Gefahr zu groß, im Studium zu scheitern.“
An den Abiturprüfungen direkt scheitern die wenigsten: im Jahr 2008 nur 913 bei mehr als 25.600 Abiturienten. Viele von den 31,1 Prozent des Jahrgangs, die 2001 – damals noch von der Orientierungsstufe – in die 7. Klasse des Gymnasium wechselten, müssen es lange vor dem Abitur wieder verlassen haben. Auch bei den Studienberechtigten mit Fachhochschulreife ist die Quote in Niedersachsen gesunken: von 12,8 auf 12,5 Prozent.
Ein Weckruf
Kommentar von Jörg Kallmeyer, HAZ 5.1.2010
Die schwarz-gelbe Landesregierung hat sich zuletzt in Zahlen der Statistiker sonnen können: Der Anstieg der Arbeitslosigkeit fällt geringer aus als anderswo; es gibt weniger arme Familien im Land als befürchtet; der größte Autobauer liefert stabile Ergebnisse – Niedersachsen, so scheint es, kommt besser durch die Krise als andere Bundesländer. Umso hässlicher wirkt da der kleine Schatten, den die Statistiker jetzt auf das Hochglanzbild werfen: Die Zahl der Abiturienten ist erstmals seit Jahren wieder zurückgegangen.
Die Quote von 27,7 Prozent eines Schülerjahrgangs ist im internationalen Vergleich blamabel – und sie ist beunruhigend, weil sie viel darüber aussagt, wie zukunftsfähig eine Gesellschaft und ihr Bildungssystem sind. Deutschlands Wirtschaft braucht mehr Abiturienten, wenn sie im Wettbewerb der Wissensnationen mithalten will. Das weiß man spätestens seit dem Pisa-Schock. Dass nun in Niedersachsen die Abiturquote sogar wieder zurückgeht, kann man nicht direkt der Landesregierung anlasten. Wer 2008 die Reifeprüfung abgelegt hat, ist noch von der Orientierungsstufe aufs Gymnasium geschickt worden.
Die Reformen von Schwarz-Gelb kamen später. Die neue Statistik ist aber ein Weckruf: Die Landesregierung legt in ihrer Schulpolitik viel Wert auf Leistung der Schüler und Trennung der Schulformen. Von der Förderung jedes einzelnen Schülers – nach Pisa ein neues Credo – ist kaum noch etwas zu hören. Die Bilanz von Wulffs Schulpolitik steht noch aus. Ein Kriterium wird in einigen Jahren auch die Abiturquote sein. Und dann zählen keine Ausreden – der Ministerpräsident selbst hat in seiner ersten Amtszeit den Maßstab gesetzt: Wulff verlangte Ende 2005 eine Abiturquote von 40 Prozent.
"G8"-Schüler: Wenn Schule krank macht
Von ZiSH, HAZ 18.12.2009
Schule bis nachmittags, Hausaufgaben bis spätabends und Zukunftsängste bis tief in die Nacht: Turboabi und Doppeljahrgang lassen Schüler verzweifeln. Sechs Schüler schreiben, wie sich Schule und Privatleben seit der Einführung von „G8“ verändert haben.
Überlastet, überfordert, überfrachtet: „G8“-Schüler kommen mit dem Stress an der Schule und dem Druck durch den Doppeljahrgang nicht mehr zurecht. © Wallenwein
Andere Schule (von Alisa Schellenberg)
Die Stimmung an meiner Schule war mies, das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern schlecht. Als mir die Auswirkungen des Turboabiturs bewusst wurden, gab es für mich nur einen Weg, diesem Horror zu entgehen: Ich musste die Schule wechseln. Von einem Gymnasium mit schlechter Lernatmosphäre wechselte ich auf eine IGS. Dort kommt das Abitur immer noch nach 13 Schuljahren, und die Lehrpläne lassen Freiräume. Kein Vergleich mit dem Leistungsdruck und Notenkampf an meiner alten Schule. Seit dem Wechsel fällt mir das Aufstehen morgens wieder leichter, Schule macht wieder mehr Spaß. Meinen Lehrern ist es wichtig, dass jeder Schüler das Abitur schafft. Wir arbeiten zusammen und nicht gegeneinander. Auch meine Noten haben sich seitdem verbessert. Ich bin mir sicher, dass ich das Abitur so schaffen werde. aufgezeichnet
Ohne Partner (von Isabelle Suckade)
Stephan (Name von der Redaktion geändert) war der perfekte Freund: Selbst nicht dem Stress im Doppeljahrgang ausgesetzt, machte er mir Mut und half mir beim Lernen, damit ich neben der Belastung durch „G8“ nicht vergaß, was das Leben bedeutete. Doch irgendwann stresste selbst ihn mein Zeitplan: Fünf Tage die Woche kam ich nie vor 16.30 Uhr aus der Schule, dazu noch Tonnen an Hausaufgaben. Die Rückenschmerzen, die ich nach wochenlangem Sitzen bekam, versuchte ich durch Sporttraining zu lindern. Stephan sah ich nur noch am Wochenende. Doch Liebe braucht Zeit. Wenn die fehlt, ist es unmöglich, eine funktionierende Beziehung zu führen. Stephan und ich stritten uns immer öfters. Er beklagte sich, dass wir uns nicht mehr sehen würden und ich war vom Schulstress einfach nur ausgelaugt und müde. Nach sieben Monaten war ich zu erschöpft, um noch weiter zu streiten, und beendete die Beziehung. Anscheinend müssen sich heutzutage schon Schüler zwischen Liebe und Erfolg entscheiden.
Ohne gute Noten (aufgezeichnet von Marie-Céline Gräber)
Unter meiner Bio-LK-Klausur steht eine rot umrandete Null. Nicht ungewöhnlich: Seitdem ich in der 12. Klasse des Doppeljahrgangs bin, häufen sich die schlechten Noten. Dabei bin ich in meiner gesamten Schulzeit nie versetzungsgefährdet gewesen. Jetzt kriege ich regelmäßig Schweißausbrüche, weil ich Angst vor der nächsten schlechten Zensur habe. Meinen Mitschülern geht es ähnlich. Durch die überfüllten Kurse gehen schlechtere Schüler schneller unter. Die Lehrer haben häufig nicht die Möglichkeit, die Leistungsschwächeren zu fördern. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass bewusst versucht wird, noch einmal auszusieben, damit sich die Kurse verkleinern. Gemeinsam mit zwei Freunden habe ich mich jetzt entschieden, auf eine IGS zu wechseln. Eine Schule ohne Doppeljahrgang ist die einzige Möglichkeit für uns, das Abitur zu bestehen.
Ohne Ausland (von Karoline Born)
Ich hatte große Pläne für die Zeit nach meinem Abitur 2010: Ab ins Ausland und dort in Ruhe nachdenken, was ich mit meinem Leben machen möchte. Die Formulare für diverse Auslandsstipendien hatte ich bereits auf dem Schreibtisch liegen. Aber die Schule machte mir einen Strich durch die halbausgefüllten Bewerbungen: Ein Jahr Pause kann ich mir durch „G8“ nicht erlauben. Zu groß ist die Gefahr, anschließend vom Doppeljahrgang überrannt zu werden und keinen Studienplatz mehr zu bekommen. Auch meine Freunde beugen sich dem Zeitdruck: Statt sich auf das Lernen fürs Abitur zu konzentrieren, schreiben sie Bewerbungen für Studiengänge und Ausbildungsplätze oder arbeiten Tag und Nacht, um ihren Lebenslauf durch Künstlermappen und soziales Engagement aufzubessern. Horizonterweiterung im Ausland? Nicht für uns.
Mit Therapie (aufgezeichnet von Marina Uelsmann)
Der Tag, an dem ich zusammenbrach, war ein Montag. Stundenlang hatte ich versucht, meine Geschichtshausaufgaben zu machen, doch in meinem Kopf war alles leer. Über Wochen hatte sich eine Angst angestaut, in die Schule zu gehen und nicht die richtigen Antworten auf die Fragen der Lehrer zu wissen. Ich war am Ende und wies mich selbst in eine Psychiatrie ein. Neun Wochen lernte ich in der Klinik, mit meiner Versagungsangst umzugehen. Ich konnte ich mich endlich frei machen, von dem Druck, nur Einsen auf dem Zeugnis zu haben. Die Schule ist zwar nicht einfacher geworden, doch geht es mir viel besser. Denn ich weiß auch, ich bin mit meinen Ängsten nicht allein: Wenn ich jetzt nicht mehr weiterweiß, treffe ich mich mit meinen Freundinnen, und wir lernen zusammen.
Ohne Freunde (von Melanie Kindler)
Du findest doch eh keine Zeit mehr für mich!“ Solche Vorwürfe gehören bei mir zum Alltag. Im Doppeljahrgang ist jeder angespannt. Ich bekomme zu wenig Schlaf und viel zu viel Lernstoff reingedrückt. Soziale Kontakte bleiben da auf der Strecke. Erholung am Wochenende ist bei mir die Ausnahme. Selbst am Sonnabend und Sonntag warten To-do-Listen mit Referatsthemen und Klausurlernstoff. In der Schule ist die Stimmung gereizt, in den Pausen gibt es Zickereien, weil alle ständig gestresst sind. Für vertraute Gespräche findet man k eine Zeit mehr. Meine Schulbücher kenne ich inzwischen besser als meine Freunde. Eine richtige Clique habe ich nicht mehr. Es braucht Zeit, um Freunde zu haben und Beziehungen zu pflegen. Im verkürzten Abiturjahrgang wurde diese Zeit weggestrichen. Freunde finden im Stundenplan keinen Platz mehr.
Ohne Hobbys (von Rebecca Gerigk)
Nur zu gern erinnere ich mich an die Sommerferien zurück: Kein Fußballtraining habe ich verpasst und jeden Tag meine Freunde gesehen. Seit dem Schulbeginn im Herbst habe ich dafür keine Zeit mehr. Sosehr ich mich auch bemühe, meine Hobbys in meinen vollen Zeitplan zu bekommen, es klappt einfach nicht. Bei 36 Schulstunden in der Woche und mehreren Stunden Hausaufgaben pro Tag, Vorbereitungen für Referate und anderen Zusatzleistungen ist das unmöglich. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als meinem Trainer jede Woche aufs Neue zu erklären, dass ich keine Zeit habe. Leider trifft man mit diesem Satz nach dreimaligem Wiederholen nicht mehr auf Verständnis, sondern auf Ungläubigkeit. Aus der Stammaufstellung der Mannschaft bin ich so gut wie draußen. Gut, dass ich wenigstens meinen Freunden nicht absagen muss. Denen geht es nämlich genauso wie mir.
Mit Drogen (aufgezeichnet von Sarah Kniep)
Seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Egal, ob sich jemand mit mir treffen will oder ob es um Hausaufgaben geht: Alles wurde mir zu viel, ich zog mich immer weiter zurück. Schließlich wandte ich mich an eine Ärztin. Sie verschrieb mir Antidepressiva. Endlich kann ich wieder richtig schlafen – der Stress hatte mich auch in der Nacht nicht losgelassen. Schule ist sicher nicht der einzige Grund dafür, dass ich Medikamente brauche. Doch der Leistungsdruck in der Schule ist so stark geworden, dass nicht nur ich mich total überfordert fühle. Auch eine andere Freundin leidet sehr unter dem psychischen Druck in der Schule und übergibt sich schon, wenn sie zu Hause nur an die Schule denkt. Da bin ich mit Medikamenten eigentlich noch gut dran.
Kultusministerin Heister-Neumann: "Wir prüfen, ob Veränderungen möglich sind"
Interview von Costa Alexander, HAZ 17.12.2009 Die niedersächsische Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann im ZiSH-Interview über Doppeljahrgänge,"G8", wenig Freizeit und Ganztagsschulen.
Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann © Handout
Wie reagiert die Landesregierung auf den Doppeljahrgang? Wir haben zusätzliche Studienplätze geschaffen. Auch die ausbildende Wirtschaft sieht für 2011 keinen Verdrängungsmechanismus. Gemeinsam mit Vertretern der Wirtschaft, der Bundesagentur für Arbeit, dem Wissenschafts- und dem Wirtschaftsministerium haben wir Schritte festgelegt, damit die Abiturienten gut aufgehoben sind.
Finden Sie die Entwicklung, dass Jugendliche immer weniger Zeit für sich haben, nicht bedenklich? Ich halte pauschale Aussagen für nicht hilfreich. Jeder muss sich selber fragen: Was will ich mit meiner Zeit anfangen? Was begeistert mich?
Wäre es nicht sinnvoller, die Schule als Lebenszentrum klarer zu etablieren? Es gibt bei uns den Trend zur Ganztagsschule. Im nächsten Jahr wird jede dritte Schule im Land eine Ganztagsschule sein. Und das wird auch weiter ausgebaut.
Sind Verbesserungen von „G8“ geplant? Selbstverständlich haben wir die Umstellung sehr aufmerksam beobachtet, und wir prüfen, ob und wo Veränderungen im Einzelfall notwendig sind.
SPD will IGS statt Kooperation
Sozialdemokraten kritisieren CDU-Chef – Stadt legt vorläufigen Zeitplan für IGS vor
Von Ralf Heußinger, LZ 14.12.2009
Seelze. Die SPD wehrt sich gegen den Vorschlag, Haupt- und Realschulen enger kooperieren zu lassen. Bei der Idee handele es sich um einen Schnellschuss, heißt es aus der Fraktion der Sozialdemokraten. Die SPD will sich stattdessen weiter dafür einsetzen, dass zum Schuljahr 2011/12 eine integrierte Gesamtschule (IGS) in Seelze eröffnet wird.
„Einfach Schulen zusammenzulegen und ein bisschen gemeinsamer Unterricht von Haupt- und Realschülern ist keine Chance für Seelze, sondern die billige Lösung der Landesregierung auf die wegbrechenden Anmeldezahlen an den Hauptschulen“, meint die SPD-Ratsfrau Karin Albrecht. Sie kritisiert damit direkt den CDU-Vorsitzenden Gerold Papsch, der die weitergehende Zusammenarbeit von Haupt- und Realschulen als „Chance für Seelze“ bezeichnet hatte. Sie gehe davon aus, dass es sich bei Papschs Äußerungen um „einen nicht durchdachten Schnellschuss“ handele, sagt Albrecht und erinnert daran, dass auch die CDU für die Vorbereitung einer IGS-Gründung gestimmt hat.
In der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass die Landesregierung künftig Haupt- und Realschulen erlauben will, bei fast allen Fächern gemeinsamen Unterricht zu erteilen. Nur Mathematik, Deutsch und Englisch müssen den Plänen zufolge getrennt unterrichtet werden. Die Kommunen sollen selbst entscheiden können, ob sie das Modell umsetzen wollen.
Dem Beschluss des Seelzer Rates folgend, bereitet die Stadtverwaltung in Seelze aktuell die Einrichtung einer IGS vor. Einen genauen Zeitplan will die Verwaltung in der Sitzung des Arbeitskreises Schule am 17. Februar vorlegen. Bürgermeister Detlef Schallhorn hofft, dass bis dann auch alle Fragen zu einer möglichen Kooperation mit Garbsen geklärt sind. Der Schulausschuss der Nachbarstadt tagt am 4. Februar. Informationsveranstaltungen und die zweite Elternbefragung sind für August und September geplant – nach den Sommerferien also. Der SPD kommen zumindest die Informationsveranstaltungen zu spät. Sie müssten früher angeboten werden, sagt SPD-Ratsherr Julian Rabe: „Eltern und Schüler brauchen Zeit, um eine sorgfältige Entscheidung zu treffen. Sie sollen nichts übers Knie brechen.“
Laatzen will Hauptschule schließen
Kinder sollen in Kooperativer Gesamtschule aufgenommen werden – oder einen Platz in Hannover finden
Von Bärbel Hilbig, HAZ 14.12.2009
Laatzen. Laatzen will seine Hauptschule schließen. Beschlossen hat der Rat das bereits Ende September. Nur noch sieben Kinder hatten sich dieses Schuljahr angemeldet. Zu wenig, um eine komplette Schule weiterzubetreiben, so gut die pädagogische Arbeit dort auch sein soll. Zudem gibt es in Laatzen eine Kooperative Gesamtschule, die Kinder in ihren Hauptschulzweig aufnehmen kann.
Doch ganz so einfach ist die Lage nicht. „Es könnte ja der Fall eintreten, dass eine Familie ihr Kind auf eine klassische Hauptschule schicken will“, sagt Arne Schneider, Erster Stadtrat von Laatzen. Das Schulgesetz verpflichtet die Kommune, alle Schulformen des dreigliedrigen Schulsystems vorzuhalten. „Eltern können nicht gezwungen werden, ihr Kind auf eine Gesamtschule zu schicken“, bestätigt Andreas Krischat, Sprecher des Kultusministeriums. Dabei sei es unerheblich, ob es sich um eine Integrative Gesamtschule mit gemeinsamem Unterricht oder eine Kooperative Gesamtschule mit drei Schulzweigen handelt.
Nun soll Hannover den Laatzenern aus der Patsche helfen. „Wir beantragen eine Genehmigung zur Schulschließung bei der Landesschulbehörde. Dafür brauchen wir aber eine Nachbarkommune, die Hauptschüler für uns aufnehmen würde“, sagt Schneider. Er geht davon aus, dass fast alle Laatzener Hauptschüler in Zukunft die KGS wählen werden. Außerdem gibt es in der Stadt auch noch eine Realschule, ein Gymnasium und mehrere Förderschulen. „Wir rechnen mit null bis zwei Kindern, die auf eine Hauptschule gehen wollen.“
Aus Schneiders Sicht ist das Ende der Hauptschule und damit auch das Ende des dreigliedrigen Schulsystems längst eingeläutet. „Unsere Hauptschule ist gut. Aber sie kann noch so gut sein, es bleibt ein Milieu zurück, das keine gute Lernatmosphäre bietet.“ Schüler, die mit Hauptschulempfehlung auf eine andere Schule gingen, schafften dagegen oft bessere Abschlüsse. „Wir haben eine ganz klare Abstimmung mit den Füßen“, sagt Schneider. Die Albert-Einstein-Schule, wie die KGS in Laatzen heißt, platze aus allen Nähten.
In Hannover will die Stadtverwaltung die Bitte Laatzens nun prüfen. Die Landesschulbehörde wird sich der Sache auch annehmen. Nur wenn die Rahmenbedingungen zumutbar sind, also der Schulweg eines Laatzener Kindes bis zur Hauptschule nach Hannover nicht zu weit ist, dürfte die Behörde zustimmen.
Grundschulen arbeiten bald ganztags
Programm startet 2010
Von Bärbel Hilbig, HAZ 10.12.2009
Hannover. Im Schulausschuss ist gestern das städtische Programm zum Ausbau von Ganztagsangeboten an Grundschulen beschlossen worden. Bis 2012 sollen voraussichtlich insgesamt 21 der 56 städtischen Grundschulen ihre Schüler bis nachmittags betreuen können. Bisher gibt es fünf Ganztagsgrundschulen, die ihr Angebot zum Teil noch entwickeln.
Die Stadt geht damit finanziell freiwillig in Vorleistung in einem Bereich, der eigentlich Landessache ist. Die Grundschulen sollen jeweils rund 70 000 Euro pro Jahr bekommen, mit denen pädagogische Betreuer und Kursleiter bezahlt werden – und das möglichst an fünf Tagen in der Woche. Das Land zahlt bisher in der Regel nach einer Startphase mindestens 25 000 Euro, die noch dazu kämen. „Das Land ist weiterhin in der Pflicht, Bildung zu finanzieren. Davon gehen wir einfach aus“, sagte Regina Kramarek von den Grünen.
FDP-Ratsherr Jens Meyburg nutzte die Gelegenheit, sich bei diesem Thema von der Politik der Landesregierung abzusetzen. „Das Land setzt einseitig auf offene Ganztagsschulen. Das halte ich in Hannover für falsch.“ In den sogenannten offenen Ganztagsschulen ist die Teilnahme freiwillig, die Eltern können jedes Halbjahr oder Jahr neu entscheiden, ob ihr Kind sich an einem oder mehreren Tagen beteiligt. Die geringen Zuschüsse reichen an Grundschulen zum Teil nur für Angebote an zwei Nachmittagen pro Woche.
Auch mit dem städtischen Programm wird das Geld nicht zur Betreuung aller Schüler an allen Tagen ausreichen. „Die Schulen werden ab Februar oder März die Wünsche der Eltern erfragen“, sagte Heike Rudolph, stellvertretende Leiterin des Fachbereichs Schule. Die Nachfrage der Schulen ist offenbar groß. Zwei schon genehmigte Ganztagsgrundschulen sind bereits für das erweiterte Programm gesetzt. Gestern stimmte der Schulausschuss zudem den Anträgen der Kurt-Schumacher-Schule, der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Schule sowie der Grundschulen Alemannstraße und Lüneburger Damm zu. Damit starten im kommenden August sechs Schulen mit dem erweiterten Ganztagsangebot.
An weiteren Grundschulen läuft bereits im Rahmen von Sanierungs- oder Konjunkturprogramm der Ausbau von Mensen und Freizeiträumen.
Niedersachsen vereinigt Haupt- und Realschulen
Neuer Erlass wird im Januar vorgelegt: Mehr gemeinsamer Unterricht
Von Klaus Wallbaum, HAZ 9.12.2009
Hannover. In Niedersachsen steht ein weitgehender Schritt zur Neuorganisation der Schullandschaft bevor: Das Kultusministerium will es den Kommunen künftig erlauben, Haupt- und Realschüler viel intensiver als bisher gemeinsam zu unterrichten. Lediglich in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch soll es dann noch zwingend getrennten Unterricht geben. Damit könnten die Haupt- und Realschulkinder der Stufen fünf bis acht vom Sommer 2010 an in gemeinsamem Klassen unterrichtet werden. Entsprechende Pläne reifen derzeit im Kultusministerium, wie aus Regierungskreisen verlautet.
Der Erlass, der nach Angaben des Kultusministeriums im Januar vorgelegt werden soll, reagiert auf die in vielen Regionen stark rückläufigen Anmeldungen zur Hauptschule. Vor allem die kommunalen Spitzenverbände fordern als Konsequenz vehement eine Zusammenlegung von Haupt- und Realschule. Dies sei oft der einzige Weg, kleine Schulstandorte zu erhalten. Landesweit gibt es zwar schon 220 solcher Schulverbünde, nach den bisherigen Vorschriften dürfen die Kinder aber lediglich in einem Wahlpflichtkurs und in den Fächern Sport und Musik gemeinsam unterrichtet werden. Mit dem Erlass soll dies jetzt auf die Mehrzahl der Fächer ausgeweitet werden. Offen ist noch, inwieweit der Erlass in Ausnahmefällen auch für die Klassen fünf und sechs gemeinsamen Deutsch- und Matheunterricht zulassen wird. Dies sei überall dort sinnvoll, heißt es aus Koalitionskreisen, wo die Zahl der Hauptschüler zu gering ist für eigenständigen Unterricht.
Die Pläne werden von Schulexperten als erster Schritt zur Abschaffung der eigenständigen Hauptschule gedeutet. Der Sprecher des Kultusministeriums bestreitet diese Bewertung allerdings: Es solle weiterhin vier getrennte Abschlüsse geben – Hauptschulabschlüsse nach Klasse neun und zehn, Realschulabschluss nach Klasse zehn und erweiterter Realschulabschluss, der zum Wechsel aufs Gymnasium nötig ist. Außerdem sei der Erlass nur ein Angebot an die Kommunen als Schulträger.
Die CDU/FDP-Koalition hatte bisher am Ziel einer eigenständigen Hauptschule festgehalten und die „Profilierung“ dieser Schulform versprochen. Dies sollte über weitere dort tätige Sozialarbeiter geschehen, außerdem über die intensive Verzahnung von Hauptschule und Angeboten der beruflichen Bildung. Kritiker halten Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann allerdings entgegen, dass diese Versuche den Elternwillen bisher nicht sonderlich beeinflusst hätten; die Hauptschule sei dadurch nicht populärer geworden.
KOMMENTAR VON JÖRG KALLMEYER
SCHULREFORM: Schritt für Schritt
Und die Welt bewegt sich doch: Langsam, ganz langsam passt die schwarzgelbe Landesregierung in Niedersachsen ihre Schulpolitik den Tatsächlichkeiten an. Weil vielen Hauptschulen nach der Massenflucht der Schüler die Schließung droht, wird die Zusammenarbeit mit den Realschulen erleichtert. Vor ein paar Jahren noch war die Zusammenlegung der Schulformen ein heftig verteidigtes Tabu, jetzt feiern die gleichen Politiker die Kooperation als pragmatisches Signal. So reden Bildungspolitiker, die keine andere Wahl mehr haben. Oder ratlos sind.
Tatsächlich hat man anderswo die Zeit genutzt, auf eine ohnehin nicht zu stoppende Entwicklung intelligent zu reagieren. Der Osten Deutschlands verzichtete ganz auf die Hauptschule – und wurde beim jüngsten Test mit guten Noten für die neue „Sekundarschule“ belohnt. In Rheinland-Pfalz gibt es die „Realschule plus“. In Berlin und Hamburg stand die CDU mit an der Spitze der Bewegung, als es darum ging, Wege jenseits des streng dreigliedrigen Schulsystems zu finden.
In Niedersachsen muss man jetzt einen neuen Schritt machen, ohne ein echtes Ziel vor Augen zu haben. Allein die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen macht aus einem schwachen noch keinen starken Schüler. Es fehlt das inhaltliche Konzept für die neue Schule: Wie sieht es aus mit der Förderung jedes einzelnen Schülers? Wie kann verhindert werden, dass unter einem Dach wieder eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entsteht? Man könnte die neue Schulform auch kooperative Gesamtschule nennen – aber ganz so pragmatisch geht Schwarz-Gelb in Hannover denn doch nicht zur Sache.
Kleine Grundschulen schildern Erfolge
Von Dirk von Werder, HAZ 7.12.2009
Neustadt. Bisher unterrichten nur die Grundschulen Schneeren und Mardorf ihre ersten beiden Klassen jahrgangsübergreifend. Jetzt denken erste Schulen in der Kernstadt über eine Eingangsstufe für die Klassen eins und zwei nach.
© Nico Herzog (Symbolbild)
Es schien nur eine Notlösung: Weil die Schülerzahlen in Schneeren und Eilvese rückläufig sind, werden Erst- und Zweitklässler in einer gemeinsamen Lerngruppe unterrichtet. Die 2008 eingeschulten Kinder wurden zunächst in einem sogenannten Starterjahr auf die Eingangsstufe vorbereitet. Im aktuellen Schuljahr sind sie innerhalb der Stufe die Großen, übernehmen Verantwortung, lernen, so sagen Lehrkräfte, „zunehmend selbstständig“. Auch die Erstklässler entwickelten sich gut, richteten sich an den älteren Schülern aus.
Der Clou des Ganzen: Die Eingangsstufe ist flexibel ausgelegt. Grundschüler können sie bei entsprechener Leistung auch in einem Jahr durchlaufen und im Anschluss direkt in die dritte Klasse wechseln. „Und wer Probleme hat, der bleibt ein drittes Jahr“, sagt Johannes Faber vom Fachbereich Schulen der Stadtverwaltung. Ein Verbleib in der Eingangsstufe lasse sich besser vermitteln als eine Nichtversetzung.
Schneeren und Eilvese bleiben bei dem Modell, andere könnten folgen. Zumindest die Michael-Ende-Schule prüfe das Konzept, sagt Faber.
Die CDU und ihre Liebe zur Gesamtschule
Vizefraktionschef im Landtag will Kind an IGS bringen
Von Bärbel Hilbig, HAZ 3.12.2009
Hannover. Gesamtschulen scheinen in der CDU doch nicht so unbeliebt zu sein, wie gemeinhin angenommen wird. Zumindest hat sich Karl-Heinz Klare, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion, jetzt für ein Kind eingesetzt, das sich im Sommer vergeblich an der Integrierten Gesamtschule Roderbruch beworben hatte.
Als der Vorgang diese Woche unter Eltern und Lehrern an der IGS bekannt wurde, reagierten viele empört. Dazu muss man wissen, dass die Schule zum August 330 Anmeldungen für 180 Plätze in den fünften Klassen bekommen hatte. Über die Vergabe der begehrten Plätze entscheidet das Los. „Auch ich könnte kein Kind von Bekannten hier unterbringen, obwohl ich mich sehr an der Schule engagiere“, sagt Bettina Isbanner, Vorsitzende des Schulelternrats. Bei der großen Zahl von Ablehnungen mute es absurd an, für ein einzelnes Kind vorzufühlen. Für Karl-Heinz Klare stellt sein Engagement jedoch eine Selbstverständlichkeit dar. Die Mutter des abgelehnten Kindes hatte sich bei einer Veranstaltung des Hausfrauenbundes an eine CDU-Landtagsabgeordnete gewandt, die das Anliegen an ihren stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden weiterleitete. „Wir haben eine Bringschuld, wenn Bürger sich an uns Abgeordnete wenden. Ich bin für freie Wahl der Schule“, sagt Klare. In diesem Fall habe er das Kultusministerium angeschrieben, das sich über die Landesschulbehörde an die Schule wandte. „Ich habe um Prüfung gebeten, ob Chancen bestehen. Das ist ein normales Verfahren“, sagt Klare. Er schätzt die Erfolgsaussichten selbst eher gering ein. Am Ende entscheide die Schule, und sie habe ihr Aufnahmepotenzial erfüllt. „Aber es hat sich jemand drum gekümmert.“
Bei Eltern und Lehrern an der IGS allerdings löst die Art des Vorgehens Verärgerung aus. „Herr Klare hat ganz oben in der Hierarchie angefragt und die Schule muss jetzt Stellung beziehen“, sagt Elternsprecherin Bettina Isbanner. Sie könne die Bemühungen der Eltern gut verstehen. „Es gibt aber leider nicht genügend Plätze für alle Kinder, die an eine IGS wollen.“ Und genau dies habe Herr Klare politisch so mitentschieden, meint Isbanner. Sie spielt damit darauf an, dass die CDU-geführte Landesregierung neue Gesamtschulen zunächst verboten hatte. Erst seit Mitte 2008 erlaubt sie Neugründungen, allerdings mit Einschränkungen wie der Vorgabe einer Mindestgröße. „Es ist pikant, dass Herr Klare Gesamtschulen Steine in den Weg legt und jetzt ein Kind dort unterbringen will“, sagt Isbanner.
Kritik an Wulffs „Kuschelkurs mit den Philologen“
Von Saskia Döhner, HAZ 3.12.2009
Hannover. Der Schulleitungsverband hat mit Verwunderung auf das Versprechen von Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) reagiert, die Unterrichtsverpflichtung für Gymnasiallehrer nicht zu erhöhen. „Hat er dabei den größten Teil der Lehrerschaft, nämlich die drei Viertel, die an Grund-, Haupt-, Real- und Förderschulen unterrichten, nicht im Blick gehabt?“, fragte die Vorsitzende des Schulleitungsverbandes, Helga Akkermann, gestern. „Oder soll auch ihre Arbeitszeit den aktuellen Bedingungen angepasst werden?“ Derzeit müssen Lehrer an Gymnasien mit 23,5 Wochenstunden weniger unterrichten als Pädagogen an anderen Schulformen. Die höchste Unterrichtsverpflichtung haben Grundschullehrer mit 28 Wochenstunden.
Außerdem müsse es kleinere Klassen nicht nur in Gymnasien, sondern in allen Schulformen geben, forderte der Verband Bildung und Erziehung und rügte „Wulffs Kuschelkurs“ mit den Philologen. Akkermann lobte, dass Wulff in den Zukunftsvertrag mit den Bildungsverbänden für 2011 auch die seit Langem zugesagte Arbeitszeitverordnung für Schulleiter aufnehmen will. Der neue Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz, kritisierte zum Abschluss des Philologentages „die kurzatmige Regierungspolitik der Aushilfen und Improvisationen“, die immer wieder Lehrermangel produziere.
Wulff will mit Lehrern Pakt schließen
Ministerpräsident geht beim Reizthema freier Elternwillen auf die FDP zu – ein bisschen
Von Saskia Döhner, HAZ 3.12.2009
Goslar. Ministerpräsident Christian Wullf (CDU) zeigt sich in der Debatte um den freien Elternwillen gegenüber dem Koalitionspartner FDP deutlich kompromissbereiter als Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann oder die Bildungsexperten seiner Fraktion. Bei der Eröffnung des diesjährigen Philologentages am Mittwoch in Goslar sagte er: „Die Grundschulen beraten am Ende der Klasse 4, die Eltern entscheiden, aber die weiterführenden Schulen müssen früher nachjustieren können.“
Wie das konkret aussehen könnte, sagte Björn Försterling, schulpolitischer Sprecher der FDP, am Rande der Tagung: „Künftig könnten Schulwechsel schon am Ende der 5. Klasse und nicht erst nach der 6. Klasse möglich sein.“
Weil immer mehr Eltern ihre Kinder auf Gymnasien schicken, platzen diese aus allen Nähten: Es sei mittlerweile nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass sich 32 oder 33 Schüler in viel zu engen Räumen drängten, sagte der scheidende Vorsitzende des Philologenverbandes, Guillermo Spreckels. „Wenn Politiker und Schulinspektoren sich da über die zu geringe individuelle Förderung des einzelnen Schülers mokieren und den Lehrern die Schuld dafür geben, dann kommt Ärger, ja Wut auf.“
Ab 2011 sollen die Klassen schrittweise verkleinert werden, vor allem in den übervollen Jahrgängen 5 und 6. Was Ministerin Heister-Neumann immer wieder versprochen hat, will Wulff jetzt in einem Vertrag festschreiben. So soll im Frühjahr 2010 ein Pakt mit den Bildungsverbänden geschlossen werden. Die neuen Klassenobergrenzen sind dabei Verhandlungssache. Der gestern neu gewählte Philologenchef Horst Audritz, Lehrer am Gymnasium im Schloss in Wolfenbüttel, sagte, ideal wären nicht mehr als 24 Kinder pro Klasse in der Sekundarstufe I und maximal 18 Schüler in einem Oberstufenkurs.
Für ein Versprechen Wulffs gab es besonders viel Applaus von den rund 400 Delegierten: Gymnasiallehrer müssen auch künftig nicht mehr als 23,5 Stunden in der Woche unterrichten. Der Landesrechnungshof fordert seit Langem eine Erhöhung des Stundensolls. „Wer dies tut, muss sich den Vorwurf der Brandstifterei gefallen lassen“, hatte Spreckels zuvor gewarnt, „das Tischtuch zwischen den Lehrern und der Regierung wäre dann zerschnitten.“
Spreckels hatte eine Generalabrechnung mit den Reformen des früheren Kultusministers Bernd Busemann (CDU) gemacht: Bei der Umstellung der Lernpläne auf Kerncurricula habe man die Inhalte vergessen: „In Deutsch werden für die Klassen 5 bis 10 auf 18 DIN-A4-Seiten 391 Kompetenzen aufgeführt, aber einen Literaturkanon gibt es nicht, nur ein Sammelsurium von Textvorschlägen, da stehen Goethe und Thomas Mann neben Rosamunde Pilcher.“
Während die Delegierten die Ankündigung eines Zukunftsvertrags positiv aufnahmen, sprach SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt von einer „Mogelpackung“. „Da wird den Lehrern nur wiedergegeben, was man früher selbst gestrichen hat.“ Schließlich habe die Regierung Wulff 2003 die Obergrenze an den Gymnasien von 30 auf 32 Kinder pro Klasse hinaufgesetzt.
Wulff verspricht Gymnasien kleinere Klassen ab 2011
Von LNI, Neue Presse 2.12.2009
Goslar. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hat den niedersächsischen Gymnasien eine Verkleinerung der Klassen versprochen. Nach dem Doppelabitur im Jahr 2011 werde die Landesregierung die Klassenfrequenzen schrittweise senken.
Die Landesregierung will die Klassenfrequenzen schrittweise senken. © lni
Das sagte Christian Wulff am Mittwoch beim Philologentag in Goslar. Diese Zusage werde Bestandteil eines „Zukunftsvertrages“ sein, den das Land mit den Lehrerverbänden schließen wolle. Der Philologenverband, in dem rund 6500 Gymnasiallehrer organisiert sind, beklagt übervolle Klassen mit zum Teil mehr als 30 Schülern.
Wulff zeigte sich zudem offen für die von der FDP angestoßene Debatte über eine Einschränkung des Elternwillens bei der Schulwahl. Im Mittelpunkt sollte das Leistungsvermögen der Kinder und „nicht der übersteigerte Ehrgeiz von Eltern“ stehen. Wulff ging damit deutlich weiter als Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) und die Schulexperten der CDU-Fraktion, die eine Einschränkung des freien Elternwillens kategorisch abgelehnt hatten. „Der freie Elternwille steht nicht zur Disposition“, hatte Heister-Neumann gesagt.
Im Zukunftsvertrag solle ungeachtet der Kritik des Landesrechnungshofes auch festgeschrieben werden, die Arbeitszeit der Gymnasiallehrer nicht zu erhöhen, sagte Wulff. Zudem sollen frei werdende Stellen wieder besetzt und die Schulleitungen entlastet werden. Wegen der gestiegenen Anforderungen solle es eine eigene Arbeitszeitverordnung für Schulleiter geben. Den Gymnasien gab Wulff eine Art Bestandsgarantie. Seine Regierung lehne alle Versuche ab, ein einheitliches Bildungssystem als Regelschulsystem zu etablieren. Zudem bekräftigte er, dass auch Gesamtschulen in Niedersachsen das Abitur nach zwölf Jahren vergeben müssen. „Wenn die Gesamtschulen behaupten, sie würden dieselben Leistungen erbringen wie das gegliederte Bildungswesen, dann sollen sie dieses auch in derselben Schulzeit nachweisen“. Am achtjährigen Gymnasium und am Abitur nach zwölf Jahren werde jedenfalls „nicht gerüttelt“. Allerdings sei eine Überprüfung und „Entrümpelung“ der Lehrpläne erforderlich.
Unabhängig von der Schulform komme den Ganztagsschulen, von denen es in Niedersachsen inzwischen fast 1000 gebe, eine immer größere Bedeutung zu, sagte Wulff. Eine gut und verlässliche pädagogische Unterrichtung und Begleitung von Kindern in den Kindertagesstätten und von Schülern in den Schulen möglichst über den ganzen Tag werde der Regelfall werden.
Der scheidende Vorsitzende des Philologenverbandes, Guillermo Spreckels, beklagte in seiner Eröffnungsansprache zuvor die „viel zu großen Klassen und Kurse am Gymnasium“. Klassen mit bis zu 33 Schülern seien inzwischen „ein höchst verbreiteter, unerträglicher Regelfall“. Niedersachsen liege damit im Bundesvergleich zusammen mit Nordrhein-Westfalen an letzter Stelle. Eine individuelle Förderung der Schüler sei so unmöglich. Die Verkleinerung der Klassen müsse auf der Agenda der Landesregierung deshalb höchste Priorität haben.
„Elternwille steht nicht zur Disposition“
Breite Ablehnung: Kultusministerin Heister-Neumann und Opposition halten nichts vom FDP-Plan
Von Saskia Döhner, HAZ 1.12.2009
Gymnasium, Real- oder Hauptschule? Am Ende von Klasse 4 fällt die Entscheidung: An der Albert-Schweitzer-Schule in Hannover-Linden lernen die Grundschüler auch Türkisch. Finn
Hannover. Am freien Elternwillen wird in Niedersachsen nicht gerüttelt. Die FDP ist mit ihrem Vorstoß, die Schullaufbahnempfehlungen nach der 4. Klasse verbindlicher zu machen und im Streitfall Aufnahmeprüfungen an den weiterführenden Schulen einzuführen, beim Kultusministerium, dem Landeselternrat und der Opposition auf breite Ablehnung gestoßen. „Der freie Elternwille steht nicht zur Disposition“, stellte Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) am Montag klar. Es gebe keinerlei Aktivitäten in der Landesregierung, daran etwas zu ändern.
Auch SPD, Grüne und Linke wandten sich klar gegen eine Einschränkung des Elternwillens. Die FDP wolle dadurch nur das gegliederte Schulsystem und die Hauptschulen künstlich am Leben erhalten, hieß es. In diesem Schuljahr hatten 22,4 Prozent der angehenden Fünftklässler eine Hauptschulempfehlung erhalten, aber nur 13,2 Prozent des Jahrgangs wurden von den Eltern auch tatsächlich zu dieser Schulform geschickt. Die FDP hatte gerügt, dass zu ehrgeizige Eltern ihre Kinder überforderten. Man dürfe Eltern nicht vorwerfen, dass sie so lange wie möglich die Entscheidung über den Schulabschluss offenhalten wollten, sagte hingegen Frauke Heiligenstadt (SPD).
Landeselternratsvorsitzender Pascal Zimmer sprach von einem „überraschenden Vorstoß“ der FDP. Die Probleme der aussterbenden Hauptschule und des überfüllten Gymnasiums ließen sich jedoch nicht durch Zwangsmaßnahmen lösen. „Wer sagt, wenn die Eltern sich an die Laufbahnempfehlungen halten, ist alles in Ordnung, macht es sich zu einfach.“ Solange die Empfehlungen der Lehrer so unsicher seien, dürfe man sie nicht verpflichtend machen, findet Zimmer.
So gibt es keine Statistiken, die belegen, dass Kinder, die mit einer Realschulempfehlung ein Gymnasium besuchen, eher scheitern als Kinder mit einer Gymnasialempfehlung. Das Kultusministerium hält zwar die Zahl der Schüler fest, die etwa nach der 6. Klasse vom Gymnasium auf die Real- oder Hauptschule wechseln, aber nicht, welche Empfehlung die Schüler ursprünglich hatten. Nach Einschätzungen von Erziehungswissenschaftlern liegen etwa zwei Drittel der Grundschulpädagogen mit ihrer Einschätzung richtig. Andererseits schaffen auch Kinder mit einer Realschulempfehlung oft problemlos das Abitur. Der Lüneburger Professor Matthias von Saldern hält eine Entscheidung nach der 4. Klasse generell für viel zu verfrüht. Und der Berliner Wissenschaftler Rainer Lehmann verweist darauf, dass nicht nur Leistung entscheidend ist: „Kinder von Alleinerziehenden und Kinder aus sozial schwächeren Familien bekommen seltener eine Gymnasialempfehlung als andere.“ Jedenfalls habe der Druck von Eltern auf die Grundschullehrer zugenommen, sagte Marthe Blanck vom Grundschulverband.
Die Lehrerverbände reagierten gespalten auf den FDP-Plan: Während der Philologenverband und der Verband der Realschullehrer von einem „mutigen Versuch“ sprachen, das „Thema aus der Tabuzone zu holen“, kam von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und dem Verband Bildung und Erziehung scharfe Kritik: Dies sei „ein rechtskonservativer Fallrückzieher in die fünfziger Jahre“.
„Beharrlich bleiben“
Guillermo Spreckels tritt im Philologenverband ab
Von Saskia Döhner, HAZ 1.12.2009
Hannover. Beharrlichkeit, sagt Guillermo Spreckels, Beharrlichkeit sei die wichtigste Eigenschaft, die ein Philologenverbandsvorsitzender mitbringen müsse. „Man muss es durchhalten, seine Grundsätze zu vertreten, auch wenn die Welt um einen herum sagt, ihr seid Ewiggestrige.“ Das zahle sich aus, meint der 65-Jährige, denn immer wieder gebe einem die Geschichte auch recht. Spreckels verweist auf die aktuellen Studentenproteste. „Wir haben stets vor der Verschulung des Universitätssystems gewarnt.“ Ein Student brauche Zeit, sich in Themen zu vertiefen, anstatt ständig von Modul zu Modul zu hetzen. „Lehrerbildung kann so nicht funktionieren“, sagt der scheidende Philologenverbandsvorsitzende. Mehr Zeit wünscht sich Spreckels nicht nur für die Studenten, sondern auch für die Lehrer, die angesichts der zahlreichen Verwaltungsaufgaben kaum noch Zeit für ihr Kerngeschäft hätten, und das sei guter Unterricht. Spätestens 2011 müssten die Schulen endlich das zugesagte Assistenzpersonal erhalten, fordert er. Jahrelang war Spreckels als Personalrat tätig. Seit 1984 engagiert sich der Lüneburger Geschichts- und Lateinlehrer im Vorstand des Philologenverbandes, zuerst als Beisitzer. Seit sechs Jahren leitet er die Interessenvertretung der Gymnasiallehrer. Im Sommer ist Spreckels pensioniert worden, in dieser Woche gibt er auch sein Amt als Philologenchef ab. Als sein Nachfolger stellt sich Horst Audritz (Wolfenbüttel) beim Philologentag in Goslar zur Wahl. Mit Sorge betrachtet Spreckels, dass in den vergangenen 20 Jahren die Klassen an den Gymnasien um ein Fünftel größer geworden sind. „Die Klassen platzen aus allen Nähten, man kann nicht mehr den Schüler zugewandt arbeiten.“ „Das Gymnasium ist die neue Hauptschule“, titelte das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ neulich. „Dazu darf es nicht kommen“, warnt Spreckels: „ein Abitur für alle wäre ein Billigabitur.“
CDU hält am freien Elternwillen fest
Der überraschende Parteitagsbeschluss der FDP schafft neue Unruhe in der Schulpolitik
Von Michael B. Berger, HAZ 30.11.2009
Hannover. „In unseren Koalitionsverhandlungen war von einer Einschränkung des freien Elternwillens nie die Rede“, sagt der CDU-Schulexperte Karl-Ludwig von Danwitz: „Da hätten die Liberalen das ja anbringen können.“ Von Danwitz ist erstaunt über den jüngsten Parteitagsbeschluss des kleineren Koalitionspartners: Dass die FDP eine Aufnahmeprüfung an weiterführenden Schulen fordert, falls Grundschulen und Eltern unterschiedlicher Meinung über das Leistungsvermögen der Kinder sind, bringt neue Unruhe in die Schulpolitik.
Aber die Liberalen sind wild entschlossen, ihren am Sonnabend auf dem Parteitag in Wilhelmshaven beschlossenen Kursschwenk auch in Gesprächen mit der CDU durchzusetzen. „Ich finde, das ist genau die richtige Entscheidung“, sagt FDP-Bildungsexperte Björn Försterling. Er war selbst überrascht, dass sich der Parteitag das Anliegen des „Landesfachausschusses Schule“ sofort zu eigen gemacht hat, den freien Elternwillen einzuschränken. Denn ein solches Vorgehen war bislang in der FDP tabu, auch wenn Landtagsexperten wie Hans-Werner Schwarz aus Diepholz diese Forderung immer mal wieder eingebracht hatten. Aber inzwischen sei wohl auch das Bewusstsein dafür gewachsen, dass zu ehrgeizige Eltern mitunter ihre Kinder überforderten, heißt es in der FDP. „Heute haben wir nach der vierten Klasse die freie Schulwahl, die dicke Prüfung kommt dann in der fünften Klasse. Da werden Kinder, die es nicht schaffen, dann abgeschult – die volle Härte“, meint FDP-Fraktionschef Christian Dürr. Aber CDU-Schulexperte von Danwitz hält auf Abstand. „Wir haben den Eltern vor der Wahl versprochen, dass wir beim freien Elternwillen bleiben. Vielleicht sollte man noch andere Überlegungen anstellen, wie man kleinere Hauptschulen auf dem flachen Land halten kann.“ Und stärker als bisher müsse man wohl kommunizieren – und zwar mit den Eltern – dass es neben dem Gymnasium noch andere Wege zum Abitur gebe.
Weniger Streit dürfte es um das zweite Ziel geben, das die FDP in Wilhelmshaven benannt hat. Die Universitäten sollen selbst entscheiden, wie hoch die Studiengebühr ausfallen soll. „Das soll je nach Hochschule und Studiengang differenziert werden“, sagt Uni-Experte Christian Grascha. Denn hier brauche man echten Wettbewerb. Auch müsste das Land viel stärker klarmachen, dass Studierende schon heute die Wahl haben, die Gebühren auch erst nach dem Studium zu begleichen.
KOMMENTAR von Michael B. Berger
Überlegenswert
Ausgerechnet die Liberalen kratzen an einem Heiligtum der Schulpolitik, am freien Elternwillen. Ausgerechnet jene Partei, die sich wie keine andere der Freiheit des Einzelnen verschrieben hat. Aber es kann tatsächlich gute Gründe geben, über den freien Elternwillen noch einmal nachzudenken. Die wachsende Schwäche der Hauptschulen, die nicht mehr genug Schüler finden, dürfte kein Argument sein, denn maßgeblich bei allen schulpolitischen Überlegungen muss in erster Linie das Wohl des Kindes sein. Das aber kann massiv leiden, wenn ehrgeizige Eltern ihre Kinder auf Schulen schicken, die sie mental und seelisch überfordern. Die sogenannte Abschulung bringt das ganze Kinderelend dann zutage. Da kann es ratsamer sein, in strittigen Einzelfällen mit einer Art Eingangstest noch einmal nachzuprüfen, ob nicht vielleicht doch der Besuch einer Realschule ratsamer ist als der Aufstieg zum Gymnasium.
Schulpolitik. Unterrichtsversorgung bessert sich
Von Saskia Döhner, HAZ 25.11.2009
Hannover. Diese Nachricht kommt für die in den vergangenen Monaten immer wieder in die Kritik geratene Kultusministerin gerade richtig: Die Unterrichtsversorgung ist an den Schulen deutlich besser als erwartet.
Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) © Rainer Surrey (Archiv)
„Wir haben unser Ziel übertroffen, wir können zufrieden sein“, sagte Elisabeth Heister-Neumann (CDU) sichtlich erfreut, als sie jetzt vor Journalisten in Hannover die statistischen Zahlen vorstellte.
Danach liegt die Unterrichtsversorgung im Landesschnitt bei 100,2 Prozent. Angepeilt hatte das Ministerium eine Versorgung von 99,5 Prozent. In der Stadt Hannover liegt die Zahl mit 99,9 Prozent leicht unter dem Durchschnitt. Hier kommen die Gymnasien auf 99,5 und die Gesamtschulen auf 98,3 Prozent. In der Region erreicht die Versorgung insgesamt 100,1 Prozent. Am schlechtesten ist die Versorgung in Dannenberg mit 98,8 Prozent.
Auch bei den einzelnen Schulformen liegen die Zahlen höher als erwartet. Bei den Grundschulen wird im Landesschnitt eine Versorgung von 102,6 Prozent erreicht, bei Gymnasien 99,8, bei Realschulen 99, bei Hauptschulen 98,6, bei Gesamtschulen 98,2 und bei Förderschulen 99,1 Prozent.
„Diese Zahlen sind ein Beleg dafür, dass unser Maßnahmenpaket gegriffen hat“, sagte die Ministerin. Dazu gehörten zusätzliche Lehrer- und Referendarstellen, aber auch der freiwillige Verzicht auf Teilzeitarbeit bei den Pädagogen. Durch letzteres seien insgesamt 350 Vollzeitstellen erwirtschaftet worden. In diesem Schuljahr sind 2506 neue Lehrkräfte auf 2300 Vollzeitstellen eingestellt worden. 636 Junglehrer waren Referendare, die nach Schuljahresbeginn ihre Abschlussprüfung gemacht und somit erst zum 1. November an den Schulen angefangen haben.
Die Opposition betrachtet es als „Trickserei“, dass in die Statistik von vornherein auch die neuen Lehrer miteingerechnet werden, die erst drei Monate nach Schuljahresbeginn ihren Job antreten werden. „Es gibt Schulen, an denen nach den Sommerferien monatelang der Mathematikunterricht ausgefallen ist“, berichtete Frauke Heiligenstadt (SPD) am Dienstag. Ina Korter (Grüne) sprach von „Schönrechnerei“. Nur an Grundschulen und Gymnasien sei die Unterrichtsversorgung im Vergleich zum Vorjahr tatsächlich besser geworden. Außerdem sagten die statistischen Zahlen nichts über die wirkliche Situation an den Schulen. Denn Ausfälle durch Krankheiten oder Schwangerschaften seien nicht erfasst.
Heister-Neumann fehle ein wirkliches Konzept, kritisierten die beiden Bildungsexpertinnen. Sie betreibe Bildungspolitik im Hinterzimmer und suche nicht den erforderlichen breiten Konsens, monierte Heiligenstadt. Und Korter warf der Ministerin „Flickschusterei“ vor: „Sie hangelt sich weiter von einer Baustelle zur anderen.“ Übervolle Klassen und überlastete Lehrer blieben Dauerprobleme.
Karl-Ludwig von Danwitz (CDU) sprach von einem „schönen Erfolg“, räumte aber ein, dass es trotzdem zu Stundenausfällen kommen kann: „Den Schulen fehlt wie den meisten Betrieben die fünf Prozent Reserve für Krankheitsausfälle.“ Und das Problem der Mangelfächer bleibt. Der Einsatz von Quereinsteigern – in diesem Schuljahr sind 186 eingestellt worden, die meisten für das Fach Physik – sei nur eine Übergangslösung: „Wir brauchen mehr Menschen, die sich an die naturwissenschaftlichen Fächer herantrauen.“
Eltern werben für Schulreform
Von Kerstin Siegmund, HAZ 25.11.2009
Ronnenberg. Die Initiatoren des Volksbegehrens für gute Schulen sammeln kräftig Unterschriften in Ronnenberg, am Sonntag auch auf den Weihnachtsmärkten. Gestern hat Bürgermeister Wolfgang Walther seine Unterschrift bei Tatjana Matuschke Fricke, eine Organisatorin des Volksbegehrens für gute Schulen, abgegeben. Die Intitiative verdiene Unterstützung, sagte Walther. Ronnenberg verstehe sich als Bildungsstadt mit einem guten Schul- und Kinderbetreuungsangebot. „Faktisch ist es nicht so, denn dann müsste das Land das Personal komplett bezahlen“, sagte der Bürgermeister.
Als Beispiel nennt Walther die Stelle der Sozialpädagogin an der Gesamtschule, die um ein Jahr verlängert wurde. „Anschließend soll die Kommune dafür Leute einstellen.“ Unterstützung erhält das Volksbegehren, das unter anderem das Abitur an Gesamtschulen und Gymnasien nach 13 Schuljahren erreichen will, von den Eltern der Marie-Curie-Schule.
Die Elternvertreter stimmten am Montag mehrheitlich dafür, das Volksbegehren zu unterstützen. Das Abstimmungsergebnis ist bemerkenswert, da sich die Schule für das sogenannte Turboabitur nach zwölf Jahren entschieden hatte. Matuschke-Fricke kennt den Unmut der Eltern. Diese bemerkten zunehmend die Überlastung ihrer Kinder. „Eine Mutter berichtete, dass Zehntklässler 34 Stunden Unterricht in der Woche haben – plus Hausaufgaben, Projektarbeit und Verfassen von Referaten“, sagt Matuschke-Fricke.
Am Freitag werben die Eltern beim Tag der offenen Tür der Marie-Curie-Schule und am Sonntag auf den Weihnachtsmärkten in Ronnenberg und Empelde für das Volksbegehren. Unterschriftenlisten gibt es im Internet unter http://www.volksbegehren-schulen.de/.
Lehrer ausgezeichnet
Preis für Engagement in technischen Schulfächern
Von Stephan Fuhrer, HAZ 20.11.2009
Hannover/Seelze. Für Ulrich Thiemann kommt der Preis der Stiftung Niedersachsenmetall genau zur rechten Zeit. Die 5000 Euro, die der Informatiklehrer des Georg-Büchner-Gymnasiums in Seelze gestern anlässlich des Bildungsforums für sein Engagement in technischen Schulfächern erhalten hat, möchte er gleich wieder investieren. „Ich will mit meinen Schülern den Weltmeistertitel beim Robo-Cup verteidigen“, sagte der 59-Jährige, der unter anderem auch Schüler beim Jugend-forscht-Wettbewerb unterstützt. Für die Vorbereitungen zu dem Roboterwettbewerb könne das Team jeden Cent gebrauchen.
Neben Thiemann wurden gestern auch drei weitere Pädagogen aus Niedersachsen von Landesbischöfin Margot Käßmann und Landeswirtschaftsminister Lutz Stratmann im Hannover Congress Centrum (HCC) mit dem Preis der Stiftung ausgezeichnet. Vorgeschlagen von Kollegen, Eltern und Schülern, wurden die Lehrer aus mehr als 50 Anwärtern von einer Jury ausgewählt. Die insgesamt 17 500 Euro Preisgeld sollen das Engagement von Lehrern in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik belohnen, das über den Unterricht hinaus geht. „Wir hoffen, dass sie auch weiterhin Kollegen und Eltern motivieren, die Schüler an Technik heranzuführen“, sagte der Kuratoriumsvorsitzende Herbert Hohmann mit Hinblick auf fehlende Fachkräfte in technischen Berufen. Wie dramatisch die Situation ist, erläuterte Stiftungsvorstand Volker Schmidt. Die Branche rechne im Jahr 2020 bundesweit mit 400 000 offenen Stellen.
Land kürzt im Zentrum für Schulbiologie
Stadt formuliert Appell
Von Bärbel Hilbig, HAZ 19.11.2009
Hannover. Das Land will offenbar tatsächlich ein Drittel der Lehrerstunden im Schulbiologiezentrum in Burg abziehen. Dies geht aus einer Antwort an Schuldezernentin Marlis Drevermann hervor. „Wir bedauern diese abschlägige Antwort des Kultusministeriums außerordentlich, und ich appelliere noch einmal dringend, von den Kürzungen abzusehen“, sagt Drevermann. Bisher ist der Botanische Schulgarten in Burg für die Unterrichtsarbeit mit drei Vollzeitlehrerstellen ausgestattet. Zum 1. Februar 2010 sollen die drei Lehrer jeweils ein Drittel ihrer Arbeitszeit an ihren Stammschulen verbringen.
Für die konkrete Arbeit im Schulbiologiezentrum bedeute das den Verlust von weit mehr Stunden, schon allein durch Fahrtzeiten zwischen den Dienstorten, betont Schuldezernentin Drevermann. „Auch die so wichtige Präsenz außerhalb der reinen Unterrichtszeit wäre nicht mehr gewährleistet, da die Lehrer dann verstärkt in den Schulalltag eingebunden wären, an Konferenzen und anderen Veranstaltungen teilnehmen müssten.“ Die Stadt selbst finanziert insgesamt 26 Mitarbeiter auf rund 21 Vollzeitstellen sowie zusätzlich zwölf Auszubildende, die alle keine Pädagogen sind. Sie gewährleisten den Betrieb des Schulbiologiezentrums sowie die Pflege der Gärten und Tiere.
Das Kultusministerium hatte ausgeführt, dass eine Kürzung notwendig sei. Das Schulbiologiezentrum verfüge seit Jahren über die höchste Zahl an Lehrerstunden im Vergleich zu anderen außerschulischen Lernorten. Drevermann verweist dagegen auf die besondere Leistungsfähigkeit der stark von der Stadt getragenen Einrichtung. Im Jahr 2008 wurden mehr als 28 000 Schüler unterrichtet. „Bezogen auf die Zahl der Lehrerstunden liegen wir damit in Niedersachsen an der Spitze. Mit der Kürzung ließe sich dies nicht aufrechterhalten.“
IGS: Garbsen soll ins Boot
Von Uwe Kreuzer, LZ 18.11.2009
Seelze. Die Spitzen der Garbsener und Seelzer Stadtverwaltungen haben gestern über die mögliche Gründung einer Integrierten Gesamtschule (IGS) gesprochen. Um die nötigen Schülerzahlen zur Genehmigung einer IGS zu erreichen, will die Seelzer Verwaltung Garbsen mit ins Boot holen. Die dortige IGS muss jedes Jahr Dutzende Bewerber ablehnen. „Auch der Garbsener Seite ist daran gelegen, dass jeder Schüler die Schule besuchen kann, die er besuchen will“, so Seelzes Erster Stadtrat Karsten Balzer. Es seien aber noch etliche Fragen offen, die mit der Landesschulbehörde geklärt werden müssten. Eine Elternbefragung sei wohl erst zu Beginn des nächsten Schuljahres zu erwarten, die IGS könnte dann 2011 den Betrieb aufnehmen.
Bündnisgrüne unterstützen Volksbegehren
Von dw, Calenberger Zeitung 18.11.2009
Gehrden. Der Ortsverein von Bündnis 90/Die Grünen unterstützt die Initiative zum Volksbegehren für bessere Schulen. Die Rückkehr zur Regelschulzeit von 13 Jahren, Erleichterungen zur Gründung von neuen Gesamtschulen und der Erhalt von vollen Halbtagsschulen sei deckungsgleich mit den Forderungen an die niedersächsische Landesregierung. Um das Volksbegehren auf den Weg zu bringen, werden 25?000 Unterschriften benötigt. Mitglieder des Ortsvereins werden am Sonnabend, 21., und am Sonnabend, 28. November, in der Zeit von 10 bis 12 Uhr auf dem Gehrdener Markt gegenüber dem Ratskeller einen Stand einrichten. Dort kann jeder volljährige Gehrdener Bürger seine Unterschrift zur Unterstützung des Volksbegehrens leisten.
Wunstorfer Eltern sammeln Unterschriften
Von Albert Tugendheim, LZ 17.11.2009
Wunstorf. Eltern wollen das Volksbegehren für eine andere Schulpolitik in Niedersachsen unterstützen. Ralfina Dicker, Mitglied in der Arbeitsgruppe zur Vorbereitung des Volksbegehrens, sagte gestern der Leine-Zeitung, dass es bereits große Zustimmung aus der Elternschaft gebe.
Drei Ziele wollen die Initiatoren mit dem Volksbegehren erreichen: Die Abiturprüfung soll an den niedersächsischen Gesamtschulen und Gymnasien wieder nach 13 Schuljahren abgelegt werden, neue Gesamtschulen sollen künftig leichter zu gründen sein, und die bestehenden Vollen Halbtagsschulen sollen sich als Pilotschulen für die künftige Gestaltung der Grundschulen weiterentwickeln können.
Schnell war der Elternrat der Grundschule Luthe. Er hat bereits die Unterstützung des Volksbegehrens beschlossen. „Wichtig ist, dass viele Schulelternräte darüber abstimmen“, sagte Dicker. Die Großenheidornerin ist optimistisch, was die Unterstützung angeht. „Ich habe im Moment schon keine Unterschriftenlisten mehr, wie müssen erst mal wieder welche vorbereiten“, berichtete sie.
Nicht nur an Schulen, sondern auch an den Wunstorfer Kindergärten suchen die Eltern nach Unterstützern, die dort die Sammlung der Unterschriften organisieren. An fast allen Schulen sei das schon inzwischen geregelt.
Die Werbung für das Volksbegehren soll noch verstärkt werden. In der Graf-Wilhelm-Schule in Steinhude soll es zum Beispiel demnächst während der Elternsprechtage einen Infostand geben. Weitere Aktionen seien geplant, sagte die Elternvertreterin.
Am Donnerstag, 26. November, treffen sich Unterstützer des Begehrens wieder um 20 Uhr in Küsters Hof, Hindenburgstraße. Dann sollen weitere Ideen entwickelt werden. Die Wunstorfer Unterstützer wollen den derzeitigen Schwung nutzen.
Das Volksbegehren ist am vergangenen Freitag angelaufen. Ein Jahr ist Zeit, die mehr als 600 000 notwendigen Unterschriften zu sammeln. Alle Unterschriften müssen festgelegten Kriterien entsprechen und auf den vom Landeswahlleiter anerkannten Bögen geleistet werden.
Bildungssystem: Scharfe Kritik an deutscher Bildungspolitik
Von AFP, HAZ 16.11.2009
Der Präsident des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straubhaar, hat die deutsche Bildungspolitik als rückständig kritisiert. In Deutschland werde seit Jahren die Vergangenheit verwaltet, statt die Zukunft zu gestalten, sagte Straubhaar am Montag.
„Der Protest müsste viel konstruktiver sein." Der Präsident des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straubhaar. © ddp
Als Bremsschuh für eine moderne Bildungspolitik sieht er den Föderalismus. „Die Bildungshoheit der Länder führt zu einer Erstarrung.“ Hier müsse der Bund viel stärker aktiv werden und in Form einer Rahmengesetzgebung das Zentralabitur oder andere bundesweit verbindliche Bildungsstandards vorgeben.
Zugleich kritisierte Straubhaar bei Handelsblatt Online das Vorgehen der Studenten beim Bildungsstreik scharf. Die gegenwärtige Kampagne sei „inhaltsleer, banal und rückwärtsgewandt, sagte der Hamburger Professor. „Der Protest müsste viel konstruktiver sein. Statt klassenkämpferischer Parolen wie zur Zeit der 68er sollten Konzepte für die kommenden 20 Jahre im Zentrum stehen.“ Statt die Universitäten zu blockieren würde es viel mehr bringen, vor den zuständigen Ministerien zu demonstrieren.
Die Studenten hatten in den vergangenen Tagen ihren Protest gegen die Studienbedingungen an deutschen Unis nochmals deutlich ausgeweitet. Bundesweit waren am Freitag Hörsäle an mehr als 50 Hochschulstandorten besetzt. Weitere Aktionen gegen Missstände im Bildungssystem sind in Planung.
„Schüler brauchen mehr Zeit zum Lernen“
Eltern und Lehrer aus ganz Niedersachsen starten ein „Volksbegehren für gute Schulen“ / Ministerium gelassen
Von Saskia Döhner, HAZ 14.11.2009
Hannover. Die ersten Unterschriften kamen von vier Oppositionspolitikern und einem Kinderbuchautoren – Eltern und Lehrer aus ganz Niedersachsen haben gestern in Hannover ein „Volksbegehren für gute Schulen“ gestartet.
„Individuelle Angebote machen“: Dieter Galas, Mitinitiator des Volksbegehrens.
Hauptforderungen sind die Verlängerung der Schulzeit auf wieder 13 Jahre an Gymnasien und Gesamtschulen sowie der Erhalt der Vollen Halbtagsschulen. Zudem soll die Neugründung von Gesamtschulen erleichtert werden. Bislang müssen die neuen Schulen fünf Klassen pro Jahrgang aufweisen. Die Initiatoren des Volksbegehrens fordern, dass neue Gesamtschulen nur vierzügig sein müssen und im Ausnahmefall auch dreizügig sein dürfen.
Die Wiedereinführung der 13 Schuljahre bedeute aber nicht, dass Schüler nicht auch schneller zum Abitur kommen könnten, sagte Dieter Galas. Der ehemalige Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und frühere Leiter der Integrierten Gesamtschule Langenhagen hat das Volksbegehren formuliert. Er sagte, Schüler könnten auch Klassen überspringen oder man könnte spezielle Klassen einrichten, in denen die Jugendlichen das verkürzte Abitur nach zwölf Jahren ablegen.
„Unsere Kinder sollen sich auch noch sozial oder in Sportvereinen engagieren können anstatt nur durch die Schule gehetzt zu werden“, sagte Tatjana Matuschke-Fricke aus Ronnenberg, eine der Initiatoren des Volksbegehrens. Die zahlreichen Proteste und Demonstrationen von Eltern, Schülern und Lehrern gegen das neue Schulgesetz, das unter anderem das Turboabitur auch an Gesamtschulen und die Abschaffung der Vollen Halbtagsschulen ab 2010 vorsieht, hätten nichts genützt. „Die Regierung hat den Willen der Eltern und die Ratschläge der Experten einfach ignoriert“, sagte sie.
„Dem Lernen mehr Zeit geben und nicht immer mehr Zeit zu nehmen“, müsse die pädagogische Devise sein, sagte Prof. Manfred Bönsch. Der Erziehungswissenschaftler gehört genauso zu den Unterstützern des Volksbegehrens wie Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil, Regionspräsident Hauke Jagau und der Soziologe Oskar Negt. Den Vorwurf, sie seien nur der außerparlamentarische Arm der Opposition, wiesen die Initiatoren entschieden zurück: „Wir sind überparteilich und an keine Ideologie gebunden.“ Man sei im Gespräch mit dem Landeselternrat und dem Philologenverband. Ihre Unterstützung haben gestern gleichwohl SPD, Grüne und Linke zugesichert. GEW-Landesvorsitzender Eberhard Brandt sprach von „Bewegung in der Bildungslandschaft“.
Ein Sprecher des Kultusministeriums sagte, Volksbegehren anzuschieben sei ein demokratisches Grundrecht. Schon jetzt könne jeder Schüler das Abitur erreichen, manche in zwölf, andere in 13 Jahren. Für den Erfolg des Volksbegehrens müssen innerhalb eines Jahres zehn Prozent der Wahlberechtigten, rund 608 700 Menschen, unterschreiben. Zulässig ist das Volksbegehren nur, wenn in den nächsten sechs Monaten mindestens 25 000 Stimmen zusammenkommen.
Eltern wollen Politikwechsel
IGS beteiligt sich am Volksbegehren gegen Turbo-Abitur und für mehr Gesamtschulen
Von Sven Sokoll, LZ 14.11.2009
Garbsen. Der Schulelternrat der IGS sammelt seit am Freitag Unterschriften für eine andere Schulpolitik in Niedersachsen. Am Vormittag war in Hannover das Startsignal für das landesweite Volksbegehren für gute Schulen gegeben worden.
Ist dankbar für die Unterstützung: Schulleiter Günther Herweg. © Frank Wilde (Archiv)
Der Streit um das Abitur nach zwölf Jahren hatte den aktuellen Anlass gegeben, sich an dem Volksbegehren zu beteiligen. Es greift aber noch weiter. Die Initiatoren fordern auch für die Gymnasien die Abschaffung des sogenannten Turbo-Abiturs, eine leichtere Gründung neuer Gesamtschulen und den Erhalt der vollen Halbtagsschulen bei den Grund- und Förderschulen. Ein Bündnis aus Eltern, Pädagogen und Wissenschaftlern hat das Volksbegehren eingeleitet, für das in einem Jahr landesweit 610.000 Unterschriften gesammelt werden müssen.
Kerstin Ude (von links) und Katja Burmann sehen zu, wie Silvia Oliefka mit ihrer Unterschrift das Volksbegehren unterstützt. Sokoll
Zu den ersten Unterzeichnern an der Garbsener IGS zählten am Freitag unter anderem die ehemaligen Mitglieder der Schulleitung Dieter Roggenkamp, Dieter Albrecht und Wolfgang Turban. „Wir haben einen Aktionsplan“, sagte Katja Burmann vom Schulelternrat: So soll nicht nur in der Schule, sondern zum Beispiel auch bei Weihnachtsmärkten und in Einkaufszentren gesammelt werden. „Wir sind äußerst dankbar, dass sich die Elternschaft so für unsere Anliegen einsetzt“, sagte Schulleiter Günther Herweg.
Die Schule wartet unterdessen auf Signale aus Hannover, wie sie das fürs nächste Jahr beschlossene Abitur nach zwölf Jahren umsetzen soll. „Die Ausführungsbestimmungen dazu fehlen uns noch. Wir wissen überhaupt noch nicht, wie das klappen soll“, sagte Herweg. Er hat auch die Landtagsabgeordnete Editha Lorberg darauf hingewiesen, die bei der großen Vorleseaktion am Morgen in der IGS zu Gast war. „Für uns zeigt das, wie unausgegoren die Sache ist“, sagte Burmann.
Hauptschulen sind meist nur noch einzügig
Von Saskia Döhner, HAZ 10.11.2009
Hannover. Die Hauptschulen in Niedersachsen werden immer kleiner, und sie werden von immer weniger Schülern besucht. Wie eine Anfrage der SPD ergab, besuchen nur noch 12,4 Prozent der Schüler eine Hauptschule, obwohl am Ende der Grundschulzeit immerhin 21,7 Prozent der Kinder eine Empfehlung für diese Schulform erhalten haben.
Vor allem in den Städten entwickelt sich die Hauptschule zusehends zur „Restschule“: In Wolfsburg, wo sich eine neue von VW finanzierte Gesamtschule vor Anmeldungen kaum retten kann, gehen nur noch 4,5 Prozent der Kinder zur Hauptschule. Fast zwei Drittel der Hauptschulen haben nur noch eine Klasse pro Jahrgang, die durchschnittliche Klassenfrequenz liegt bei 15,8 Schülern, an Gymnasien sind es 29,1 Schüler.
Während SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt von einem „Leerlaufen der Hauptschule“ spricht, heißt es im Kultusministerium, mit der im neuen Schulgesetz verstärkten Zusammenarbeit von Haupt- und Realschulen habe man der Entwicklung bereits Rechnung getragen. Außerdem gebe es auch stark nachgefragte Schulen, wie der Hauptschulzweig der Kooperativen Gesamtschule Neustadt bei Hannover, die Bewerber abweisen müssten, sagte ein Sprecher.
Skepsis zur Hauptschule
Von kna, HAZ 10.11.2009
Die Hauptschule ist nach Einschätzung von mehr als 90 Prozent der nordrhein-westfälischen Hauptschullehrer „ohne Zukunft“. Nach einer am Montag in Düsseldorf vorgestellten Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) gehen nur 8,9 Prozent der Hauptschulleiter und 10,8 Prozent der Lehrkräfte davon aus, dass die Schulform als eigenständiger Bildungsgang erhalten bleibt. Nur für 8,6 Prozent der Befragten hat die Hauptschule Zukunft, 69,5 Prozent sprechen von einer „sterbenden Schulform“. Der VBE meint, die Studie drücke „gesunden Realismus“ aus.
Vahrenwald bekommt eine IGS
Schulausschuss stimmt zu
Von Bärbel Hilbig, HAZ 3.11.2009
Hannover. In Vahrenwald startet zum August 2010 eine neue Integrierte Gesamtschule zunächst mit Fünftklässlern. Die Karl-Jatho-Schule (Hauptschule) und die Geschwister-Scholl-Schule (Realschule) nehmen dann keine neuen Schüler mehr auf, sodass sie schrittweise in die IGS übergehen. Im Schulausschuss stimmten kürzlich bis auf CDU und FDP alle Mitglieder für die Neugründung. Der Bezirksrat hatte das Vorhaben einstimmig befürwortet.
Die Gebäude auf dem Schulgelände am Büssingweg entstanden von 1964 bis 1978 und sind bisher erst zum Teil saniert. „Wir müssen eine Mensa, Küche und Freizeiträume für den Ganztagsbetrieb schaffen. Die Planungen laufen“, sagte Heike Rudolph vom Fachbereich Schule. Die Stadt will dazu neu bauen. Wann mit dem Neubau zu rechnen ist, konnte die Verwaltung nicht beantworten. Man geht davon aus, dass Zwischenlösungen zum Beispiel in mobilen Anbauten notwendig werden. FDP-Ratsherr Jens Meyburg hielt es deshalb für sinnvoller, die IGS-Gründung aufzuschieben. „Die Nachfrage der Eltern ist wichtiger. Die Schulen haben sich entschieden und werden das gut stemmen“, sagte Schuldezernentin Marlis Drevermann.
CDU-Ratsfrau Kerstin Seitz forderte eine Sekundarstufe II für die neue IGS. Rudolph wies darauf hin, dass das Land einen entsprechenden Antrag erst nach einigen Jahren Schulbetrieb akzeptiere. „Der Platz für eine Oberstufe ist vorhanden. Aber es ist klug abzuwarten, ob sich so ein Antrag aus der Entwicklung der Schule begründen lässt“, sagte Drevermann. Meyburg behauptete, es gebe bald zu wenig Haupt- und Realschulen. Die Schuldezernentin verwies darauf, dass nur noch vier Prozent der Fünftklässler eine Hauptschule besuchen. „In diesem Fall bedeutete das konkret zehn Anmeldungen. Damit ist, ehrlich gesagt, eine Hauptschule nicht mehr zu führen.“
Schulleiter kritisieren Ganztagskonzept
„Nicht mehr als pädagogisch orientierte Aufbewahrung“ / Forderung: Qualitätsstandards wie im Hort
Von Bärbel Hilbig, HAZ 3.11.2009
Hannover. Das geplante Ganztagsschulmodell der Stadt stößt bei Leitern von Grundschulen zum Teil auf heftige Kritik. „Die Stadt will etwas Gutes auf den Weg bringen. Aber das Land müsste finanziell mitziehen, eine Kommune allein kann das nicht leisten“, sagt Beatrix Albrecht, Leiterin der Albert-Schweitzer-Schule. Die Stadt will an Grundschulen eine Betreuung von 7 bis 17 Uhr mit außerschulischen Partnern anbieten. Ein Problem liegt darin, dass das Land seit einigen Jahren nur sogenannte offene Ganztagsschulen vorsieht. Den Eltern steht die Anmeldung ihrer Kinder für ein halbes Jahr frei, es ist möglich, nur tageweise oder gar nicht mitzumachen. Die Stadt will die geringen Mittel des Landes freiwillig aufstocken. Aber auch dann sind nachmittags Honorarkräfte im Einsatz.
Doch Grundschulkinder bräuchten auch nachmittags vertraute Personen und nicht täglich wechselnde Kursleiter, sagt Schulleiterin Albrecht. „Die Leute kennen dann die speziellen Probleme der Kinder nicht. Und längst nicht jeder ist geeignet, in einem sozialen Brennpunkt zu arbeiten.“ An der Albert-Schweitzer-Schule gibt es ein Modellprojekt, in dem Erzieher und Lehrer in einem Kollegium arbeiten und einen gemeinsamen pädagogischen Kurs verfolgen. Mit Honorarkräften sei das in der Regel nicht möglich. „Sie werden ja nur für ihren Kurs bezahlt.“
Albrecht hält es für notwendig, dass das Land sich stärker mit den Erfordernissen eines Ganztagsbetriebs in der Grundschule auseinandersetzt und zum Beispiel Qualitätsstandards wie im Hort festlegt. „Schule bis 17 Uhr geht nicht zum Nulltarif.“ Im Modell der Stadt ist offenbar vieles noch nicht geklärt, zum Beispiel wer nachmittags die Aufsichtspflicht hat. „Für die Schulleitung gibt es vom Land keine Entlastung. Die ganze Organisation ist aber kein Hobby des Schulleiters“, sagt Albrecht.
Eine echte Ganztagsschule mit pädagogischem Konzept erfordert nach Albrechts Erfahrung, dass vormittags und nachmittags Unterricht und Entspannung abwechseln. „Wenn wir aber mit Externen zusammenarbeiten müssen, die wir nicht kennen, begibt man sich in die Beliebigkeit“, sagt auch Hermann Städler, Leiter der Fridtjof-Nansen-Schule in Vahrenheide. An seiner Grundschule stehe das gesamte Kollegium den Plänen reserviert gegenüber. Städtler befürwortet eine gebundene Ganztagsschule an fünf Wochentagen, speziell für Stadtteile, in denen die Kinder zu Hause oft wenig Anregung erfahren. „Wenn die Eltern sich aussuchen können, wann ihre Kinder teilnehmen, entstehen zufällige Lerngruppen. Das ist nicht viel mehr als pädagogisch orientierte Aufbewahrung.“ Bildung sollte jedoch alle erreichen. Das sagt auch die Erfahrung von Beatrix Albrecht. An ihrer Grundschule machen bisher aus Kostengründen nur 160 der 300 Schüler beim festen Ganztagsprogramm an fünf Tagen mit, weitere 40 nehmen einen Teil der Angebote wahr. „Wir wollen die Ganztagsschule für alle, denn wir merken, dass sonst eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entsteht.“
Grüne: Fall Brandt war einzigartig
Von Saskia Döhner, HAZ 3.11.2009
Hannover. Das inzwischen eingestellte Disziplinarverfahren gegen den Vorsitzenden der Lehrergewerkschaft GEW, Eberhard Brandt, war einzigartig und politisch motiviert. Zu dieser Einschätzung kommt die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Ina Korter, nach der Beantwortung ihrer Kleinen Anfrage im Landtag. Sie hatte sich erkundigt, ob es seit 2003 andere Fälle gegeben hätte, in denen ein Lehrer auf seinem Arbeitszeitkonto ein Minus von weniger als 67 Unterrichtsstunden angesammelt hatte und gegen den daher ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden war. Die Landesregierung hatte dies verneint. Einzig gegen den GEW-Vorsitzenden hatte die Landesschulbehörde ein Verfahren eingeleitet, weil er angeblich seiner Unterrichtsverpflichtung nicht nachgekommen war.
„Dies bestätigt, dass es sich im Fall Brandt um ein ausschließlich politisch motiviertes Verfahren handelt“, sagte Korter gestern in Hannover. Damit sei auch das Argument von Ministerin Elisabeth Heister-Neumann und Ministerpräsident Christian Wulff (beide CDU) widerlegt, man habe gezwungenermaßen gegen Brandt ein Verfahren eingeleitet, weil alle Lehrer gleich behandelt werden müssten. Im Gegenteil, sagte Korter: „Wäre der Fall Brandt wie alle anderen Fälle behandelt worden, hätte es das Disziplinarverfahren und die Rufmordkampagne gegen den GEW-Chef nie gegeben.
Nach Ansicht des Kultusministeriums ist der Fall Brandt keineswegs einzigartig. Korter habe nur konkret nach einem Minus von weniger als 67 Unterrichtsstunden gefragt, sagte Sprecher Andreas Krischat gestern. Und da habe es tatsächlich nur den Fall Brandt gegeben. Aber das Ministerium wisse nicht, wie viele Verfahren die Landesschulbehörde insgesamt gegen Lehrer eingeleitet habe. „Wir haben 86?000 Lehrkräfte in Niedersachsen“, sagte Krischat, „und die meisten arbeiten sehr engagiert.“ Generell würden die Pädagogen eher zu viel als zu wenig arbeiten, vermutet der Sprecher. Die Arbeitszeitverordnung für Lehrer sieht vor, dass Pädagogen ein Plus oder Minus von bis zu 40 Unterrichtsstunden ansammeln dürfen. Wird dieser Wert über- oder unterschritten, greift normalerweise zunächtst der Schulleiter ein.
Eltern stellen Pläne für Ganztagsschulen infrage
Von Bärbel Hilbig, HAZ 29.10.2009
Hannover. Die Pläne der Stadt zur Umwandlung von Grundschulen in Ganztagsschulen stoßen von verschiedenen Seiten auf Kritik. „Wir befürchten, dass ein gut funktionierendes Hortsystem durch ein Billigmodell von Ganztagsschule ersetzt werden soll“, sagte Georg Weil, Sprecher des Kita-Stadtelternrats, gestern im Schulausschuss. Weil bemängelt, dass in offenen Ganztagsschulen nachmittags hauptsächlich Honorarkräfte und Ehrenamtliche eingesetzt würden. Es werde weiter Eltern geben, die einen Hort mit ausgebildeten Erziehern als feste tägliche Ansprechpartner für ihre Kinder bräuchten. Jugenddezernent Thomas Walter hatte diese Woche im Jugendhilfeausschuss berichtet, dass es kein weiteres Geld für neue Hortplätze geben wird. Die Stadt fällt mit dem Ausbau von Grundschulen zu Ganztagsschulen eine Richtungsentscheidung.
Schuldezernentin Marlis Drevermann wies den Begriff Billigmodell zurück. Geplant ist, dass Grundschulen mit jeweils einem festen Partner von Jugendhilfeträgern wie Caritas oder Diakonie ein Nachmittagsangebot organisieren. Pro Schule sollen dafür Sozialarbeiter auf zwei halben Stellen bezahlt werden, die bei dem Träger angestellt sind. Für die Angebote am Nachmittag sollen zum Beispiel Übungsleiter aus Sportvereinen, freie Künstler und Theaterleute oder Mitarbeiter der Musikschule gewonnen werden. Bei Bedarf sollen die Kinder an fünf Tagen von 7 bis 17 Uhr in der Ganztagsschule sein können. „Für die Früh- und Spätbetreuung in der ersten und letzten Stunde könnten Pädagogen, aber auch Ehrenamtliche oder Eltern eingesetzt werden“, sagte Heike Rudolph, stellvertretende Leiterin des Fachbereichs Schule.
CDU-Ratsfrau Kerstin Seitz wies darauf hin, dass Erst- und Zweitklässler in der verlässlichen Grundschule zwischen 12 und 13 Uhr von einer Honorarkraft betreut werden, oft einer Mutter ohne pädagogische Ausbildung, die das Land bezahlt. „Dann gibt es in der Ganztagsschule Mittagessen, dann Hausaufgabenbetreuung, dann ein Angebot. Ich halte es nicht für gut, wenn ein Kind nacheinander fünf Ansprechpartner hat.“ Das Land befürwortet das Konzept offenbar, gibt aber im Vorfeld keine Zusage, die neuen Ganztagsschulen finanziell zu unterstützen.
Gesamtschule kommt frühestens im Jahr 2011
CDU und Grüne wollen IGS-Antrag erst gründlich vorbereiten
Von Ralf Heußinger, LZ 22.10.2009 Seelze. Eine integrierte Gesamtschule in Seelze wird voraussichtlich frühestens zum Schuljahr 2011/12 beginnen können. CDU und Grüne haben sich im Bildungsausschuss am Dienstagabend dafür ausgesprochen, zunächst keinen Antrag zu stellen. Damit deutet sich eine Mehrheit für den entsprechenden Vorschlag der Verwaltung an.
Die Landesschulbehörde lehnt derzeit eine Genehmigung ab. Die Eltern der jetzigen dritten und vierten Klassen hatten sich bei einer Befragung zwar in ausreichender Zahl für eine IGS ausgesprochen. Bei den ersten und zweiten Klassen blieb das Ergebnis aber unter der vom Land verlangten Grenze.
CDU und Grüne plädierten deshalb dafür, den IGS-Antrag gründlich vorzubereiten. „Wir haben die Pflicht herauszufinden, an was es lag, um dann nach genügender Aufklärung bei einer neuen Befragung eine Mehrheit zu finden“, sagte Knut Werner von den Grünen. Auch die CDU sprach sich für eine IGS aus, allerdings nicht vor 2011. „Wir sollten alle an einer IGS arbeiten“, sagte Hubertus Gärtner (CDU). Wie der Erste Stadtrat Karsten Balzer sagte, werde mit der Verschiebung Zeit gewonnen, um den Antrag unangreifbarer zu machen. Die Stadt müsse unter anderem Prognosen über die Schülerzahlen der nächsten 14 Jahre vorlegen. Auch über die Schuleinzugsbereiche müsse gesprochen werden. Diese erlaubten derzeit nicht, dass Garbsener Schüler eine IGS in Seelze besuchen.
Die SPD kritisierte, der mit der Befragung ermittelte Elternwille werde verkehrt. „Es sollte ein Ansporn für uns sein, das Ergebnis in einen Antrag umzusetzen“, sagte Karin Albrecht (SPD).
Die Stadt will jetzt zügig mit Garbsen über eine IGS-Kooperation sprechen Die jetzigen Viertklässler sollen nach Möglichkeit zunächst in hannoverschen Gesamtschulen untergebracht werden. Die SPD zeigte sich skeptisch, ob das gelingt.
Ganztagsschulen
Mehr als ein Ort zum Lernen
Von Bärbel Hilbig, HAZ 22.10.2009
Hannover. Honorarkräfte sollen Grundschüler in Ganztagsschulen an den Nachmittagen betreuen. Der Kita-Stadtelternrat betrachtet die Pläne der Stadtverwaltung mit Skepsis.
Nachmittage in der Heinrich-Wilhelm-Olbers-Grundschule: Unter anderem steht Sport auf dem Programm. © Kleinschmidt
Die Stadt kann bisher für rund 27,5 Prozent der Grundschüler eine Nachmittagsbetreuung in Horten und ähnlichen Einrichtungen anbieten. Wenn zum Schuljahr 2012/2013 voraussichtlich 21 Grundschulen von 7 bis 17 Uhr öffnen, könnte die Betreuungsquote auf fast 50 Prozent steigen. Besonders charmant daran sei, dass den Eltern an der Ganztagsschule bis auf das Mittagessen und eventuelle Ferienbetreuung keine Kosten entstehen, sagt Schuldezernentin Marlis Drevermann. „Das ist eine wichtige Weichenstellung, damit wir Kinder erreichen, deren Eltern zusätzliche Bildungsangebote sonst nicht ohne Weiteres annehmen würden.“
Die Ganztagsschulen sollen Mittagessen bieten, Hilfe bei den Hausaufgaben, individuelle Förderung und Freizeitangebote in Sport, Musik, Kunst und Theater. Das doppelte Budget von Stadt und Land soll zukünftig ausreichen, Kinder auch an fünf Tagen zu betreuen. Die Stadt will bis zu 70.000 Euro pro Jahr und Schule zahlen, damit jeweils zwei Sozialarbeiter auf halber Stelle die Honorarkräfte koordinieren und feste Ansprechpartner für die Kinder sind. In Vorgesprächen haben freie Theater, die Musikschule und Sportvereine Interesse gezeigt.
Grundschulen, die bereits „Schule im Stadtteil“ sind, haben bei einer Bewerbung Vorrang. Außerdem sind solche Schulen im Vorteil, die in einem sozialen Brennpunkt liegen oder die einen deutlichen Mangel an Hortplätzen haben.
Doch es bleiben Fragen offen. Kommt es nicht zu einer Schieflage, wenn Eltern in manchen Stadtteilen zukünftig weiter bis zu 244 Euro plus Essensgeld für einen Hortplatz bis 18 Uhr (oder 165 Euro bis 17 Uhr) im Monat zahlen? Und können sich auf der anderen Seite Eltern auf die Betreuung in der Ganztagsschule tatsächlich verlassen? Susanne Klyk vom Kita-Stadtelternrat sieht die Pläne der Stadtverwaltung mit gemischten Gefühlen. „Wir Eltern reißen uns sicher nicht darum, Hortgebühren zu zahlen.“ Doch die bisherigen Modelle an Grundschulen ließen zu wünschen übrig. Gehen die Kinder ohne Begleitung zu Angeboten außerhalb der Schule? Oder sitzen sie den ganzen Tag auf ihren Schul-stühlen? Gibt es eine feste Bezugsperson, zu der die Kinder mit Problemen kommen können? Und wer betreut da eigentlich die eigenen Kinder? „Wir müssen da sicher genau auf die Qualität achten.“
Im August 2010 beginnen zunächst sechs neue Grundschulen mit Ganztagsprogramm, das von der Stadt finanziell aufgestockt wird. Die Grundschule Alemannstraße (Vahrenwald), die Gebrüder-Körting-Schule (Badenstedt), die Kurt-Schumacher-Schule (Anderten) und die Grundschule Lüneburger Damm (Heideviertel) haben bereits als „Schule im Stadtteil“ erste Erfahrungen mit Nachmittagsbetreuung gemacht. Außerdem starten die Hinrich-Wilhelm-Kopf-Schule (Kleefeld) und die Grundschule Wasserkampstraße (Kirchrode), die bei der umfassenden Sanierung auch für den Ganztagsbetrieb ausgebaut wird.
In der Heinrich-Wilhelm-Olbers-Grundschule sammeln Lehrer, Eltern und Kinder seit diesem August Erfahrungen als offene Ganztagsschule. Von 197 Schülern machen 119 beim Nachmittagsprogramm mit, die meisten an drei bis vier Tagen in der Woche. „Sehr viele Eltern benötigen aber an fünf Tagen Betreuung für ihr Kind“, sagt Schulleiterin Regine Hempel-Mähler. Dass das Land statt Lehrern zunächst ein Budget für Honorarkräfte bereitstellt, sieht die Schulleiterin keineswegs als Nachteil. „Die Kompetenzen der Mitarbeiter sind so sehr breit gefächert.“ Tennis und Fußball spielen lernen die Kinder von spezialisierten Trainern aus Vereinen. Trommeln unterrichtet ein Musiker, der selbst längere Zeit in Afrika gelebt hat.
Nachmittagsprogramme in Schulen
Bisher bieten fünf städtische Grundschulen Ganztagsangebote: Eichendorffschule, Egestorffschule (beide in Linden), Heinrich-Wilhelm-Olbers-Grundschule und Grundschule Suthwiesenstraße (beide seit 2009 in Döhren). Die Albert-Schweitzer-Schule in Linden kombiniert seit 2004 in einem Modellprojekt Ganztagsschul- mit Hortbetreuung. Die in den vergangenen fünf Jahren vom Land genehmigten Ganztagsschulen ergänzen den Vormittagsunterricht an mindestens drei Tagen am Nachmittag mit Unterrichts-, Förder- und Freizeitangeboten. Die Teilnahme ist freiwillig. Mit der Anmeldung verpflichten die Kinder sich für ein Halbjahr oder Schuljahr und nehmen an einem oder mehreren Tagen pro Woche an Aktivitäten teil.
Das Land stellt zunächst keine Lehrer zur Verfügung. Die Schulen können mit einem Budget Honorarkräfte bezahlen und sollen mit Vereinen kooperieren. Die Stadt hat außerdem das Programm „Schule im Stadtteil“ mit aktuell 13 Grundschulen entwickelt. Auch hier bekommen die Kinder Bildungsangebote am Nachmittag in Kooperation mit Musikschule, Sport- und Kulturvereinen. Die Stadt zahlt je nach Nachfrage und Größe der Schule 25.000 bis 40.000 Euro Budget pro Jahr. Das Programm gilt als Vorstufe zur Ganztagsschule.
Ausbau
Stadt plant 21 Ganztagsschulen
Von Bärbel Hilbig, HAZ 22.10.2009
Hannover. Die Stadt will die Zahl von Grundschulen mit Ganztagsbetreuung deutlich erhöhen. Bis zum August 2012 sollen 21 der 56 städtischen Grundschulen an bis zu fünf Tagen verlässliche Betreuungsangebote bis 17 Uhr machen.
Die Albert-Schweitzer-Schule hat bei dem Wettbewerb für Ganztagsschulen „Zeigt her eure Schule“ - Qualität im Alltag den vierten Platz belegt. Zukünftig sind Schulmensen noch gefragter. © Jana Striewe (Archiv)
Dazu will die Stadt die Mittel, die das Land für Lehrer oder Honorarkräfte bereitstellt, freiwillig aufstocken. Sie will pro Schule pro Jahr bis zu 70 .000 Euro zahlen. Im Jahr 2013 würde sich das auf jährlich 1,5 Millionen Euro belaufen.
Bisher gibt es fünf städtische Ganztagsgrundschulen. Auch sie sollen bei Bedarf zusätzliches Geld bekommen. „Das wird die Situation in vielen Familien sicher verändern“, sagte Oberbürgermeister Stephan Weil gestern bei der Vorstellung des Vorhabens. Für den Ausbau der Schulen mit Mensen und Freizeiträumen sind bis zum Schuljahr 2012/2013 rund 17,6 Millionen Euro veranschlagt. Davon stehen sechs Millionen bereits im laufenden Programm zur Schulsanierung sowie 5,3 Millionen im Konjunkturprogramm für Ganztagsschulen. 6,3 Millionen sollen im Sanierungsprogramm für die Jahre 2010 bis 2012 eingeplant werden.
Weil sieht die Vorteile von Ganztagsschulen auf drei Ebenen: Die berufstätigen Eltern wissen ihre Kinder betreut, der Lernerfolg der Schüler sei größer als an einer Halbtagsschule und die Integration von Einwandererkindern werde erleichtert, wenn sie den Nachmittag in gemischten Gruppen verbringen. Hintergrund der Pläne ist die starke Nachfrage der Eltern von Grundschülern nach Hortplätzen. Bisher hatte die Stadt immer wieder signalisiert, dass sie aus Kostengründen nur eingeschränkt neue Betreuungsplätze schaffen könne.
Vorrang hat der gesetzlich vorgeschriebene Krippenausbau für Kleinkinder bis zum Jahr 2013. „Wir können diesen Kurs nicht durchhalten“, sagte Weil. Vergangenes Jahr hatte eine Auswertung der Stadt ergeben, dass rund tausend Familien bei der Suche nach einer Betreuung für ihr Grundschulkind leer ausgegangen waren. Dieses Jahr hat die Stadt 200 weitere Hortplätze eingerichtet. „Horte bieten eine sehr gute, aber auch teure Betreuung“, sagte der Oberbürgermeister.
Die bestehenden 4100 Plätze kosten die Stadt 18 Millionen Euro pro Jahr. Auch für Eltern sind die Horte gebührenpflichtig, die Ganztagsschule kostet sie dagegen nur einen Beitrag zum Mittagessen. „Ganztagsschulen sind für uns wirtschaftlich, weil wir größtenteils vorhandene Räume nutzen können“, sagte Schuldezernentin Marlis Drevermann. Zudem trägt das Land einen Teil der Personalkosten. Für die Angebote sollen zum Beispiel Musikschule und Sportvereine gewonnen werden.
IGS Seelze: Grüne und SPD loben Plan
Von iz, Leine-Zeitung 21.10.2009
GARBSEN/SEELZE. Garbsens Grüne und die SPD haben den Vorschlag von Heiner Aller (SPD) für den Aufbau einer Gesamtschule für Seelze und Garbsen begrüßt. Die SPD will die Stadtverwaltung prüfen lassen, wie eine Zusammenarbeit aussehen und wie die Schüler transportiert werden könnten.
Die Grünen sehen in der Kooperation neue Chancen für die rund 100 Kinder pro Jahr, die an der IGS Garbsen nicht aufgenommen werden können. „An diesem Bedarf muss sich Schulpolitik orientieren“, schreibt der schulpolitische Sprecher der Garbsener Grünen, Peter Bartel.
Schlechte Note für Hauptschule
Die Inspektoren des Landes beanstanden zahlreiche Mängel
Von Ralf Heußinger, LZ 20.10.2009
Seelze. Die Hauptschule in Seelze ist bei einer Schulinspektion des Landes Niedersachsen durchgefallen. Die Beanstandungen sind so umfassend, dass sich die Schule einer erneuten Prüfung unterziehen muss. Dieses Vorgehen ist üblich, wenn – wie es in einer Broschüre des Kultusministeriums heißt – „gravierende Qualitätsmängel“ festgestellt werden.
Die Geschwister-Scholl-Schule weist gravierende Mängel auf. Krüger
Ende März hatte das sogenannte Niedersächsische Inspektionsteam aus Bad Iburg die Einrichtung inspiziert. Das Ergebnis sei ein Tiefschlag für die Hauptschule, heißt es in der Seelzer Politik. Der 40-seitige Abschlussbericht kritisiert unter anderem Ausstattung und Gebäudezustand der Geschwister-Scholl-Schule, die erst vor fünf Jahren mit Millionenaufwand saniert wurde. Auf den Fluren und in der Pausenhalle seien defekte Fenster und Deckenplatten, herausgerissene Sitze, abgerissene Tapeten sowie renovierungsbedürftige Türen und Wände zu sehen, heißt es in dem Bericht. Kabel hingen offen aus der Wand. Mehrere Fenster stünden ständig offen. Auf dem Schulhof seien Tischtennisplatte und Sitzbank erneuerungsbedürftig. „Sie stellen eine Gefährdung dar“, steht in dem Bericht der Inspektoren.
Auch die Qualität des Unterrichts wurde offenbar bemängelt. Diesen Teil des Berichts hält die Stadt jedoch unter Verschluss. Auch die Politiker, die heute Abend im nicht öffentlichen Teil des Bildungsausschusses über die Inspektion beraten, haben nur zwei Seiten des Berichts erhalten, obwohl das Ministerium zum Beginn der landesweiten Inspektionen im Jahr 2005 angekündigt hatte, dass die Berichte nicht vertraulich seien. „Wir haben klare Anweisungen des Landes, dass wir den Bericht nicht ohne Zustimmung der Schulleitung weitergeben dürfen“, sagte eine Stadtsprecherin. Zu den festgestellten Mängeln wollte sie nichts sagen. Auch das Ministerium nahm keine Stellung.
Der Bildungsausschuss tagt öffentlich ab 17.30 Uhr im Forum der Geschwister-Scholl-Schule.
KOMMENTAR von Ralf Heußinger
Der Bericht der Schulinspektion zeigt nicht nur die Finanznot der Stadt Seelze, die zugibt, dass Malerarbeiten aus Geldmangel unterblieben. Er offenbart auch den Unwillen, sich auf die Inspektion vorzubereiten. Diese kommt ja nicht überraschend, sondern wird angekündigt. Und er zeigt womöglich auch die Unlust vieler Hauptschüler, pfleglich mit einem erst sanierten Schulgebäude umzugehen. Der Bericht zeigt jedoch nicht, dass Seelze eine Gesamtschule braucht. Denn auch in einer IGS können Fenster zu Bruch gehen und Kabel aus der Wand hängen.
LESERBRIEF zum Kommentar:
Zum Bericht „Schlechte Note für Hauptschule“ in der Leine-Zeitung vom 20. Oktober:
Gebäudezustand ist der Spiegel der Lehrer
Ihr Kommentar erweckt leider den Anschein, als müssten Sie Steigbügelhalter einer gewissen Fraktion in Seelze sein, nämlich der Anti-IGS-Fraktion. Sie sagen es richtig: Die Inspektion kommt ja nicht überraschend. Was zeigt das Ergebnis? Unwillen, Unlust, Resignation. Warum dieser Eindruck von einer Hauptschule, die um jeden Preis weiter bestehen möchte? Da passt doch etwas nicht zusammen.
Ja, natürlich können in einer IGS auch Fenster zu Bruch gehen. Aber sind nicht doch der Zustand eines Gebäudes und die Atmosphäre innen ein Spiegel des Selbstverständnisses seines „lebenden“ Inventars, das heißt Lehrer und Schüler? Die Schulinspektion zeigt doch, dass Seelzer Schüler eine Schule brauchen, in der sie sich wohlfühlen können. Diesen Artikel hätten Sie besser unkommentiert stehen lassen sollen.
Katja Burmann, Garbsen
IGS: Städte suchen Gespräch
Von Ralf Heußinger, Leine-Zeitung 17.10.2009
Seelze/Garbsen. Die Städte Seelze und Garbsen wollen möglichst bald über eine Zusammenarbeit für eine integrative Gesamtschule (IGS) in Seelze sprechen. „Es ist vernünftig, zu kooperieren“, sagte der Erste Stadtrat Karsten Balzer am Freitag.
© Michael Thomas (Archiv)
Auch Garbsens Bürgermeister Alexander Heuer gibt grünes Licht für einen Austausch: „Sofern Seelze Interesse hat, kann umgehend ein solches Gespräch auf Fachebene terminiert werden“, ließ er mitteilen. Seelze erhofft sich so eine bessere Chance, die Genehmigung für die IGS zu erhalten.
Die Landesschulbehörde hatte der Stadt signalisiert, dass die Ergebnisse der Elternbefragung nicht ausreichend sind. Anders als zunächst geplant, will die Stadt deshalb den Antrag für die IGS zunächst nicht stellen. Stattdessen sollen möglicherweise im April 2010 die Eltern erneut befragt werden, sagte Balzer. „Ideal wäre, Havelse und Altgarbsen gleich mit abzufragen“, sagte Seelzes Erster Stadtrat. Damit wäre es ausgeschlossen, bereits zum Schuljahr 2010/11 die IGS zu eröffnen. „Alles spricht dafür, 2011 als Startzeitpunkt zu nehmen“, sagte Balzer.
Der Seelzer SPD-Ratsherr Heinrich Aller hatte die Kooperation mit Garbsen schon vor Monaten angeregt. Mit einer Eröffnung im Jahr 2011 will er sich nicht zufriedengeben: „Der Antrag muss für 2010 gestellt werden“, sagte der Politiker, der auch in der IGS-Initiative engagiert ist. „Es sind noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft.“ Die Stadt solle bei Schulen und Kindergärten erneut nachfragen, die nur wenige Fragebögen zurückgeschickt hatten. Nur rund 41 Prozent der an Kindergärten verteilten Fragebögen waren zurückgeschickt worden. Dass in Garbsen rund 100 Schüler von der IGS abgewiesen wurden, sei zudem ein schlagender Beweis dafür, dass die Nachfrage vorhanden ist, sagt Aller.
Die Grünen – auch IGS-Verfechter – zeigen sich pragmatisch: Wichtig sei, dass man für die jetzigen Viertklässler eine Lösung findet, sagte Grünen-Sprecherin Evelyn Werner. Die Stadt hat schon angekündigt, mit der hannoverschen Schulbehörde zu verhandeln, um Seelzer Schüler auf eine dortige IGS schicken zu können.
Elternsprecher finden Seelzer IGS-Idee gut
Von Sven Sokoll, Leine-Zeitung 17.10.2009
Garbsen/Seelze. Die Idee, Altgarbsener und Havelser Schüler in einer künftigen Seelzer Gesamtschule zu unterrichten, stößt beim Schulelternrat der IGS Garbsen auf Zustimmung. „Das wäre ein Weg“, sagte die Vorsitzende Katja Burmann. Sie verweist darauf, dass seit Jahren viel mehr Schüler bei der IGS angemeldet werden als Plätze zur Verfügung stehen – zuletzt 339 Bewerber für 240 Plätze.
„Der Bedarf ist also da“, sagt sie. Andere Lösungen auf Garbsener Gebiet sind kaum in Sicht. Denn nach den gesetzlichen Vorgaben kann weder die IGS Garbsen erweitert noch eine zweite im Stadtgebiet eingerichtet werden.
Über die mögliche Kooperation soll es demnächst Gespräche zwischen den Stadtverwaltungen der beiden Städte geben. Der Stadtelternratsvorsitzende Holger Wohllebe hält eine Kooperation mit Seelze ebenfalls für eine gute Idee. „Man darf aber keinen Schnellschuss machen, sondern muss erst zu Ende denken.“ Er fragt sich zum Beispiel, ob die Schüler aus Havelse und Altgarbsen dann keine Chance mehr hätten, sich auch für die Garbsener IGS zu entscheiden. Auch müsse die Frage der Busverbindung zur Seelzer Schule geklärt sein.
Wohllebe ärgert sich darüber, dass die Landesregierung den freien Elternwillen als wichtig erachtet, aber das dies bei der IGS-Gründung nicht so einfach gelten soll. Mit dem Volksbegehren gegen Niedersachsens Schulpolitik hat sich der Stadtelternrat aber noch nicht befasst. Es soll am 12. November landesweit beginnen, die IGS Garbsen ist mit dabei.
Aller will für IGS mit Garbsen kooperieren
Stadt erwägt, Antrag für die Gesamtschule noch nicht zu stellen
Von Uwe Kreuzer, Leine-Zeitung 16.10.2009
Seelze. Die Stadtverwaltung erwägt nach Informationen der Leine-Zeitung, den Antrag für eine integrierte Gesamtschule (IGS) nicht zu stellen. Die Gründe sind negative Signale aus der Landesschulbehörde. Die Initiative IGS für Seelze gibt die Hoffnung aber nicht auf und bringt eine Kooperation mit Garbsen ins Spiel. „Die Idee ist nicht neu“, sagte Ratsherr Heinrich Aller, der Kontakt mit der Garbsener Politik und Stadtverwaltung aufgenommen hat. In der Tat hatte Aller eine solche Zusammenarbeit vor Monaten im Bildungsausschuss angeregt. Die Seelzer Stadtverwaltung hatte daraufhin in Garbsen angefragt, zu einer Kooperation kam es bislang nicht.
Die Elternbefragung in Seelze erbrachte in den ersten zwei Jahrgängen nicht die nötigen 130 Zustimmungen. Die Landesschulbehörde (LSB) pocht nun auf die Vorgaben für Neueröffnungen und will keine Ausnahmegenehmigung erteilen. Die Verwaltung wird deshalb dem Rat heute wohl empfehlen, den IGS-Antrag zu verschieben. „Wir haben die Meinungsfindung noch nicht abgeschlossen“, sagte eine Sprecherin der Stadtverwaltung gestern.
„Dann würden genau die bestraft, die sich eindeutig für eine IGS ausgesprochen haben“, sagte SPD-Ratsfrau Karin Albrecht, die sich auch in der IGS-Initiative engagiert. In den dritten und vierten Klassen hatten jeweils mehr als 130 Eltern einen IGS-Platz gefordert. Die Befragung, so Albrecht, habe trotz der prozentual großen Zustimmung zur IGS allerdings gezeigt, dass die Kleinstadt Seelze die nötigen Zahlen nur schwer erreichen kann.
Aller meint, eine Kooperation mit Garbsen könnte helfen, die LSB umzustimmen. Die Garbsener IGS konnte zu diesem Schuljahr nicht alle Garbsener Schüler aufnehmen, die sich an der Gesamtschule angemeldet hatten. „Es gibt da ein Potenzial von jährlich 100 Schülern, die nach Seelze kommen können“, sagte Aller. Für Kinder aus Altgarbsen und Havelse sei der Weg ins Schulzentrum gut zu meistern. Aller sagte, er habe schon positive Signale aus Garbsen bekommen. „Jetzt muss die Verwaltung verhandeln.“ Grünen-Sprecherin Evelyn Werner pflichtete ihm bei. „Seelze braucht eine Gesamtschule“, sagte sie. „Wenn das in Kooperation mit Garbsen klappt, warum sollte man das nicht machen?“
KOMMENTAR von Uwe Kreuzer:
Möglichkeiten ausschöpfen
Der Optimismus war verfrüht. Die Landesschulbehörde richtet sich strikt nach den Vorgaben der IGS-kritischen Landesregierung und will mit Seelze keinen Präzedenzfall schaffen. Seelze ist schlicht zu klein, um allein die nötigen Schülerzahlen für die Genehmigung zu erreichen. Eine Kooperation mit Garbsen käme beiden Städten zugute. Aber dafür müssten in Havelse und Altgarbsen ebenfalls die Eltern befragt werden. Die Gründung einer IGS, mit viel Elan angeschoben, droht zur unendlichen Geschichte zu werden. Politik, Eltern und Verwaltung sollten sich aber nicht entmutigen lassen und alle Möglichkeiten ausschöpfen.
Leserbriefe zur Berichterstattung der Leine-Zeitung über die Gesamtschulpläne in Seelze:
Nicht zu erkennen, wo man angekommen ist
Von Thomas Reche, Gümmer, 15.10.2009
Mit Interesse habe ich Ihre Artikel über die Einführung einer integrierten Gesamtschule in Seelze verfolgt. Dabei ist mir aufgefallen, dass ausgiebig über das Befinden der Lehrer, insbesondere der Schulleitung von Haupt- und Realschule, berichtet wurde, aber von Schülern und deren Befinden war kaum oder wenig zu lesen. Des Weiteren fiel mir auf, dass von den Verantwortlichen, sprich Schulleitungen, die stereotype Aussage erfolgte, man sei auf einem guten Weg.
Es war dabei weder zu erkennen, wohin der Weg führen soll, noch wo man schon angekommen ist.
Bildungsdiskussion frei von Ideologie
Von Katja Burmann, Garbsen, 15.10.2009
Verständlich ist es, wenn Schulleiter von Haupt-und Realschulen sich überrumpelt fühlen, weil sie beim vermeintlichen Meinungsbildungsprozess nicht mitgenommen wurden. Die Diskussion über Inhalte ist zwingend nötig, damit einher geht zwangsläufig aber auch eine Schulformdebatte. Wenn Eltern und Pädagogen sich mit zukunftsfähigen Bildungssystemen auseinandersetzen, kommen sie automatisch zu der Frage: Wie können wir in heutiger Zeit Jugendlichen die Chance auf erfolgreiche Bildungsabschlüsse ermöglichen, ohne ihnen zu früh Wege zu verbauen und sie auszusortieren? Die Durchlässigkeit der Systeme ist das A und O.
Wir werden immer im europäischen Vergleich auf den Prüfstand gestellt. Dann darf nicht vergessen werden, dass Dreigliedrigkeit einen Anachronismus darstellt. Ebenso bedeutet die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen frühzeitige Definition des Bildungsweges, die Durchlässigkeit nach oben in die Sekundarstufe II wird durch das G 8 geringer denn je. PISA-Gewinner unterrichten in heterogenen Leistungsgruppen und investieren mehr in Bildung. Kleinere Klassen, eine bessere Unterrichtsversorgung und die Ausstattung mit Sozialpädagogen sollten oberste Priorität haben.
Es wäre schön, wenn Deutschland im Interesse der Kinder die Bildungsdiskussion frei von Ideologie führen könnte.
Hotline zu Unterrichtsausfall ärgert Eltern
Beschwerden beim Kultusministerium laufen ins Leere / Kritik an Stundenkürzungen
Von Bärbel Hilbig, HAZ 15.10.2009
Hannover. Die Hotline des Kultusministeriums gegen Unterrichtsausfall scheint bei etlichen Eltern vor allem Verdruss hervorzurufen. „Viele Eltern sind müde und entnervt und rufen deshalb nicht mehr an“, sagt Katja Burmann, Vorsitzende des Schulelternrats der Integrierten Gesamtschule Garbsen. Mehrere Eltern der Schule hätten in den vergangenen Jahren vergeblich ihr Glück bei der Hotline versucht. „Die Mitarbeiter schieben den schwarzen Peter den eigenverantwortlichen Schulen zu. Die Schulen können aber nur mit dem planen, was ihnen zur Verfügung steht“, sagt Burmann. Die Ministeriumsmitarbeiter rechneten den Eltern eine fast hundertprozentige Unterrichtsversorgung vor. Nicht berücksichtigt werde dabei, wenn Lehrer dauerhaft krank seien, weniger arbeiteten, um ihre Arbeitszeitkonten abzubauen oder eine Feuerwehrkraft mit begrenzter Stundenzahl einen Vollzeitkollegen vertreten solle.
Dieses Jahr hatte das Ministerium bereits kurz nach Schuljahresbeginn die geringe Zahl der Beschwerden als Erfolg gewertet. Die Elternsprecherin bezeichnet das als Augenwischerei. In den Schulen würden die Stundenpläne oft bis zu den Herbstferien immer wieder umgearbeitet, weil manche neuen Lehrer erst dann anfangen. „Die Eltern wissen das und wollen der Schulleitung nicht in den Rücken fallen“, sagt Katja Burmann. In den Schulen sei es inzwischen üblich, langfristig zu planen, in welchen Jahrgängen welche Fächer gekürzt werden.
Auch Jörg Kramer, langjähriger Elternvertreter an mehreren Uelzener Schulen, sieht die Arbeit der Hotline als Vertröstungstaktik an. In Uelzen hatten sich die Eltern verschiedener Schulen mehrmals per Brief oder Telefon über Stundenausfall beschwert. „Wir erhielten oft erst nach mehreren Monaten Antworten allgemeiner Art. Aber es änderte sich nichts.“ Seit ein bis zwei Jahren haben Eltern es zunehmend aufgegeben, sich noch an das Ministerium zu wenden. „Dabei fehlen regelmäßig einige Stunden, die im Lehrplan vorgesehen sind, in den konkreten Stundenplänen der Klassen“, sagt Jörg Kramer.
Unterrichtsausfall bleibt an vielen Schulen ein Dauerbrenner. Der Sohn von Thordis Mühlbauer zum Beispiel geht in die siebente Klasse an der Lutherschule. Im zweiten Halbjahr ist Sport vom Stundenplan gestrichen. „Das ärgert mich sehr. Die Kinder stehen unter hohem Leistungsdruck und brauchen Bewegung als Ausgleich für die viele Zeit, die sie am Schreibtisch verbringen“, sagt sie.
An der Kooperativen Gesamtschule Hemmingen erfuhren die Eltern einer neunten Klasse nach den Sommerferien, dass für manche Fächer Lehrer fehlen. Der nächste Einstellungstermin sei der 1. November. Die Gymnasiasten bekommen eine Stunde Mathematik sowie eine Stunde Musik pro Woche weniger; zwei Wochenstunden Profilunterricht fallen ganz aus. „Und in dreieinhalb Jahren muss meine Tochter das Zentralabitur schreiben“, sagt Marion Schmutzler.
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(Stichwort Unterrichtsausfall).
Elternbefragung bringt klares Votum für IGS in Seelze
Von UMSCHAU, 7.10.2009
SEELZE. Als ein klares Votum für die sofortige Gründung einer IGS in Seelze wertet die Initiative für eine Gesamtschule das Ergebnis der Elternbefragung. Mit mehr als 62 Prozent pro Gesamtschule gegenüber knapp 37 Prozent für das dreigliedrige System haben die Eltern mit überwältigender Mehrheit ein unmissverständliches Signal gesetzt Auch wenn die Beteiligung an der Elternbefragung mit rund 65 Prozent nicht ganz an die Ergebnisse anderer Kommunen (z.T. über 80 %) heranreiche, sei das Engagement der Väter und Mütter doch „einfach toll".
Auch in den vier Grundschuljahrgängen fallen die Voten deutlich aus: Mit 136 bzw. 133 Stimmen haben sich Eltern für den Besuch ihrer Kinder an einer IGS ausgesprochen. Damit sei die hohe Hürde der Landesregierung klar übertreffen. Aber auch das Abstimmungsergebnis der Klassen 2 und 1 mit 117 und 103 sei gegenüber nur 66 bzw. 64 für das dreigliedrige Schulsystem nicht „kleinzureden", erklärte Karin Albrecht in einer ersten Stellungnahme. Das Gesamtergebnis zeige, dass Seelze sich nicht im Trend für eine Integrierte Gesamtschule von den Neugründungen in anderen Städten unterscheide. Die Zustimmung zur IGS sei überzeugend. An allen Grundschulstandorten habe es eine positive Grundstimmung gegeben.
Ausdrücklich begrüßt die IGS-Initiative deshalb die Ankündigung der Stadt, den Antrag zur Gründung auf den Weg zu bringen. Sicher könne sie dabei sein, dass die Eltern den Start noch zum 2010/2011 wollten. So, das betonten Karin Albrecht und Heinrich Aller, habe es der Rat beschlossen. So sei es auch in der öffentlichen Informationsveranstaltung von der Landesschulbehörde als „machbar" signalisiert worden.
Jetzt komme es darauf an, das Elternvotum konsequent umzusetzen. Keinesfalls könne hingenommen werden, wenn der Elternwille jetzt im Genehmigungsverfahren ins Gegenteil verkehrt würde. Allgemein bekannt sei, dass die Landesvorgaben zur Gründung von Gesamtschulen ohnehin willkürlich hoch und zur Abwehr von neuen Gesamtschulen angesehen werden. Die von vielen geforderte Vier- statt Fünfzügigkeit zur Gründung neuer Gesamtschulen habe die Elternbefragung ohnehin erreicht. Wäre die Beteiligung in Seelze annähernd so hoch gewesen wie in Wunstorf oder Wedemark, wäre das Ergebnis noch eindeutiger.
Die Initiative sieht in dem Ergebnis der Elternbefragung den endgültigden Beweis, dass in Seelze eine Gesamtschule zukunftssicher ihren Platz haben muss. Die guten Argumente sollen in den nächsten Wochen und Monaten helfen, die IGS-Gründung positiv zu begleiten.
SEELZE: Leserbriefe an die Leine-Zeitung zum Bericht: „IGS-Pläne der Stadt finden Zustimmung“ vom 2. Oktober:
Der Bedarf nach einer IGS ist groß
Von Maja Reinfelder, Dedensen
Ein Jahr geht es schon hin und her: Gesamtschule – ja oder nein? Welche Zukunft hat die Hauptschule? Das einzig Richtige, eine Bedarfsabfrage durchzuführen, ist nun geschehen, und man sollte meinen, dass das Ergebnis eine klare Sprache spricht. Der Bedarf nach einer Gesamtschule ist groß – verglichen mit den Anmeldezahlen für die Hauptschule. Da erhoffe ich mir im Sinne unserer Kinder, dass alle Lehrkräfte den Willen der Bevölkerung mittragen, anstatt mit schnippischen Kommentaren zu reagieren.
Das Wohl der Kinder steht im Vordergrund
Von Rainer Lentge, Seelze
Anlass für meinen Brief ist der Kommentar von Uwe Kreuzer. Er fragt, ob das Murren der Lehrer gut für die Schüler ist. Ist es nicht wichtiger, dass das Wohl der Kinder im Vordergrund steht und nicht das Wohlbefinden der Lehrer? Natürlich verstehe ich die ablehnende Haltung der Hauptschulleiterin, es geht um ihren Job. Aber warum braucht man fünf Jahre, um ein Profil zu entwickeln, und erst jetzt beginnt die inhaltliche Arbeit? Zudem kommt man nicht daran vorbei, dass die Hauptschule keine Zukunft hat, weil nur noch wenige Schüler dort hingehen. Das kommt auch daher, dass ein Hauptschulabgänger kaum einen interessanten Ausbildungsplatz findet. Die Stadt handelt richtig und beantragt die IGS, auch wenn bei Erst- und Zweitklässlern der Rücklauf der Elternbefragung mangelhaft ausfällt. Für die vierten Klassen wäre es sonst zu spät.
Sitzenbleiben: Eine fragwürdige Ehrenrunde
Wer das Klassenziel nicht erreicht, bleibt sitzen – ein weiterhin aktuelles oder längst überholtes Konzept?
Von Bärbel Hilbig, HAZ 4.10.2009
Noch einmal, bitte: So wie der (fiktive) Gymnasiast Peter Pettersson müssen viele Schüler eine Klasse wiederholen – einige machen dabei gute Erfahrungen. © Martin Steiner
Am Ende der elften Klasse sah Marlenes Zeugnis verheerend aus: Sie bekam jeweils eine Fünf in Mathe, Latein und Biologie. Auch sonst gab es wenig Glanzlichter. „Als ich das Zeugnis gesehen habe, war das wie ein Schlag auf den Kopf. Ich habe gemerkt, da läuft was falsch“, sagt die 18-Jährige heute. Sie musste die elfte Klasse wiederholen – und ist damit ausgesprochen zufrieden. „Ich habe das als Chance gesehen.“ Marlene Mertsch war vorher eigentlich eine gute Schülerin gewesen, der vieles einfach zuflog. Doch irgendwann rutschte sie in eine typische pubertäre Krise, zweifelte am Sinn des Lernens, ging nicht mehr regelmäßig zur Schule. Die Tellkampfschülerin überlegte, ob sie statt Abitur nicht lieber eine Ausbildung machen sollte. Sie selbst sagt, sie sei in dieser Phase antriebslos gewesen.
Das änderte sich in der neuen Klasse. „Alle haben mich total nett aufgenommen. Und mit den Lehrern lief es plötzlich auch wieder gut.“ Marlene holte nach, was sie durchs Schwänzen verpasst hatte. Und in manchem war sie auch im Vorteil, weil sie auf ihren Vorkenntnissen aufbauen konnte. In Deutsch verbesserte sie sich von der Note Drei auf eine Eins, in Mathe bekam Marlene eine Zwei. „Und ich hatte ein Jahr mehr Zeit, darüber nachzudenken, was ich machen will. Das Sitzenbleiben war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt die 18-Jährige heute. Sie geht inzwischen in den zwölften Jahrgang und will nach dem Abitur Religionswissenschaften studieren.
Auch Laura Bernardo hat mit dem Wiederholen einer Klasse gute Erfahrungen gemacht. Sie war von einer Realschule auf den Gymnasialzweig der Albert-Einstein-Schule in Laatzen gewechselt. Im ersten Jahr lief alles gut. Doch im Kurssystem verlor sie im zwölften Jahrgang den Faden, mit Hausaufgaben und langen Unterrichtszeiten bis 16 Uhr fühlte sie sich überfordert. „Als ich merkte, dass die anderen sich auf einem höheren Niveau bewegten, habe ich die Lust verloren und aufgegeben“, sagt die 19-Jährige. Die Lehrer hätten sich durchaus um sie bemüht und Hilfe angeboten. „Aber ich habe das nicht angenommen.“ Laura wiederholte den zwölften Jahrgang auf einem Gymnasium, der Tellkampfschule, und wechselte vom Englisch- zum Mathematik-Leistungskurs.
„Ich würde jedem empfehlen, beim Sitzenbleiben die Schule zu wechseln, damit die Lehrer unvoreingenommen sind“, sagt Laura, die inzwischen im 13. Jahrgang das Abitur ansteuert. Von der Empfehlung der Bertelsmann-Studie, das Sitzenbleiben abzuschaffen und stattdessen Schüler frühzeitig individuell zu unterstützen, hält Laura nicht viel. „Es ist ganz normal, dass Schüler in einem bestimmten Alter die Lust verlieren. Manche Kinder nehmen Unterstützungsangebote in dieser Phase nicht ernst.“ Allerdings räumt sie ein, dass sie selbst die Wiederholung sicher deshalb gut genutzt habe, weil ihr das Abitur als Ziel fest vor Augen stand. „In der neunten Klasse wäre Sitzenbleiben für mich eine Katastrophe gewesen. Man braucht dann die vertraute Klasse als festen Halt.“
Unter Pädagogen ist das Sitzenbleiben durchaus umstritten. Doch ganz darauf verzichten wollen die wenigsten. „Selbst bei optimaler Förderung würden es nicht alle Schüler immer schaffen, die Lernziele zu erreichen“, sagt Enno Dargatz, Leiter der Dietrich-Bonhoeffer-Realschule. „Es wäre unsinnig, diese Kinder in den nächsten Jahrgang zu lassen, wenn sie dann am Ende an der Abschlussprüfung scheitern.“ Dennoch hält Dargatz die Ausstattung der Schulen mit Förderstunden für völlig unzureichend. Den Schulen ist seit einiger Zeit vorgeschrieben, für jeden Schüler die individuelle Lernentwicklung zu dokumentieren. „Wir stellen dann zum Beispiel fest, dass wir in einer Klasse acht förderbedürftige Schüler haben, können aber gar nicht auf alle im Unterricht eingehen.“
„Wenn wir mehr Förderstunden hätten, könnten wir die Anzahl der Sitzenbleiber drastisch reduzieren“, sagt auch Kurt Veith, Leiter der Leibnizschule. Jetzt hänge der schulische Erfolg von schwächeren Schülern oft von den Möglichkeiten im Elternhaus ab. Wenn Eltern bei Verständnisproblemen selbst helfen können oder eine Nachhilfe zahlen, sei das ein Vorteil. Veith hat die Erfahrung gemacht, dass Lehrer ihre Schüler mit gezielten Zusatzstunden, da, wo es nötig ist, sehr gut unterstützen können. „Das Kultusministerium hatte uns zwei Jahre lang Extrastunden für den Jahrgang bewilligt, der als Erster das Abitur bereits nach zwölf Jahren ablegt. Das hat sich wirklich bewährt.“ Wenn ein Schüler sitzen bleibe, müsse er dagegen alle Fächer wiederholen, auch die, in denen er gute Leistungen vorweist.
„Das kann demotivieren.“ Etliche Kinder müssen bereits in der Grundschule eine Klasse wiederholen. Kann so überhaupt Lust am Lernen entstehen? Christiane Kröger, Leiterin der Friedrich-Ebert-Schule, glaubt, dass manche Kinder gerade am Anfang mehr Zeit brauchen. Sie erlebt zahlreiche Schüler, die mit Entwicklungsverzögerungen, Sprach- oder Wahrnehmungsstörungen eingeschult werden. Die Lehrer der integrativ arbeitenden Grundschule sind bereits darauf eingestellt, ihren behinderten und nicht behinderten Schülern individuell ganz unterschiedliche Aufgaben zu stellen. Doch das sei nicht in jedem Fall ausreichend, sagt die Schulleiterin: „Manchen Kindern hilft es sehr, wenn sie ein Jahr mehr Zeit bekommen. Auf einmal fällt eine Last von ihnen ab.“
IGS-Pläne der Stadt finden Zustimmung
Politik wertet Elternbefragung positiv – Kritik aus den Schulen
Von Uwe Kreuzer, LZ 2.10.2009
Seelze. Politiker befürworten den Plan der Verwaltung, eine integrierte Gesamtschule (IGS) zu beantragen. Kritik kommt aus dem Schulzentrum. Die Elternbefragung erbrachte nicht die eigentlich erforderlichen Zahlen.
Klares Votum für die IGS in den Klassen drei und vier, deutlich weniger Zustimmung in den Klassen eins und zwei – für den Antrag ist es aber kein sofortiges Ausschlusskriterium, dass nicht aus jedem Grundschuljahrgang die geforderten 130 Stimmen kamen. „Wir prüfen jeden Antrag“, sagt Christian Zachlod, Pressesprecher der Landesschulbehörde. „Aber eine Verlässlichkeit für die Entwicklung der Schule muss da sein.“ Ob die Zahlen ausreichen, sei zu überprüfen.
Bildungspolitikerin Karin Albrecht (SPD), auch in der IGS-Initiative aktiv, fordert Gespräche mit der Behörde. „Wir müssen klären, ob es Ausnahmeregelungen gibt“, sagt sie. Der Elternwille sei trotz allem klar: „Die Eltern wollen eine IGS.“ Frank Joosten (Grüne) sieht das auch so. „Ich freue mich über das gute Ergebnis, wir unterstützen die Verwaltung“, sagt er. Der FDP-Vorsitzende Farid Oucherif geht pragmatisch mit dem Thema um. „Ich hätte mir ein klareres Ergebnis gewünscht“, sagt er. „Jetzt müssen wir sehen, welche Umbaukosten auf uns zukommen würden.“ Die CDU-Fraktion will noch intern diskutieren. „Der Bedarf in diesem Bereich ist aber sicher da“, sagt Hubertus Gärtner.
Hauptschulleiterin Regina Lies kritisiert die Pläne der Stadt – der Erfolg einer Schule hänge nicht von dem Schild davor ab. „Wir haben in den vergangenen fünf Jahren unser Profil entwickelt, jetzt fängt die inhaltliche Arbeit richtig an“, sagt sie. „Und das wird zerschlagen.“ In der Realschule mehren sich die Stimmen, die vor einer zu schnellen IGS-Eröffnung warnen. Genau daran will die SPD aber festhalten. „Das überwältigende Ergebnis aus den vierten Klassen zwingt uns, die IGS für das nächste Schuljahr anzustreben“, sagt Albrecht.
KOMMENTAR VON UWE KREUZER
Nichts übers Knie brechen
Die Elternbefragung war ein Erfolg für die IGS-Befürworter. Mehr als 60 Prozent der Eltern stimmten für die Gesamtschule. Besonders groß war die Zustimmung in den vierten Klassen. Ausgerechnet diese Schüler müssten weiter das dreigliedrige Schulsystem besuchen, wenn die IGS erst 2011 eröffnet würde.
Da ist die SPD zu verstehen, wenn sie die Schule schon 2010 einrichten will. Aber das wäre ein Gewaltakt, den die Lehrer nur unter Murren mittragen würden. Ob das gut für die Schüler wäre?
Heister-Neumann
„Affäre Brandt“: Opposition sieht Aus der Ministerin
Von lni/HAZ Online, 2.10.2009
Hannover. Im Streit um die „Affäre Brandt“ hält die Opposition im niedersächsischen Landtag die Einflussnahme von Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) für eindeutig belegt. Die drei Fraktionen von SPD, Grünen und der Linken legten am Freitag in Hannover Akten-Auszüge dazu vor. SPD-Fraktionschef Wolfgang Jüttner sagte: „Die Akten sind das politische Todesurteil der Ministerin“. Die Opposition fordert den unverzüglichen Rücktritt von Heister-Neumann. Gegen den GEW-Chef Eberhard Brandt war ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden - gegen klare Bedenken der Landeschulbehörde, wie aus den Akten hervorgeht.
Ergebnis der Elternbefragung zur Gesamtschule widersprüchlich
Von Uwe Kreuzer, LZ 1.10.2009
Seelze. Hat der Antrag auf Einrichtung einer Gesamtschule eine Chance? Das Ergebnis der Elternbefragung ist widersprüchlich. Die Stadt hat gestern vorläufige Zahlen zur Auszählung veröffentlicht: Von 1185 Grundschülern haben 780 die Fragebögen abgegeben. Rund 60 Prozent der Eltern stimmen für eine Gesamtschule, die 482 Stimmen verteilen sich aber unregelmäßig auf die Jahrgänge. Die Klassen drei und vier übertreffen die für die Genehmigung nötigen 130 positiven Antworten. Aus Klasse zwei kamen aber nur 117 Jastimmen, aus Klasse eins nur 103.
Die Verwaltung schlägt dem Rat vor, den Antrag trotzdem zu stellen. „Die Erfahrung anderer Städte zeigt, dass die Anmeldezahlen später höher sind als bei der Bedarfsabfrage“, teilte Bürgermeister Detlef Schallhorn mit.
Sprecher der Schuleltern zerstritten
Stadtelternrat vor Neuwahl
Von Bärbel Hilbig, HAZ 1.10.2009
Hannover. Die Missstimmigkeiten im Stadtelternrat nehmen kein Ende. Das gewählte Gremium, das die Interessen von Eltern mit Schulkindern vertritt, hat vor Kurzem versucht, sich mit einfacher Mehrheit selbst aufzulösen. Doch selbst darüber, ob das zulässig ist, gibt es Streit.
Seit Jahresanfang war der Stadtelternrat mit seinen rund 30 Mitgliedern in zwei Gruppen zerfallen, die sich gegenseitig mangelndes Interesse an der sachlichen Arbeit vorwerfen. Seitdem müssen die monatlichen Treffen eine Wonne für Masochisten gewesen sein. Es gab offenbar endlose Diskussionen über eine Änderung der Geschäftsordnung, die der einen oder anderen Seite vermeintlich mehr Einfluss beschert hätte. Nach außen trat das Gremium nicht mehr in Erscheinung – denn jede öffentliche Äußerung hätte abgestimmt werden müssen.
Die langjährige Vorsitzende Garnet Eichholz und ihr Stellvertreter Richard Lochte fühlen sich durch diverse Vorwürfe gemobbt. Die Gegenseite wiederum wirft ihnen eigenmächtiges Verhalten vor. Die Stadtverwaltung sammelt nun Rücktrittserklärungen. Wenn mehr als 50 Prozent der rund 30 Mitglieder und rund 30 Stellvertreter im Stadtelternrat gehen, gilt das Gremium als aufgelöst. Für eine Neuwahl müssten Delegierte aus allen Schulen sich zu einer Versammlung treffen, zu der die Stadt einlädt.
Gesamtschule Mühlenberg fordert ein Mitspracherecht beim Neubau
Hannover. Der Neubau der IGS Mühlenberg hat in der jüngsten Sitzung des Bezirksrats Ricklingen für Diskussionsstoff gesorgt. Wirtschaftsdezernent Hans Mönninghoff stellte dem Stadtteilparlament das geplante Projekt vor.
Die Gesamtschule Mühlenberg fordert ein Mitspracherecht beim Neubau. © Martin Steiner
Die IGS Mühlenberg soll von der Gesellschaft für Bauen und Wohnen Hannover (GBH), einem städtischen Tochterunternehmen, abgerissen und neu errichtet werden. Für das Projekt sind rund 54 Millionen Euro einkalkuliert. Die GBH vermietet das Gebäude dann für 25 Jahre an die Stadt. Über die exakte Höhe der Miete konnte Mönninghoff noch keine Auskunft geben. Dieser Betrag könne erst nach dem Architektenwettbewerb, der Anfang nächsten Jahres ausgeschrieben wird, errechnet werden, sagte der Wirtschaftsdezernent. Ebenso werde der genaue Quadratmeterpreis erst in der abschließenden Verwaltungsvorlage, die in rund 14 Monaten erstellt werde, vorliegen.
Für Unmut unter den Stadtteilpolitikern sorgte die Tatsache, dass der Kommunale Sozialdienst (KSD) nach dem jetzigen Stand der Planung die neue Aula, einen Multifunktionsraum, nicht nutzen darf. Doch Mönninghoff winkte ab: Der KSD sei als Nutzer nicht eingeplant, da die sozialen Einrichtungen im Stadtteil neu koordiniert werden sollen. „Wir müssen dafür eine Lösung finden.“ Die Mitglieder des Bezirksrats empfahlen mit einer Gegenstimme dem Rat den Abriss und den Neubau der IGS.
In der anschließenden Einwohnerfragestunde wollte der Schulleiter der IGS, Michael Bax, wissen, ob auch Vertreter der Schule in der Jury des Architektenwettbewerbs säßen. Eine genaue Zusammensetzung der Jurymitglieder konnte Mönninghoff noch nicht nennen, doch er sicherte zu, dass die Schulleitung in dem Gremium vertreten sei.
Ein Anwohner, dessen Grundstück direkt an den Schulhof grenzt, fragte nach, ob der Pausenhof neu gestaltet werde. Doch auch hier verwies Hans Mönninghoff auf den anstehenden Architektenwettbewerb, der baureife Pläne, Kostenkalkulation und Vertragsgestaltung beinhaltet. Die Ergebnisse des Wettbewerbs sollen in rund 14 Monaten vorliegen. Für einen weiteren Ratsbeschluss sowie die Prüfung durch die Kommunalaufsicht sind weitere fünf Monate einkalkuliert. Der Bau könnte nach diesem Plan im Sommer 2011 beginnen und Ende des Jahres 2014 abgeschlossen sein.
Elternbefragung bleibt spannend
Von Uwe Kreuzer, Leine-Zeitung
Seelze. Es bleibt spannend bis zum Schluss: Die Elternbefragung zur Gesamtschule zeigt noch kein eindeutiges Ergebnis. Die Tendenz spricht allerdings gegen den Umbau der Seelzer Schullandschaft.
Bisher haben laut Stadt 80 bis 90 Eltern je Grundschuljahrgang eine Gesamtschule befürwortet – 130 wären nötig, denn eine neue Gesamtschule müsste mindestens fünf Klassen pro Jahrgang aufweisen. Noch nicht eingerechnet sind die Ergebnisse aus Letter, dort haben aber nur etwa 220 der 380 Schüler die Fragebögen eingereicht. Nachzügler können die Bögen noch bis Ende der Woche in den Schulen abgeben.
IGS will Turbo-Abi verhindern
Elternrat beteiligt sich an landesweitem Volksbegehren – Stimmen werden gesammelt
Von Viktoria Klecha, Leine-Zeitung
Garbsen. Der Elternrat der IGS Garbsen will das sogenannte Turbo-Abitur mit einem Volksbegehren verhindern. Zusammen mit Elternvertretungen aus ganz Niedersachsen will er am Freitag, 2. Oktober, den Text formulieren.
Nach Demonstrationen, Petitionen und Gesprächen mit Politikern solle das Volksbegehren jetzt das letzte demokratische Druckmittel sein, um das Ziel zu erreichen, sagt Katja Burmann. Die Vorsitzende des IGS-Elternrates sieht im Turbo-Abitur einen deutlichen Nachteil für die Gesamtschüler. Statt den Lernstoff aus 13 Jahren an die verkürzte Lehrzeit anzupassen, sei er lediglich in die zwölf Jahre hineingepresst worden. Die Schüler seien damit überfordert. Auch könnten sie nicht optimal versorgt werden, weil die Zahl der Lehrer nicht ausreichend sei.
Im Juni hatte der Landtag das Abitur nach zwölf Jahren auch für die Gesamtschulen beschlossen. Genaue Vorgaben zum Lernen fürs Turbo-Abitur habe die Landesschulbehörde jedoch noch nicht vorgelegt. Burmann hält das Turbo-Abitur und das Konzept der Gesamtschule für nicht vereinbar, weil Schüler frühzeitig nach ihrem Leistungsvermögen eingeteilt werden müssen. Das käme einem Rückfall ins dreigliedrige Schulsystem gleich, meint Burmann. Als das Turbo-Abitur an Gymnasien eingeführt wurde, fühlten sich die Gesamtschulen benachteiligt und forderten ebenfalls das neue System. Jetzt hätten sie jedoch die Konsequenzen erkannt und wollen die neue Abiturform aufhalten, sagt Burmann.
Die IGS-Schulleitung unterstützt die Initiative und wird Eltern auffordern, den Antrag zum Volksbegehren zu unterschreiben.
GEW fordert kleinere Schulklassen
Die Lehrergewerkschaft GEW hat die Landesregierung ermahnt, die Begrenzung der Klassengrößen in den Schulen nicht aus den Augen zu verlieren. „Die Perspektive muss klar sein: Die Klassen müssen kleiner werden.“
Die Lehrergewerkschaft fordert kleinere Schulklassen. © ddp
Das sagte GEW-Landeschef Eberhard Brandt zum Abschluss der Landesdelegiertenkonferenz am Dienstag in Hannover. Nach dem doppelten Abiturjahrgangs 2011 strebt die GEW Obergrenzen von 20 Schülern pro Grundschulklasse und 25 Schülern in den übrigen Schulklassen an. „Wir liegen bei den Gymnasien derzeit durchschnittlich bei über 31“, sagte Brandt.
Er kritisierte Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU), die angekündigt habe, nach 2011 zur alten Regelung zurückzukehren. “30 ist keine Zielzahl, mit der wir zufrieden sind.“ Brandt kündigte für den Herbst gemeinsame Protestaktionen mit Eltern an den Schulen an. Er warf der Regierung vor, den Lehrer-Nachwuchs nicht genug zu fördern. „Wir kritisieren massiv, dass die Regierung immer noch nichts getan hat, um genügend Lehrkräfte zu bekommen in der Zukunft.“
Die GEW ist im Gegensatz zum Kultusministerium der Meinung, dass sich wegen des Mangels an Nachwuchs die Situation in den Schulen nach Beendigung des doppelten Abiturjahrgangs nicht entspannen wird. „Dann werden die Klassen noch größer und zwar ab 2011. Wir müssen dringend etwas tun, um den Nachwuchs zu sichern“, sagte Brandt. Er forderte die Regierung auf, mehr Geld für die Lehrer-Ausbildung zur Verfügung zu stellen und durch eine bessere Betreuung der Lehramts-Studenten die Abbrecherquote zu verringern.
Brandt wurde auf dem Gewerkschaftstag mit 85,5 Prozent der Delegiertenstimmen im Amt als Landesvorsitzender der GEW bestätigt. Bei der letzten Wahl 2007 waren es lediglich 73 Prozent. Er war Anfang des Jahres in die Kritik geraten, weil ihm vorgeworfen wurde, als Gesamtschullehrer nicht die vorgeschriebene Zahl an Unterrichtsstunden unterrichtet zu haben. Ein gegen ihn eingeleitetes Disziplinarverfahren ist inzwischen eingestellt worden, weil ihm kein Fehlverhalten nachgewiesen werden konnte. Die GEW und die Landtagsopposition werfen der Regierung vor, das Verfahren sei eine Intrige gegen den Kritiker der Schulpolitik gewesen.
Brandt zeigte sich mit dem Verlauf des Gewerkschaftstages mit etwa 240 Delegierten zufrieden. Es sei das erste Mal gewesen, dass auch der Landeselternrat und der Verband Bildung und Erziehung an der Veranstaltung teilnahm. „In den letzten zwei Jahren ist da eine sehr enge Zusammenarbeit gewachsen.“
Beliebte Schüler sind später meist gesünder
Von afp/HAZ Online, 29.9.2009
Beliebte und leistungsstarke Schülerinnen und Schüler erfreuen sich einer Studie zufolge auch als Erwachsene einer besseren Gesundheit als Klassenkameraden am unteren Ende der Hackordnung.
Für die Studie wurden 14.000 Kinder untersucht. © ddp
Das geht aus einer in der Zeitschrift "Journal of Epidemiology and Community Health" veröffentlichten schwedischen Studie hervor, welche die Entwicklung von 14.000 Kindern des Jahrgangs 1953 von 1966 bis zum Jahr 2003 verfolgte.
Die Hierarchiestufe der Kinder wurde durch Fragen nach sozialen Bindungen in der Schule ermittelt. Den späteren Gesundheitszustand ihrer Testpersonen ermittelten die Wissenschaftler anhand von Daten aus der nationalen Kartei zur Erfassung von Krankenhausaufenthalten. Daraus ergab sich, dass bereits in der Kindheit Ausgegrenzte, neunmal häufiger Herzkrankheiten und viermal häufiger Diabetes aufwiesen. Zweimal größer als bei den Sympathieträgern war bei ihnen demnach das Risiko von Verhaltensstörungen und psychischen Erkrankungen. Die Daten stimmten bei Männern und Frauen überein. Faktoren wie Einkommen oder Bildung und Beschäftigung spielten laut Studie keine Rolle.
GEW-Chef reicht Wulff die Hand
„Nur gemeinsam kommt man aus der Hauptschulkrise“ / Tölle beharrt auf Entschuldigung
Von Saskia Döhner, HAZ 29.9.2009
Hannover. „Herr Wulff, kommen Sie aus der Sackgasse!“ Eberhard Brandt, der frisch wiedergewählte Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW,) hat Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) trotz der jüngsten Querelen aufgefordert, gemeinsam einen Weg aus der „Hauptschulkrise“ zu finden. Die Regierung könne weder die gesunkene Bereitschaft der Eltern ignorieren, ihre Kinder auf eine Hauptschule zu schicken, noch den demografischen Schülerrückgang, sagte Brandt bei der diesjährigen Landesdelegiertenkonferenz am Montag in Hannover. Er war mit 85,6 Prozent der Stimmen von den rund 280 Delegierten im Amt bestätigt worden. Bei der letzten Wahl in Bad Zwischenahn im Jahr 2007 hatte er rund 73 Prozent erhalten.
„Welchen Sinn hat es, eine Hauptschule mit 13 Schülern, nicht pro Klasse, sondern insgesamt, künstlich am Leben zu erhalten?“, fragte der GEW-Chef. Die von der Regierung angestrebte Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen werde das Problem nicht lösen. Eltern und Kommunen wünschten sich mehr Freiheit und Gesamtschulen als Alternative zum gegliederten System. „Es geht nicht darum, Gymnasien abzuschaffen“, betonte Brandt. Wichtig sei es aber, auch kleinere drei- und vierzügige Gesamtschulen zuzulassen. Bislang müssen neue Gesamtschulen mindestens fünf Klassen pro Jahrgang aufweisen. Brandt kritisierte vehement die Einführung des Turbo-Abiturs auch an Gesamtschulen.
Weit weniger versöhnlich als Brandt zeigte sich der Landesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Hartmut Tölle. „Das Dreiklassenwahlrecht ist überall abgeschafft, nur nicht in der Schulpolitik“, sagte er in seinem Grußwort. Das gegliederte System sei kinderfeindlich und gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte. Im Kern gehe es den Regierungsparteien nur darum, dass „diejenigen, die jetzt schon bevorteilt sind, es auch weiterhin bleiben sollen“. Wulffs Attacken gegen Brandt in der Landtagssitzung im August bezeichnete Tölle als persönliche Verunglimpfung. Die Gewerkschaften hatten vom Ministerpräsidenten eine Entschuldigung für seine „Wutrede“ gefordert. „Unser Brief ist bis jetzt unbeantwortet., aber wir werden nicht zur Tagesordnung übergehen.“
Elternratsvorsitzender Pascal Zimmer warb in seiner Rede für einen Bildungsgipfel. Man dürfe nicht nur in Legislaturperioden denken: „Wir Eltern haben es satt, dass unsere Kinder immer wieder zum Spielball der Politik werden.“ Er rügte die einsamen Entscheidungen von Ministerin Elisabeth Heister-Neumann. Aufmunternde Worte wie „Ihr schafft das schon“ reichten nicht, sagte Zimmer und bekam viel Beifall. An den Schulen sei die Stimmung miserabel, hieß es am Rande der Konferenz: „Da wird einerseits von Professionalität geredet“, schimpfte ein Pädagoge aus Oldenburg, „andererseits unterrichten am Gymnasium jetzt schon Studenten, die nicht mal das Erste Staatsexamen haben.“
Wollen auch kleinere Gesamtschulen: GEW-Chef Brandt (l.) und DBG-Vorsitzender Tölle.Petrow/dpa
„Sitzenbleiben ist teuer und unwirksam“
Studie: Niedersachsen muss für Klassenwiederholungen 51 Millionen Euro zahlen / „Eine Chance für Kinder“
Von Saskia Döhner, HAZ 25.9.2009
Chance oder Frusterlebnis? Über den Sinn des Sitzenbleibens streiten Experten. dpa
Hannover. Ministerpräsident Christian Wulff hat es getan, Justizminister Bernd Busemann (beide CDU), die frühere Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) auch, sogar der „Fernsehpfarrer“ Jürgen Fliege – ein Schuljahr zu wiederholen ist in Deutschland nichts Ungewöhnliches. Jahr für Jahr drehen insgesamt knapp 250 000 Schüler eine „Ehrenrunde“. Laut der Pisa-Studie wird in keinem anderen Land vom Sitzenbleiben so häufig Gebrauch gemacht wie in Deutschland: 23,1 Prozent der 15-Jährigen haben im Laufe ihrer Schulzeit schon mindestens einmal eine „Ehrenrunde“ gedreht.
Dabei ist Sitzenbleiben laut einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung nicht nur unwirksam, sondern auch teuer. Der Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm hat errechnet, dass Klassenwiederholungen die Länder insgesamt etwa eine Milliarde Euro kosten. Darunter fallen die Personalausgaben für die Schulen (Lehrerstellen), Verwaltungskosten, der laufende Sachaufwand und Investitionsausgaben.
Niedersachsen muss nach Klemms Berechnungen 51,6 Millionen jährlich fürs Sitzenbleiben ausgeben, obwohl die Wiederholerquote im Land mit von 2,4 Prozent leicht unter dem Bundesschnitt (2,6) liegt.
Die Zahlen wollte das Kultusministerium in Hannover gestern nicht kommentieren. Sprecher Andreas Krischat sagte nur: „Uns geht es nicht um eine finanzielle Betrachtung, sondern um eine Chance für die Kinder.“ Lehrer gingen sehr behutsam mit dem Instrument des Sitzenbleibens um. Die individuelle Förderung der Schüler stehe im Mittelpunkt. Wer eine Klasse wiederhole, könne den Unterrichtsstoff in einem langsameren Tempo noch einmal lernen. Bildungsforscher Klemm bezweifelt allerdings den pädagogischen Wert des Sitzenbleibens. Es sei unsinnig, dass ein Schüler, der in zwei Hauptfächern eine Fünf habe, ein Jahr lang auch den Stoff in den anderen Fächern noch mal wiederholen müsse. Die Leistungen verbesserten sich nicht. Viele Wiederholer gehörten schon zwei Jahre nach der „Ehrenrunde“ wieder zu den Schwächeren in der Klasse. Auch die im Klassenverbund bleibenden Schüler haben nach Klemms Untersuchung nichts davon, dass die Lerngruppe homogener wird.
Ina Korter, Bildungsexpertin der Grünen, fordert „eine Schule ohne Sitzenbleiben“. Die Schulen sollten selbst entscheiden können, ob sie aufs Sitzenbleiben verzichten. Heute berät der Landtag den Vorschlag der Grünen.
Einig für das gegliederte Schulsystem
CDU sagt gemeinsamem Unterricht den Kampf an / Sorgenkind Hauptschule
Von Saskia Döhner, HAZ 16.9.2009
Hannover. „Eine Schule für alle“ oder ein gegliedertes System mit Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien? Für Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann und die Bildungsexperten der Union, Karl-Heinz Klare und Karl-Ludwig von Danwitz, ist die Antwort klar: „Das gegliederte System leistet hervorragende Arbeit, jeder Schüler erhält die bestmögliche Förderung, und die Lehrer können sich auf das Lerntempo der Kinder einstellen.“ Die von der Opposition propagierte gemeinsame Schule bis zur 9-. oder 10. Klasse führe in eine Sackgasse, sind sich die meisten der Podiumsteilnehmer des schulpolitischen Forums der CDU-Landtagsfraktion am Montagabend in Hannover einig.
Zunächst erläutert Professor Fritz-Diedrich Neumann von der Universität Lüneburg, dass es in Deutschland ursprünglich nur ein zweigliedriges System aus Volksschulen und Gymnasien gab. Erst um 1870 seien die Realschulen hinzugekommen. Nach Ansicht des Berliner Erziehungswissenschaftler Rainer Lehmann hat sich das dreigliedrige Systems allerdings mittlerweile überholt: „Die Zukunft liegt in der Zweigliedrigkeit“, sagt der Professor, der an der Humboldt-Universität lehrt. Er verweist darauf, dass nur noch sechs der insgesamt 16 Bundesländer, darunter Niedersachsen, strikt am alten System festhalten. Bei den mehr als 200 Zuhörern stößt Lehmann mit seiner These aber auf wenig Zustimmung. Eines wird in der anschließenden Diskussion deutlich: Die Hauptschule bleibt das Sorgenkind des gegliederten Systems. „Wie sollen wir gute Schule machen, wenn nur noch zehn Prozent eines Jahrgangs zur Hauptschule gehen?“, fragt Rüdiger Strack, Leiter der Felix-Nussbaum-Schule in Walsrode. „Wir brauchen mindestens 20 Prozent eines Jahrgangs.“
GEW-Chef spricht von „1a-Freispruch“
Fronten im Fall Brandt immer verhärteter
Von Saskia Döhner, HAZ 15.9.2009
Hannover. Obwohl das Disziplinarverfahren gegen den Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eberhard Brandt, jetzt offiziell eingestellt worden ist, sind die Fronten verhärteter denn je. Dem Lehrerfunktionär war vorgeworfen worden, seine Unterrichtspflicht als Pädagoge an einer Wolfsburger Gesamtschule nicht erfüllt zu haben. Die Entscheidung der Landesschulbehörde, das Verfahren einzustellen, weil kein Dienstvergehen erwiesen sei, wertete Brandt am Freitag als „1a-Freispruch“. Er sagte: „Nun dürfen sich alle diejenigen entschuldigen, die in der Öffentlichkeit und im Parlament versucht haben, meinen guten Ruf mit ihrem Schwadronieren von angeblichem Schulschwänzen und anderen Dienstpflichtverletzungen zu schädigen.“
Von einem Freispruch erster Klasse sprach Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann gestern allerdings wohl bewusst nicht. Aus der Einstellungsverfügung gehe hervor, dass Brandt Unterricht nicht in vollem Umfang erteilt habe, sagte sie nach einer Sitzung des Kultusausschusses des Landtages. Ihm werde aber keine schuldhafte Dienstpflichtverletzung vorgeworfen. Die CDU-Politikerin betonte erneut, das Ministerium habe nicht die Schulbehörde angewiesen, ein Verfahren gegen Brandt einzuleiten. Wohl habe der damalige Staatssekretär Peter Uhlig die Schulbehörde gebeten, den Fall zu untersuchen. Und später habe das Ministerium auch gefordert, die ganze Sache schneller zu bearbeiten: „Aber es gab keinen inhaltlichen Eingriff.“
Die Schulbehörde in Braunschweig hatte nach Darstellung der Ministerin zunächst Bedenken gegen die Eröffnung eines Verfahrens, in der überordneten Zentralbehörde in Lüneburg habe man dies aber anders gesehen. Dem Vernehmen nach sollen sich in der dienstlichen Erklärung einer Mitarbeiterin allerdings Hinweise darauf finden, dass man sich auch in Lüneburg zunächst gesträubt hatte, ein Verfahren gegen Brandt einzuleiten, und erst auf Druck aus Hannover aktiv geworden sei. Dokumente, die dies belegen sollen, werden wahrscheinlich weiterhin vertraulich bleiben. Es gehe um die schutzwürdigen Interessen Dritter, hieß es im Ministerium. Die Opposition forderte erneut, die Vertraulichkeit für alle Akten aufzuheben: „Es kann nicht sein, dass Schlüsseldokumente nicht freigegeben werden“, sagte Frauke Heiligenstadt (SPD). Ina Korter (Grüne) kritisierte, dass das Ministerium sich auf formaljuristische Argumente zurückziehe („Aus Anweisungen werden Bitten“) und dem früheren Staatssekretär Uhlig die Verantwortung zuschiebe.
Karl-Heinz Klare (CDU) sah hingegen Heister-Neumann völlig entlastet und nannte die Kritik der Opposition „hirnverbrannt“. Im nächsten Kultusausschuss am 2. Oktober will auch Ministerpräsident Christian Wulff aussagen.
Hannover will neunte IGS gründen
Von Bärbel Hilbig, HAZ 8.9.2009
Hannover. Die Stadt Hannover will die Gründung neuer Integrierter Gesamtschulen stark vorantreiben. Zum August 2010 sollen voraussichtlich zwei weitere IGS zeitgleich an den Start gehen. Nachdem das Land Mitte vergangenen Jahres das Verbot von IGS-Neugründungen aufgehoben hatte, ermittelte die Stadtverwaltung in einer Umfrage unter allen damaligen Eltern von Grundschülern eine hohe Nachfrage. 44 Prozent der Eltern wünschten damals eine IGS für ihr Kind. Bis dahin gab es sechs Gesamtschulen, aktuell besucht rund ein Viertel der Fünftklässler eine IGS. In diesem August begann bereits die neue IGS Stöcken mit der Arbeit. Für 2010 ist eine weitere IGS in Badenstedt bereits beschlossen. Die Entscheidung über die neunte IGS soll dieses Jahr fallen.
Stadt plant neue IGS in Vahrenwald
Von Bärbel Hilbig, HAZ 8.9.2009
Hannover. Die Stadt will so schnell wie möglich eine weitere neue Integrierte Gesamtschule (IGS) auf den Weg bringen. „Wir sehen den Bedarf, und wenn zwei Schulen sich dazu zusammenfinden, machen wir das“, sagt Schuldezernentin Marlis Drevermann. Die Verwaltung will voraussichtlich schon im Oktober einen Standort für die dann neunte Gesamtschule im Stadtgebiet vorschlagen. Ein Ratsbeschluss könnte noch in diesem Jahr gefasst werden, damit die neue Schule möglichst bereits zum August 2010 startet – parallel zur IGS Badenstedt, deren Gründung schon beschlossen ist. Die IGS Stöcken begann bereits diesen Sommer mit der Arbeit. Bis Mitte vergangenen Jahres verhinderte das niedersächsische Schulgesetz die Gründung einer IGS. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es sechs IGS in Hannover, die allerdings der Nachfrage nicht gerecht werden konnten. Vor dem Gründungsverbot hatte zuletzt die IGS Kronsberg im Jahr 2001 ihre Arbeit aufgenommen. Das Land schreibt nun Kommunen vor einer Neugründung vor, ein stabiles Interesse der Eltern nachzuweisen. Die Stadt hatte deshalb im September vergangenen Jahres schriftlich alle Grundschuleltern befragt. 44 Prozent wünschten sich einen IGS-Platz für ihr Kind – wenn man dem folgt, sind drei neue Integrierte Gesamtschulen erforderlich. In Stöcken und Badenstedt gehen jeweils Hauptschule und Realschule gemeinsam in eine IGS über. Dieses Modell soll nun auch an dem dritten Standort verfolgt werden. Doch trotz des engen Zeitplans will die Verwaltung die jetzt beteiligten Schulen noch nicht nennen. Es gebe zwar erste Gespräche, aber Beschlüsse von Lehrerschaft und Schulvorstand stehen noch aus. Diesen Prozess wolle man nicht stören. Allerdings gibt es kaum Standorte, die infrage kommen. Das Land schreibt für eine neue IGS als Mindestgröße fünf Klassen pro Jahrgang vor. „Das ist für uns ein Handicap, denn wir können nicht neu bauen. Da, wo wir loslegen könnten, sind die Gebäude zu klein“, sagt Drevermann. In der Südstadt, wo Gustav-Stresemann-Realschule und Heinrich-Heine-Schule zusammengelegt werden sollen, hatten Eltern und Bezirksrat statt einer kombinierten Haupt- und Realschule eine IGS gefordert. Die Eltern zögen dieses Modell oft vor, da damit alle Bildungsabschlüsse offen blieben. „Ich weiß nicht, ob das Land sich auf Dauer solchen Argumenten der Menschen entziehen kann“, sagt Drevermann. Nach HAZ-Informationen soll die neue IGS in Vahrenwald entstehen – wenn Lehrer und Eltern dies befürworten. Dort liegen Karl-Jatho-Schule und Geschwister-Scholl-Realschule im Büssingweg direkt nebeneinander. Die Hauptschule hat nur eine fünfte Klasse mit elf Kindern bilden können, im sechsten Jahrgang gibt es ebenfalls nur eine Klasse mit zwölf Kindern. ?
Auslaufmodell Hauptschule
Drevermann: „Es geht um Kooperationen“ / Eltern wollen ihren Kindern alle Chancen offenhalten
Von Bärbel Hilbig, HAZ 8.9.2009
Hannover. An der Karl-Jatho-Schule hatten zunächst nur fünf Familien ihre Kinder für die fünfte Klasse der Hauptschule angemeldet. Die Zahl stieg bis zum Beginn dieses Schuljahres noch auf elf Schüler. Offiziell bilden diese Fünftklässler gemeinsam mit den zwölf Sechstklässlern eine Kombiklasse. Diese Regelung hat das Kultusministerium eigentlich für Zwergschulen auf dem flachen Land vorgesehen, um dort überhaupt ein Schulangebot aufrechtzuerhalten. Die Lehrer der Karl-Jatho-Schule unterrichten die Fünft- und Sechstklässler dennoch in zwei Gruppen, auch wenn die Zahl der Unterrichtsstunden nicht darauf ausgelegt ist. Erst ab dem siebten Jahrgang hat die Schule jeweils zwei Klassen.
Die Schüler strömen in die Gesamtschulen: Die Stadt will kommendes Jahr die achte und neunte IGS gründen.
Die Situation ist auch für andere Hauptschulen nicht untypisch. Eltern versuchen, ihre Kinder möglichst lange von dem Schultyp, der vermeintlich keine Chancen bietet, fernzuhalten. In Hannover konnten auch die anderen Hauptschulen im fünften Jahrgang zum Teil nur eine Klasse bilden. Dabei gibt es nur noch sechs echte Hauptschulen, die überhaupt neue Fünftklässler aufgenommen haben, und daneben drei kombinierte Haupt- und Realschulen. Eine Hauptschule in Bemerode steht kurz vor der Schließung, eine andere (in Stöcken) geht nach und nach in der neuen IGS auf.
„Ich kann mir nicht vorstellen, die Zahl der Hauptschulen so stark zu schrumpfen, dass zum Schluss nur noch eine übrig bleibt“, betont Schuldezernentin Marlis Drevermann. Doch die Stadt strebt seit einiger Zeit die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen an, damit die Hauptschulen auf diesem Weg gestützt werden. „Es geht um Kooperationen. Integrierte Gesamtschulen sind dabei eine Möglichkeit, kombinierte Haupt- und Realschulen eine andere“, sagt Drevermann.
Der Rat hatte deshalb bereits Ende 2007 die Fusion mehrerer Hauptschulen mit Realschulen beschlossen. Dieser Prozess ist jedoch ins Stocken geraten. Nur in Ahlem fanden die beiden Schulen auf diesem Weg zusammen. In Stöcken und Badenstedt zogen es Eltern und Lehrer vor, gleich einen Schritt weiterzugehen: Dort entwickeln sich zwei neue Gesamtschulen. „Wenn Schulen zur Haupt- und Realschule werden sollen, ist dieser Wunsch schnell da. Die Eltern empfinden das als konsequenter“, sagt die Schuldezernentin.
In Bothfeld und Ricklingen/Oberricklingen liegen die beiden bereits vom Rat beschlossenen Schulfusionen von Hauptschule und Realschule auf Eis. Die Landesschulbehörde hat bisher ihre Zustimmung verweigert. „Die Schülerzahlen sind dort auch noch so hoch, dass man die Schulen nicht zusammenlegen muss“, sagt Heike Rudolph, stellvertretende Leiterin des Fachbereichs Schule. Für eine IGS-Neugründung sind beide Standorte allerdings nicht geeignet. Im Schulzentrum Bothfeld reicht der Platz für die vom Land vorgeschriebene IGS mit fünf Klassen pro Jahrgang nicht aus. Und die Peter-Ustinov-Schule in Ricklingen könnte sich gemeinsam mit der Johannes-Kepler-Realschule in Oberricklingen nur dann zur IGS entwickeln, wenn ein Gebäude zur Außenstelle wird. „Eine vergleichbare Variante würde aber nur genehmigt, wenn es ganz klar eine Übergangslösung ist“, sagt Rudolph.
Auch die Stadt will nun mit der weiteren Zusammenlegung von Hauptschulen und Realschulen zunächst warten. Wenn im August 2010 tatsächlich zwei weitere Integrierte Gesamtschulen starten, wird dies Auswirkungen auf die Anmeldezahlen an Hauptschulen, Realschulen und wohl auch Gymnasien haben. „Wir werden die Entwicklung dann wieder mit den Wünschen der Eltern abgleichen und dem Land neue Vorschläge machen“, sagt Schuldezernentin Drevermann. In der Südstadt hat die Landesschulbehörde der unter Eltern von Realschülern heftig umstrittenen Zusammenlegung der Heinrich-Heine- mit der Gustav-Stresemann-Schule allerdings inzwischen zugestimmt.
Schülerzahlen steigen
In Hannover werden die Schülerzahlen in den nächsten Jahren voraussichtlich nicht zurückgehen, sondern wahrscheinlich noch ansteigen. „Ich freue mich natürlich, wenn ich keine Schulen schließen muss“, sagt Schuldezernentin Marlis Drevermann. Die Stadt hat die aktuellen Einwohnerzahlen ausgewertet und dabei die Anzahl der bereits geborenen, aber noch nicht eingeschulten Kinder betrachtet. Wenn alles gut läuft, könnte es nach diesen Daten zum Schuljahresbeginn 2014/15 gut 700 Erstklässler mehr geben als jetzt.
In diesem August wurden 4100 Kinder in Hannover eingeschult. Im kommenden Jahr ist mit 180 zusätzlichen Schulanfängern zu rechnen. In den darauf folgenden Jahren steigt die Zahl weiter an.
„Leider profitiert Marienwerder nicht von dieser Entwicklung“, sagt Drevermann. Dort hatte die Stadt die Grundschule bereits einmal infrage gestellt. Die Zuwächse werden offenbar vor allem in verdichteten Stadtgebieten mit hoher Einwohnerzahl oder in Neubaugebieten wie Limmer registriert. „Wir sind froh, dass wir nicht zu viele Schulgebäude vorzeitig aufgegeben haben“, sagt die Schuldezernentin.
Allerdings gibt es bei dem Datenwerk einige Unwägbarkeiten. So ziehen in der Regel einige Familien in den Jahren vor der Einschulung aufs Land. (bil)
Schulreform
CDU und FDP setzen Turbo-Abi durch
Bildungssprecherin erklärt ihren Rücktritt / Unklarheit über Lehrerversorgung im August
Von Klaus Wallbaum, HAZ 6.9.2009
In dem seit Wochen tobenden Schulstreit in Niedersachsen hat die CDU/FDP-Koalition am Dienstag Fakten geschaffen: Integrierte Gesamtschulen (IGS) sollen künftig – ebenso wie die Gymnasien – das Abitur nach Klasse zwölf ermöglichen.
Legt ihr Amt nieder: CDU-Sprecherin Ursula Körtner. © Christian Behrens
Einen Gesetzentwurf, der noch im Juni im Landtag beschlossen werden soll, billigten am Dienstag beide Regierungsfraktionen ohne Gegenstimme. Gegen die Schulzeitverkürzung an der IGS hatte es erbitterte Proteste gegeben, unter anderem von Christdemokraten aus der Stadt Hannover.
Die Fraktionschefs von CDU und FDP, David McAllister und Jörg Bode, senden derzeit zugleich Verständigungssignale aus. So wird das Turbo-Abi an den IGS erst zum Sommer 2010 eingeführt. Auf diese Weise haben die Schulen Zeit für die Umstellung, wenn sie ab Klasse sechs die zweite Fremdsprache anbieten und ab Klasse sieben leistungsstärkere Schüler in Sonderkursen unterrichten. Auch die von der Koalition anvisierte Ausdünnung des Lehrerangebots an den 90 „Vollen Halbtagsschulen“, das sind bislang privilegierte Grundschulen, soll erst von 2010 an wirken. Anhänger der „Halbtagsschulen“ hatten zuvor gegen die Pläne protestiert.
Trotz der Friedensangebote an Kritiker wurde die Fraktionssitzung am Dienstag von einem Rücktritt überschattet: CDU-Bildungssprecherin Ursula Körtner aus Bad Pyrmont erklärte ihren Amtsverzicht – ohne Angabe von Gründen. Vergangene Woche war sie mit Ministerpräsident Christian Wulff aneinander geraten. Während Wulff für rasche Beschlüsse eintrat, soll Körtner gebremst haben. Wulff hielt den Bildungspolitikern der Koalition vor, mit immer wieder neuen Vorschlägen die Stimmung an den Schulen zu trüben. Dies nehme Körtner persönlich, sagen Weggefährten.
Die Atmosphäre in der Koalition ist auch deshalb angespannt, weil die Wirkung des im März beschlossenen „Notpaketes“ ungewiss ist. Mit 13 verschiedenen Schritten (mehr Feuerwehrlehrer, weniger Genehmigung von Teilzeitanträgen, mehr Unterrichtsverpflichtung für Referendare) will die Regierung den von August an drohenden Mangel von 1200 Lehrern ausgleichen, der wegen der Einlösung alter Arbeitszeitkonten entsteht. Ob das klappt, ist fraglich – zumal sich bei der derzeitigen Suche nach neuen Lehrern schon abzeichnet, dass man nicht genügend Bewerber für Mangelfächer (Physik, Chemie, Latein) findet. Manche in der Koalition werden ungeduldig, denn das neue Schuljahr startet bereits in drei Monaten. Ein Vorschlag lautet, man solle den Schulleitern jeweils ein festes Budget geben, damit diese notfalls Honorarkräfte engagieren. Allerdings wird dafür die Zeit knapp. Schon Ende Juni beginnen die Sommerferien.
KOMMENTAR VON KLAUS WALLBAUM:
Ein Flächenbrand
Die CDU/FDP-Koalition in Niedersachsen muss sich fühlen wie ein kleiner Feuerwehrlöschzug, der einen riesigen Waldbrand bekämpfen will. Kaum ist an einer Ecke ein Feuer gelöscht, da bricht an der nächsten ein viel größeres aus. So ist es gestern zunächst gelungen, einige Brandherde einzudämmen: Die Integrierten Gesamtschulen bekommen eine Übergangsfrist und müssen erst zum Schuljahr 2010 das Turbo-Abi einführen. Das verschafft ihnen ein wenig Luft. Ein Zeichen der Beruhigung ist außerdem, dass der emotional geführte Streit mit dem Vorsitzenden der größten Gewerkschaft, der GEW, endlich auf den Boden der Vernunft kommt. Die Regierung hatte ihn bezichtigt, seine Unterrichtsverpflichtung als Lehrer nicht erfüllt zu haben. Gestern nun wurde der Antrag des GEW-Chefs auf Teilzeit genehmigt – das könnte ein erster Schritt zu einem sachlicheren Dialog zwischen Koalition und Lehrergewerkschaft werden.
Aber trotz dieser versöhnlichen Zeichen stehen der Koalition die größten Gefahren noch bevor: Im neuen Schuljahr, das schon in drei Monaten beginnt, droht ein dramatischer Lehrermangel, vor allem an den Gymnasien. Viel deutet darauf hin, dass die Notmaßnahmen der Regierung kaum helfen werden. Die Koalition wirkt ratlos, noch dazu ist die Stimmung in den Lehrerkollegien der Schulen schlecht – und die Abgeordneten in den Wahlkreisen bekommen es ständig zu hören. Der Rücktritt der CDU-Bildungssprecherin zeigt, wie blank die Nerven bei den Verantwortlichen inzwischen liegen.
Die Feuerwehr lässt keine Strategie erkennen – während der Waldbrand zum Flächenbrand wird.
Alle Lehrer sind noch nicht da
Von Saskia Döhner, HAZ 6.9.2009
In diesem Schuljahr treten 2473 Lehrer in Niedersachsen ihren Dienst an - doch jeder vierter Pädagoge kann erst zum 1. November kommen. Die drei Monate dazwischen müssen die Schulen überbrücken. Besonders betroffen sind die Gymnasien, wo von 1175 neuen Lehrern 418 verspätet anfangen.
Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) © Ralf Decker
„Es gibt viele Möglichkeiten, die Lücke zu füllen“, sagte Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) am Mittwoch vor Journalisten in Hannover. Man könne Aushilfslehrer einstellen oder vorhandene Lehrkräfte könnten kurzfristig mehr arbeiten.
Manche Schulen greifen auch auf ungewöhnliche Methoden zurück, wie etwa das Stader Vincent-Lübeck-Gymnasium, das per Anzeige nach Aushilfslehrern für Deutsch und Geschichte sucht. Dort können sich nicht nur Quereinsteiger und Hochschulabsolventen, sondern auch „Freunde und Ehemalige der Schule“ bewerben, heißt es.
Ein Viertel der neuen Lehrer in Niedersachsen stammt aus anderen Bundesländern. Während die Ministerin dies als einen Beleg dafür sieht, wie attraktiv Niedersachsen für junge Pädagogen ist, sprach der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eberhard Brandt, von mangelnder Nachwuchsplanung. „Gerade an den Gymnasien kommen zu wenig junge Lehrer nach, das wird nach 2011 zu einem Riesenproblem werden.“
Die Ministerin verwies auf den Ausbau der Referendarsplätze auf nunmehr 5900 und die Einrichtung von fünf neuen Außenstellen an den Studienseminaren. „Jetzt können wir auch in Gegenden Lehrer ausbilden, wo das bislang nicht möglich war, damit bieten sich auch für die dortigen Schulen Chancen, Bewerber für freie Stellen zu finden. Denn viele angehende Lehrer wollen an der Schule bleiben, wo sie ausgebildet worden sind“, sagte Heister-Neumann.
In der Vergangenheit war aber wiederholt von Lehrernachwuchsorganisationen wie den Jungen Philologen Kritik an der unzureichenden Ausstattung der Außenstellen laut geworden. Für die Kultusministerin ist das Maßnahmenbündel zur Sicherung der Unterrichtsversorgung „ein Erfolg“. So seien durch freiwillige Reduzierung der Teilzeit 2000 und durch den Wechsel ins Blockmodell bei der Altersteilzeit 4250 Lehrerstunden gewonnen worden. Die Opposition sieht das ganz anders. SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt kritisierte am Mittwoch: „Heister-Neumann hat das System ausgepresst wie eine Zitrone – und das bis auf den letzten Tropfen.“
Anders als die Regierung befürchtet die Opposition weiterhin, dass viele Stunden ausfallen werden. Ina Korter (Grüne) sagte: „Von einer Unterrichtsgarantie ist die Landesregierung weiter entfernt denn je,“ Die Ministerin wurstele sich mehr schlecht als recht durch. „Die Stümperei geht weiter.“
Abi nach 12 Jahren
Volksbegehren will längere Schulzeit durchsetzen
Von lni, HAZ 5.9.2009
Eltern befürchten eine Überlastung ihrer Kinder durch die Verkürzung des Schulzeit auf 12 Jahre. Deshalb haben Elternschaften aus Hannover, Göttingen, Oldenburg und Braunschweig ein Volksbegehren auf den Weg gebracht.
Eltern befürchten eine Überlastung ihrer Kinder durch die Verkürzung des Schulzeit auf 12 Jahre. © ddp
Niedersächsische Gymnasien und Gesamtschulen sollen nach Ansicht von Elternvertretern selber darüber entscheiden können, ob sie das Abitur nach sieben oder acht Jahren wollen. Mit diesem Ziel hätten Elternschaften aus Hannover, Göttingen, Oldenburg und Braunschweig ein Volksbegehren auf den Weg gebracht, sagte die Vorsitzende des Braunschweiger Stadtelternrats, Regina de Rose, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Gegen die Verkürzung der Schulzeit für Abiturienten von 13 auf 12 Jahre gibt es Widerstand, vor allem weil Eltern eine Überlastung ihrer Kinder durch den komprimierten Unterrichtsstoff fürchten.
„Es gibt auch Elite-Schulen, die sagen, sie würden sogar das G6 anbieten“, sagte de Rose. Man müsse es aber jeder Schule selbst überlassen zu entscheiden, ob das machbar sei oder nicht. „Was wir damit auch erzielen wollen ist, dass die Realschulen wieder attraktiver werden.“ Mit einem vernünftigen Abschluss könnte man dann wieder ganz bequem ans Gymnasium wechseln.“ Nach der G8-Regelung müssen Realschul-Absolventen, die das Abitur anstrebten, die zehnte Klasse am Gymnasium wiederholen.
Ein weiteres Ziel des Volksbegehrens ist es, die Gründung von Integrierten Gesamtschulen (IGS) zu erleichtern. Die bisherige Vorgabe, dass es mindestens fünf Klassen pro Jahrgang geben muss, soll nach dem Willen der Elternvertreter auf vier herabgesetzt werden. „Damit wird es auch möglich, an Standorten, die ein bisschen weiter draußen liegen, Gesamtschulen zu gründen.“
Mindestens 25.000 Unterschriften müssen binnen sechs Monaten zusammenkommen, damit das Begehren überhaupt zugelassen wird. Insgesamt müssen dann nach einem weiteren halben Jahr 600.000 Unterschriften vorliegen, um den Gesetzentwurf bei der Landesregierung einzureichen. Dies ist ein logistischer Kraftakt, für den die Elternvertreter gerüstet sind: „Unsere Möglichkeit ist, die Kreis- und Stadtelternräte ins Boot zu holen, über das Thema zu informieren und zu sehen, ob die in ihren Gemeinden Büros einrichten.“
Sollte die Initiative an formalen Hürden scheitern, will sie aber nicht aufgeben: „Wir planen schon den nächsten Bildungsstreik für November.“
Eltern starten Volksbegehren gegen Turboabi
600 000 Unterschriften müssen zusammenkommen
Braunschweig (lni). Niedersächsische Gymnasien und Gesamtschulen sollen nach Ansicht von Elternvertretern selber darüber entscheiden können, ob sie das Abitur nach acht oder neun Jahren wollen. Mit diesem Ziel haben Eltern aus Hannover, Göttingen, Oldenburg und Braunschweig ein Volksbegehren auf den Weg gebracht. Das teilte die Vorsitzende des Braunschweiger Stadtelternrats, Regina de Rose, am Wochenende mit. Gegen die Verkürzung der Schulzeit für Abiturienten von 13 auf zwölf Jahre gibt es Widerstand, vor allem weil Eltern eine Überlastung ihrer Kinder durch den komprimierten Unterrichtsstoff fürchten.
„Was wir mit dem Volksbegehren auch erzielen wollen, ist, dass die Realschulen wieder attraktiver werden“, sagte de Rose. Mit einem vernünftigen Abschluss könnte man dann wieder ganz bequem ans Gymnasium wechseln.“ Nach der „G8“- Regelung müssen Realschulabsolventen, die das Abitur anstrebten, die zehnte Klasse am Gymnasium wiederholen.
Ein weiteres Ziel des Volksbegehrens ist es, die Gründung von Integrierten Gesamtschulen zu erleichtern. Die bisherige Vorgabe, dass es mindestens fünf Klassen pro Jahrgang geben muss, soll nach dem Willen der Elternvertreter auf vier herabgesetzt werden. „Damit wird es auch möglich, an Standorten, die ein bisschen weiter draußen liegen, Gesamtschulen zu gründen.“ Mindestens 25 000 Unterschriften müssen binnen sechs Monaten zusammenkommen, damit das Begehren überhaupt zugelassen wird. Insgesamt müssen dann nach einem weiteren halben Jahr 600 000 Unterschriften vorliegen, um den Gesetzentwurf bei der Landesregierung einzureichen. Dies ist ein logistischer Kraftakt, für den die Elternvertreter gerüstet sind: „Unsere Möglichkeit ist, die Kreis- und Stadtelternräte ins Boot zu holen, über das Thema zu informieren und zu sehen, ob die in ihren Gemeinden Büros einrichten.“
Studie: Sitzenbleiben teuer und wirkungslos
Gütersloh (ap). Sitzenblieben ist laut einer Bertelsmann-Studie teuer und unwirksam. Knapp eine Milliarde Euro geben die Bundesländer jährlich für schulische Ehrenrunden aus, wie der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung errechnet hat. Eine Leistungsverbesserung bleibe bei den meisten Klassenwiederholern aus. Die Stiftung forderte daher, das Sitzenbleiben auf einzelne Ausnahmen zu beschränken und schwächelnde Schüler stattdessen verstärkt individuell zu fördern. Die Milliarde, die das Sitzenbleiben jährlich koste, könne besser investiert werden.
Auszeichnung
Jakob-Muth-Preis für IGS Linden
Von Bärbel Hilbig, HAZ 31.8.2009
Hannover. Schulleiter Christoph Walther kann stolz sein: Seine Schule, die Integrierte Gesamtschule (IGS) Linden, bekommt am Montag in Berlin einen Preis für die besonders gute Einbeziehung behinderter Kinder.
Am Wochenende mussten einige Schüler, die gerade erst von einer Woche Klassenfahrt mit Waldarbeit wiedergekommen sind, noch kräftig üben – denn sie treten heute bei der Verleihung des Jakob-Muth-Preises in der vornehmen Bertelsmann-Dependance in der Straße Unter den Linden in Berlin auf. Das Zirkus- und Theaterstück haben die Kinder in den Ferien selbst in der Sommerschule der IGS erarbeitet.
Gleichheit und Unterschiede: Valentina Dedinca (rechts) und ihre Mitschüler haben die eigene Biografie erkundet und in Schuhkartons dargestellt. © Martin Steiner
„Ich denke, dass wir den Preis auch für solche Projekte bekommen, in denen Kinder mit unterschiedlicher Leistungsfähigkeit mitarbeiten können“, sagt Schulleiter Walther. Dabei hat die Sommerschule vordergründig nicht speziell mit der Integration Behinderter zu tun. Dort üben einige Schüler mit Studenten in den Ferien Deutsch und Mathe, Kinder, von denen einige nach sechs Wochen Sommerpause ohne viel Anregung im Elternhaus sonst vielleicht vollends ins Hintertreffen geraten würden. Das Ferienprogramm mit Theaterarbeit und gemeinsamem Essen erscheint so attraktiv, dass sich auch Schüler dafür melden, die einfach die Gemeinschaft suchen.
Formal betrachtet engagiert sich die IGS Linden seit 1996 bei der Integration behinderter Kinder, meist sind das Schüler mit Lern- oder Verhaltensstörungen, aber auch geistig Behinderte. Förderschüler aus den Integrationsklassen der Grundschule am Lindener Markt können ihre Schullaufbahn gemeinsam mit ihren nicht behinderten Mitschülern an der IGS fortsetzen. Das ist eine Besonderheit. In Hannover gibt es zwar einige integrativ arbeitende Grundschulen. Danach können Kinder mit Verhaltens- oder Lernstörungen, mit körperlichen oder geistigen Handicaps aber nur im Einzelfall die Regelschule besuchen.
Eine Ausnahme bildet noch die IGS Roderbruch, die speziell auf Körperbehinderte eingestellt ist. An der IGS Linden haben 6,5 Prozent der insgesamt 1400 Schüler einen diagnostizierten sonderpädagogischen Förderbedarf. Die Schule verfügt über zwölf Integrationsklassen, in der Sekundarstufe I sind das pro Jahrgang zwei von sechs Klassen.
Doch die Ansprüche der Lehrer reichen über diese Integrationsklassen hinaus. Die Förderlehrer versuchen, nicht nur die Kinder in den Blick zu nehmen, für die sie eingesetzt sind. „Aber in Deutschland bekommt eine Schule einen Sonderpädagogen nur stundenweise für ein bestimmtes Kind zugeteilt, das quasi als Förderschüler abgestempelt ist“, sagt der Schulleiter. Doch manchmal lassen Eltern ihre Kinder nicht überprüfen, gerade wegen des „Stempels“. „Wir geraten immer wieder an unsere Grenzen. Manche sozusagen normalen Schüler sind verhaltensauffälliger als jedes anerkannte Förderkind“, sagt Förderlehrerin Undine Krauße-Arnecke.
Die Klassenlehrer der Gruppen, die nicht als Integrationsklasse definiert sind, bestätigen das. „Wir haben auch in unseren Klassen zum Teil sehr lernschwache und verhaltensschwierige Schüler“, sagt Eleana Reuter, die zurzeit eine achte Klasse betreut. In manchen Familien wirken Armut, Arbeitslosigkeit oder eine mit Schwierigkeiten behaftete Einwanderungsgeschichte der Eltern belastend auf die Kinder. Die Lehrer setzen Unterrichtskonzepte dagegen, in denen Schüler zum Beispiel im Projektunterricht je nach Leistungsfähigkeit ganz unterschiedlich gefordert sind.
Der Jakob-Muth-Preis, den die IGS heute bekommt, würdigt sogenannte inklusive Schulen, die auch Kinder mit Handicaps nicht ausschließen. „Es geht bei der Inklusion um die Einbeziehung aller Kinder, die unter besonderen Schwierigkeiten groß werden“, definiert Schulleiter Walther es für sich. Er sieht seine Schule erst auf dem Weg dahin. Der Preis soll helfen, weiter politisch zu trommeln. Ein Ziel wäre zum Beispiel, die Förderschullehrer fest an der Schule zu verankern, sodass sie nicht mehr alle zwei Jahre ihren Einsatz abhängig von der Zahl der Förderschüler neu beantragen müssten. Christoph Walther verdeutlicht den Unterschied am Beispiel Finnlands. Dort bekämen 25 Prozent aller Kinder in einer bestimmten Phase, in der sie es brauchen, sonderpädagogische Förderung. „Bei uns im Deutschland gibt es nur sechs Prozent Förderschüler. Aber sie bleiben es dann meist auch die ganze Schulzeit hindurch und kommen aus der Spezialschule nicht hinaus.“
SPD scheitert mit Resolution zur Unterrichtsversorgung an KGS
Von Achim Gückel, HAZ 28.8.2009
Sehnde. Die SPD im Sehnder Rat ist mit ihrem Wunsch nach einer Resolution für eine 100-prozentige Unterrichtsversorgung an der Kooperativen Gesamtschule (KGS) gescheitert. Die CDU/FDP-Mehrheit lehnte das Ansinnen der Opposition ab.
Die Kooperative Gesamtschule in Sehnde. © HAZ
Es gebe in Niedersachsen keine Benachteiligung des gymnasialen Zweigs an einer KGS gegenüber einem regulären Gymnasium, sagte CDU-Ratsherr Stephan Langer in der Ratssitzung am Mittwochabend. Für beide gelte bei der Lehrerversorgung die Zielzahl von 99,5 Prozent, legte der Christdemokrat dar. Das sei in den entsprechenden Erlassen nachzulesen. „Die KGS ist nicht schlechter gestellt. Daher greift die Resolution der SPD ins Leere“, sagte Langer.
Er betonte allerdings, dass die CDU/FDP-Gruppe im Rat „stolz auf die KGS“ sei und deren Interessen stets verteidige. Die SPD hatte in ihrem Resolutionsvorschlag die Landesregierung aufgefordert, unverzüglich für eine „echte 100-prozentige Unterrichtsversorgung“ an der KGS zu sorgen. Es könne nicht sein, dass die Schulform gegenüber dem dreigliedigen Schulsystem benachteiligt werde. „Wir sehen eine Schlechterstellung der Gesamtschulen. Egal, wer die Landesregierung stellt: Wir müssen in Sehnde klarmachen, dass wir das nicht hinnehmen“, sagte SPD-Fraktionschef Wolfgang Toboldt im Rat.
Eine Mehrheit fand das Ansinnen der SPD nicht. Christdemokrat Langer schlug stattdessen eine abgewandelte Form der Resolution vor, in der es unter anderem heißt, dass der Rat zur Kenntnis nimmt, dass die Zielzahl bei der Unterrichtsversorgung am Gymnasialzweig einer KGS in Niedersachsen nicht anders ist als an einem regulären Gymnasium. Dieser Formulierung stimmte die Mehrheit aus CDU/FDP-Gruppe zu. SPD, Grüne und Linkspartei lehnten sie ab. Grünen-Ratsherr Simon Beneke bezeichnete die Resolution als „wertlos“.
Wulff attackiert GEW-Chef
Von Michael B. Berger, HAZ 27.8.2009
Hannover. In ungewöhnlich scharfer Form hat gestern Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) in die Debatte um den GEW-Vorsitzenden Eberhard Brandt eingegriffen, den die Opposition als Opfer einer politischen Intrige sieht. Wulff attackierte Brandt in einer Landtagsdebatte persönlich: „Wir lassen uns nicht von jemandem, der nicht eine einzige Stunde Unterricht erteilt hat, vorwerfen, nicht alles zu tun, um den Unterrichtsausfall zu stoppen“, sagte Wulff – und löste damit fast tumultartige Szenen aus. Wulff bestätigte zugleich, dass das gegen Brandt eingeleitete Disziplinarverfahren eingestellt werde. Der GEW-Chef gilt als scharfer Kritiker der Schulpolitik der Landesregierung. Das Disziplinarverfahren gegen ihn stand im Mittelpunkt der Landtagssitzung.
SPD, Grüne und die Linke forderten die Entlassung von Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU), scheiterten damit aber an der Landtagsmehrheit von CDU und FDP. Die Opposition bleibt bei ihrem Vorwurf, die Ministerin habe mit dem Verfahren einen politischen Gegner mundtot machen wollen. Das Disziplinarverfahren war Ende April eingeleitet worden, kurz nachdem Einzelheiten darüber im Magazin „Focus“ veröffentlicht worden waren. SPD-Chef Wolfgang Jüttner sagte, die Ministerin habe „den Landtag kontinuierlich angelogen“ – ein Vorwurf, dem Heister-Neumann sowie Vertreter von CDU und FDP energisch widersprachen. Die SPD überlegt, ob sie wegen der Affäre um das Disziplinarverfahren einen Untersuchungsausschuss fordert.
KOMMENTAR von Michael B. Berger
Böses Spiel
Christian Wulff hat gestern im Landtag die gesamte Opposition sprachlos gemacht. Während sich seine glücklose Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann mit Entlassungsanträgen wegen eines mehr als merkwürdigen Disziplinarverfahrens gegen den Gewerkschafter Eberhard Brandt herumschlagen musste, knöpfte sich der Ministerpräsident in bester Stammtischmanier den GEW-Mann vor. Er beschimpfte ihn. So etwas nennt man Chuzpe – eine wohlkalkulierte Dreistigkeit. Wulff ist nach dem simplen Motto verfahren, dass Angriff noch immer die beste Verteidigung sei. So simpel das Motto ist, so schamlos ist sein Verhalten. Denn während der vorangegangenen Diskussion hatte die Regierung Wulff alt ausgesehen. Es gibt noch zu viele Ungereimtheiten in der Affäre um das Disziplinarverfahren, von dem der GEW-Mann erst aus der Zeitung erfahren hat. Denn eingeleitet wurde das Verfahren erst, nachdem die Geschichte vom angeblich faulen Studienrat, der Stunden geschwänzt haben soll, bereits in einem bundesweit erscheinenden Nachrichtenmagazin erschienen war. Man darf Brandt getrost unterstellen, dass er an der Verbreitung solcher Nachrichten keinen Gefallen fand. Da waren also Dunkelmänner am Werk, die den nervigen Gewerkschafter diskreditieren wollen. Wulff hat jetzt aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht – zur Freude der eigenen Fraktionsmitglieder. Doch die überraschende Hassattacke wirkt irritierend, nicht nur für die Opposition. SPD, Linke und Grüne haben gestern gefordert, dass die Regierung die Karten endlich offenlegt und die Vertraulichkeit über die Personalakte Brandt beendet. Ein solcher Schritt ist überfällig. Denn die Vertraulichkeit, auf die sich die Regierungsvertreter berufen, schützt nicht den attackierten Gewerkschafter, sondern diejenigen, die ein böses Spiel mit ihm treiben wollten.
Wulffs Gegenangriff soll die Ministerin entlasten
Widersprüche im Disziplinarverfahren? Die CDU will lieber über die Versäumnisse des GEW-Vorsitzenden reden
Von Klaus Wallbaum, HAZ 27.08.2009
Hannover. Zwei Stunden lang scheint es zunächst, als blieben CDU und FDP ihrer für diesen Tag gewählten Devise treu: Sie wollen den Streit um das merkwürdige Disziplinarverfahren gegen den Lehrer und GEW-Vorsitzenden Eberhard Brandt tiefer hängen. Ministerpräsident Christian Wulff sitzt still auf seinen Platz, liest Akten und wirkt unbeteiligt, während sich die Opposition zunehmend in Rage redet. Und die Koalition schickt zunächst nur Redner aus hinteren Stuhlreihen nach vorn.
Wenige wissen zu diesem Zeitpunkt, dass der Ministerpräsident kurz vor Ende der Debatte noch mit einer überraschenden Zuspitzung aufwarten will – einem Frontalangriff auf den Gewerkschaftschef Brandt, der ebenso unerwartet wie drastisch ausfällt.
Ein Ablenkungsmanöver? Ein Zeichen der wachsenden Gereiztheit? In der Koalition hatte man in den vergangenen Tagen gemerkt, wie sehr CDU und FDP in diesem Streit in die Defensive geraten sind. Im April war ein Disziplinarverfahren gegen Brandt eingeleitet worden, weil dieser als teilweise freigestelltes Personalratsmitglied seiner Unterrichtsverpflichtung nicht nachgekommen war. Inzwischen scheint Brandt von den Vorwürfen entlastet zu sein, das Verfahren steht wohl kurz vor der Einstellung. Aber SPD, Grüne und Linke mutmaßen, Ministerin Elisabeth Heister-Neumann habe gegen den Rat der Landesschulbehörde auf dem Vorgehen gegen den Regierungskritiker Brandt bestanden, Anweisungen erteilt und den Landtag später über ihre Initiatorenrolle in diesem Fall getäuscht. Deshalb solle sie entlassen werden, fordert die Opposition.
„Das sind unhaltbare Zustände“, schimpft SPD-Chef Wolfgang Jüttner. Politik sei eben „ein schmutziges Geschäft“, ergänzt Christa Reichwaldt (Linke), und Ina Korter (Grüne) mutmaßt, ein Gewerkschaftsfunktionär habe eingeschüchtert werden sollen.
Die Koalition spielt den Fall zunächst herunter. Karl-Ludwig von Danwitz will witzig wirken und meint, der einzige Brandherd der Ministerin sei „ihr Feuereifer in der Bildungspolitik“. Dann erläutert CDU-Fraktionsvize Karl-Heinz Klare unter starkem Applaus seiner Fraktion, dass ein Disziplinarverfahren bei jedem Lehrer zwangsläufig sei, der seiner Unterrichtsverpflichtung nicht nachkomme. Im Übrigen belegten die vertraulichen Akten, dass die Landesschulbehörde selbst, ohne Einflussnahme der Ministerin, die nötigen Schritte in Gang gesetzt habe.
Diese Auffassung wird allerdings bestritten. Einige Teile der Akte, die öffentlich wurden, legen den Verdacht der politischen Steuerung des Verfahrens nah. Und der Redebeitrag von Björn Försterling (FDP) klingt dann auch merkwürdig. Es gebe in der Landesschulbehörde Meinungsverschiedenheiten, meint der Liberale und fügt dann den sibyllinischen Satz hinzu: „Wir wissen ja, wer oberster Dienstvorgesetzter ist.“ Diese Rolle hat Heister-Neumann inne; sollte Försterling damit also auf eine – von CDU-Rednern bestrittene – Einflussnahme des Ministeriums hingewiesen haben?
Die Gesichter auf der Regierungsbank wirken angespannt. Neben Heister-Neumann wäre normalerweise ein Platz frei gewesen, weil dort der Stuhl des erkrankten Agrarministers Hans-Heinrich Ehlen steht. Doch an diesem Tag will die Koalition um jeden Preis den Eindruck von geschlossenen Reihen vermitteln, und so setzt sich dort demonstrativ Finanzminister Hartmut Möllring hin. Mehrfach rückt die Kultusministerin auf ihrem Stuhl hin und her.
Kurz vor der Abstimmung über den SPD-Antrag zu Heister-Neumanns Entlassung tritt dann Wulff nach vorn – und gibt der ganzen Diskussion eine völlig neue Drehung. Hatte die Regierung bisher geplant, das Verhältnis zur GEW wieder zu normalisieren und zur Entspannung beizutragen, so sucht der Ministerpräsident nun im scharfen Gegenangriff die Verteidigung seiner Ministerin. Von einem wie Brandt, der keinen Unterricht mehr erteile, lasse man sich keine Versäumnisse in der Unterrichtsversorgung vorhalten, betont der Ministerpräsident. Dann fügt er noch einige unappetitliche Vorwürfe hinzu, so habe sich Brandt „eine Einladung zum CDU-Sommerempfang erschlichen“, und jetzt stehe „die Glaubwürdigkeit des GEW-Vorsitzenden auf dem Spiel“, im Übrigen achte die Koalition nur Lehrervertreter, „die auch selbst unterrichten und so die Bodenhaftung behalten wollen“.
Für den Moment geht Wulffs Strategie auf, die folgenden Redner der Opposition beklagen sich über „die offene Denunziation“ und die „ungeheuerliche Attacke auf die Gewerkschaften“, während Heister-Neumann damit zunächst aus der Schusslinie zu sein scheint. Sie wirkt ein wenig erleichtert. Für den Moment.
Elisabeth Heister-
Neumann (vorn)
rechtfertigt sich
gestern im Landtag
in der schulpolitischen
Debatte, Ministerpräsident
Christian Wulff und Wirtschafts-
minister Philipp Rösler
hören zu.
Auszeichnung für IGS Linden
Jacob-Muth-Preis zur Behinderten-Förderung geht nach Hannover
Von HAZ-Online, 27.8.2009
Hannover. Herzlichen Glückwunsch! Für ihren gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern wird die IGS Linden mit dem „Jakob-Muth-Preis“ ausgezeichnet.
Ausgezeichnet: Die IGS Linden. © Finn
Der erste bundesweite Jakob-Muth-Preis zur Förderung des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderungen geht nach Berlin, Gießen und nach Hannover.
Der jeweils mit 3000 Euro dotierte Preis werde in diesem Jahr zum ersten Mal verliehen, teilte die Bertelsmann Stiftung am Donnerstag in Gütersloh mit. Zu den Siegerschulen gehört auch die Integrierte Gesamtschule Hannover-Linden.
Die Auszeichnung, die nach einem Bochumer Pädagogik-Professor benannt ist, wird am Montag (31. August) in Berlin verliehen. Mehr als 140 Schulen hatten sich um den Preis beworben.
Deutschlandweit gibt es nach Angaben der Bertelsmann Stiftung derzeit rund 500.000 Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarf, die zu 85 Prozent an separaten Förderschulen unterrichtet werden. Viele von ihnen blieben oft ohne berufsqualifizierenden Schulabschluss und damit ohne Zukunftsperspektive.
In Ländern wie Spanien, Italien und in Skandinavien besuchen fast alle Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf allgemeine Schulen, in Großbritannien sind es über 60 Prozent.
Ratsmehrheit froh über Votum
CDU akzeptiert die Mehrheitsentscheidung für eine IGS – Eltern liefern klares Ergebnis
Von Albert Tugendheim, Leine-Zeitung 26.8.2009 Wunstorf. Das eindeutige Votum der Eltern von Grundschulkindern für eine Integrierte Gesamtschule (IGS) hat bei der Ratsmehrheit ein positives Echo gefunden. „Wir freuen uns sehr, dass nun Klarheit herrscht und wir mit der konkreten Planung beginnen können“, sagte SPD-Fraktionsvorsitzende Kirsten Riedel. Harald Brandes, Sprecher der SPD/FDP-Gruppe im Schulausschuss, sieht in dem Umfrageergebnis einen klaren Auftrag an die Politik: „Die Eltern haben deutlich gemacht, dass sie ein zusätzliches schulisches Angebot für ihre Kinder wünschen. Das werden wir ernst nehmen.“ SPD und FDP erwarten, dass auch die CDU ihre Kampagne gegen die IGS einstellt und sich nun endlich auch inhaltlich mit dieser Schulform auseinandersetzt.
Die CDU werde die Mehrheitsentscheidung akzeptieren, sagte ihr Fraktionsvorsitzender Jörg Uebelmann gestern auf Anfrage. Seine Partei habe vor der Umfrage allerdings auf die Probleme hinweisen wollen. „Wir müssen sehen, wo wir die 1,75 Millionen Euro hernehmen, die nötig sind“, sagte er. Die Grundschuleltern hatten in einer Umfrage der Stadt mit großer Mehrheit den Wunsch nach einer IGS artikuliert. 60 Prozent hatten sich an der Umfrage beteiligt. 211 von 306 Eltern von Kindern der ersten Klassen hatten bei IGS ein Ja angekreuzt. 299 von 315 Eltern der Zweitklässler taten das, bei den Drittklässlern waren es 221 von 366, und die Eltern der vierten Klassen votierten mit 234 von 377 für die IGS. Je Stufe wären nur 135 Stimmen nötig gewesen.
Steinhuder Eltern stimmten gegen den Trend: 47 Ja-Stimmen von 117 abgegebenen Voten. In der Kernstadt war die Mehrheit an den drei Grundschulen jeweils deutlich, ebenso wie in Luthe (163 Ja-Stimmen bei 243 abgegebenen Fragebögen).
„Das ist ein super Ergebnis“, sagte Wolfgang Schulz-Binz von der Gesamtschulinitiative, gleichzeitig Mitglied im Stadtelternrat und Vertreter im Schulausschuss, erfreut. Er sieht die Arbeit der Elternvertretungen bestätigt, der Einsatz habe sich gelohnt. „Bei diesen Zahlen sehe ich keine Gefahr, dass die Nachhaltigkeit gefährdet ist. Auch wenn die Schülerzahlen zurückgehen“, sagte Schulz-Binz.
Nun ist die Verwaltung am Zuge. Sie erarbeitet eine Vorlage, mit der der Rat die Einrichtung einer integrierten Gesamtschule beim Kultusministerium beantragen muss.
Akte belegt: Ministerin übte Druck aus
Im Fall Brandt erhärtet sich der Verdacht, dass ein Kritiker ausgeschaltet werden sollte
Von Klaus Wallbaum, HAZ 24.8.2009
Hannover. Die Koalition von CDU und FDP wird in dieser Woche die Reihen hinter der angeschlagenen Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) schließen. Offiziell ging die CDU-Führung am Sonntag zwar auf Tauchstation, aber es hieß, man werde im Landtag Solidarität mit der Politikerin zeigen. Die SPD will im Landtag einen Antrag zur Entlassung der Ministerin stellen, sollte sie heute im Kultusausschuss die neuen Vorwürfe nicht ausräumen können.
Elisabeth Heister-Neumann, hier ein Bild vom 15. August,
hat heute einen schweren Tag. Vor dem Kultusausschuss
soll sie ihr Verhalten im Fall Brandt erläutern.dpa
Heister-Neumann gerät nun in Bedrängnis, nachdem interne Akten zum Disziplinarverfahren gegen den GEW-Vorsitzenden Eberhard Brandt bekannt geworden sind. Sie legen den Verdacht nah, dass die Spitze des Ministeriums auf dem Verfahren beharrte, obwohl die Fachleute der nachgeordneten Landesschulbehörde davon abgeraten hatten. Brandt wird vorgeworfen, als Lehrer in Wolfsburg und teilweise freigestelltes Personalratsmitglied seiner Unterrichtsverpflichtung nicht voll nachgekommen zu sein. Inzwischen steht fest, dass das Verfahren eingestellt wird – weil die Vorwürfe offenbar nicht reichen, Brandt eine Rüge zu erteilen.
In einem Vermerk einer Mitarbeiterin der Landesschulbehörde von Ende März, der in Brandts vertraulicher Personalakte landete, heißt es, der Leiter der Behörde erwarte die Einleitungen von Vorermittlungen. Die Ministerin, so heißt es im Vermerk weiter, habe auch schon angekündigt, „dass gegen Brandt disziplinarisch vorgegangen werde“. Dies kann nun als Beleg für ein Einwirken der Ministerin in dieser Sache verstanden werden. Dabei hatte Heister-Neumann noch im Mai im Landtag erklärt, die Landesschulbehörde selbst habe Anhaltspunkte für den Verdacht auf ein Dienstvergehen vorgetragen. In Wirklichkeit war es wohl umgekehrt: Das Ministerium sah die Anhaltspunkte, die Behörde leitete das Verfahren offenbar gegen eigene Bedenken und Vorbehalte ein.
Dieser Sachverhalt ist für Heister-Neumann mehrfach problematisch:
• Landtag belogen? Weil Heister-Neumann in der Landtagssitzung am 13. Juni so tat, als hätten Hinweise der Landesschulbehörde den Ausschlag für das Verfahren gegen Brandt gegeben, steht der Vorwurf der Falschaussage vor dem Parlament im Raum. Eine solche Falschaussage wäre ein gravierender Verstoß gegen die Landesverfassung.
• GEW-Chef in Falle gelockt? Die Einstellung des Disziplinarverfahrens weckt nun Zweifel an der Rolle der Ministerin beim gesamten Ablauf. Der stellt sich nun so dar: Brandt hatte im September 2008 beantragt, vom Unterricht völlig freigestellt zu werden. Der Vorgang wurde aber erst Ende Januar 2009 bearbeitet, inzwischen hatten sich nicht erteilte Unterrichtsstunden in erheblichem Umfang (60 Stunden) angesammelt. Brandt konnte damit rechnen, dass es eine einvernehmliche Regelung für spätere Erteilung des Unterrichts geben würde – so wie in früheren Jahren. Tatsächlich aber blieb sein Antrag unbearbeitet, bis schließlich ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde. Offenbar also wurde Brandts Antrag verschleppt, damit ihm später dadurch disziplinarrechtlich ein Strick gedreht werden konnte. Der Eindruck drängt sich zumindest nach den bisher bekannt gewordenen Details aus den Akten auf.
Heister-Neumanns Sprecher sagte gestern, die Vorwürfe seien „unberechtigt“. Warum, könne er aber nicht sagen – Personalakten seien vertraulich.
Es geht auch um die Ämter
Von Saskia Döhner, HAZ 24.8.2009
Hannover. Nicht nur der Fall Brandt beschäftigt heute den Schulausschuss. Auch über die Neuorganisation der Landesschulbehörde wird hinter verschlossenen Türen gesprochen – mit der Ministerin und dem Leiter der Landesschulbehörde, Ulrich Dempwolf.
In einem Gutachten, das vom Ministerium Anfang des Jahres in Auftrag gegeben worden war, wird die drastische Reduzierung der insgesamt 24 Außenstellen vorgeschlagen. Doch dieser Plan stößt selbst bei den Bildungsexperten der Regierungsfraktionen auf Kritik: „Außenstellen sind wichtig, gerade bei Fragen, die mit der Umsetzung der eigenverantwortlichen Schule zu tun haben“, betont der CDU-Kultussprecher Karl-Ludwig von Danwitz (CDU) und weiß sich darin einig mit Ina Korter (Grüne), die zudem für eine klarere Trennung von Schulaufsicht und -beratung eintritt. Auch Björn Försterling von der FDP meint, „eins zu eins“ lasse sich das Gutachten „sicherlich nicht umsetzen“. Auch andere Bildungsbehörden wie die Schulinspektion oder das Niedersächsisches Landesamt für Lehrerbildung und Schulentwicklung (NiLS) in Hildesheim müssten in die Umstrukturierung miteingebunden werden. Entscheidend sei es, Doppelzuständigkeiten zu vermeiden, sagt auch Korter.
Seit einem Jahr klagen die Mitarbeiter in der Landesschulbehörde über massive Überlastung. Schulleiter beschweren sich, dass Anfragen wochenlang liegen bleiben oder Berater tagelang nicht erreichbar sind. Eines habe das Gutachten auch gezeigt, heißt es hinter vorgehaltener Hand: dass sich das ursprüngliche Ziel, die Mitarbeiterzahl von derzeit rund 780 Stellen auf 512 zu senken, wohl nicht halten lassen werde. In dem Gutachten ist von mindestens rund 670 Beschäftigten die Rede, die dauerhaft nötig seien. Womöglich kommt in Ausschuss auch die Sprache auf die Ausstattung der Schulen mit Schulpsychologen. Aus allen Fraktionen ist zu hören, dass es hier einen Nachholbedarf gibt. Die Zahl der Vollzeitstellen ist auf 38 gesunken, ein Psychologe betreut etwa 32?000 Schüler. Das sei zu wenig, heißt es.
Schulen wollen Umweltlehrer nicht zurück
IGS-Direktoren setzen sich per Brief gegen Kürzungen beim Schulbiologiezentrum ein
Von Bärbel Hilbig, HAZ 22.9.2009
Hannover. Die Schulen, die von der Rückkehr ihrer ins Schulbiologiezentrum abgeordneten Lehrer profitieren würden, legen darauf offenbar gar keinen Wert. „Wir arbeiten seit vielen Jahren sehr intensiv mit dem Schulbiologiezentrum zusammen. Unsere Lehrer und Schüler sind jedes Mal sehr angetan von den Kursen“, sagt Oswald Nachtwey, Leiter der Integrierten Gesamtschule (IGS) List. Er setze sich deshalb uneingeschränkt dafür ein, dass keine Arbeitsstunden aus dem Zentrum abgezogen werden. „Es ist ein wichtiger außerschulischer Lernort, der unter allen Umständen erhalten werden sollte.“ Eine Lehrerin der IGS List arbeitet seit Langem Vollzeit im Schulbiologiezentrum.
Das Kultusministerium will sie und die beiden anderen Vollzeit-Lehrer der Einrichtung mit rund der Hälfte ihrer Arbeitszeit an die Mutterschulen zurückbeordern, um dem Mangel an Naturwissenschaftslehrern zu begegnen.
„Damit würde etwas kaputt gemacht, das in langen Jahren aufgebaut wurde“, sagt auch Michael Bax, Leiter der IGS Mühlenberg. Dabei hatte Bax sich im ersten Moment über die zusätzlichen Stunden durchaus gefreut. Die IGS betreibt selbst ein Schul-LAB, das auch andere Schulen für den naturwissenschaftlichen Unterricht nutzen können. Bisher bekam die IGS dafür zehn Extrastunden pro Woche. Das sollte jetzt auf 15 Stunden aufgestockt werden. „Wir haben jahrelang dafür gekämpft. Aber das Schulbiologiezentrum hat für mich in dieser Situation Priorität.“
Die sieben Integrierten Gesamtschulen Hannovers haben sich in einem Brief an das Kultusministerium geschlossen hinter das Schulbiologiezentrum gestellt. Die Erfolgsgeschichte des seit mehr als 25 Jahren bestehenden Zentrums beruhe auf einem eingespielten Team von verschiedenen Fachkräften, zu dem zwingend mindestens drei Vollzeitlehrer gehören, heißt es in dem Schreiben. Der angestrebte kurzzeitige Nutzen würde in keinem Verhältnis zu dem langfristigen Schaden stehen. Die Schulen bitten deshalb um Rücknahme der Kürzung.
Disziplinarverfahren bringt Heister-Neumann in Nöte
Hat die Kultusministerin den Landtag belogen? / GEW-Chef ist entlastet
Von Klaus Wallbaum, HAZ 22.9.2009


Eberhard Brandt
ist entlastet,
Elisabeth Heister-
Neumann gerät
in Bedrängnis.
dpa/Surrey
Hannover. Im Streit um ein Disziplinarverfahren gegen Gewerkschaftschef Eberhard Brandt gerät Niedersachsens Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) nun noch stärker in Bedrängnis. Am Freitag verdichteten sich Hinweise, dass die Ministerin vergangenen April selbst den Anstoß für das Verfahren gegeben und damit vor dem Landtag im Mai einen falschen Eindruck erweckt hatte. Damit könnte die Politikerin gegen die Landesverfassung verstoßen haben, die der Regierung im Parlament eine Pflicht zur Auskunft „nach bestem Wissen“ abverlangt.
Gegen Eberhard Brandt, den Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), waren Vorwürfe laut geworden, er habe als teilweise freigestelltes Personalratsmitglied seine Unterrichtsverpflichtung nicht erfüllt. Als im April ein Disziplinarverfahren eröffnet wurde, mutmaßte die Opposition, der als vehementer Kritiker der Regierung bekannte Brandt solle mundtot gemacht werden. Am Freitag wurde bekannt, dass das Disziplinarverfahren nun eingestellt werden soll. Die Vorwürfe haben sich nicht erhärtet. Das liegt auch daran, dass für einen etwaigen Verstoß gegen die Unterrichtspflicht nicht Brandt, sondern seine Schulleiterin verantwortlich wäre.
Wie aus Landtagskreisen verlautet, wird aus Personalakten folgender Zusammenhang deutlich: Die Landesschulbehörde hatte sich Ende März zunächst gegen ein Verfahren gegen Brandt entschieden, das Ministerium jedoch beharrte gegenüber der nachgeordneten Behörde darauf. Im Landtag erklärte Heister-Neumann am 13. Mai jedoch, dass die Landesschulbehörde vorgetragen habe, es lägen Anhaltspunkte für den Verdacht auf ein Dienstvergehen vor. Daher habe die „Pflicht“ bestanden, ein Verfahren einzuleiten. Dabei war es offenbar das Ministerium selbst, das zu diesem Verfahren gedrängt hatte – gegen den Rat der Fachbehörde. Am Montag muss Heister-Neumann vor dem Kultusausschuss berichten. Möglicherweise wird die Opposition eine Anklage gegen Heister-Neumann wegen falscher Aussage vor dem Parlament beantragen.
Polizisten ermitteln in Schulbehörde
Von Saskia Döhner, HAZ 20.9.2009
Hannover/Lüneburg. Im Streit um das Disziplinarverfahren gegen den Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eberhard Brandt, befragen derzeit Polizisten in Lüneburg Mitarbeiter der Landeschulbehörde. Sie wollen herausfinden, wie vertrauliche Personalakten in die Hände von Journalisten gelangen konnten. Nach einem Bericht im „Focus“, in dem aus geheimen Unterlagen zitiert worden war, hatte Brandt im Frühjahr Strafanzeige gegen unbekannt gestellt.
„Die Ermittlungen laufen noch“, sagte jetzt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Lüneburg. Polizisten würden derzeit Zeugen befragen. Ermittelt werde nicht nur in der Landeschulbehörde, sondern auch im Kultusministerium in Hannover. „Bei uns gab es bislang keine Befragungen durch Polizisten“, sagte Ministeriumssprecher Andreas Krischat jedoch gestern. Einen konkreten Verdacht gebe es noch nicht, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Unklar sei, wie viel Zeit die Ermittlungen noch in Anspruch nähmen.
Politiker aller Couleur fordern seit Monaten die „rückhaltlose Aufklärung“ des Falls. Es dürfe nicht sein, dass vertrauliche Personalakten an die Presse kommen. Die Verletzung des Dienstgeheimnisses kann mit einer Geldstrafe oder mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet werden. Bei internen Befragungen hatten die Beschäftigten im Ministerium und in der Landesschulbehörde beteuert, keine geheimen Akten weitergegeben zu haben. Die Staatskanzlei hatte erklärt, erst durch die Veröffentlichung im „Focus“ von dem Sachverhalt überhaupt Kenntnis erhalten zu haben. Gegen den GEW-Chef läuft seit April ein Disziplinarverfahren, weil er seiner Unterrichtsverpflichtung als Lehrer an einer Wolfsburger Gesamtschule nicht nachgekommen sein soll. FDP-Bildungsexperte Björn Försterling kritisierte am Mittwoch, dass das Verfahren immer noch nicht abgeschlossen ist. Eine zügige Abwicklung sei im Interesse aller.
Jüttner: Rücktritt ist überfällig
Neue Vorwürfe gegen Heister-Neumann
Von Saskia Döhner, HAZ 19.8.2009
Hannover. Neuer Wirbel um das Disziplinarverfahren gegen den Vorsitzenden der Lehrergewerkschaft GEW in Niedersachsen, Eberhard Brandt: SPD-Fraktionschef Wolfgang Jüttner warf dem Kultusministerium am Dienstag vor, es habe mit dem umstrittenen Disziplinarverfahren einen unliebsamen Kritiker mundtot machen wollen. Aus den vorliegenden Akten erhärte sich der Verdacht, dass die Einleitung des Verfahrens auf Weisung der Spitze des Kultusministeriums erfolgt sei. „Der Rücktritt von Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann ist nicht fällig, sondern überfällig“, sagte Jüttner.
Die sechs SPD-Mitglieder, die im Kultusausschuss des Landtages sitzen, seien nach eingehendem Aktenstudium zu einem klaren Ergebnis gekommen, berichtete Jüttner. Die Abgeordneten selbst äußerten sich nicht. Weil die Akten von der Regierung für vertraulich erklärt worden sind, darf daraus nicht öffentlich zitiert werden. Jüttner forderte Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) gestern auf, die Vertraulichkeit aufzuheben. Heister-Neumann müsse sich bei Brandt entschuldigen.
Dem GEW-Vorsitzenden wird vorgeworfen, seiner Unterrichtsverpflichtung als Politik- und Geschichtslehrer an einer Wolfsburger Gesamtschule nicht nachgekommen zu sein. Das Pikante: Im April hatte das Magazin „Focus“ berichtet, dass ein Disziplinarverfahren gegen Brandt laufe. Zunächst hatte es geheißen, es gebe kein Verfahren. Erst später gab das Ministerium bekannt, dass doch ein Verfahren gegen den Lehrerfunktionär eingeleitet worden sei.
SPD: Brandt-Akten sollen öffentlich werden
„Vertraulichkeit soll Ministerin schützen“ / GEW-Chef hat nichts gegen allgemeine Einsicht in Unterlagen
Von Saskia Döhner, HAZ 19.8.2009
Hannover. Allein waren die Mitglieder des Kultusausschusses nie im Raum. Wenn sie am Schreibtisch saßen und die vertraulichen Unterlagen zum Disziplinarverfahren gegen den Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eberhard Brandt, lasen, war mindestens ein Mitarbeiter der Landtagsverwaltung auch anwesend. Unterlagen mit aus dem Raum zu nehmen, zu fotokopieren oder mit dem Handy zu fotografieren war streng verboten. Genauso wie das Anfertigen von Abschriften. Notizen durften sich die Ausschussmitglieder jedoch machen.
Immer wieder werden von der Regierung Akten als vertraulich eingestuft. Daran dass Abgeordnete aus geheimen Akten mal öffentlich zitiert haben, kann sich Landtagssprecher Franz-Rainer Enste nicht erinnern. Und er kann es sich auch nicht vorstellen: „Das widerspricht der parlamentarischen Berufsehre.“
Nach Ansicht von SPD-Fraktionschef Wolfgang Jüttner sind die Akten im Fall Brandt nicht aus sachlichen Gründen für vertraulich erklärt worden, sondern nur um Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann zu schützen. „Wir vermuten, dass durch die entsprechende Kenntlichmachung den Mitgliedern des Parlaments die politische Kontrolle erschwert oder gar unmöglich gemacht werden soll“, sagte er. Schon Dokumente zum geplanten Atommüllendlager Gorleben oder zur Privatisierung der Landeskrankenhäuser seien von der Regierung unnötigerweise als vertraulich eingestuft worden, bemängelte der SPD-Politiker: „Wir sind als Opposition in unserer Kontrollfunktion gegenüber der Regierung eingeschränkt, wenn die Regierung bestimmt, was wir kontrollieren dürfen oder was davon der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann.“ Wulff müsse die Vertraulichkeit der Brandt-Akten aufheben. Brandt selbst beteuerte gestern erneut: „Ich bin für die Veröffentlichung sämtlicher Akten, ich habe nichts zu verbergen.“ Dies habe er im Übrigen von Anfang an deutlich gemacht.
Auch die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Ina Korter, meinte: „Je länger gemauert wird, umso mehr verstärkt sich der Eindruck, dass die Regierung Dreck am Stecken hat.“ Christa Reichwaldt (Linke) forderte, endlich das Disziplinarverfahren gegen Brandt einzustellen: „Es hat eigentlich vom ersten Tag an keinen Grund für das Verfahren gegeben, aber spätestens nach der Einigung zwischen Ministerium und Gewerkschaften ist es gegenstandslos geworden.“ Nach Auskunft der Landesschulbehörde ist das Verfahren gegen den GEW-Chef aber noch nicht abgeschlossen. Wie lange es noch dauere, sei unklar.
Die Schulexperten der Regierungsfraktionen können den Wirbel um die Brandt-Akten nicht so recht verstehen. „Wir haben in der Fraktion in den vergangenen sieben Wochen gar nicht über den Fall gesprochen“, sagte Karl-Ludwig von Danwitz (CDU). Und Björn Försterling (FDP) ist der Auffassung, dass „die Opposition den Vorgang politisiert“. Im Juli hatten sich GEW und Ministerium darauf geeinigt, dass Brandt in diesem Schuljahr gar nicht mehr unterrichten muss. Nun sei es wichtig, auch eine einvernehmliche Lösung für die Vergangenheit zu finden, sagte Försterling.
„Kontrolle im Nachhinein“
Saskia Döhner sprach mit Professor Wolfgang Ewer
Herr Prof. Ewer, Sie haben die Opposition im Verfahren um den BND-Untersuchungsausschuss vor dem Bundesverfassungsgericht vertreten. Karlsruhe hat in seinem Urteil die Geheimniskrämerei der Regierung kritisiert. In Niedersachsen bemängelt jetzt die Opposition, dass wichtige Akten im Disziplinarverfahren gegen den GEW-Vorsitzenden Eberhard Brandt als vertraulich eingestuft oder nicht herausgegeben wurden. Wann kann die Regierung Aussagen verweigern?
Grundsätzlich gilt: Die Regierung entscheidet eigenverantwortlich, die Kontrolle durch das Parlament findet nachträglich statt, also nur wenn ein Vorgang abgeschlossen ist. Mitglieder eines Parlaments können Fragen an die Regierung richten, im Ausschuss kann eine qualifizierte Minderheit, ein Fünftel der Mitglieder, die unverzügliche Vorlage von Akten verlangen. Aber es gibt Einschränkungen.
In welchen Fällen?
Wenn der Kernbereich der Exekutive oder das Wohl des Landes gefährdet wären oder die Interessen Dritter – zum Beispiel Persönlichkeitsrechte – geschützt werden müssen.
Kann nicht Herr Brandt auf den Schutz seines Persönlichkeitsrechts verzichten?
Ja, aber das allein macht den Weg nicht frei. Denn die Vertraulichkeit dient nicht nur dem Schutz des Betroffenen, sondern auch der Gewährleistung eines ordnungsgemäßen Verfahrens. Eben dies könnte aber beeinträchtigt werden, wenn vor dem Abschluss der Ermittlungen Details an außenstehende Dritte dringen.
Außenbüros vor Auflösung?
Landesschulbehörde soll umstrukturiert werden
Von Saskia Döhner, HAZ 18.8.2009
Hannover. Im Zuge des Umbaus der Landesschulbehörde sollen kleine Außenstellen nicht aufgelöst, sondern nach dem Willen der Grünen zu regionalen Bildungsbüros ausgebaut werden. Diese könnten dann auch Vertretungslehrer mit Einjahresverträgen anstellen, die im Krankheitsfall in Schulen mal für sechs Wochen aushelfen, schlägt die bildungspolitische Sprecherin Ina Korter vor. Es werde immer schwieriger, Lehrer für kurzfristige Aushilfsjobs zu finden. Mit einem Jahresvertrag könnten Nachwuchskräfte eher gehalten werden, meint sie.
Die Zukunft der 26 Außenstellen ist ein Thema eines neuen Gutachtens zur Organisation der Landesschulbehörde, das vom Kultusministerium im Januar in Auftrag gegeben worden war. Die Ergebisse werden zurzeit im Ministerium diskutiert und sollen am nächsten Montag im Kultusausschuss des Landtages vorgestellt werden. Berichte, dass ein Großteil der Außenstellen geschlossen werden soll, wies ein Ministeriumssprecher am Montag zurück. „Bei konkreten Entscheidungen sind wir noch nicht, es geht zunächst um eine Bestandsaufnahme, danach erarbeiten wir ein Konzept.“
Darin darf es nach Ansicht Korters aber nicht vorrangig um Personaleinsparungen gehen, sondern um die konsequente Trennung von Schulaufsicht und -beratung. Seit knapp einem Jahr gibt es immer wieder Klagen von völlig überlasteten Mitarbeitern in der Landesschulbehörde, andererseits beschweren sich Schulleiter, dass sie tagelang keinen Dezernenten erreichen und manche Anfragen nur schleppend bearbeitet werden.
Einig sind sich die Fraktionen darin, dass das Land erheblichen Nachholbedarf bei den Schulpsychologen hat. Die Zahl der Vollzeitstellen ist auf 38 gesunken, ein Psychologe betreut etwa 32 000 Schüler. „Von dieser Schlusslichtposition müssen wir dringend wegkommen“, sagt CDU-Bildungsexperte Karl-Ludwig von Danwitz.
Vorträge für das Deutschabi
Reihe der IGS Mühlenberg
Von Bärbel Hilbig, HAZ 15.8.2009
Hannover. Mit wissenschaftlichen Vorträgen will die Integrierte Gesamtschule (IGS) Mühlenberg Abiturienten auf die Deutschprüfung im kommenden Frühjahr einstimmen. Den Auftakt macht am 18. August Hartmut Schmidt, ehemaliger Direktor der Wetzlarer Museen, der um 19.30 Uhr über Goethes „Werther“ spricht.
Die Veranstaltungsreihe richtet sich auch an Abiturienten anderer Gymnasien und Gesamtschulen. Im vergangenen Jahr hatte der Fachbereichsleiter Deutsch der IGS, Reinhard Tegtmeier-Blanck, die „Mühlenberger Vorträge für Abiturienten“ gemeinsam mit der Stadtbibliothek und der Goethe-Gesellschaft Hannover erstmals organisiert. Das Interesse war so groß, dass jede Veranstaltung mit 300 Teilnehmern ausgebucht war. Eine schriftliche Anmeldung per Mail unter
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Im September beschäftigt sich Anne Fleig von der Leibniz Universität Hannover in ihrem Vortrag mit dem sozialen Drama anhand von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“. Im Oktober spricht Prof. Peter Schlobinski ebenfalls von der Leibniz-Uni über Jugendsprache. Elisabeth Tworek aus München behandelt im November Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Weitere Veranstaltungen sind für Anfang 2010 in Planung. Die Vorträge finden im Theatersaal der IGS Mühlenberg, Mühlenberger Markt 1, statt. Der Eintritt beträgt drei Euro für Schüler und fünf Euro für Lehrer. Infos unter www.igs-muehlenberg.de im Internet.
Die CDU fordert Schülerstopp für KGS
Die KGS Wennigsen ist mit einem Anmelderekord in das neue Schuljahr gestartet. Jetzt wird der Ruf nach einem Schülerstopp laut.
Von Michael Hemme, HAZ 12.8.2009
Wennigsen. Die CDU-Fraktion im Rat der Gemeinde Wennigsen will die Schülerzahlen wieder nach unten korrigieren. 888 Schüler besuchten die KGS im Vorjahr, 942 sind es im neuen Schuljahr. „Ich habe die Sorge, dass wir im nächsten Jahr 1000 erreichen“, sagt Fraktionschef Eike Werner. In der Sitzung des Schulausschusses der Gemeinde am Montag, 17. August, werde die CDU die Einführung von Schulbezirken und die Begrenzung auf 750 Schüler vorschlagen.
„Wir wollen keine Regionalschule für den Umkreis sein“, sagt Werner. Die CDU sehe die Gefahr, dass der für die Ganztagsbetreuung geplante Anbau für Klassenräume und nicht für Fachräume genutzt wird. Schulleiterin Annette Harnitz will die CDU-Pläne noch nicht beurteilen. Vor dem Hintergrund der eigenverantwortlichen Schule halte sie eine Begrenzung der Schülerzahlen für hinderlich. Die Schulelternratsvorsitzende Ina Schulz wird in ihrer Kritik deutlicher. „Wir wollen keine Deckelung. Damit wird die ganze Schulentwicklung blockiert“, sagt sie. Die Schule habe nicht mehr Klassen als im Vorjahr und habe dank intelligenter Planung die Räume gut nutzen können. Schulz hofft, dass die Schule bald eine eigene Oberstufe bekommt.
Die Räume der ehemaligen Polizeischule Wennigser Mark sollten für eine Erweiterung mit herangezogen werden. Bürgermeister Christoph Meineke will für die Ausschusssitzung die Schülerbewegungen analysieren. Schon jetzt sei deutlich zu sehen, dass immer mehr Wennigser die KGS besuchen. Die Gemeinde zahle daher weniger Gastschulbeiträge an die Nachbarkommunen.
Erstmals seit 2001 wieder neue Gesamtschule
Von Bärbel Hilbig, HAZ 8.8.2009
Hannover bekommt seit 2001 erstmals wieder eine neuen Gesamtschule. An der IGS Stöcken wurden 130 Fünftklässler eingeschult.
Schule kann manchmal auch richtig schön unpädagogisch sein. Für jeden der Fünftklässler in der neu gegründeten Integrierten Gesamtschule Stöcken gab es am Freitag zur Einschulung ein Töpfchen Honig aus der eigenen Imkerei. Und die Lehrer und Schulleiter bekamen sogar eine ganze Zuckertüte voll mit süßen Sachen. Die kalorienhaltigen Willkommensgrüße kamen vom Schulverbund Herrenhausen-Stöcken, in dem alle Schulen des Stadtbezirks eng zusammenarbeiten.
Die IGS Stöcken beginnt mit 130 Fünftklässlern. © Nico Herzog
"Dabei haben wir doch gerade ein Konzept zur gesunden Ernährung ausgearbeitet", sagte Werner Schlüter, kommissarischer Leiter der neuen IGS, mit Augenzwinkern. Nervennahrung können Schlüter und seine Kollegen auch weiterhin gebrauchen. Sie haben mit viel Einsatz in wenigen Monaten ein Schulprogramm für die neue IGS entwickelt. „Die Planungsgruppe hat unter enormem Zeitdruck gearbeitet, und sie haben sich auch weiter viel vorgenommen“, lobte Margrit Lindenmann, Dezernentin der Landesschulbehörde.
Im Stadtbezirk Stöcken seien die enge Kooperation der Schulen und die Integration von behinderten sowie besonders begabten Kindern seit Langem eine Besonderheit. Die IGS Stöcken will daran anknüpfen. „Wichtig ist uns, eine Schule für alle zu sein“, sagte Schlüter bei der Einschulungsfeier vor rund 600 Gästen, neben den Fünftklässlern und ihren Eltern auch Rats- und Bezirksratspolitiker, Vertreter kooperierender Unternehmen sowie Schüler, Schulleiter und Lehrer. Geplant ist eine Zusammenarbeit mit der Goetheschule, dem Gymnasium im Stadtteil, bei der Förderung von Hochbegabten. Mit den beiden Förderschulen Paul-Dohrmann-Schule und Wilhelm-Schade-Schule soll die Integration behinderter Kinder vorangebracht werden. „Es ist mir eine große Freude, zu diesem Schulstart Glück zu wünschen“, sagte Schuldezernentin Marlis Drewermann.
Die Stadt habe das letzte Mal im Jahr 2001 eine IGS gründen können, damals am Kronsberg. Danach verhinderte das Landesschulgesetz Neugründungen. „Unsere Elternbefragung hat ein so großes Interesse ergeben, dass wir jetzt sogar drei Gesamtschulen neu gründen können. Dies war nur der erste Streich“, betonte Drewermann. 2010 soll die IGS Badenstedt folgen. 130 Fünftklässler und zehn Lehrer beginnen am Montag ihre Arbeit in der IGS, die sich die Räume im Schulzentrum Stöcken mit der Anne-Frank-Schule und der Emil-Berliner-Schule teilt. Die Hauptschule und die Realschule haben keine Fünftklässler mehr aufgenommen und laufen langsam aus. Die drei Schulen werden eng zusammenarbeiten und zum Beispiel gemeinsam Werkstätten nutzen. Etliche Lehrer unterrichten gleich an zwei der drei Schulen.
Start auch in der Wedemark
Auch in Mellendorf gab es am Freitag strahlende Gesichter. Dort ging die neue Integrierte Gesamtschule Wedemark an den Start. In der Vorbereitungszeit hatten es selbst manche der Initiatoren kaum für möglich gehalten, in der eher ländlich und konservativ geprägten Flächengemeinde Wedemark eine IGS realisieren zu können. „Wir freuen uns alle, dass es nun losgeht“, sagt Schulleiterin Heike Schlimme-Graab. Die neue Schule beginnt mit 150 Fünftklässlern in fünf Klassen und zehn Lehrern, die aus verschiedenen Schulformen kommen. Das Interesse an den Schulplätzen war enorm: Angemeldet hatten sich sogar 229 Kinder.
Die meisten Schüler, die nun aufgenommen wurden, wohnen in der Wedemark, einige kommen jedoch auch aus Langenhagen-Kaltenweide und Burgwedel. Auch die IGS Langenhagen musste zahlreiche Kinder ablehnen. Beim Auslosen der Plätze sollen sich Integrierte Gesamtschulen, wenn möglich, am prozentualen Verhältnis von Kindern mit Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialempfehlung in ihrer Gemeinde orientieren.
An der IGS Wedemark beginnen nun 57 Kinder mit Gymnasialempfehlung, 59 mit Realschulempfehlung und 39 mit Hauptschulempfehlung. „Darin spiegelt sich genau die Verteilung in unserer Gemeinde wider“, sagt Heike Schlimme-Graab. Die IGS bietet ihren neuen Schülern Klassen mit den Schwerpunkten Forschung, Theater, Sport, Sprachen und Musik. Eine Elterninitiative hatte seit November 2007 die IGS-Gründung vorangetrieben, die das niedersächsische Schulgesetz lange Jahre ausgeschlossen hatte. „Wir wollten eine IGS, damit auf den Kindern nicht schon in der Grundschule ein so großer Druck lastet“, sagt Heike Süring.
In einer IGS lernen Schüler mit unterschiedlichem Leistungsstand weiter zusammen. Das Schulgesetz schreibt allerdings für eine neu gegründete IGS mindestens fünf Klassen pro Jahrgang vor. „In einer so kleinen Gemeinde wie der Wedemark ist das eigentlich unmöglich zu erreichen. Wir haben nur rund 300 Kinder pro Jahrgang“, sagt Heike Süring. Bei den vorgeschriebenen Elternbefragungen zeigte sich aber das große Interesse. Und bei der Anmeldung stellten sich allein aus der Wedemark 182 Kinder vor. Für Hauptschule, Realschule und Gymnasium ist damit eine deutliche Konkurrenz entstanden. Das Gymnasium Mellendorf beginnt dieses Schuljahr nur mit vier Klassen im fünften Jahrgang.
Studenten müssen Lehrer vertreten
Schulen versuchen, Unterrichtsausfall zu vermeiden / Teilzeitpädagogen stocken Stunden auf
Von Bärbel Hilbig, HAZ 5.8.2009
Hannover. Morgen beginnt das neue Schuljahr – und wie üblich sind noch nicht alle neuen Lehrer in den Schulen pünktlich zur Stelle. Besonders hart trifft es dieses Mal das Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium. Bis zu den Herbstferien fehlen sieben reguläre Lehrer: Drei Pädagogen kehren dann erst aus der Elternzeit zurück, vier neue Kollegen müssen bis dahin noch ihr Examen beenden. Krankheiten kommen hinzu, sodass fast 20 Prozent des Unterrichts auszufallen drohen. Schulleiter Christian Stock hatte deshalb in den Ferien alle Hände voll zu tun. Seit gestern sind Verträge mit 15 Vertretungslehrern unter Dach und Fach, die fast alle Lücken schließen werden. „Die meisten haben ihr erstes Staatsexamen gerade erst bestanden. Fertig ausgebildete Lehrer als Vertretung in Mathe oder Latein zu finden, ist nicht vorstellbar“, sagt Stock. Die Landesschulbehörde habe ihm bei der Suche sehr geholfen. Trotzdem sorgt sich Stock, wie die noch unerfahrenen Ersatzlehrer zurechtkommen. „Wir werden sie natürlich sehr unterstützen. Die Alternative wäre Unterrichtsausfall gewesen.“
Der Leiter der Goetheschule will es darauf ankommen lassen. Ihm fehlen noch drei neue Lehrer, denn zu Ferienbeginn hatte sich gezeigt, dass sich rund 60 Schüler mehr als üblich angemeldet hatten. Doch Wilhelm Bredthauer will lieber Stellen vorerst unbesetzt lassen, als ungeeignete Bewerber zu nehmen. „Auf den Bewerberlisten gibt es kaum noch Gymnasiallehrer. Es hilft aber wenig, wenn jemand lange Zeit andere Tätigkeiten ausgeübt hat.“ Kurz vor der Wahl sehe er eine Tendenz in der Regierung, die Unterrichtsversorgung zu erhöhen. „Es geht dann nur noch um Zahlen und nicht unbedingt um die Qualität der neu eingestellten Lehrer.“ Der Unterricht in allen Hauptfächern sei an seiner Schule aber gesichert, betont Bredthauer.
Tatsächlich scheinen an vielen Schullen alle frei gewordenen Stellen wieder besetzt worden zu sein, wenn auch manchmal nicht mit den passenden Fachlehrern. „Ich könnte noch gut einen Lehrer für Naturwissenschaften unterbringen. Aber wir sind eigentlich gut versorgt“, sagt Enno Dargatz, Leiter der Dietrich-Bonhoeffer-Schule.
Das Kultusministerium versucht, die Unterrichtsversorgung zu verbessern, indem weniger Teilzeitanträge genehmigt werden. In Hannover haben an vielen Schulen Teilzeitlehrer moderat um zwei oder drei Unterrichtsstunden aufgestockt. Das geschah offenbar meist in einvernehmlicher Absprache mit der Landesschulbehörde. Lehrer mit Kindern oder pflegebedürftigen Eltern konnten ihre Stunden aber wie bisher reduzieren. „Auch wenn jemand überlastet ist, wurde das akzeptiert“, sagt Gerd Köhncke, Leiter der Käthe-Kollwitz- Schule. An der Integrierten Gesamtschule Mühlenberg mit insgesamt 150 Lehrern stockte rund ein Dutzend der Pädagogen mit Mangelfächern wie Mathe ihre Stunden auf, das entspricht knapp anderthalb Lehrerstellen.
„Fördertopf für Ganztagsschule ausschöpfen“
Land unterstützt vorwiegend Hauptschulen
Von Saskia Döhner, HAZ 5.8.2009
Hannover. Die Landesregierung wehrt sich gegen den Vorwurf, wonach Niedersachsen beim Ausbau von Ganztagsschulen zu den Schlusslichtern gehört. Das „Handelsblatt“ hatte am Dienstag berichtet, dass ein entsprechender Fördertopf des Bundes von den Ländern nur zögerlich angenommen werde. In dem Topf seien noch 400 Millionen Euro übrig. Während Bremen und Thüringen die Mittel des Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung schon Ende 2008 vollständig ausgeschöpft hätten, riefen Länder wie Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern das Geld nur zögerlich ab, hieß es in dem Bericht.
Andreas Krischat, Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums, wies dies als falsch zurück. Seit dem Start des Bundesprogramms im Jahr 2003 seien in Niedersachsen 428 Anträge gestellt worden, sagte er. „426 Anträge wurden bewilligt und abgeschlossen, auch die zwei übrigen Anträge werden in Kürze bewilligt.“ Die rund 43 Millionen Euro, die das Land vom Bund noch nicht abgerufen habe, seien bereits verplant: „Wir müssen nur noch die Schlussabrechnung machen“, sagte Krischat.
Auch Bayern und Nordrhein-Westfalen wollen nach eigenem Bekunden alle Bundesmittel ausschöpfen. „Wir sind voll im Plan“, sagte Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) gestern. Bis Juli 2009 seien 92 Prozent des Zuschusses abgerufen worden. In Nordrhein-Westfalen sind es derzeit nach Angaben eines Sprechers des Schulministeriums 85 Prozent. Weitere 120 Millionen Euro an Bundeszuschuss sollen bis Ende Februar 2010 fließen. Mit dem ingesamt vier Milliarden Euro umfassenden IZBB-Programm, das die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) 2003 aus der Taufe gehoben hatte, werden an den Schulen Umbaumaßnahmen gefördert. Dazu gehören die Errichtung von Aufenthaltsräumen oder einer Mensa. Niedersachsen hatte den Förderschwerpunkt bei den Baumaßnahmen auf Hauptschulen gelegt. Während landesweit jede dritte Schule mittlerweile eine Ganztagsschule ist, sind es bei den Hauptschulen sogar schon zwei Drittel. In Thüringen sind bereits zwei von drei Schulen Ganztagsschulen. Deutschlandweit besucht allerdings nur jeder fünfte Schüler eine Ganztagsschule.
McAllister findet Kritik der Lehrer „unklug“
Von Klaus Wallbaum, HAZ 5.8.2009
Hannover. Die jüngste Kritik der Lehrergewerkschaft GEW an einem angeblichen „Chaos“ zum Schuljahresbeginn ist bei der CDU auf Unverständnis gestoßen. „Ich finde solche Äußerungen drei Tage vor Schulbeginn unklug“, sagte der Landesvorsitzende David McAllister am Dienstag beim Sommerempfang der Landtagsfraktion vor rund 700 Gästen. Den GEW-Vorsitzenden Eberhard Brandt, der die Kritik geäußert hatte, nannte der CDU-Chef allerdings nicht namentlich. McAllister sagte, er rechne mit der „landesweit sichergestellten Unterrichtsversorgung“ zum Beginn des Schuljahrs.
Beim CDU-Sommerempfang trat die von der SPD übergetretene Landtagsabgeordnete Swantje Hartmann erstmals als Christdemokratin auf. Zuvor hatte sie das erste Mal an einer Sitzung der CDULandtagsfraktion teilgenommen. Der Vorstand der CDU-Fraktion hatte zuvor mit Hartmann eingehend über Vorwürfe gesprochen, sie habe Versäumnisse bei der Beschäftigung einer privaten Reinigungskraft begangen. „Das war ein offenes, aber internes Gespräch“, sagte McAllister. Hartmann, die früher für die SPD dem Haushaltsausschuss angehörte, wird sich künftig auf den Rechtsausschuss des Landtags konzentrieren.
942 Schüler – Rekord für die Wennigser KGS
Von Jennifer Böhme und Frank Hermann, HAZ 5.8.2009
Die wochenlange Diskussion über das Turbo-Abitur hat den Gesamtschulen nicht geschadet: Die Anmeldezahlen sind hoch. © Arp
Wennigsen. Der große Ansturm auf die Sophie-Scholl-Gesamtschule in Wennigsen setzt sich fort. Mit 187 Anmeldungen für den neuen fünften Jahrgang wiederholt die Schule das Rekordergebnis von 2008. „Im neuen Schuljahr unterrichten wir 942 Kinder und Jugendliche. So viele Schüler hatten wir noch nie“, sagt Leiterin Annette Harnitz. Bis zu den Ferien besuchten 888 Schüler die KGS. Laut Harnitz haben sich bei den Neuanmeldungen vor allem viele Wennigser und viele Kinder mit Gymnasialempfehlung für die Sophie-Scholl-Schule entschieden.
Mit 155 neuen Fünftklässlern liegt die Marie-Curie-Gesamtschule Ronnenberg nach Angaben von Fachbereichsleiterin Sybille Bruchmann-Busse knapp über den Anmeldezahlen von 2008. Gewachsen sei auch hier der Anteil von Schülern mit Gymnasialempfehlung. Auf dem Niveau der Vorjahres bewegen sich die 119 Neuanmeldungen für das Matthias-Claudius-Gymnasium in Gehrden.
Die KGS in Barsinghausen geht am Donnerstag mit einer Klasse weniger ins neue Schuljahr. Wie vom Rat vorgegeben, wird der fünfte Jahrgang nur noch siebenzügig geführt. Abgelehnt werden musste wegen dieser Beschränkung aber kein Schüler. 162 Anmeldungen liegen vor, 34 weniger als vor einem Jahr. Die Goetheschule hatte Eltern frühzeitig darauf hingewiesen, dass keine Plätze mehr für auswärtige Schüler zur Verfügung stehen. Fachdienstleiter Axel Heyerhorst vermutet, dass viele Eltern ihre Kinder daher gleich an einer IGS im Schaumburger Land angemeldet haben. Am Hannah-Arendt-Gymnasium in Barsinghausen sind 157 Fünftklässler angemeldet.
Lehrer klagen über Chaos zu Beginn des Schuljahrs
Von Saskia Döhner, HAZ 4.8.2009
Lehrermangel, unfertige Stundenpläne, unzureichende Unterrichtsversorgung, große Klassen – das neue Schuljahr beginnt in Niedersachsen nach Ansicht von Lehrerverbänden und Oppositionspolitikern „so chaotisch wie nie“. Der Chef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eberhard Brandt, befürchtet, dass jede zehnte Stunde ausfallen wird. Das Kultusministerium weist die Vorwürfe zurück.
Hannover. Wenn am Donnerstag an den Schulen zwischen Ems und Elbe wieder der Unterricht beginnt, herrscht vielerorts dicke Luft: Die Genehmigung der Lehrer-Teilzeitanträge sei verschleppt worden, und die verzögerte Einstellung der neuen Pädagogen habe es den Schulen nahezu unmöglich gemacht, rechtzeitig Stundenpläne zu erstellen, kritisierten Lehrerverbände und Oppositionsparteien gestern. Viele Teilzeitanträge seien erst in den Sommerferien endgültig genehmigt worden, bemängelte GEW-Vorsitzender Brandt. Einige Fälle seien sogar jetzt noch offen. Die Gewerkschaft kritisierte, ein Drittel der landesweit 2400 neuen Lehrer trete den Dienst erst zum 1. November an, an den Gymnasien sei es sogar jeder Zweite der neu eingestellten Pädagogen.
Dem GEW-Vorwurf, einige Pädagogen seien erpresst worden, etwas mehr zu arbeiten, andernfalls würde man sie auf die volle Stundenzahl setzen, trat das Ministerium vehement entgegen.
SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt monierte, wenn Schulleiter bis kurz vor Ende der Sommerferien nicht wüssten, wie viele Lehrer mit welchem Stundenkontingent ihnen zur Verfügung stünden, sei Planung nahezu unmöglich. „Bis zuletzt gab es Unklarheiten“, bestätigte Helga Akkermann vom Schulleitungsverband. Von „Chaos“ wollte sie nicht sprechen, wohl aber von einem „erheblichen Organisationsaufwand für die Schulleiter“. Mathematiklehrer für drei Monate zu finden, sei sehr schwierig. Viele Bewerber wollten lieber einen langfristigen Job.
Während nach Ansicht von GEW-Chef Brandt „Unterrichtsausfall an den Schulen so programmiert“ ist, sieht der Philologenverband „die krisenhafte Zuspitzung“ an den Gymnasien zumindest verhindert. Es bleibe allerdings „das drückende Problem der Mangelfächer“ wie Mathematik, Physik, Latein und Musik, warnte Landesgeschäftsführer Roland Neßler. Es sei fraglich, ob die angepeilte Unterrichtsversorgung von 99,5 Prozent überhaupt erreicht werde.
Die GEW sprach von einer „Flucht vor dem Turboabitur“. 2008 seien landesweit rund 3000 Gymnasiasten nach der 10. Klasse zu einem Fachgymnasium oder einer Gesamtschulen gewechselt, um dort das Abitur nach 13 Jahren abzulegen, sagte Statistikexperte Henner Sauerland. Dies seien so viele wie nie, nämlich zehn bis zwölf Prozent des Jahrgangs. Normalerweise liege die Zahl der Abgänger im Schnitt bei sechs Prozent. Einen Beleg für die Zahl hat die GEW allerdings nicht. „Dies sind Hochrechnungen“, räumte Sauerland ein.
Ein Sprecher von Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann wies Berichte über die hohe Abgängerquote als Spekulation zurück und will am Mittwoch konkrete Zahlen vorlegen.
Gelder für Ganztagsschulen werden wenig genutzt
Von t-online.ticker, 4.8.2009
Die Bundesländer rufen nach einem Zeitungsbericht die zur Förderung von Ganztagsschulen vorgesehenen Bundesmittel nur zögerlich ab. Im Fördertopf des Bundes liegen noch immer 400 Millionen Euro, wie das "Handelsblatt" unter Berufung auf eine Zwischenbilanz des Bildungsministeriums berichtete.
Deutschen Schulen stehen noch ausreichend Gelder für Ganztagsbetreuung zur Verfügung: genutzt wird es nur zögerlich (Foto: Imago)
Davon entfielen allein 132 Millionen auf Nordrhein-Westfalen. Besonders langsam kommen dem Bericht zufolge auch Hessen, Niedersachsen und Bayern voran. Lediglich Bremen und Thüringen hätten ihre Mittel schon 2008 vollständig verwendet. Weil die Länder zu langsam agierten, verlängerte Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) das Programm bis Ende 2009.
Genug Fördermittel Eigentlich sollte das im Jahr 2003 gestartete, vier Milliarden Euro schwere Programm 10.000 Einrichtungen finanzieren. Bisher gibt es dem Bericht zufolge 6918 Ganztagsschulen, die teilweise auch nicht neu geschaffen, sondern nur renoviert wurden. Nach der jüngsten Statistik der Kultusministerkonferenz besuche nur jedes fünfte Kind eine Schule mit Ganztagsbetrieb, berichtete das "Handelsblatt" weiter. Nicht einmal neun Prozent der Kinder besuchten eine sogenannte "gebundene Ganztagsschule", die für alle ein verbindliche Betreuung bis 16 Uhr vorsieht.
Bundesländer: Unterschiede sind gewaltig Die Unterschiede unter den Ländern seien gewaltig, heißt es in dem Bericht. In Thüringen und Berlin werden bereits mehr als 40 Prozent der Kinder in Ganztagsschulen unterrichtet - in Sachsen sogar mehr als jedes zweite. In Hamburg sind es 33, in Bremen nur 16 Prozent. Am Ende der Skala rangiert Bayern: Dort besuchen gerade mal vier Prozent der Schüler eine Ganztagsschule.
Neue Initiative soll für Gesamtschule werben
Die Stadt verschickt am 24. August Fragebögen an Seelzer Eltern
Von Frank Walter, LZ 1.8.2009
Seelze. Die SPD will alle Befürworter einer integrierten Gesamtschule (IGS) zusammenbringen: Wenige Tage vor Beginn des neuen Schuljahres lädt die Partei interessierte Einwohner zur Mitarbeit in der neuen Initiative „IGS für Seelze“ ein. Unter www.igs-seelze.de wird eine Internetseite als Informationsportal aufgebaut. Die Stadtverwaltung will Ende August den Willen der Eltern ermitteln.
Eine Arbeitsgruppe der SPD hat in den Ferien über die weiteren Schritte zur Einrichtung einer IGS beraten. Nach dem Ratsbeschluss von Ende Mai, den Elternwillen zu einer Gesamtschule zu ermitteln, sei die umfassende Information der Eltern, Schulen und Öffentlichkeit der Dreh- und Angelpunkt für die Realisierung einer IGS, teilte die schulpolitische Sprecherin der SPD-Ratsfraktion, Karin Albrecht, mit. Die neue Initiative könne wie in anderen Städten helfen, für eine IGS zu werben, die das schulische Angebot in Seelze attraktiver machen würde.
Auch wenn die SPD den Anstoß zur Initiative gegeben hat: „Das Ganze ist ausdrücklich überparteilich“, sagt Ratsherr Heinrich Aller. Erste Kontakte zu den Grünen, die ebenfalls die Einrichtung einer IGS befürworten, seien aufgenommen. Ein offizielles Gespräch soll in den nächsten Tagen folgen.
Die Stadtverwaltung hat derweil den Musterfragebogen der Landesschulbehörde für Elternbefragungen auf Seelze zugeschnitten. Nach den Sitzungen des Arbeitskreises Seelzer Schulen und des Ratsausschusses für Bildung und Freizeit sollen die Fragebögen am 24. August an Eltern von Kindergarten- und Schulkindern verschickt werden. Am 1. September folgt eine Elterninformationsveranstaltung. Dann werden die Bögen ausgewertet. Für einen Antrag auf die Genehmigung einer IGS sind mindestens 130 Zustimmungen pro Jahrgang nötig. Diese Willensbekundungen seien nicht mit Anmeldungen zu verwechseln, betonen Albrecht und Aller.
Zu wenige Psychologen in Schulen
Verband: Auf einen Betreuer kommen 32 000 Schüler
Von Karl Doeleke, HAZ 21.7.2009
Hannover. Der Verband der Schulpsychologen in Niedersachsen bemängelt eine „desolate Lage“ in der schulpsychologischen Betreuung in Niedersachsen. Die Zahl der Vollzeitstellen sei landesweit auf 38 gesunken, heißt es in einem Schreiben an die Fraktionen des Landtags. Damit kämen auf einen Schulpsychologen etwa 32 000 Schüler. Das sei angesichts der Amoktat von Winnenden im März 2009 eine „katastrophale Entwicklung“, schreibt der Verbandsvorsitzende Ralf Connemann.
Die Landesregierung bestätigte die Zahl in einer Antwort auf die Anfrage der SPD-Fraktion zu dem Thema. Das Kultusministerium räumte zugleich ein, dass es auf absehbare Zeit keine weiteren Stellen für die psychologische Betreuung an Schulen geben wird. Gegenwärtig könne noch nicht „abschließend über die Ressourcenfrage entschieden werden“, heißt es in der bisher nicht veröffentlichten Antwort. Dabei gibt es offenbar mehr Interessenten für eine zweijährige berufsbegleitende Weiterbildung als Plätze. Die wenigen vorhandenen Schulpsychologen sind laut Ministerium mit ihrer Arbeit so stark ausgelastet, dass sie die ihnen anvertraute Weiterbildung nicht leisten können.
„Durch die personelle Belastungen bei den Schulpsychologen konnten in den letzten Jahren nicht überall dort, wo entsprechender Bedarf angemeldet wurde, auch Studienzirkel eingerichtet werden“, heißt es in der Antwort weiter. Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) sieht sich dabei gar nicht umfassend zuständig für die schulpsychologische Betreuung. Schulische Beratung könne nicht „umfassend“ sein, schreibt das Ministerium. Hilfesuchende Schüler verweist es auf „nicht lehrende Personen“, und auch die „Schülervertretung“ könne in Anspruch genommen werden. Die Fraktionsführung der SPD will sich nun mit der Antwort beschäftigen und das Thema im Landtag behandeln.
Lehrermangel
Philologenverband: Im neuen Schuljahr fehlen 40.000 Lehrer
Von HAZ online 20.7.2009
Im neuen Schuljahr werden nach Angaben des Deutschen Philologenverbandes (DPhV) rund 40.000 Lehrer fehlen. Gegenüber dem vorherigen Schuljahr werde sich der Lehrermangel um 60 Prozent erhöhen.
Lehrermangel an den Schulen. © Foto: Martin Steiner
Das sagte der DPhV-Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger der „Bild“-Zeitung. Besonders groß sei der Lehrermangel in Mathematik, Informatik und in naturwissenschaftlichen Fächern.
Um einen Teil der freien Stellen zu besetzen, regte Meidinger den stärkeren Einsatz osteuropäischer Lehrer an. Er forderte die Bundesländer auf, spezielle Kurse für Bewerber aus Osteuropa anzubieten. Derzeit sind an bundesdeutschen Schulen rund 770.000 Lehrer tätig. Nach Schätzungen des DPhV werden in den nächsten zehn Jahren 300.000 von ihnen in den Ruhestand gehen.
Ministerin lenkt ein beim Klassen-Erlass
Von Klaus Wallbaum, HAZ 17.7.2009
Hannover. Die heftige Kritik von Landeselternrat und Gewerkschaft GEW zeigt Wirkung: Der Erlass zur Klassenbildung, den Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann im Juni vorgelegt hatte, wird nun noch einmal geändert. Dies habe die Anhörung von Interessengruppen und Verbänden bewirkt, sagte gestern ein Sprecher des Kultusministeriums auf Anfrage.
Heister-Neumann hatte zunächst geplant, dass die Klassen künftig jedes Jahr neu gebildet werden können, wenn sich die Schülerzahlen verändern. Sobald eine Klasse neu zusammengesetzt wird, solle sie aber auf jeden Fall zwei Jahre zusammenbleiben. Bisher ist eine Neubildung der Klassen nur möglich nach der fünften, siebten und neunten Klasse.
Nun ändern sich die Pläne: Nur nach Klasse fünf soll es jedes Jahr die Überprüfung der Klassengröße geben können. Neubildungen sind also, anders als bisher, auch nach Klasse sechs und acht möglich. Auf die Möglichkeit einer Änderung nach Klasse drei und vier in den Grundschulen allerdings, die Heister-Neumann zunächst vorgesehen hatte, verzichtet das Kultusministerium.
Der Landeselternrat und mehrere Gewerkschaftsvertreter hatten darauf hingewiesen, dass die Neubildung von Klassen die Kinder in besonders sensiblen Phasen belasten könne, etwa vor der Empfehlung für die Schullaufbahn in der Grundschule, oder später in der Pubertät. Was die Grundschule anbelangt, geht das Ministerium auf diese Hinweise ein.
„Sparerlass auf Kosten der Schüler“
Von Saskia Döhner, HAZ 9.7.2009
Hannover. In vier Wochen beginnt das neue Schuljahr, aber viele Kinder wissen noch nicht, ob ihre Klassenkameraden auch nach den Sommerferien noch neben ihnen oder möglicherweise in einer anderen Klasse sitzen werden. Denn nach den Plänen von Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) sollen Schulen ab August nach jedem Schuljahr Klassen neu bilden können. Bislang war das nur nach jedem zweiten Schuljahr möglich. Durch die Änderung können die Schulen größere Klassen bilden und Lehrer einsparen. 150 Stellen sind nach Angaben des Ministeriums schon erwirtschaftet worden. 190 sollen es werden. Gestern ist die Anhörungsfrist für eine entsprechende Änderung des Klassenbildungserlasses zu Ende gegangen.
Der Landeselternrat und Lehrerverbände haben in ihren Stellungnahmen massive Kritik geübt. Elternratsvorsitzender Pascal Zimmer rügte, dass zur Sicherung der Unterrichtsversorgung das wichtige Prinzip der Unterrichtskontinuität aufgegeben wird. Die Oppositionsparteien fordern die Rücknahme des Erlasses. Das Land spare auf Kosten der Schüler, der Klassenzusammenhalt leide, hieß es. Eine Ministeriumssprecherin sagte am Mittwoch, die Einwände würden nun eingehend geprüft. Der Zeitplan werde aber eingehalten werden. 2011, wenn der doppelte Abiturjahrgang die Schule verlassen hat, soll wieder die alte Regelung mit dem Zweijahresrhythmus greifen.
Annastift will Schule „für alle“
Von Bärbel Hilbig, HAZ 2.7.2009
Hannover. Eltern und Pädagogen wollen eine Grundschule gründen, die Kindern mit und ohne Behinderung gleichermaßen offensteht. „Der Unterricht soll so individuell gestaltet werden, dass jeder Schüler die Lernmöglichkeiten bekommt, die er braucht“, sagt Elke Lengert vom Verein „Mittendrin“, der sich für die Integration von Menschen mit Behinderung einsetzt.
Das Annastift sowie andere Vereine wollen eine "Schule für alle" gründen. (Archiv) © Jana Striewe
Die Initiatoren haben dabei Kinder mit jeglicher Art von Behinderung, Lernstörung, Hochbegabung und ohne Auffälligkeiten im Blick. In Niedersachsen hätte das Projekt „Schule für alle!“ Modellcharakter. Die Gründer orientieren sich an der Sophie-Scholl-Schule in Gießen (Hessen) und der Waldhofschule in Templin (Brandenburg). Mitinitiatorin Ute Wrede verweist auch auf Schleswig-Holstein und Länder wie Finnland, in denen gesonderte Förderschulen abgebaut werden oder gar nicht mehr bestehen.
Die Annastift Leben und Lernen gGmbH steht als freier Träger für die zum August 2010 geplante staatlich anerkannte Ersatzschule bereit. „Wir würden etwas ersetzen, das es im staatlichen Schulwesen in Niedersachsen noch gar nicht gibt. Das wird politisch spannend“, sagt Bettina Groh, Leiterin der Werner-Dicke-Schule für Körperbehinderte des Annastifts. Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann habe sich das Konzept vor Kurzem erläutern lassen. „Sie will mit uns eine der Modellschulen besuchen“, sagt Thomas Klein, Sprecher beim Annastift.
Die Eltern nichtbehinderter Kinder sollen durch die Qualität des Angebots angezogen werden. Bisher streben die Schulgründer altersgemischte Lerngruppen mit 18 bis 20 Kindern an. Um jede Gruppe soll sich ein Team aus pädagogischen Mitarbeitern, Grundschul- und Förderschullehrern kümmern. Die freie Schule will Ganztagsunterricht bieten und damit berufstätige Eltern ansprechen.
Eine Kooperation mit der Musikhochschule Hannover ist in Vorbereitung. Das Projekt soll durch die Leibniz Universität wissenschaftlich begleitet werden. Für die Eltern behinderter Kinder liegen die Vorteile auf der Hand. „Kein Erwachsener hätte meinem Sohn das beibringen können, was er in Krippe und Kindergarten von anderen Kindern gelernt hat“, sagt Lengert. Die Förderschule biete dagegen meist einen künstlichen Schonraum, der erschwere, dass die Schüler sich später im Leben zurechtfinden.
In der Aufbauphase will die Schule sich durch Fördergelder, Sponsoring, und Spenden finanzieren. Von den Eltern soll ein einkommensabhängiges Schulgeld erhoben werden. Nach drei Jahren zahlt das Land freien Schulen eine Finanzhilfe.
Weniger Lehrer in Kliniken
Kultusministerium kürzt Unterricht für psychisch kranke Kinder und Jugendliche
Von Heidi Niemann, HAZ 30.6.2009
Hannover/Göttingen. Ein neuer Erlass des Kultusministeriums versetzt Kinder- und Jugendpsychiater in Niedersachsen in Alarmstimmung. Vom kommenden Schuljahr an sollen Kinder und Jugendliche, die stationär in Kliniken behandelt werden, durchschnittlich nur noch rund zwei Wochenstunden Unterricht im Krankenhaus erhalten. „Das ist für unsere Patienten eine Katastrophe“, sagt Christoph Höger, Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Göttinger Universitätsmedizin. „Sie kommen hierher, damit es ihnen psychisch besser geht, und bezahlen dafür den Preis, dass sie den schulischen Anschluss verlieren.“ Sollte es dabei bleiben, werde die Bereitschaft der Eltern sinken, ihre Kinder in stationäre Behandlung zu geben. „Das psychische Leid unserer Patienten wird damit vergrößert.“
Insgesamt gibt es in Niedersachsen rund 560 Betten für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen. Pro Jahr werden durchschnittlich 4000 junge Patienten stationär behandelt. Bislang konnten sie im ersten Schuljahr bis zu fünf, im zweiten und dritten Schuljahr bis zu sechs, im vierten bis zu zehn und ab dem fünften Schuljahr bis zu zwölf Stunden Unterricht pro Woche erhalten, je nach ihrer individuellen Belastbarkeit. Der neue Erlass sieht vor, dass die Kliniken und stationären Einrichtungen „schrittweise behutsam“ an die neue Richtgröße herangeführt werden sollen. In der Praxis heißt dies, dass Kliniken mit einer höheren Versorgung keinen Ersatz für ausscheidende Lehrer erhalten.
Das Ministerium begründet den Erlass damit, dass vergleichbare Verhältnisse geschaffen werden sollten. Eine Erhebung im Jahr 2007 habe einen Unterrichtsumfang von durchschnittlich zwei Stunden pro Schüler ermittelt. Dieser Wert werde an einzelnen Einrichtungen sowohl erheblich über- als auch unterschritten. Es handele sich daher nicht um Kürzungen, sondern um „Verteilungsgerechtigkeit.“
Für Filip Caby, Chefarzt am Marienkrankenhaus Papenburg-Aschendorf, klingt dies wie „blanker Hohn“. Caby ist Sprecher der Kommission Unterrichtsversorgung vom Arbeitskreis Kinder- und Jugendpsychiatrie, in dem alle Chefärzte der niedersächsischen Jugendpsychiatrien vertreten sind. Im Gegensatz zu fast allen anderen Bundesländern gebe es in Niedersachsen keine eigene Schulform für Kinder im Krankenhaus. Die Kliniken seien im Hinblick auf die Abordnung von Lehrern jeweils auf das Wohlwollen einzelner Dezernenten angewiesen. Statt die Unterversorgung einzelner Klinikstandorte endlich zu verbessern, würden nun gut versorgte Einrichtungen auf das niedrigere Niveau herunterreguliert. „So wird das Wohl der Schwächsten unserer Gesellschaft mit Füßen getreten“, kritisiert Caby. „Dabei gibt es schließlich eine Schulpflicht.“
Für die Patienten sei dies verheerend, sagt auch Annette Streeck-Fischer, Chefärztin der Abteilung Klinische Psychotherapie im Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn bei Göttingen: „Kinder haben ein Anrecht auf Beschulung. Es kann nicht sein, dass psychisch kranke Kinder und Jugendliche schulisch diskriminiert werden.“
Schulleiter sollen weniger unterrichten
Von Saskia Döhner, HAZ 30.6.2009
Auf die lang versprochene Arbeitszeitverordnung müssen die niedersächsischen Schulleiter zwar weiter warten, aber dennoch ist Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) ihnen am Dienstag einen Schritt entgegengekommen. „Schulleitung ist eine eigene Profession“, sagte die CDU-Politikerin am Montag in Hannover, als sie von der Vorsitzenden des Schulleitungsverbandes, Helga Akkermann, mehr als 1100 Resolutionen für bessere Arbeitsbedingungen entgegennahm. „Wir müssen weg von dem Schulleiter, der unterrichtet und Anrechnungsstunden für seine Verwaltungstätigkeit bekommt, hin zu dem Schulleiter, der managt und nur noch einen Rest an eigener Unterrichtsverpflichtung hat.“ Zudem sollten Schulleiter durch zusätzliches Verwaltungspersonal von Aufgaben wie Buchausleihe entlastet werden.
Die Schulleiter müssen sich allerdings noch bis 2011 gedulden, denn bis der doppelte Abitursjahrgang die Schule verlassen habe, sei die Sicherung der Unterrichtsversorgung das Wichtigste. Der Schulleitungsverband fordert schon seit Langem mehr Assistenzpersonal und eine Verordnung, in der Arbeitszeit und Besoldung genau geregelt sind. Mehr als zwei Stunden Unterricht dürfe nicht sein.
Die Stimmung sei schlecht wie lange nicht, sagte Verbandsvorsitzende Akkermann am Dienstag. Immer weniger Lehrer seien bereit, Leitungsaufgaben zu übernehmen: „Uns fehlt der Nachwuchs, schon jetzt bleiben viele Stellen unbesetzt“, klagte sie, „und die Kollegen, die im Dienst sind, können die Aufgabenflut vielleicht bald nicht mehr bewältigen und werden krank.“ Fünf Wochen vor Beginn des neuen Schuljahres sei noch vieles ungeklärt. „Es ist chaotischer als sonst“, sagte Akkermann. Rund 200 Lehrerstellen fehlen nach Angaben des Ministeriums noch zur Sicherung der Unterrichtsversorgung. Unklar ist, wie viele Teilzeitanträge noch nicht endgültig beschieden sind. Für die Schulleiter mache das die Planung schwierig, sagte Akkermann. Dennoch nannte sie das gestrige Gespräch mit der Ministerin „konstruktiv und wichtig“. Heister-Neumann versprach, die Schulleiter eng in die Konzeption der Arbeitszeitverordnung einzubinden.
Das Gymnasium hat einen großen Zulauf
Schuljahr 2009/10: Nur 14 Anmeldungen an der Hauptschule
Von Uwe Kreuzer, LZ 27.6.2009
Seelze. Das Georg-Büchner-Gymnasium boomt weiter, an der Hauptschule kriselt es: Die Anmeldezahlen für das nächste Schuljahr sind deutlich, die Politik ist uneins über die Interpretation.
Die Grundschulen bekommen zwei Erstklässler mehr als im vergangenen Jahr. Die meisten Abc-Schützen werden in Seelze (96) und in Letter (86) eingeschult. In Dedensen besuchen ab August 25 Kinder die erste Klasse, in Harenberg 19, in Lohnde 41 und in Almhorst zehn. Insgesamt sind das mit 277 zwei Einschulungen mehr als 2008 – entgegen dem bundesweiten Trend sinkender Kinderzahlen.
172 Viertklässler wechseln zum Gymnasium – das sind 19 mehr als zuletzt. Die Humboldt-Realschule erlebt mit 89 Fünftklässlern einen Einbruch, das vergangene Schuljahr war mit 104 neuen Schülern aber auch ein Rekordjahr.
Die Geschwister-Scholl-Hauptschule kann die Anmeldezahlen zwar halten, aber auf bescheidenem Niveau. Nur 14 Kinder sind für die fünfte Klasse angemeldet. In den höheren Jahrgängen werden aber Schüler dazukommen, die von Real- oder Gesamtschulen auf die Hauptschule wechseln.
„Die Tendenz ist klar“, sagt Grünen-Sprecherin Evelyn Werner. „Wir müssen den Schülern mit einer Gesamtschule vor Ort die Chance auf alle Schulabschlüsse einräumen.“ Wilfried Nickel (SPD) pflichtet ihr bei: „Da muss was passieren. Alle Prognosen werden bestätigt.“
Farid Oucherif (FDP) erinnert an die Gesetzeslage. „Wir dürfen mit einer IGS die Dreizügigkeit nicht gefährden“, sagt er. „Die Hauptschule wäre aber auf jeden Fall gefährdet.“ Hubertus Gärtner, Fraktionschef der CDU, will die Elternbefragung abwarten, die nach langer Diskussion im August beginnen soll. „Wir klären gerade letzte Details“, sagt Stadtsprecherin Martina Krapp. Eltern von Grundschul- und Kindergartenkindern sollen nach ihren Wünschen zum Schulangebot befragt werden.
KOMMENTAR VON UWE KREUZER
Endlich die Eltern fragen
Es wird Zeit: Im August will die Stadt Eltern befragen, auf welche Schule ihre Kinder gehen sollen. Danach ist die Politik gefordert, alle ideologischen Scheuklappen fallen zu lassen und den Elternwillen durchzusetzen. Plädieren die Eltern tatsächlich für eine IGS – die Zahlen sprechen dafür – stehen Politik und Verwaltung vor der schwierigen Aufgabe, die gesamtschulfeindliche Landesregierung für eine Ansiedlung in Seelze zu gewinnen. Denn die Hauptschule stünde dann vor dem Aus, und das darf laut Gesetz nicht sein.
Haupt- und Realschule verlieren
52 Prozent der Fünftklässler gehen zum Gymnasium / 29 Prozent wählen die Gesamtschule
Von Bärbel Hilbig, HAZ 27.6.2009
Hannover. Die Mehrzahl der Eltern in Hannover will ihren Kindern offenbar den Weg zum Abitur möglichst lange offenhalten. Zum neuen Schuljahr wurden 81 Prozent der angehenden Fünftklässler am Gymnasium oder der Integrierten Gesamtschule angemeldet. Die Eltern nehmen – zumindest in der Großstadt – mit ihrem Verhalten das vorweg, was andere Bundesländer bereits eingeführt haben: ein Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und einer zweiten Schulform, die alle Abschlüsse bietet.
In Hannover gehenim neuen Schuljahr 52 Prozent der Fünftklässler zum Gymnasium. © Kris Finn
1900 Kinder und damit 52 Prozent des Jahrgangs beginnen am Gymnasium (Vorjahr 53 Prozent). Die Integrierten Gesamtschulen konnten 1100 neuen Fünftklässlern eine Zusage geben. Der Anteil der IGS-Schüler am fünften Jahrgang steigert sich von im Vorjahr 25 auf jetzt 29 Prozent. Möglich wurde das nur, weil mit der Neugründung der IGS Stöcken das Platzangebot ausgeweitet werden konnte. Das Interesse war jedoch noch größer: Rund 250 weitere Kinder hatten sich angemeldet und mussten sich aus Platzmangel auf eine Schule im dreigliedrigen System umorientieren.
Die Realschulen verzeichnen dagegen mit 538 Anmeldungen eine nachlassende Nachfrage. Ihr Anteil sinkt von 18 auf 15 Prozent. Die Hauptschule bleibt mit vier Prozent der Anmeldungen auf dem niedrigen Niveau des Vorjahres. In absoluten Zahlen sinkt die Zahl der neuen Hauptschüler allerdings von 167 auf 150 Fünftklässler, da der aktuelle Jahrgang mit rund 3700 Kindern kleiner ist als im Vorjahr. Ob das weitere Schulschließungen nach sich zieht, wollte bei der Stadt gestern niemand beantworten. Bis zum Beginn des Schuljahres wird mit weiteren Anmeldungen gerechnet. Erst dann sollen die Zahlen neu bewertet werden. Die Eltern nutzen auch dieses Jahr ihre Möglichkeit, die Schulform unabhängig vom Rat der Grundschullehrer selbst zu wählen. 20 Prozent der neuen Gymnasiasten haben eine Realschulempfehlung in der Tasche, 34 Prozent der angehenden Realschüler war der Besuch einer Hauptschule empfohlen worden.
„Die konstant niedrigen Anmeldezahlen an den Hauptschulen bestätigen, dass die Zusammenführung mit den Realschulen die richtige Entscheidung war“, sagte Schuldezernentin Marlis Drevermann. Nur so könne auch weiterhin ein wohnortnahes Hauptschulangebot aufrechterhalten werden.
Die Gymnasien haben im Durchschnitt 32 Kinder pro Klasse aufgenommen. Im fünften Jahrgang können sie mit Genehmigung der Landesschulbehörde auch Klassen mit 33 Schülern bilden. Dennoch mussten Bismarckschule, Goetheschule, Schillerschule, Tellkampfschule und Wilhelm-Raabe-Schule aus Platzmangel insgesamt 130 Kinder ablehnen. Diese Schüler bekamen alle Plätze an anderen Gymnasien, die meisten an den Schulen, die sie bei der Anmeldung an zweiter Stelle genannt hatten.
• Oberstufe: Für die Einführungsphase in die gymnasiale Oberstufe haben sich 518 Schüler neu angemeldet. Entgegen Befürchtungen bekamen nach Angaben von Stadt und Landesschulbehörde alle einen Platz. Die Gymnasien nehmen zum August 256 Schüler neu in die zehnte Klasse auf. 36 dieser Schüler hatten sich zunächst an einer IGS angemeldet und mussten aufs Gymnasium ausweichen. An den Integrierten Gesamtschulen starten 262 Jugendliche in der elften Klasse.
Elftklässler müssen zehnte Klasse wiederholen
Von Bärbel Hilbig, HAZ 23.6.2009
Zurück auf Start: Schüler, die jetzt am Gymnasium die elfte Klasse nicht geschafft haben, müssen nach den Ferien mit der zehnten Klasse wieder anfangen. Schuld daran ist die Umstellung vom Abitur nach 13 Jahren auf die zwölfjährige Schulzeit.
Sitzengebliebene Elftklässler müssen die zehnte Klasse wiederholen. © Rainer Unkel
Würden die Schüler nur einen Jahrgang zurückversetzt, blieben sie nicht sitzen, denn die jetzigen Zehntklässler und Elftklässler beginnen nach den Ferien gemeinsam im Kurssystem der Oberstufe und legen zwei Jahre später das Abitur ab. Elftklässler, die jetzt sitzenbleiben, müssen deshalb gleich zwei Jahre zurückgehen. Der Vorgang trifft nur Schüler aus dem letzten Jahrgang mit 13 Jahren Schulzeit. Die vertrackte Situation entsteht, weil 2011 zwei Jahrgänge Abitur machen.
Auch Gymnasiasten, die selbst nicht betroffen sind, halten diese Regelung für unfair. „Die neuen Mitschüler sind dann zwei oder teilweise drei Jahre jünger. Das demotiviert doch“, sagt der 17-jährige Ekim Bulut. Der Schüler der Tellkampfschule fragt sich auch, ob die Betroffenen den erweiterten Realschulabschluss, den sie am Ende der zehnten Klasse bekommen haben, in der zweiten Runde wieder verlieren könnten.
Zumindest das ist nicht der Fall. „Ein einmal erworbener Bildungsabschluss bleibt natürlich erhalten“, sagt Andreas Krischat, Sprecher des Kultusministeriums. Die Elftklässler, die jetzt nicht versetzt werden, hätten die Einführungsphase der Oberstufe nicht bestanden. Diese Einführungsphase liegt für alle folgenden Gymnasiasten aber bereits in der zehnten Klasse.
„Ich habe das zuerst gar nicht geglaubt. Sogar unsere Lehrer halten das für unsinnig“, sagt ein betroffener Jugendlicher, der sich sorgt, bald mit deutlich jüngeren Schülern in einer Klasse zu sitzen. „Die Wiederholung soll doch dazu da sein, uns eine zweite Chance zu geben. Doch dies ist eine Bestrafung.“
Wie viele Schüler von der Rückstufung betroffen sind, steht noch nicht fest. Im Jahr 2007 hatten nach Daten der Stadt 88 Schüler am Gymnasium den elften Jahrgang wiederholt.
Die Schulen scheinen mit dem Problem ganz unterschiedlich umzugehen. An der Goetheschule haben rund 15 Elftklässler die Versetzung nicht geschafft. „Da sie die Voraussetzungen für die Kursstufe nicht erfüllen, müssen sie wiederholen“, sagt Schulleiter Wilhelm Bredthauer. Die Leiterin der Schillerschule hoffte dagegen kurz vor der Versetzungskonferenz noch, ihr Gymnasium möge möglichst gar nicht betroffen sein. Ein anderer Leiter eines Gymnasiums bezeichnete die Regelung als „Unding“. An der Humboldtschule haben die Lehrer die Möglichkeit, dass Schüler schlechte Noten mit gutem Leistungen in anderen Fächern ausgleichen können, in diesem Jahr stärker als sonst genutzt. Dennoch hätten fünf Schüler das Klassenziel nicht erreicht, sagt Schulleiter Henning Lawes. Drei wollen in die Oberstufe einer Integrierten Gesamtschule oder eines Fachgymnasiums wechseln. Dort wird das Abitur bisher weiter nach 13 Jahren Schulzeit abgelegt. Die Sitzenbleiber könnten deshalb dort einfach die elfte Klasse wiederholen.
Zehntausende Schüler und Studenten protestieren gegen Missstände
Zehntausende Schüler und Studenten aus dem Norden haben sich am Mittwoch mit Protestaktionen am bundesweiten Bildungsstreik beteiligt. Auch in Hannover gingen die jungen Frauen und Männer auf die Straße.
Tausende Schüler und Studenten haben sich am Mittwoch in Hannover an den Protestaktionen beteiligt. © Frank Wilde
In Hamburg versammelten sich nach Angaben des Bündnisses „Bildungsstreik 2009“ mehr als 15.000 Menschen in der Innenstadt. Die Polizei sprach von 11.000 Teilnehmern in Spitzenzeiten. Einem Sprecher zufolge waren etwa 300 Polizisten vor Ort. Auch in weiteren norddeutschen Städten gingen Schüler und Studenten auf die Straße.
Die größte Protestaktion in Hamburg, die am Nachmittag mit einer Kundgebung auf dem Rathausmarkt zu Ende ging, verlief den Angaben zufolge insgesamt friedlich. Lediglich wegen kleinerer Verstöße wurden sechs 14- und 15-Jährige zeitweise in Gewahrsam genommen. Die Studenten in der Hansestadt protestieren insbesondere gegen die Zustände an der Universität und den ihrer Ansicht nach autoritären Führungsstil von Präsidentin Monika Auweter-Kurtz. Die Initiatoren hatten im Vorfeld mit etwa 20 000 Demonstranten allein in Hamburg gerechnet.
Schüler und Studenten demonstrieren in Hannover
Von ddp, HAZ 18.6.2009
In Niedersachsen beteiligten sich nach Schätzungen der Veranstalter mehrere zehntausend Schüler und Studenten an dem Protest. In Bremen zogen nach Angaben eines GEW-Sprechers rund 1500 Schüler und Studenten durch die Innenstadt und versammelten sich zu einer Kundgebung auf dem Marktplatz. Im schleswig-holsteinischen Flensburg demonstrierten etwa 1400 Studenten und Schüler auf dem Uni-Gelände.
Das Bündnis „Bildungsstreik 2009“ - ein Zusammenschluss von Schüler- und Studentenorganisationen, Gewerkschaften und sozialen Gruppen - hatte zu der bundesweiten Aktionswoche aufgerufen. Die Initiatoren prangern Missstände im deutschen Bildungssystem an und fordern bessere Lernbedingungen. Unter anderem verlangen sie kleinere Klassen, die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems und die soziale Öffnung der Hochschulen.

In Hannover, Lüneburg, Braunschweig, Göttingen und Osnabrück waren unter anderem Demonstrationen, Versammlungen und öffentliche Diskussionen geplant. Auch Schulen und Hochschulen in kleineren niedersächsischen Städten wie Aurich, Soltau-Fallingbostel und Vechta beteiligten sich an dem bundesweiten Streik.
Niedersachsens SPD-Landeschef Garrelt Duin bezeichnete die Aktionen am Mittwoch in Hannover als „absolut berechtigt“. Er kritisierte besonders das neue Schulgesetz der schwarz-gelben Landesregierung, weil es für mehr Stress an Schulen und Unis sorge und der „frühzeitigen Selektion von jungen Menschen Vorschub leistet“. Duin bekräftigte das Ziel der SPD, die Studiengebühren in Niedersachsen abschaffen zu wollen. Die Proteste sollen den Initiatoren zufolge noch bis Ende der Woche andauern.
„Wichtig, dass alles friedlich blieb“
Rund 5000 Schüler, Studenten, Pädagogen und Gewerkschafter demonstrieren gegen die Bildungspolitik des Landes
Von Stefan Fuhrer, HAZ 18.6.2009
„Wir wehren uns“: 5000 Demonstranten strecken auf dem Klagesmarkt Fäuste und Hände als Zeichen der Gegenwehr in die Höhe. Die Schüler und Studenten protestieren gegen die Bildungspolitik des Landes. Wilde (6), Finn
Hannover. Das Feindbild war schnell ausgemacht: Vom „Wulff im Schafspelz“ war die Rede. Von einem, der viel verspreche, und doch nichts halte. Auf einem Schülerplakat gab es für den Ministerpräsidenten im Fach Politik die Note „Sechs“, und wenn ein Redner bei der Eröffnungskundgebung der gestrigen Bildungsdemonstration nur den Namen des CDU-Politikers erwähnte, hoben viele der Demonstranten auf dem Klagesmarkt demonstrativ die Faust. „Das soll ein Zeichen unserer Gegenwehr sein“, rief Mitorganisator Paulo Dias, Mitglied des studentischen B-Teams, von der provisorischen Bühne in die Menge. Ein Zeichen für eine ihrer Meinung nach verfehlte Bildungspolitik der Landesregierung.

Rund 5000 Schüler und Studenten, Pädagogen und Gewerkschafter waren ebenso wie Politiker und Mitglieder weiterer Bildungsorganisationen gekommen, um bei dem bundesweiten Bildungsstreik 2009 ihren Unmut zu äußern. Auch einige Kita-Erzieherinnen, die sich momentan im Streik befinden, suchten die Aufmerksamkeit für ihre Forderungen. Die Demonstration war Teil und Höhepunkt einer Bildungstreikwoche, in der die Schüler und Studenten die Politik davor warnen wollten, die Freiheit der Bildung einzuschränken. In ganz Niedersachsen waren es nach Angaben der Organisatoren 50 000, die in 16 Städten auf die Straßen gingen. Das Innenministerium hingegen bezifferte am Nachmittag die Teilnehmerzahl auf lediglich 16 000.

So oder so machte sich eine engagierte, etwa 500 Meter lange Menschenschlange auf den Weg vom Klagesmarkt über den Hauptbahnhof zum Aegidientorplatz und über die Georgstraße zum Ausgangspunkt zurück. Gemeinsam demonstrierten die Teilnehmer etwa für die Abschaffung von Studiengebühren und gegen die Einführung des Turboabiturs. „Uns geht es um Gerechtigkeit“, sagte der 13-Jährige Hendrik Alsmeier. Es könne nicht sein, dass die Banken vom Staat Geld bekämen, für die Schulen aber nicht genügend Geld für zusätzliche Lehrkräfte zur Verfügung stehe, meinte der Schüler der Wilhelm-Raabe-Schule. „Bildung für alle – sonst gibt’s Krawalle“, drohte die Protestfront des Zuges, nachdem sich die Masse mit hochgehaltenen Plakaten, Bannern und Kostümen unter dem schrillen Dröhnen von Trillerpfeifen gegen 13 Uhr in Bewegung gesetzt hatte.
Der Landtagsbeschluss vom Dienstag, das auf zwölf Jahre verkürzte Turboabitur an Gesamtschulen einzuführen, hatte im Vorfeld der Demonstration für Unruhe gesorgt. Nachdem bereits während der Plenarsitzung vorgestern rund 100 Studenten die Bannmeile am Landtagsgebäude durchbrochen hatten, war die Sorge der Polizei groß, dass es wie im vergangenen November an Ort und Stelle zu Tumulten kommen könnte. Zur großen Erleichterung der Organisatoren gab es aber keine nennenswerten Zwischenfälle. Vorsichtshalber hatte die Polizei mit ihren Einsatzkräften den Landtag abgeriegelt.
Dass gestern alles friedlich geblieben war, sei wichtig gewesen, sagte der Vorsitzende des Landesschülerrates, Patrick Ziemke, nach dem Protestzug. „Wir können nur etwas erreichen, wenn unsere Inhalte und nicht irgendwelche Gewaltaktionen die Aufmerksamkeit bekommen.“
Aufmerksamkeit wollten die Schüler am Ende auch von ihrem ungeliebten Landesvater. „Lasst uns so laut brüllen, dass uns der Herr Wulff in seinem Landtag auch hören kann“, forderte ein Student mit seinem Megafon. Ein lauter Schrei drang durch die Georgstraße. „Zumindest kann jetzt kein Politiker sagen, dass sie uns nicht gehört hätten“, sagte ein Schüler.
Sorgen um die Zukunft der Bildung: Die Demonstranten erhoffen sich, dass ihre Stimme künftig von den Politikern gehört wird.
Studenten kritisieren den Protest
Von Juliane Kaune, HAZ 18.6.2009
Hannover. Seit Montagmittag befindet sich das Unigebäude am Schneiderberg im Ausnahmezustand. Die Organisatoren des „Bildungsstreiks“ haben die sozialwissenschaftlichen Institute „besetzt“: Die Seminarräume wurden mit Beschlag belegt, die meisten Lehrveranstaltungen fallen darum aus. Doch offenbar sind längst nicht alle Schneiderberg-Studenten mit der bis zum Freitag laufenden Aktion einverstanden, für die das „Bildungsbündnis“ verantwortlich ist – ein bunt gemischter Zusammenschluss aus Studenten, Schülern und linken Gruppen. „Hier herrscht nur Chaos – und wir wurden nicht gefragt“, kritisierte gestern etwa Johanna Mäkinen. Immer mehr Kommilitonen beklagten sich, dass sie von der Besetzungsaktion der Aktivisten überrumpelt worden seien und daran gehindert würden, ihre regulären Seminare zu besuchen.
„Eigentlich hätte ich ein Referat mit einem Beamer halten müssen, aber das war nicht möglich, weil der Raum blockiert wurde“, berichtet die 25-jährige Studentin der Sozialwissenschaften. Ohne das Referat fehle ihr der notwendige Leistungsnachweis. Der Zeitpunkt des Streiks sei „absolut unglücklich“, meint auch eine 24-jährige Politikstudentin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Für die Bachelorstudenten stünden im Laufe der nächsten Woche Klausuren und Prüfungen vor dem Semesterende an. „Da wäre es wichtig gewesen, die Lehrveranstaltungen zu besuchen.“ Manche Studenten seien verunsichert, weil auch die Anwesenheit in den Seminaren in die Note einfließe.
Die Sorgen seien unbegründet, betont Prof. Marian Döhler, geschäftsführender Direktor des Instituts für Politikwissenschaften. Alle Kollegen am Schneiderberg hätten beschlossen, dass den Studenten keine Nachteile durch den Streik entstünden. Döhler macht kein Hehl daraus, dass er sich über die „überfallartige Aktion“ des „Bildungsbündnisses“ ärgert: „Die Aktivisten repräsentieren nicht den Großteil unserer Studentenschaft.“ Die Ziele seien diffus: „Man kann nicht gegen das Turboabi, die Bachelorstrukturen und die Exzellenzinitiative auf einmal protestieren.“
Besonders misslich sei, dass offenbar Demonstranten, die nicht am Schneiderberg studierten, auf „unakzeptable Weise“ protestiert hätten. Sie hätten am Montag die Wände eines – mithilfe von Studiengebühren – frisch sanierten Seminarraums mit Graffiti besprüht. „Wir hatten sogar überlegt, das Gebäude räumen zu lassen. Aber nun haben sich die Wogen wohl geglättet“, meint der Professor. Die Aktivisten wiederum kritisieren, dass ein Dozent gegenüber einem Sprayer handgreiflich geworden sei. „Das wurde übertrieben dargestellt“, sagt Döhler dazu. Er sorgt sich auch um das Image des Schneiderbergs: „Es sieht nun wieder so aus, als studierten hier nur Leute, die Wände beschmieren.“
Studentin Natalie Szczuka gehört dem „Bildungsbündnis“ nicht an, steht aber hinter der Form des Protestes. „Es ist wichtig, auf ungewöhnliche Weise auf die Probleme aufmerksam zu machen“, meint sie. „In den Sozialwissenschaften ist so viel gekürzt worden – und bisher hat uns ja keiner zugehört.“ Bei der Großdemo gestern war sie nicht. „Ich musste dringend eine neue Wohnung suchen.“
Schüler und Studenten demonstrieren in Hannover
Mehrere Tausend Schüler und Studenten sind an diesem Mittwoch in Hannover für bessere Bildung auf die Straße gegangen. Sie beteiligen sich am großen Bildungsprotesttag, zu dem bundesweit in 80 Städten Demonstrationen geplant sind.
Mehrere Tausend Schüler und Studenten sind an diesem Mittwoch in Hannover für bessere Bildung auf die Straße gegangen. © Rainer Surrey
In Niedersachsen beteiligten sich nach ersten Schätzungen der Veranstalter mehrere zehntausend Schüler und Studenten an dem Protest.
Schüler und Studenten demonstrieren in Hannover
Das Bildungsbündnis - ein Zusammenschluss von Schüler- und Studentenorganisationen, Gewerkschaften und sozialen Gruppen - hatte zu der bundesweiten Aktionswoche aufgerufen. Die Initiatoren prangern Missstände im deutschen Bildungssystem an und fordern bessere Lernbedingungen. Unter anderem verlangen sie kleinere Klassen, die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems und die soziale Öffnung der Hochschulen.
Schulen sollen jährlich neue Klassen bilden
Eltern und Lehrerverbände lehnen Erlassänderung ab
Von Saskia Döhner, HAZ 18.6.2009
Hannover. Eltern von Erstklässlern konnten bislang sicher sein, dass ihre Kinder zumindest zwei Jahre lang dieselbe Klassenlehrerin haben. Ab diesem Sommer könnte das anders werden. Denn nach dem Willen von Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) sollen Schulen künftig nach jedem Schuljahr Klassen neu bilden können. Bislang war das nur nach jedem zweiten Schuljahr möglich.
Dies ist ein Punkt des Maßnahmenpakets, mit dem das Land bis 2011 die Unterrichtsversorgung sicherstellen will, da die Schulen so die Klassenobergrenzen besser ausreizen können. 190 Vollzeitlehrerstellen sollten so erwirtschaftet werden, 150 sind es schon.
Aber bei Elternvertretern und Lehrerverbänden stößt die geplante Änderung des Klassenbildungserlasses auf Widerstand. „Um die Unterrichtsversorgung zu sichern, soll das bewährte Prinzip der Unterrichtskontinuität aufgegeben werden“, kritisiert der Vorsitzende des Landeselternrats, Pascal Zimmer. Gerade Kinder in besonders sensiblen Phasen seien davon betroffen, beim Übergang von der 1. in die 2. Klasse, vor der Entscheidung über die Schullaufbahnempfehlung nach der 3. Klasse, nach dem Wechsel an eine weiterführende Schule von der 5. in die 6. Klasse und in der Hochphase der Pubertät zwischen Klasse 7 und 8.
„Es zählt nur die Statistik, nicht die Pädagogik“, kritisiert auch Eberhard Brandt, Vorsitzender der Gewerkschaft Wissenschaft und Erziehung (GEW). „Schüler sind keine Schrauben, die man in verschiedene Kisten sortiert.“ Umbildungen brächten immer Unruhe, sagt der GEW-Chef: „Das kann eine Klasse unter Umständen um ein halbes Jahr zurückwerfen.“ Heidrun Korsch von der Direktorenvereinigung und Gitta Franke-Zöllmer vom Verband Bildung und Erziehung halten die Erlassänderung ebenfalls für problematisch.
Auch bei den Schulleitern bringt der neue Erlass, der zwar bis zum 8. Juli noch in der Anhörung ist, aber dennoch schon zum neuen Schuljahr schon greifen soll, Unruhe: „Pädagogisch vernünftig ist das nicht“, sagt Enno Dargatz, Leiter der Dietrich-Bonhoeffer-Realschule in Hannover. Und Wolfgang Weber, Leiter des Albert-Einsteins-Gymnasiums in Hameln, meint: „Jede Klassenneubildung bringt Veränderung, und Schüler und Eltern haben Angst vor Veränderung.“
„Mehr Zeit für selbstbestimmtes Lernen“
Die Ziele der Demonstranten: Länger gemeinsam lernen, forschungsnäher studieren, keine Studienbeiträge zahlen
Von Daniel Alexander Schacht, HAZ 18.6.2009
Hannover. Die Schüler und Studierenden, die in dieser Woche in mehr als 80 Städten demonstrieren, schnüren dabei ein breites Bündel an Forderungen. Alle eint aber der Ruf nach mehr staatlichen Investitionen in Bildung, Lehre und Forschung und weniger starren Regeln – im Dienste eines selbstbestimmtes Lernens:
• Gegen die „Turboschule“: Schülervertreter fordern ein längeres gemeinsames Lernen als nur bis zum Ende der vierten Klasse und wenden sich gegen die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von neun auf acht Jahre. Denn damit gehe eine Stoffverdichtung einher, die exemplarisches, verständnisförderndes Lernen unmöglich mache. Kritisch angemerkt wird auch der durch Pensionierungswellen und unattraktive Lehramtsbedingungen absehbare Lehrermangel, der statt zu kleineren Lerngruppen zu dramatisch wachsenden Klassengrößen führen werde. In Niedersachsen wird überdies bemängelt, dass das Turbo-Abi auch für Gesamtschulen beschlossen worden ist.
• Kritik am „Schmalspurstudium“: Studierendenvertreter wenden sich besonders gegen die Umsetzung der sogenannten Bologna-Reform, die vor zehn Jahren in der oberitalienischen Universitätsstadt beschlossen worden war. Dort hatten Hochschulreformer EU-weit einheitliche Abschlüsse angepeilt, bei denen an die Stelle der deutschen Diplom-, Magister- und Staatsexamensabschlüsse die aus dem angelsächsischen Hochschulsystem bekannten Titel Bachelor und Master getreten sind. Noch ist freilich unsicher, ob der Bachelor, der bei den Hochschülern vielfach als „Schmalspurstudium“ betrachtet wird, künftig durchweg schon als „berufsqualifizierender“ Abschluss akzeptiert wird. Sicher ist dagegen schon, dass das Bachelor-Studium in den Augen der Studierenden zu stark verschult ist, um über bloße Stoffpaukerei hinaus wissenschaftsorientiertes Studieren zu ermöglichen. Dies ändere sich zwar in den Master-Studiengängen, doch darin werde die Studienplatzzahl zu knapp gehalten. Bemängelt wird auch, dass die Bologna-Reform die internationale Mobilität der Studierenden bislang nicht gefördert hat. Nach einer Studie des Bundesbildungsministeriums ist der Anteil von Hochschülern, die Auslandssemester einlegen, zwischen 2007 und 2009 in Diplom-Studiengängen gestiegen, während er in Bachelor-Studiengängen bei 15 Prozent stagniert.
• „Geld für Bildung statt für Banken“: Alle Forderungen sind begleitet vom Appell an den Staat, mehr Geld in Schulen und Hochschulen zu stecken und Studienbeiträge wieder abzuschaffen. Vertreter von Schülern, Studierenden und Gewerkschaften fordern jährlich 30 bis 40 Milliarden Euro Investitionen in Bildung. Bund und Länder wollen lediglich eine Summe von 18 Milliarden Euro in Bildung und Innovation stecken. Darin enthalten sei auch das Vorhaben, bis 2015 in Niedersachsen 44 000 neue Studienplätze zu schaffen, sagte Wissenschaftssprecher Kurt Neubert in Hannover. Diese könnten auch dem Platzmangel in den Master-Studiengängen begegnen.
Landtag beschließt Turbo-Abitur
Von Saskia Döhner, HAZ 17.6.2009
Hannover. Mit den Stimmen der Regierungsmehrheit hat der Landtag am Dienstag das neue Schulgesetz beschlossen. Es sieht unter anderem das Abitur nach zwölf Jahren auch an Gesamtschulen und die Umwandlung der Vollen Halbtagsschulen in schlechter mit Lehrerstunden ausgestattete Verlässliche Grundschulen zum 1. August 2010 vor. Während Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) die Pläne verteidigte, hagelte es von der Opposition Kritik. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sprach von einer „Mogelpackung“. Zuvor hatten Schüler, Eltern und Lehrer bei diversen Protestaktionen noch einmal ihrem Ärger über das neue Gesetz Luft gemacht. Rund 100 Studenten setzten sich auf die Landtagsstufen und durchbrachen damit die Bannmeile. Für heute sind weitere Protestaktionen gegen die Bildungspolitik angekündigt.
Der große Bildungsprotest
Schüler und Studenten wollen heute demonstrieren
Von Rüdiger Meise und Stefan Fuhrer, HAZ 17.6.2009
Hannover. Insgesamt 150.000 Demonstranten in bundesweit 80 Städten werden am Mittwoch zum großen Protesttag für Bildung erwartet. In Hannover rechnen die Organisatoren damit, dass sich rund 5000 Schüler und Studenten gegen zwölf Uhr zur Kundgebung auf dem Klagesmarkt treffen. Am Dienstag gab es schon mal einen Vorgeschmack darauf: Am Landtag besetzten rund 150 Demonstranten die Treppe des Portals, einzelne Gruppen protestierten in der City, und im bestreikten Schneiderberg wurden eifrig Transparente gebastelt.
In den Räumen des Seminars für Politische Wissenschaft am Schneiderberg liegen am Dienstag Rucksäcke und Isomatten verstreut. Studenten und Schüler der Integrierten Gesamtschulen aus Linden, der List und dem Roderbruch haben Tische beiseite geschoben und malen gemeinsam Transparente, als die Nachricht eintrifft: Am Landtag will die Polizei gegen Demonstranten vorgehen. Sofort fahren einige Dutzend in die Stadt.
Vor dem Landtag halten 150 Studenten aus Hildesheim und Hannover eine Weile die Treppe besetzt, rücken aber bald friedlich aus der Bannmeile ab. „Wir kommen morgen wieder“, ruft Lisa Kirchner, 21-jährige Studentin aus Hildesheim. Ob die spontane Aktion von Studenten aus Hildesheim oder Hannover ausging, weiß später keiner mehr so genau – auch nicht Nathan Maurer, Sprecher des sogenannten Bildungsbündnisses – einer kunterbunt zusammengewürfelten Organisation aus Studenten, Schülern und linken Gruppen.
Spontanität spielt eine große Rolle bei der Aktionswoche für Bildung. So demonstrierte am Kröpcke Dienstag eine Gruppe in Abendgarderobe, mit CDU-Fähnchen und Champagner für ein „Abi nur mit Adelstitel“ und ruft: „Ich studier’ – du Hartz IV!“ Nicht alle Passanten verstanden die Ironie.
Unklar blieb am Dienstag , ob die Kundgebung am Mittwoch symbolisch um fünf Minuten vor 12 Uhr beginnt, wie die Organisatoren vom sogenannten B-Team sagen, oder um 12 Uhr, wie vom Bildungsbündnis geplant. Sicher ist aber die Route, die vom Klagesmarkt über den Hauptbahnhof zum Aegi und nach einem Schlenker über die Georgsstraße zurück zum Ausgangspunkt führen wird. Während des Demonstrationszuges rechnet die Polizei mit temporären Behinderungen im Straßenverkehr. Bei dem Protestmarsch werden sie dann alle da sein: Lisa Kirchner, Nathan Maurer – und die Gruppe in Abendkleidung.

Das Turbo-Abitur an Gesamtschulen kommt
Gesetz gegen Stimmen der Opposition beschlossen / Studenten brechen mit Sitzstreik auf Landtagsstufen die Bannmeile
Von Saskia Döhner und Klaus Wallbaum, HAZ 17.6.2009
Hannover. Sie haben mit einem spontanen Sitzstreik auf den Landtagstreppen die Bannmeile gebrochen, sind auf dem Maschsee Tretboot gefahren, haben Trompete und Posaune geblasen und sich in Toilettenpapier einwickeln lassen – ungeachtet zahlreicher Protestaktionen von Schülern, Studenten, Eltern und Lehrern hat der Landtag gestern mit der Mehrheit von CDU und FDP das neue Schulgesetz verabschiedet. Die Opposition stimmte geschlossen dagegen.
Damit sind die Auflösung der gut mit Lehrerstunden ausgestatteten Vollen Halbtagsschulen zum 1. August 2010 und das Turbo-Abitur auch an Gesamtschulen beschlossene Sache. Die Fünftklässler, die im Sommer nächsten Jahres eingeschult werden, sind dann der erste Jahrgang, der 2018 das verkürzte Abitur ablegt. Während Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) von einer „Steigerung der Bildungsqualität und Sicherung der Abschlüsse“ sprach, kam von der Opposition Kritik.
Frauke Heiligenstadt (SPD) sagte, die Regierung nehme den Vollen Halbtagsschulen fünf Stunden in der Woche und den Gesamtschülern gleich ein ganzes Jahr Unterricht weg. Es sei schäbig, dass aus dem Regierungslager Kritik an den Mitarbeitern des Kultusministeriums und der Landesschulbehörde laut geworden sei: „Die Verantwortlichen schlagen sich in die Büsche, und diejenigen, die ihre Beschlüsse ausbaden müssen, werden von Ihnen auch noch beschimpft.“
Die Regierung ziehe ihren Plan „mit aller Arroganz der Macht durch, ohne Rücksicht auf Verluste selbst in den eigenen Reihen“, kritisierte Ina Korter (Grüne). Sie forderte erneut die Ablösung der Ministerin. Christa Reichwaldt (Linke) sagte: „5000 Petitionen gegen das Gesetz, das sind 5000 Argumente gegen das Turbo-Abitur.“
Björn Försterling (FDP) entgegnete, nach dem neuen Gesetz hätten die Eltern jetzt die Möglichkeit, sich für Gesamtschulen und das verkürzte Abitur zu entscheiden. Auch der Weg, nach 13 Jahren Abitur zu machen, bleibe offen.
Der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Karl-Heinz Klare warf der Opposition „Stimmungsmache“ vor. „Sie sind hier nicht auf einer Demonstration, Sie sind in einer ernsthaften Debatte“, rief er. Derweil versuchte sein Fraktionskollege und Schulexperte Karl-Ludwig von Danwitz draußen vor dem Landtag, rund 100 demonstrierende Studenten zu beruhigen. Die Demonstranten saßen auf die Stufen des Portikus und skandierten: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut.“ Wegen des Bannmeilengesetzes sind Protestaktionen in unmittelbarer Umgebung des Plenarsaales verboten. So soll verhindert werden, dass die Demonstranten Druck auf die Abgeordneten ausüben können.
Bruch der Bannmeile: 100 Studenten saßen auf den Landtagsstufen und diskutierten mit dem CDU-Schulexperten Karl-Ludwig von Danwitz (r.), während im Plenarsaal die Debatte lief.dpa
Die Situation drohte zu eskalieren, als ein Polizeibeamter die Studenten auf den Gesetzesbruch aufmerksam machte. „Wir bleiben hier und wollen diskutieren“, schallte es zurück. Von Danwitz bot an, mit den Demonstranten zu reden. Es entwickelte sich eine halbstündige Diskussion. Zunächst hörten die Studenten von Danwitz ruhig zu. Erst als der die Studiengebühren verteidigte, wurde er mit Pfiffen bedacht. Kurz darauf verließen die Studenten freiwillig den Platz. Im Plenarsaal wurde da noch hitzig diskutiert.
Ministerin abgesichert
Von Michael B. Berger, HAZ 17.6.2009
Hannover. Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) ist jetzt bis 2013 durch einen Sitz im Landtag abgesichert. Am Dienstag begrüßte das Parlament die Christdemokratin als neues Mitglied, nachdem der Abgeordnete Bernd Althusmann seinen Verzicht auf sein Abgeordnetenmandat erklärt und in der zweiten Reihe der Regierungsbank als Staatssekretär Platz genommen hatte. „Das ist schon merkwürdig: Ihre Chefin ist jetzt ihre Nachfolgerin im Parlament“, merkte die Grüne Ursula Helmhold an die Adresse Althusmanns an.
Die Grünen hatten die jüngste Personalrochade in der Regierungskoalition in einer Aktuellen Stunde aufgespießt und Helmhold griff deswegen Ministerpräsident Christian Wulff scharf an: „Immer wenn es für Sie brenzlig wird, zieht der Ministerpräsident seinen Kopf ein und entlässt einen Staatssekretär“, meinte Helmhold und bezeichnete den in den vorzeitigen Ruhestand versetzten Staatssekretär Peter Uhlig (57) als „Bauernopfer“. „Nennen Sie mir irgendeinen Grund, warum Uhlig gehen musste“, fragte der SPD-Politiker Heiner Bartling – und erinnerte daran, welche Kritik er erfahren musste, als er als Innenminister einen Verfassungsschutzpräsidenten in den vorzeitigen Ruhestand schickte.
Dass die Regierung in sechs Jahren zehn Staatssekretäre ausgetauscht habe, sei ein Beleg für das politische Scheitern der Regierung Wulff, meinten die Grünen – und ernteten heftigen Widerspruch aus dem Regierungslager. In einer pointierten Rede rechnete Finanzminister Hartmut Möllring vor, dass viele der Staatssekretäre in höhere Posten gewechselt seien, zwei wechselten in die Bundespolitik, einer in die niedersächsische Staatskanzlei. „Wenn Sie solche Dinge geißeln, schaffen sie doch den Posten des politischen Beamten ab“, sagte Möllring. Der CDU-Abgeordnete Björn Thümler meinte, lediglich vier Staatssekretäre seien in den vergangenen sechs Jahren in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden.
Realschüler bangen um Abiturplätze
Integrierte Gesamtschulen und Gymnasien haben vielen Jugendlichen bereits Absagen erteilt
Von Bärbel Hilbig, HAZ 15.6.2009
Hannover. Etliche Realschüler, die nach den Sommerferien in einer Oberstufe weiterlernen wollen, sorgen sich, dort vielleicht keinen Platz mehr zu bekommen. Die Integrierten Gesamtschulen haben bereits Absagen auf vorläufige Anmeldungen erteilt – obwohl der offizielle Anmeldetermin erst am 22. Juni liegt. „Ich habe auch bei drei Gymnasien angerufen. Bei zwei Schulen hieß es gleich am Telefon, sie seien voll“, sagt die 16-jährige Lisa-Marie Alfeis. Auch von der IGS Linden hat sie eine Absage bekommen.
An den Integrierten Gesamtschulen Linden, Roderbruch und Mühlenberg haben sich offenbar rund 150 Schüler mehr für die Oberstufe vormerken lassen, als dort an Plätzen frei ist. Ein stadtweiter Überblick existiert allerdings noch nicht: An anderen Schulen gibt es womöglich Platz. Doch die betroffenen Eltern und Schüler, denen bereits abgesagt wurde, sind verunsichert.
„Mein Sohn ist jetzt hoch motiviert, die Schule fortzusetzen. Wir hatten auch schon andere Zeiten. Da muss jetzt was passieren“, sagt Cengiz Ayyildiz. Die Absage für den 17-jährigen Sohn Can bringe die ganze Familie durcheinander. In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder Schwierigkeiten gegeben, alle Schüler mit erweitertem Realschulabschluss, die das Abitur ansteuern wollten, unterzubringen. An den Gymnasien müssten sie jetzt wegen der verkürzten Schulzeit bis zum Abi in die zehnte und nicht mehr in die elfte Klasse einsteigen.
Doris Espel, Sprecherin der Gymnasialleiter, hält die Aufregung für verfrüht. Alle Schüler, die ihre zwölfjährige Schulpflicht nicht erfüllt haben, hätten ein Anrecht auf einen Platz. Die Situation habe sich außerdem seit dem Start der Oberstufe an der IGS Kronsberg entspannt. Sabine Sauerzapfe, Jahrgangsleiterin an der IGS Linden, sieht aber Probleme für Jugendliche, die bereits zwölf Jahre an der Schule hinter sich haben. „Die Schulbehörden haben uns mitgeteilt, wir könnten ältere Schüler oder Jugendliche, die von der Berufsschule wieder an die allgemeinbildende Schule wechseln wollen, ablehnen.“
Michael Wehner von der Volkshochschule sorgt sich speziell um die gut 40 Absolventen, die dieses Jahr dort den erweiterten Realschulabschluss nachgeholt haben. „Sie sind alle über 18 Jahre. Wenn ihnen der Weg zum Abitur an der IGS versperrt ist, haben sie keine Möglichkeit mehr.“
Die verbindliche Anmeldung liegt deshalb so spät, weil die Realschüler erst kurz vorher ihre endgültigen Zeugnisse bekommen. Am letzten Schultag vor den Ferien, dem 24. Juni, besprechen die Leiter von Gymnasien und Gesamtschulen, wie sie Schüler unterbringen, die keinen Platz an der Schule ihrer ersten Wahl bekommen haben. „Wir bedauern natürlich, dass das so kurzfristig geschieht. Dieses Schuljahr endet sehr früh, deshalb drängt sich alles am Ende“ sagt Espel.
Lücke an IGS-Plätzen wird größer
Von Bärbel Hilbig, HAZ 11.6.2009
Hannover. Die Zahl der Schüler, die dieses Jahr keinen Platz in der fünften Klasse an einer Integrierten Gesamtschule bekommen, wird voraussichtlich noch steigen. „Etliche Eltern haben die Anmeldung vergessen. Wir rechnen mit mehr als 250 fehlenden Plätzen“, sagte Petra Martinsen, Leiterin des Fachbereichs Schule gestern im Schulausschuss. Bisher haben sich 1350 Kinder angemeldet, inklusive der neu startenden IGS Stöcken stehen 1100 Plätze zur Verfügung. Genaue Zahlen gibt es erst im August, wenn Anmeldung und Umverteilung abgeschlossen sind.
Der Schulausschuss stimmte gestern inklusive FDP für die Gründung der IGS Badenstedt zum August 2010. Die CDU hatte sogar in einem Zusatzantrag eine Oberstufe gefordert. „Diese Schulen leisten gute Arbeit“, sagte CDU-Ratsfrau Barbara Frank. Martinsen erläuterte, aus der Landesschulbehörde gebe es klare Signale, dass eine Oberstufe erst in einigen Jahren beantragt werden dürfe. „Für eine funktionsfähige Oberstufe brauchen wir mindestens 100, besser 120 Schüler“, sagte Martinsen. Frank verwies auf Schüler, die von anderen Gesamtschulen oder Gymnasien wechseln würden. Dennoch fand der CDU-Antrag keine Mehrheit. Die CDU stimmte daraufhin gegen die IGS-Gründung.
• Sanierung in Ahlem abgelehnt: CDU und FDP im Schulauschuss lehnten mithilfe der Elternvertreter Sanierung und Anbau am Schulgebäude Tegtmeyerallee in Ahlem für 3,5 Millionen Euro ab. Dorthin soll die Haupt- und Realschule Heisterbergschule ziehen, die jetzt das Schulzentrum Ahlem nutzt. „Schüler und Eltern wollen dort bleiben“, sagte Bezirksbürgermeister Wilfried Gunkel (SPD). CDU-Ratsherr Oliver Kiamann bezweifelte die angestrebten Verkaufserlöse für das Grundstück des Schulzentrums. „Die Landwirtschaftskammer hat dort ein Gelände für wenig Geld verkauft.“ Bei den Planungen seien die Baukosten für die Tegtmeyerallee mehrmals drastisch gestiegen. Man habe den Anbau auf Wunsch der Schule erweitert, erklärte Jörg Gronemann vom Gebäudemanagement. „Aufgrund der schieren Größe des Schulzentrums würde eine Sanierung dort immer deutlich teurer.“
Kritik an Postenwechsel
Von HAZ 11.6.2009
Hannover: Der Wechsel des Staatssekretärs im Kultusministerium hat die Opposition auf den Plan gerufen. Dies sei eine Verschwendung von Steuergeld, sagte der Grünen-Fraktionsvorsitzende Stefan Wenzel: „Es ist nicht zu akzeptieren, dass der personalpolitische Rettungsring für die gescheiterte Kultusministerin mit Sonderzahlungen aus der Steuerkasse beglichen wird.“ Neuer Staatssekretär ist der frühere Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion, Bernd Althusmann. Der frühere Staatssekretär Peter Uhlig war in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden. Er würde bis zur Pensionierung noch rund 400 000 Euro erhalten, kritisierte die Opposition. Das Finanzministerium wies dies als Spekulation zurück.dö/nied
250 Plätze fehlen im neuen Schuljahr in Hannover
Von Bärbel Hilbig, HAZ 10.6.2009
Fast 250 Kinder, die im August von der Grundschule auf eine Integrierte Gesamtschule wechseln wollten, werden bei der Platzvergabe leer ausgehen. Die Stadt weitet das Angebot zwar seit vergangenem Jahr stufenweise aus – doch mit der Zahl der Plätze steigt auch die Nachfrage weiter an.
Schüler der IGS Roderbruch © Martin Steiner
1350 Familien haben ihre Kinder in der fünften Klasse einer IGS angemeldet. Doch die sieben Gesamtschulen können stadtweit gemeinsam maximal 1100 Fünftklässler unterrichten. Darin sind bis zu 150 neue Plätze an der IGS Stöcken bereits enthalten, in der ab August Unterricht erteilt wird. Im vergangenen Jahr hatten sich rund 300 Familien vergeblich um einen Platz an einer IGS bemüht.
Die Stadt hatte 2008 drei zusätzliche Klassen pro Jahrgang an der IGS Kronsberg eingerichtet. Nach der IGS Stöcken in diesem Jahr soll im August 2010 zusätzlich die IGS Badenstedt mit weiteren 150 Plätzen pro Jahrgang mit ihrer Arbeit beginnen. Bleiben die Anmeldezahlen stabil, würde auch das noch nicht reichen.
„Der Anteil der Kinder mit Gymnasialempfehlung, die bei uns angemeldet werden, steigt weiter“, sagt Bernd Steinkamp, Leiter der IGS Roderbruch. Die Pläne der Landesregierung zur Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren an der IGS haben die Eltern offenbar nicht abgeschreckt. Steinkamp interpretiert die neuen Ankündigungen der Regierung als „Etappensieg“ der Gesamtschulen.
Die IGS Roderbruch konnte sogar einen Anmelderekord verzeichnen. 330 Anfragen standen 180 Plätzen im fünften Jahrgang gegenüber. „Das hatten wir noch nie“, sagt Steinkamp. Der Schulleiter führt die hohe Nachfrage auf das gute Zeugnis zurück, das die Schulinspektion der IGS Roderbruch ausgestellt hatte. Unter den neuen Fünftklässlern, die nicht aus der eigenen Grundschule kommen, haben 30 Prozent eine Empfehlung fürs Gymnasium.
Die IGS List kann diesen Anteil von Gymnasialkindern sogar noch toppen. Die Schule nimmt zum August je 45 Prozent Kinder mit Gymnasial- oder Realschulempfehlung auf. Zehn Prozent der Fünftklässler starten an der IGS List mit einer Hauptschulempfehlung. „Die Verteilung hört sich ungewöhnlich an. Aber das liegt an unserem Einzugsgebiet“, sagt Schulleiter Oswald Nachtwey. Der Schulbezirk der IGS List ist auf die Kinder aus den Grundschulen Mengendamm und Comeniusschule beschränkt. Und dort haben dieses Jahr 64 Prozent der Viertklässler eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen.
Bei der IGS List gingen dieses Jahr 176 Anmeldungen ein, die Schule hat aber nur Platz für 120 Fünftklässler. 105 der neuen Schüler kommen aus dem kleinen Schulbezirk oder haben bereits Geschwister an der Schule. Die IGS Mühlenberg bekam rund 280 Anmeldungen für 240 Plätze. Bei der IGS Linden bewarben sich gut 210 Kinder, die Schule bietet maximal 170 Plätze für Fünftklässler.
Eltern, deren Kinder an diesen Schulen leer ausgegangen sind, melden sie jetzt zum Teil an den drei Gesamtschulen an, die im ersten Durchgang nicht alle Plätze belegt haben. An der neuen IGS Stöcken zum Beispiel gab es im ersten Anlauf noch nicht genügend Anmeldungen für alle 150 Plätze. „Das wird sich noch zurechtruckeln. Wir gehen davon aus, dass wir mit fünf Klassen im fünften Jahrgang starten“, sagt Schulleiter Werner Schlüter. Mit der Landesschulbehörde ist vereinbart, dafür ausreichend Lehrer einzuplanen. Auch an der IGS Kronsberg und der IGS Vahrenheide sind noch Plätze frei.
An der IGS Langenhagen meldeten sich 327 Kinder auf 180 Plätze an. So hoch waren die Anmeldezahlen seit 1980 nicht mehr. Und das, obwohl dieses Mal kaum Anmeldungen aus der Wedemark kamen, wo die IGS Wedemark neu startet.
Schule lost: Kein Platz für 70 Schüler
Von LZ, 10.6.2009
Neustadt. Für etwa 70 Schüler erfüllt sich der Schulwunsch nicht: 292 bisherige Grundschüler aus dem Stadtgebiet sind für die fünften Klassen im Haupt-, Real- und Gymnasialzweig der KGS angemeldet worden – fast vier Klassen mehr als die Schule aufnehmen kann. Per Los wird ausgesiebt. „So leid es uns tut, und so hart das ist, wir können nicht anders“, sagt Schulleiter Herwig Dowerk. In Kürze werde gelost, die Eltern der Schüler, die keinen Platz abbekommen, informiert. Alternativ werden die Schüler im Gymnasium oder der Leine-Schule (Haupt- und Realschulzweig) unterrichtet.vw
Auszeichnung
Förderpreis der Tui-Stiftung für IGS Linden
Von Rüdiger Meise, HAZ 10.6.2009
Hannover. Dass es ein großer Preis sein muss, der da am Dienstag in der Aula der IGS Linden vergeben wurde, hatten auch die jüngsten Schüler schnell verstanden: Wenn Fußballstar Valérien Ismaël Autogramme gibt, der hannoversche Rapper Spaxx moderiert und Oberbürgermeister Stephan Weil so viel Lob über der IGS ausschüttet, dann muss ihre Schule einiges geleistet haben.
Die IGS Linden hat den Förderpreis der TUI-Stiftung erhalten. © Martin Steiner
Der Anspruch des Förderpreises der TUI-Stiftung ist hoch: Mit dem Preis sollen Projekte gewürdigt werden, die „Toleranz, Gewaltfreiheit und individuelle Vielfalt stärken und mit Spaß für ein gemeinsames Miteinander eintreten“, sagte TUI-Vorstand Peter Engelen. „Gemeinsam in Hannover – wir sind die Zukunft“ hatte die TUI den mit insgesamt 10 000 Euro dotierten Preis genannt und eine namhafte Jury angeworben: Außer TUI-Vorstandschef Michael Frenzel, Vorstandsmitglied Rainer Feuerhake und Weil entschieden Landesbischöfin Margot Käßmann, HAZ-Chefredakteur Ulrich Neufert und die Integrationsbeauftragte des Landes, Honey Deihimi, über die Preisvergabe.
Einstimmig votierte die Jury aus 77 Projekten, die sich beworben hatten, für die IGS Linden und ihre Initiative „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“. Sie umfasst zahlreiche Einzelprojekte, die in ihrer Gesamtheit dazu beitragen sollen, die soziale Not einzelner Schüler zu lindern und die Chancengleichheit zu erhöhen. So sei es an der IGS mittlerweile ganz selbstverständlich, dass ältere Schüler beim Projekt „Lernfrühling/Leseherbst“ Kindern aus Zuwandererfamilien in den Ferien Nachhilfe geben. „Wir tun das so, dass alle Spaß dabei haben“, erklärte der 17-jährige Teamleiter Steffen Gleixner nach der Preisverleihung. „Zum Beispiel mit Mathebingo oder einer englischen Schnitzeljagd.“
Begeistert zeigte sich die Jury über die Anzahl und die Qualität der Bewerbungen: „Die Auswahl fiel uns so schwer, dass wir drei Sonderpreise vergeben mussten“, sagte Landesbischöfin Margot Käßmann. Für die Sonderpreise erhöhte die TUI-Stiftung das Preisgeld noch einmal um insgesamt 3000 Euro, und bei der Auswahl bewies die Jury ein glückliches Händchen: Der Großelterndienst des Diakonischen Werkes, der Senioren als Kinderbetreuer vermittelt, wurde ebenso prämiert wie die „Kooperation Primastufe“ der Wilhelm-Schade-Schule, bei der Kinder mit geistiger Behinderung gemeinsam mit nicht behinderten Kindern unterrichtet werden. Auch das Programm „Freundlich und Fair“ der Grundschule Goetheplatz wurde prämiert. Ein Schüler erklärte Moderator Spaxx die Idee: „Es gibt immer Streit, das kann man nicht ändern“, sagte er weise. „Aber es ist nicht schwer, Streit zu schlichten – und das gibt ein gutes Gefühl.“
Um auch die Projekte zu würdigen, die gestern nicht prämiert wurden, wird die HAZ die Initiativen in einer Serie vorstellen, kündigte Chefredakteur Ulrich Neufert an. Im März 2010 beginnt die Bewerbungsphase für den nächsten Förderpreis, sagte TUI-Vorstand Engelen – und versprach: „Auch wenn es noch mehr Einsendungen werden sollten, wir schaffen das schon!“
Kultusministerium
Wulff schickt Krisenmanager
Von Klaus Wallbaum, HAZ 10.6.2009
Die Devise der Landesregierung lautete am Dienstag: Bitte tiefer hängen! Am Dienstag wurde der lange geplante Einsatz des CDU-Landtagsabgeordneten Bernd Althusmann als Staatssekretär und Krisenmanager ins Kultusministerium beschlossen. Doch weil dies möglichst geräuscharm verlaufen sollte, gab es keine Pressekonferenz, sondern nach der Kabinettssitzung nur eine knappe Mitteilung des Kultusministeriums. Darin wird der heikelste Punkt, die Versetzung des glücklosen Staatssekretärs Peter Uhlig (57) in den „einstweiligen Ruhestand“, noch nicht einmal erwähnt. Unangenehmen Nachfragen wollte sich die Regierung also offensichtlich entziehen, zumal der Vorgang an sich schon merkwürdig genug ist.
Althusmann ist bisher das Schwergewicht der CDU-Landtagsfraktion, wird von einem großen Netzwerk getragen und hat exzellente Kontakte zur CDU-Fraktion wie zu den anderen Ministerien. Außerdem versteht er das politische Geschäft des Gebens und Nehmens – etwa im Kontakt mit Interessenverbänden. All dies sind Eigenschaften, die seine neue Chefin, Ministerin Elisabeth Heister-Neumann, bisher schmerzhaft vermissen ließ. Nicht wenige in der CDU-Landtagsfraktion bezweifeln, dass im Kultusministerium künftig das Primat der Ministerin gegenüber dem Staatssekretär klappen kann – denn von vornherein wird Althusmann mehr Gewicht besitzen als die nach einer Welle von Protesten angeschlagene Heister-Neumann.
Während der Staatssekretär jetzt die Macht im Ministerium an sich nehmen und aufräumen wird, muss die Ministerin vorerst weiter die Proteste der Kritiker ihrer Politik in der Öffentlichkeit auf sich ziehen. Auch am Dienstag verstummten im Landtag die Mutmaßungen nicht, dass es sich bei der personellen Änderung lediglich um einen ersten Schritt handelt: Beruhigt sich die bildungspolitische Debatte nicht, so könnte Heister-Neumann bei einer im Herbst anstehenden Kabinettsumbildung in ein weniger brisantes Ressort wechseln – oder ganz aus der Regierung ausscheiden.
Eine finanzielle Absicherung für einen solchen Fall bekommt sie nun, pikanterweise durch die Berufung ihres neuen Staatssekretärs: Mit Althusmanns Ausscheiden aus dem Landtag in der kommenden Woche rückt Heister-Neumann ins Parlament nach, sie steht auf Rang eins der CDU-Nachrückerliste. Ein freudscher Versprecher des CDU-Fraktionschefs David McAllister zeigt im Übrigen, wie präsent in der Regierungsfraktion derlei Personalspekulationen sind. Gegenüber einer NDR-Fernsehreporterin sprach der CDU-Chef am Dienstag von Althusmanns „Ernennung zum Kultusminister“.
Unterdessen bleibt die Frage offen, wieso Uhlig überhaupt in den Ruhestand gehen musste. Mutmaßungen über administratives Ungeschick gibt es viele, aber Heister-Neumann schwieg dazu bisher. Zulässig wäre die Ablösung eines Staatssekretärs nur aus politischen Gründen – auch wenn die Regierung nicht gezwungen ist, diese Gründe näher zu benennen. Heister-Neumann verzichtete am Dienstag allerdings ganz darauf, eine Begründung abzugeben. Es heißt lediglich in der Pressemitteilung, die Arbeit habe an Uhligs „Kräften gezehrt“. Streng genommen wäre das allein nach dem Beamtenrecht noch kein ausreichender Grund.
Turbo-Abi: Elternproteste zeigen Wirkung
Es tut sich was beim G8. Nach Medienberichten über überforderte Schüler und massiven Protesten durch die Eltern packen die Politiker jetzt die Reform des Turbo-Abis an.
Von FOCUS-SCHULE-Autorin Anke Helle, dpa 9.6.2009
Langsam kommt Bewegung in die Sache: Sowohl Niedersachsens Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) als auch ihr Amtskollege Jürgen Banzer (CDU) aus Hessen äußerten sich in diesen Tagen zum Turbo-Abi. Beide Bundesländer planen Veränderungen in ihrer Schulpolitik, um in Zukunft die ersten Jahrgänge des verkürzten Gymnasialzugs zu entlasten.
Die Reaktionen der Länder sind die Folge massiver Proteste von Eltern, Lehrern und Schülern in den vergangenen Monaten. Diese und eine anhaltende Medienberichterstattung hatten dazu geführt, dass es in Deutschland plötzlich vor korrekturfreudigen Bildungsexperten nur so wimmelte. Die Fachleute übertrumpften sich gegenseitig mit Ideen, wie man möglichst schnell den überforderten Schülern helfen könnte: Von einer Entrümpelung der Lehrpläne war da die Rede, von der Wiedereinführung des Samstagsunterrichts, von einer vorgezogenen Einschulung und der Kürzung der Ferien. Anfang März meldete sich dann auch die Kultusministerkonferenz (KMK) zu Wort: In einem Beschluss empfahlen die Minister den Bundesländern, in denen es „erforderlich“ sei, eine Anpassung der Lehrplaninhalte an die neuen Bedingungen. Des Weiteren wurden die Länder angewiesen, „dort, wo es erforderlich ist, den Schulen Hilfen zur Umsetzung“ zu geben – auch beim Ausbau von bzw. zu Ganztagsschulen.
Die Länder regen sich
Zwei Monate später beginnen nun die ersten Länder damit, die Ideen und Anregungen von Bildungswissenschaftlern, Lehrern und Politikern umzusetzen. Dabei herrscht verhältnismäßig große Einigkeit über die grundlegenden Maßnahmen: Alle Bundesländer wollen am Konzept des Turbo-Abis festhalten. „G8 bietet jungen Menschen ein Jahr mehr Zeit, um sich nach dem Abitur persönlich wie beruflich zu orientieren und zu entwickeln“, erklärte etwa der hessische Kultusminister Jürgen Banzer. Im hessischen Landtag war noch bis vor einigen Wochen über eine völlige Rückkehr zum G9 diskutiert worden.
Auch sonst lassen sich einige allgemeingültige Strategien erkennen: So wollen sowohl Hessen als auch Bayern, NRW und Niedersachsen die bestehenden Lehrpläne überarbeiten und die Wochenstundenzahl inklusive Nachmittagsunterricht (insbesondere bei jüngeren Schülern) begrenzen. Diskussionen über die Möglichkeit eines kleineren Klassenteilers, die Schaffung neuer Lehrerstellen und die Bereitstellung zusätzlicher Gelder dauern hingegen vielerorts noch an. Länder wie Baden-Württemberg halten sich deshalb bislang bedeckt: Erst Mitte Juni werde es eine Stellungnahme geben, heißt es aus dem Kultusministerium in Stuttgart. In anderen Ländern rührt sich hingegen gar nichts: Das Kultusministerium in Bremen etwa gibt an „diese Diskussion gar nicht zu führen“: Alles sei „normal“, und man sehe keinen Anlass zur Veränderung.
Leidet die Durchlässigkeit?
Nach Auffassung des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) hat die verkürzte Gymnasialzeit einen „Systemwechsel“ an den Schulen eingeleitet. „Die Durchlässigkeit zwischen den Gymnasien und den anderen Schulformen ist verschwunden“, sagte die VBE-Landesvorsitzende aus Niedersachsen, Gitta Franke-Zöllmer. Dazu trage unter anderem die Erhöhung der Pflichtstunden in den fünften und sechsten Gymnasialklassen bei. Diesen Vorsprung könnten Schüler anderer Schulformen, die aufs Gymnasium wechseln wollten, kaum einholen.
Franke-Zöllmer forderte die Politiker auf, auch die anderen Schultypen nicht zu vergessen: Eltern, die ihre Kinder auf Gymnasien schicken, könnten in der Regel ihrem Unmut über Missstände besser Luft machen als Eltern von Real- oder Hauptschülern. „Wir dürfen die anderen Kinder aber nicht hintanstellen.“
Die Reform der Reform: Über die Pläne der einzelnen Länder informieren wir Sie in unserer Übersicht unten.
Die Pläne der einzelnen Länder
Welche Veränderungen stehen in den Gymnasien der betroffenen Bundesländer an?
Bayern
Überarbeitung der Lehrpläne (die Betonung soll dabei auf dem Grundwissen und der Methodenkompetenz liegen) Intensivierungsstunden bleiben als Lehrstunden erhalten. Stundentafel wurde geringfügig gekürzt. Verpflichtende Stunden am Nachmittag wurden begrenzt. Bei längerem Nachmittagsunterricht entfallen Hausaufgaben. Neues Personal wird eingestellt zur Entlastung der Lehrer.
Hessen
Überarbeitung der Lehrpläne Verlagerung der Schulstunden von der Mittel- in die Oberstufe Ausbau der Ganztagsbetreuung Kleinere Klassen (erst ab 2009/2010) mit maximal 30 Schülern Kooperative Gesamtschulen dürfen zwischen acht und neun Jahren wählen. Möglichst viele Entscheidungen sollen in die Hände der Schulgemeinschaften gelegt werden. 100 zusätzliche Lehrstellen sind noch in der Diskussion. Den Beginn der zweiten Fremdsprache können hessische Schulen zwischen der fünften und siebten Klasse ansetzen. Niedersachsen
Die im Februar eingeführten zwei zusätzlichen Förderstunden pro Woche werden beibehalten. Die Zahl der Pflichtstunden wird von 265 auf 260 verringert. Gleichmäßige Verteilung der Pflichtstunden in der Unter- und Mittelstufe (in Klasse 7 bis 9 höchstens 32 Wochenstunden, in Klasse 5 und 6 können die Schulen die Stundenanzahl auf 30 und 32 oder zweimal 31 verteilen) Höchstens 32 Schüler dürfen in einer Klasse unterrichtet werden, in Doppeljahrgängen höchstens 27 Schüler. Entlastung der Lehrer: In den Doppelabi-Jahrgängen sollen lediglich zwei statt wie sonst üblich drei Lehrer die Prüfungen abnehmen. Nordrhein-Westfalen Umfangreiches Programm zum Ausbau des Ganztagbetriebs und einer pädagogischen Über-Mittag-Betreuung Reduzierung der Inhalte in den Kernlehrplänen Reduzierung der Stundentafeln Nachmittagsunterricht für Kinder der fünften und sechsten Jahrgangsstufe nur an einem Tag in der Woche, keine Klassenarbeiten mehr am Nachmittag, Nachmittagsunterricht für Kinder der Jahrgangsstufen 7 und 8 nur an maximal zwei Tagen die Woche
Nachwuchsmangel
Niedersachsen fehlen die Lehrer
Von Saskia Döhner, HAZ 3.6.2009
Dem Land gehen die Lehrer aus: Weil mehr als die Hälfte der Pädagogen älter als 50 Jahre ist, werden bis 2020 rund 50.000 Lehrer pensioniert. Und mit Nachwuchskräften ist diese Lücke nach Berechnungen des Essener Bildungsforschers Prof. Klaus Klemm bei Weitem nicht zu schließen.
Denn nach seinen Berechnungen bildet Niedersachsen viel zu wenig Lehrer aus: „Rund 4200 Neueinstellungen wären jährlich nötig, aber die Zahl der Hochschulabsolventen liegt nur bei rund 2300“, sagte der Wissenschaftler am Montag in Hannover bei der Präsentation seiner Studie, die er für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft erstellt hat.
Es sei an sich schon problematisch, wenn Kinder überwiegend von Lehrern im Alter ihrer Großeltern unterrichtet würden, bemängelte Klemm. Angesichts der Pensionierungswelle in den nächsten zehn Jahren könnte es aber bald an den Schulen nicht nur alte, sondern gar keine Pädagogen mehr geben, warnte der Erziehungswissenschaftler.
Bis 2020 werden zwar die Schülerzahlen um 200.000 zurückgehen, aber die Landesregierung hatte stets betont, dass die Zahl der Lehrerstellen erhalten bleiben und etwa für kleinere Klassen genutzt werden soll. Nach dem doppelten Abiturjahrgang 2011 werde sich die Situation deutlich entspannen, hatte es bislang geheißen. Klemm sieht das anders: „Das Problem ist ab sofort da.“
Das Kultusministerium entgegnete, die Nachwuchsplanung sei langfristig gesichert. Durch die Anhebung der Zahl der Referendarsstellen stünden den allgemeinbildenden Schulen jährlich rund 3000 Bewerber zur Verfügung. Es bleibe jedoch „eine Herausforderung, junge Leute für das Lehramtsstudium zu begeistern“, sagte Ministeriumssprecher Andreas Krischat am Montag. Auch an den Hochschulen stehen nach Angaben des Wissenschaftsministeriums mit knapp 5000 Plätzen angehenden Lehrern genügend Kapazitäten zur Verfügung. Es würden jedoch nicht alle Plätze besetzt.
Durch die Umstellung der Studiengänge auf das Bachelor- und Mastersystem würde weder die Abbrecherquote von durchschnittlich 40 Prozent sinken, noch die Dauer des Studium von derzeit rund 6,5 Jahren verkürzt, kritisierte der Essener Wissenschaftler Klemm. Ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums sagte, es gebe dazu noch keine aussagekräftigen Zahlen. GEW-Landesvorsitzender Eberhard Brandt forderte am Montag, die Chancen für Seiteneinsteiger zu erhöhen. Hochschulabsolventen mit Mangelfächern wie Physik oder Mathematik sollten sich in einem einjährigen Masterstudium pädagogisch nachqualifizieren können. Die Lehramtsstudenten müssten an den Universitäten besser betreut werden, zudem sollte die Besoldung besser werden. „Wenn man nicht mehr bezahlt, bekommt man auch die Leute nicht.“ Christa Reichwaldt (Linke) fordert, mehr Geld in die Lehrerausbildung zu stecken.
• Klage möglich: In der Affäre um den GEW-Vorsitzenden Brandt überlegt die SPD-Fraktion, ob sie vor dem Staatsgerichtshof auf uneingeschränkte Akteneinsicht klagen soll. Gegen den GEW-Chef läuft ein Disziplinarverfahren, weil er seiner Unterrichtsverpflichtung nicht ausreichend nachgekommen sein soll. SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt moniert, dass das Ministerium nur teilweise Einsicht in Brandts Personalakte gewähren will, weil einige Dokumente zum „Kernbereich der Regierungsarbeit“ gehörten. Dabei habe Brandt selbst der uneingeschränkten Einsicht zugestimmt.
Althusmann soll Ministerin retten
Von Klaus Wallbaum, HAZ 5.6.2009
Der monatelange Streit um die Schulpolitik führt noch im Juni zu personellen Konsequenzen an der Spitze des Kultusministeriums: Staatssekretär Peter Uhlig wird abgelöst, sein Nachfolger wird der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, Bernd Althusmann aus Lüneburg.
Wird abgelöst: Staatssekretär Peter Uhlig. © Uwe Dillenberg
Das wurde am Donnerstag in Regierungskreisen inoffiziell bestätigt. Ministerpräsident Christian Wulff zieht mit dieser Entscheidung die Schlüsse aus heftiger Kritik an Mängeln in der Kultusverwaltung.
Der Ministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) und ihrem bisherigen Staatssekretär wird vorgeworfen, mit einer wenig sensiblen Art den Unmut der Lehrer-, Eltern- und Schülerverbände geschürt zu haben. Die Chance, die Lehrer angesichts des drohenden Unterrichtsausfalls zu freiwilliger Mehrarbeit zu bewegen, sei versäumt worden. Stattdessen gebe es nun schon monatelang Konfrontation, die mit den jüngsten Beschlüssen zum sogenannten Turbo-Abitur an den Gesamtschulen noch verschärft worden sei. Außerdem heißt es in der Koalition, das Kultusministerium sei „löchrig wie ein Schweizer Käse“, weil aus vielen Abteilungen Informationen an Gewerkschaften und die Opposition dringen würden, sodass eine vorausschauende Planung in der Hausspitze kaum noch möglich sei. Die Autorität der Ministerin und des Staatssekretärs habe darunter gelitten.
Schließlich habe das Ministerium die Landesschulbehörde als nachgeordnete Verwaltung nicht im Griff. Diese Behörde soll beispielsweise entscheiden über den Einsatz von Pensionären im Unterricht oder über die Bereitstellung von „Feuerwehrlehrern“, wenn plötzlich eine Schule eine Vertretung braucht. In vielen Fällen, heißt es, reagiere die Landesschulbehörde mit völlig unangebrachten bürokratischen Hemmnissen. In anderen Fällen wiederum sei sie als Dienstleister für die Schulen nicht erreichbar.
Von Althusmann wird nun erwartet, dass er die von Kultusexperten als „chaotisch“ bezeichneten Zustände aufarbeitet und rasch neu ordnet. „Wenn er es nicht schafft, dann ist das Kultusministerium unregierbar geworden“, sagt ein Schulpolitiker der Koalition. Dafür brauche der neue Staatssekretär die volle Handlungsfreiheit – und die habe er, weil Althusmann die Rückendeckung des Ministerpräsidenten genieße. Außerdem pflege er exzellente Kontakte zur Fraktion und zu anderen Ministerien, vor allem zum Finanzministerium.
Der 42-jährige promovierte Betriebswirt gehört dem Landtag seit 15 Jahren an und hat seit Langem den Ruf, die „Wunderwaffe“ der CDU-Fraktion zu sein. Als Haushaltssprecher und Parlamentarischer Geschäftsführer ist er in der Fraktion der wichtigste Mann neben Fraktionschef David McAllister. Vor seiner Zeit als Abgeordneter war der Sohn eines Pastors Bundeswehroffizier. Er gilt als politisch erfahren, kenntnisreich und durchsetzungsstark.
Althusmann soll sich die Entscheidung nicht leicht gemacht haben. Um Staatssekretär werden zu können, muss er sein Landtagsmandat aufgeben und büßt damit auch einen Teil der politischen Unabhängigkeit ein. Manche in der Koalition meinen auch, Althusmann sei in der neuen Rolle unter Wert eingesetzt.
In Regierungskreisen heißt es daher, der Lüneburger stehe ganz oben auf der Liste von Wulff, wenn voraussichtlich im Herbst oder Winter eine Kabinettsumbildung in Niedersachsen ansteht. Althusmann könnte dann Heister-Neumann ablösen oder aber – falls sich die schulpolitische Debatte bis dahin beruhigt haben sollte – ein anderes Amt übernehmen, etwa das des Wissenschaftsministers.
Warteliste für IGS Garbsen wird länger
Von Sven Sokoll, LZ 4.6.2009
Garbsen. Die Debatte um das Turbo-Abitur an der IGS hat die Anmeldezahlen nicht reduziert. Im Gegenteil: 339 Kinder sind für das neue Schuljahr angemeldet worden.
Das sind 30 Schüler mehr als im Vorjahr und 55 Prozent des jetzigen vierten Grundschuljahrgangs. Die Schule kann nur 240 Fünftklässler aufnehmen, sodass 99 Interessenten für die Warteliste ausgelost werden mussten. Die Schule freut sich über den Zuspruch, bedauert aber die Absagen.
Demonstranten rennen gegen Turbo-Abi an

Rund 1000 Schüler, Lehrer und Eltern haben gestern am Landtag gegen die Einführung des Turbo-Abiturs an Gesamtschulen demonstriert – und das an einem Ferientag. Geplant war, eine Menschenkette um den Landtag zu bilden, wo der Kultusausschuss der Landesregierung über die Gesetzesvorlage zum Turbo- Abitur beriet. Doch die Polizei bremste die Demonstranten aus, indem sie die Zufahrtsstraßen sperrte. vt/Steiner
Hand in Hand gegen das Turbo-Abi
Trotz des freien Schultags gingen gestern mehrere Hundert Menschen auf die Straße
Von Jan Sedelies, HAZ 3.6.2009
Mit einer Menschenkette am niedersächsischen Landtag haben am Dienstag mehrere Hundert Menschen gegen die Einführung des geplanten Abiturs nach zwölf Jahren an den niedersächsischen Gesamtschulen demonstriert.
Mehrere Hundert Schüler und Eltern demonstrierten gegen das geplante
Turbo-Abi an integrierten Gesamtschulen. © Martin Steiner
Nach einer Kundgebung an der Marktkirche zogen die Demonstranten in zwei Protestzügen friedlich um den Landtag und bildeten am Leibnizufer eine Menschenkette. Diese reichte von der Marstall-Brücke bis zur Leinstraße an der Ecke Karmaschstraße. Die Veranstalter von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und dem Elternverband für Gesamtschulen Niedersachsen zählten 1000 Teilnehmer, die Polizei registrierte etwa 500 Demonstranten.
Für Nils Johannsen von der GEW-Niedersachsen ist die symbolische Einkreisung des Landtags ein voller Erfolg. „Für einen Ferientag sind sehr viele Eltern und Schüler gekommen — das Klassenziel ist erreicht“, sagte Johannsen. Eine komplette Umzingelung des Landtags war gar nicht möglich. Die Polizei hatte im Vorfeld der Aktion keine Genehmigung für eine Sperrung aller Zufahrtsstraßen zum Landtag erteilt. Der Protest dürfte dennoch lautstark im Landtag angekommen sein.
Dort tagte am Dienstag der Kultusausschuss, um die Gesetzesvorlage der Landesregierung zum Turbo-Abitur zu erörtern. Zahlreiche Vertreter der hannoverschen Gesamtschulen bezeichneten diese Pläne in Redebeiträgen als Aus für das Gesamtschulkonzept. Auch die Kultusausschussmitglieder von SPD, Grünen und Linken machten in einer Sitzungspause ihrem Ärger über die Pläne Luft. „Schule ist mehr als Wissensvermittlung, sie beinhaltet auch Zeit für soziales Lernen“, sagte Frauke Heiligenstadt (SPD). „Die Landesregierung möchte Reformschulen kaputt machen“, sagte Ina Korter (Grüne), und Christa Reichwald (Linke) nannte das Konzept zur neuen Gesamtschule eine Farce.
Die Proteste werden fortgesetzt. Schon am Donnerstag soll es in hannoverschen Schulen weitere Aktionen gegen das Turbo-Abitur geben. Vom 15. bis 19. Juni wird zu einer Bildungsstreikwoche aufgerufen, und am 17. Juni soll es eine bundesweite Demonstration geben, die in Hannover um 12 Uhr auf dem Opernplatz beginnt. Zudem kündigte Johannsen von der GEW ein Volksbegehren gegen die Pläne der Landesregierung an.
Beratung geht in letzte Runde
Von Saskia Döhner, HAZ 3.6.2009
Die einen sprechen von Chaos, die anderen sehen sich „auf einem guten Weg“. Die niedersächsischen Bildungspolitiker haben am Dienstag eine sehr unterschiedliche Bilanz der Beratungen zum neuen Schulgesetz im Kultusausschuss des Landtages gezogen. Ina Korter (Grüne) forderte, die Beratung auszusetzen, solange die finanziellen Folgen für das Land noch nicht hinreichend geklärt seien. Dies dürfte aber schwierig auszurechnen sein, weil vieles wie etwa die verstärkte Zusammenarbeit von Haupt- und Berufsschulen nach dem Neustädter Modell nicht verpflichtend vorgeschrieben ist, sondern nur ein möglicher Vorschlag ist. Dem Vernehmen nach würde die Umstellung aller Hauptschulen auf das Neustädter Modell rund sieben Millionen Euro kosten.
Die Regierungsfraktionen verfahren nach Meinung von Frauke Heiligenstadt (SPD) nach dem Motto „Augen zu und durch“. Das Gesetz sei mit der heißen Nadel gestrickt, die Landtagsjuristen hätten an dem Entwurf viel auszusetzen gehabt. Für Karl-Ludwig von Danwitz (CDU) waren das aber lediglich grammatikalische Änderungen. Bei der Umsetzung des verkürzten Abiturs an Gesamtschulen versprach er „ein Höchstmaß an Flexibilität“. Der integrative Ansatz im Unterricht dürfe nicht verloren gehen. In den Klassen 5 bis 10 müssen die Abiturienten künftig 13 Stunden mehr Unterricht haben. Dabei sollen aber nicht die unteren Jahrgänge, sondern eher die Neunt- und Zehntklässler belastet werden.
„Wir sind beweglich, wenn auch nicht in der Kernausrichtung“, sagte FDP-Bildungsexperte Björn Försterling. Er sieht den Protest gegen das neue Schulgesetz bereits abebben. Vor der abschließenden Beratung im Kultusausschuss am morgigen Donnerstag hat der Philologenverband noch einmal seine Zustimmung für die Pläne von FDP und CDU bekräftigt. Das Abitur nach zwölf Jahren im Sinne der Gerechtigkeit auch an Gesamtschulen einzuführen, sei richtig, sagte der Verbandsvorsitzende Guillermo Spreckels.Er bot den Gesamtschulen Hilfe bei der Umsetzung des Turbo-Abiturs an.
Stadt befragt die Seelzer Eltern zu Gesamtschule
Von Frank Walter, LZ 30.5.2009
Seelze. Die Stadt wird nach den Sommerferien alle Eltern von Grundschul- und Kindergartenkindern fragen, ob sie ihren Nachwuchs auf eine Gesamtschule in Seelze schicken würden. Auf diese Bedarfsermittlung hat sich der Rat der Stadt am Donnerstagabend überraschend verständigt. Die SPD und die Grünen favorisieren seit Längerem die Einrichtung einer Gesamtschule. Heinrich Aller (SPD) verwies auf die aktuell 266 Seelzer Kinder, die eine Gesamtschule in Hannover besuchen und für die die Stadt insgesamt 360 000 Euro Gastschulgeld pro Jahr zahlt: „Das ist eine Abstimmung mit den Füßen.“
Die CDU dagegen hatte sich bisher der Umfrage bei den Eltern als erstem Schritt verweigert. Sie befürchtet unter anderem, dass eine Gesamtschule dem Gymnasium zu viel Konkurrenz machen würde. Umso überraschender kam das Angebot von CDU-Fraktionschef Hubertus Gärtner im Rat, der Elternbefragung zuzustimmen. „Wir haben umgedacht, wollten damit auch die Schärfe aus der Diskussion rausnehmen“, begründete er gestern auf Nachfrage den neuen Kurs. Die Landesregierung schreibt unter anderem vor, dass bestehende Schulen nicht in ihrem Bestand gefährdet werden dürfen und neue Gesamtschulen fünfzügig sein müssen.
„Pro Jahrgang bräuchten wir dafür also 130 Schüler“, erläuterte Bürgermeister Detlef Schallhorn. Ob so viele Seelzer Eltern ihre Kinder auf eine Gesamtschule schicken würden, soll die Befragung ergeben. Im weiteren Verfahren müsste der Rat dann entscheiden, ob die Gesamtschule auch politisch gewollt und bezahlbar ist. Die Genehmigung obliegt dem Land Niedersachsen.
Volksbegehren gegen neues Schulgesetz?
5000 Petitionen eingegangen
Von Saskia Döhner, HAZ 30.5.2009
Hannover. Der Widerstand gegen das neue Schulgesetz wächst weiter. Die Zahl der Petitionen ist mittlerweile auf knapp 5000 gestiegen. Dies grenzt nach Angaben von Landtagssprecher Franz Rainer Enste an einen Rekord. Bei anderen kontroversen Themen wie dem Nichtraucherschutzgesetz seien es nur halb so viele Petitionen gewesen. Umstritten ist vor allem die Einführung des Turbo-Abiturs an Gesamtschulen und die Umwandlung der Vollen Halbtagsschulen in Verlässliche Grundschulen. Nach der zweitägigen Anhörung in dieser Woche hatten CDU und FDP angekündigt, generell bei ihrem Kurs bleiben zu wollen.
Nun suchen die Kritiker nach anderen Formen des Protests. „Wir werden alle Möglichkeiten ausloten“, sagte Ina Korter, die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, am Freitag in Hannover. Dies könnten politische Änderungsanträge zum Gesetzentwurf, aber auch Resolutionen oder Demonstrationen sein. Am Dienstag, wenn die Beratung im Schulausschuss weitergeht, wollen Eltern eine Menschenkette um den Landtag bilden und so gegen die Pläne der Regierungsfraktionen protestieren.
Der Vorsitzende des Landeselternrats, Pascal Zimmer, hat unterdessen die Forderung nach einem Bildungsgipfel erneuert. „Ich setze auf Vernunft“, sagte er. Andernfalls müsse man aber auch über ein mögliches Volksbegehren nachdenken. Allerdings sind die Hürden dafür hoch. Zehn Prozent der Wahlberechtigten, also rund 600 000 Unterschriften, wären dafür nötig.
Auch Helga Akkermann, Vorsitzende des Schulleitungsverbandes, sagte, sie setze auf Gespräche: „Ich weiß, dass man Überzeugungsarbeit leisten muss und dass dies lange dauern kann.“ Bevor man auch an Gesamtschulen das Abitur nach zwölf Jahren einführe, solle man erst einmal die Auswirkungen an den Gymnasien abwarten. Im Jahr 2011 wird der erste Jahrgang in Niedersachsen das verkürzte Abitur absolvieren. Aber bereits jetzt zeichne sich ab, dass die Zahl der Sitzenbleiber steigt, hieß es diese Woche in der Anhörung im Schulausschuss wiederholt.
Auch bei der Unterrichtsversorgung könnten die Probleme größer werden als bisher angenommen. Einige hundert Lehrer wollen die Ablehnung ihrer Teilzeitanträge nicht hinnehmen und haben die Personalräte eingeschaltet. Derzeit laufen in Hannover, Lüneburg, Braunschweig und Osnabrück Verhandlungsgespräche mit den Schulbezirkspersonalräten. Das Ministerium spricht von rund 200 strittigen Fällen. In Kritikerkreisen ist sogar von 500 die Rede. SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt sagte, allein im Bezirk Lüneburg hätten rund 150 Lehrer gegen die Ablehnung ihrer Teilzeitanträge Einspruch eingelegt.
Streit um mögliches Ende der Förderschulen
Von Saskia Döhner, HAZ 29.5.2009
Für Eltern von behinderten Kindern muss der Zugang zu einer sogenannten Regelschule deutlich erleichtert werden – darin waren sich alle Fraktionen am Donnerstag nach einer Anhörung im Schulausschuss zum gemeinsamen Unterricht einig. „Wir mussten immer kämpfen, mit Behörden, Krankenkassen, Kindergärten, Schulen“, berichtete Frank Hehlgans, Vater einer zwölfjährigen mehrfach behinderten Tochter aus Goslar, die mittlerweile in die 7. Klasse eines Gymnasiums in Bad Harzburg geht. Birgit Feickert, Mutter eines Mädchens mit Down-Syndrom, sagte, sie habe fast drei Jahre nach einem Platz an einer weiterführenden Schule gesucht.
„Solche Kämpfe sollen Eltern in Zukunft nicht mehr führen müssen“, sagte FDP-Bildungsexperte Björn Försterling. Karl-Ludwig von Danwitz (CDU) sprach von einem langen Weg, der Fragen wie die gesellschaftliche Akzeptanz, die Lehrer-aus- und -fortbildung und Barrierefreiheit in den Gebäuden einschließe.
20 Jahre lang habe man vergeblich auf das Prinzip der Freiwilligkeit gesetzt, sagte Grünen-Bildungspolitikerin Ina Korter: „Jetzt ist Zeit für ein Gesetz.“ In dem Entwurf der Grünen wird ab 2010 die schrittweise Abschaffung der Förderschulen und die Übernahme der Kinder mit Handicaps in regulären Schulen gefordert. Lebenshilfe-Geschäftsführer Kersten Röhr mahnte aber, dass es am Ende keine „Restschulen“ für schwer behinderte Kinder geben dürfe. „Eine Schule für alle“ ist auch nach Ansicht von Ernst-Bernhard Jaensch vom Sozialverband Deutschland das Ziel: „Menschen mit Behinderungen sind Teil des gesellschaftlichen Alltags, je früher Kinder daran gewöhnt werden, desto besser.“ Er appellierte an alle Parteien, sich zum gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern zu bekennen. Seit Anfang des Jahres gilt in Deutschland eine entsprechende UN-Konvention, die verlangt, dass Kinder mit Handicaps Regelschulen besuchen.
Förderschulen aber generell aufzulösen, lehnen CUD und FDP ab. Wichtig sei es, den Eltern die Wahlfreiheit zu lassen, hieß es. Frauke Heiligenstadt (SPD) machte sich für einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention stark. Es mute merkwürdig an, dass ausgerechnet die Integrierten Gesamtschulen, die unterschiedliche Schüler am längsten zusammenhielten, durch die Einführung des Turboabiturs zu einer früheren Differenzierung gezwungen werden sollen. „Niedersachsen setzt in der Bildungspolitik auf einen ganz anderen Weg als andere Bundesländer, man kommt sich wie ein Geisterfahrer vor, alle anderen kommen uns entgegen.“
Am Freitag geht die Anhörung zum gemeinsamen Unterricht mit den Stellungnahmen von Wissenschaftlern weiter.
Streit um Abitur an der IGS
Schulausschuss debattiert
Von Bärbel Hilbig, HAZ 28.5.2009
Hannover. Auf Antrag von SPD und Grünen hat der Schulausschuss sich gestern gegen die Pläne der Landesregierung zur Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren an Integrierten Gesamtschulen ausgesprochen. CDU- und FDP-Ratsleute stimmten als Einzige gegen die Resolution. Das Papier fordert die Landesregierung auf, dem Wunsch von Eltern nachzukommen, weiter das Abitur nach 13 Jahren zu ermöglichen.
„Als das Abitur nach zwölf Jahren am Gymnasium eingeführt wurde, forderten auch IGS-Leiter dies für ihre Schulen“, sagte CDU-Ratsfrau Kerstin Seitz. Schüler könnten an der IGS auch künftig das Abitur nach zwölf oder 13 Jahren machen. Mark Bindert (Grüne) kritisierte, die übereilte Planung der Landesregierung verunsichere die Eltern. DGB-Vertreter Torsten Post wandte sich gegen das Argument, in anderen europäischen Ländern sei die Zeit bis zum Abitur kürzer als in Deutschland. „Wenn es um gemeinsamen Unterricht geht, zieht die Landesregierung Europa nicht als Beispiel heran.“ Post schlug – statt verkürzter Zeit in der Sekundarstufe I – eine flexible Oberstufe vor, die Schüler in zwei bis vier Jahren durchlaufen könnten.
Seitz kritisierte im Gegenzug, die Zusammenlegung von Hauptschulen und Realschulen in Hannover zerstöre das dreigliedrige Schulsystem. „Kinder mit Realschulempfehlung wählen noch häufiger das Gymnasium.“
• IGS in Badenstedt: Die Stadt plant, Hauptschule und Realschule im Schulzentrum Badenstedt in eine neue IGS umzuwandeln. Bisher sind im Schulzentrum jedoch auch Klassen der Lindener Helene-Lange-Schule untergebracht. Anke Koch, Elternvertreterin des Gymnasiums mit Stammsitz in Linden, verlangte Auskunft, ob das Gymnasium in Zukunft keinen Platz mehr im Schulzentrum findet. Für die IGS sei nicht mehr Platz eingeplant als bisher für Hauptschule und Realschule, sagte Heike Rudolph vom Fachbereich Schule. Es könnte aber Probleme geben, falls die IGS eines Tages eine Sekundarstufe II bekommt. Das sei frühestens in fünf bis sechs Jahren der Fall.
CDU und FDP drücken Schulgesetz durch
Von Saskia Döhner, HAZ 27.5.2009
Hannover. Trotz massiver Kritik am neuen Schulgesetz halten die Regierungsfraktionen an ihren Plänen fest. Ein Großteil der rund 30 Verbände hatte während der zweitägigen Anhörung, die am Dienstag zuende ging, vor allem dem verkürzten Abitur an Gesamtschulen eine Absage erteilt.
Anhörung nur ein Alibi? Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann ist wegen des Schulgesetzes in der Kritik. © Ralf Decker
Auch die Umwandlung der derzeit gut mit Lehrerstunden ausgestatten Vollen Halbtagsschulen zu Verlässlichen Grundschulen, bei denen die Kinder nicht durchweg von Lehrkräften, sondern auch von pädagogischen Mitarbeitern betreut werden, lehnen viele ab.
Eine grundsätzliche Kurskorrektur werde es aber nicht geben, sagte der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Karl-Heinz Klare. Der bildungspolitische Sprecher der Union, Karl-Ludwig von Danwitz versprach zwar, die Argumente sorgfältig zu prüfen. Aber ein Bildungsgipfel, wie ihn die Opposition, der Landeselternrat, der Landesschülerrat sowie die Arbeitsgemeinschaft der Schulen in freier Trägerschaft verlangen, wird wohl nicht kommen.
Frauke Heiligenstadt (SPD) und Ina Kortger (Grüne) sagten nach der Anhörung, Ministerpräsident Christian Wulff und Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann müssten den Gesetzentwurf auf Eis legen. Die Regierung könne die vorgebrachten Befürchtungen nicht einfach ignorieren. „Ansonsten ist die Anhörung nur eine Alibiveranstaltung gewesen.“ Die Koalitionsfraktionen müssten sich bewegen, sagte auch Christa Reichwaldt (Linke).
„Man kann kein Gesetz gegen die Mehrheit der Bevölkerung durchdrücken“, sagte Korter. Unzufriedene Wähler sollten CDU und FDP bei der Europawahl am 7. Juni oder bei der Bundestagswahl im September einen Denkzettel erteilen. Die Grünen benannten den „Platz der Göttinger Sieben“ am Dienstagnachmittag in einer symbolischen Aktion in „Platz der undemokratischen Schulpolitik“ um. Das Denkmal vor dem Landtag in Hannover erinnert an die sieben Göttinger Professoren, die 1837 gegen die Aufhebung der freiheitlichen Verfassung durch den König von Hannover protestiert hatten.
Nicht nur das Turboabitur an Gesamtschulen, sondern auch eine verpflichtende Zusammenarbeit von Haupt- und Berufsschulen stand bei der gestrigen Anhörung im Zentrum der Kritik. Eine verstärkte Ausrichtung aufs Berufsleben an Hauptschulen dürfe nicht auf Kosten der Allgemeinbildung gehen, kritisierte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Thorsten Post, DGB-Sprecher und früherer Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), verwies darauf, dass in der Stadt Hannover durch die verschärften Abiturbedingungen schon jetzt die Zahl der Gymnasiasten, die den 12. Jahrgang wiederholen, doppelt so hoch sei wie die Zahl der Sitzenbleiber in der Sekundarstufe I. Wie sich das Turboabitur auswirke, sei noch völlig unklar.
Im Sturmlauf zum Schulgesetz
Marathonanhörung im Landtag bei verfestigten Fronten
Von Michael B. Berger, HAZ 26.5.2009
Hannover. „Sie befinden sich auf dem Holzweg – eine solche Schulreform braucht nicht nur eine Mehrheit im Landtag, sondern auch einen Konsens in der Gesellschaft“, sagt Eberhard Brandt, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Nur acht Jahre bis zum Abitur muss landeseinheitlich gelten – sowohl für Integrierte Gesamtschulen wie auch für Gymnasien, denn nur so ist Chancengleichheit zu erhalten, national wie auch international“, hält Heidrun Korsch von der niedersächsischen Direktorenvereinigung dagegen. In einer Marathonanhörung im Landtag standen gestern noch einmal das sogenannte Turbo-Abitur nach zwölf Jahren, das künftig auch an Gesamtschulen gelten soll, sowie die geplanten Änderungen beim Schulgesetz zur Diskussion – bei äußerst verfestigten politischen Fronten.
Bereits in drei Wochen will der Landtag mit seiner CDU-FDP-Mehrheit das Gesetzespaket beschließen, das nach Auffassung der Linken „in den Reißwolf“ gehört. Im Sturmlauf geht es zum neuen Schulgesetz, das zu den umstrittensten Vorhaben der Regierung zählt.
Am Morgen waren vornehmlich die Kritiker des schulpolitischen Kurses der Regierung dran. Der Gesamtschulverband Niedersachsen bezweifelte das Argument der Regierungsseite, dass überall in Europa ein früherer Abschluss für den Zugang zur Universität üblich sei – in den meisten Ländern Europas gebe es allerdings voll ausgebaute Ganztagsschulen und eine integrative Sekundarstufe I. Die „plötzliche und überhastete Einführung“ des „Turbo-Abiturs“ an den Gesamtschulen könne wohl nur „als verzweifelter Versuch der Landesregierung gewertet werden, die starke Zunahme der Nachfrage nach Gesamtschulplätzen zu stoppen“.
Demgegenüber verteidigte am Nachmittag Hiltrud Sürmann vom Verband der Elternräte an Gymnasien strikt das bisherige, dreigegliederte Schulsystem: „Wichtiger als die Schulform ist grundsätzlich eine gute Unterrichtsversorgung.“ Um die Gymnasien aber zu erhalten, müssten Gesamtschulen mindestens fünfzügig geführt werden, meinte Sürmann – ein Argument, das GEW-Mann Brandt vom Nebentisch als „entlarvend“ bezeichnete. Auch die Vertreterin des Realschullehrerverbandes wie auch Guillermo Spreckels vom Philologenverband meinten, dass ein weiterer Ausbau der Gesamtschulen ihren jeweiligen Schultyp gefährden würde, denn zusätzliche Lehrer und Stunden kämen dann den Integrierten Gesamtschulen zugute. So begrüßten sie die Regierungspläne. „Für die Schüler, die langsame Lerner sind, gibt es genug andere Wege, weiterzukommen“, meinte Spreckels.
Demgegenüber richteten der Landeselternrat wie auch der Schülerrat gestern noch einmal einen dringenden Appell an die Landesregierung, ihren Kurs zu korrigieren. Sie wurden von den Schulexpertinnen Ina Korter (Grüne) und Frauke Heiligenstadt (SPD) heftig unterstützt („Man kann doch keine Politik gegen die Mehrheit der Beteiligten machen“), während der neue CDU-Bildungsexperte Karl-Ludwig von Danwitz die Kritik von Verbänden, die sich nicht ernst genommen fühlten, sichtlich angerührt entgegennahm: „Wir kriegen falsche Sachen an den Kopf geknallt.“
Hubertus Meyer von der Arbeitsgemeinschaft der kommunalen Spitzenverbände plädierte für eine Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen und hielt sich beim Streit ums „Turbo-Abi“ weitgehend heraus. Nur die damit verbundene Unterrichtsentschlackung sei „weitgehend unterblieben“.
Ruhiger Ton, in der Sache hart
Gesamtschule: SPD und CDU weiter uneins – Ganztagsangebot soll ausgebaut werden
Von Uwe Kreuzer, Leine-Zeitung 22.5.2009
Seelze. Die Wogen haben sich geglättet, aber in der Sache gibt es kaum ein Entgegenkommen: Beim Thema Gesamtschule liegen SPD und CDU weiter im Clinch. Die Debatte im Bildungsausschuss verlief am Dienstagabend friedlich, was nach den Äußerungen der beiden Parteivorsitzenden im Vorfeld nicht unbedingt zu erwarten gewesen war. Deshalb bedankte sich SPD-Ratsherr Heinrich Aller auch für die Stellungnahme der CDU-Fraktion. Der artige Gedankenaustausch konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die großen Parteien beim Thema meilenweit auseinanderliegen. Werner Huckschlag (CDU) mahnte zwar an, nicht in eine ideologische Bildungsdebatte zu verfallen, aber die CDU verschanzte sich anschließend hinter dem Schulgesetz. Das ermögliche Seelze keine Gesamtschule, denn die würde wegen der niedrigen Schülerzahl das dreigliedrige Schulsystem vor Ort gefährden – dessen Erhalt sehe das Gesetz aber als zwingend vor. Die SPD argumentierte, die Schließung der Hauptschule wegen niedriger Anmeldezahlen sei sowieso eine Frage der Zeit. Schulleiterin Regina Lies bestritt das vehement.
Am Schulzentrum Seelze soll nach Vorstellung der SPD binnen eines Jahres eine Gesamtschule entstehen. Oheim
Die SPD mahnte Kreativität an, verwies auf die stetig wachsende Nachfrage nach Gesamtschulplätzen und die Sozialstruktur der Seelzer Jugendlichen. Die Debatte in den Fraktionen wird zeigen, ob sich die Parteien wenigstens auf eine Elternbefragung zum Thema einigen können – die Grünen waren mit einem solchen Vorstoß schon einmal gescheitert.
• Schulplätze an der in Stöcken geplanten IGS sollen nur belegt werden, wenn dafür kein erhöhtes Gastschulgeld fällig wird. Hauptkritikpunkt: fehlender Ganztagsunterricht in Stöcken. Das soll in Seelze ausgebaut werden, darin waren sich alle Parteien einig.
• Weitgehende Einigkeit herrschte auch über das neue Konzept der Jugendpflege. CDU und Grüne stimmten einigen Änderungsvorschlägen der SPD zu. So soll das Jugendzentrum Letter weiterhin an Vereine vermietet werden, die Jugendarbeit betreiben.
Protestwelle gegen Schulgesetz
2000 Schreiben und Petitionen an den Landtag
Von Klaus Wallbaum und Saskia Döhner, HAZ 22.5.2009
Hannover. Der Landtag wird überschwemmt mit Eingaben zum neuen Schulgesetz: Sowohl zur geplanten zwölfjährigen Schulzeit bis zum Abitur bei den Integrierten Gesamtschulen als auch zur geplanten Auflösung der „Vollen Halbtagsschulen“ hätten sich etliche Bürger, Gruppen und Verbände gemeldet, sagte Landtagssprecher Franz-Rainer Enste: „Jeden Tag kommen bis zu 100 Schreiben, die teilweise Eingaben sind, teilweise Briefe an die Fraktionen.“ Insgesamt seien bis zu 2000 Schreiben eingegangen.
Die Opposition im Landtag sieht sich durch die ungewöhnlich vielen Petitionen in ihrer Kritik am Schulgesetz der Koalitionsfraktionen bestätigt. Das sei ein „deutliches Zeichen für den ausgeprägten Dilettantismus in der Schulpolitik von CDU und FDP“, urteilte die Linksfraktion. Christa Reichwaldt, bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, rief CDU und FDP dazu auf, den Gesetzentwurf noch vor der Anhörung im Kulturausschuss am Montag zurückzuziehen. Die schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Frauke Heiligenstadt, rechnet mit weiteren Eingaben aus der Bevölkerung, da „weder die Landesregierung noch die Regierungsfraktionen daran interessiert zu sein scheinen, eine Politik im Interesse der Menschen zu machen“.
Die Eingaben müssen nun vom Kultusausschuss bewertet und gewichtet werden. Am Montag und Dienstag nehmen rund 30 Verbände und Gewerkschaften in einer Anhörung zu den geplanten Reformen Stellung. Es ist das Ziel der CDU/FDP-Koalition, die Änderungen noch vor den Sommerferien endgültig zu beschließen. In Kraft treten sollen die Reformen dann erst zum Schuljahresbeginn im Sommer 2010.
Breite Allianz gegen das neue Schulgesetz
Opposition und Verbände kritisieren „überstürztes“ Verfahren / „Bildungsgipfel“ gefordert
Von Saskia Döhner, HAZ 20.5.2009
Hannover. Der Widerstand gegen das neue Schulgesetz formiert sich. Zusammen mit den bildungspolitischen Sprecherinnen der drei Oppositionsparteien haben am Dienstag Vertreter von sechs Verbänden bei einer Pressekonferenz in Hannover ihre Kritik vorgetragen. Übereinstimmend hieß es, die Gesetzesnovelle solle übereilt noch vor der Sommerpause „durchgepeitscht“ werden. Den Organisationen bleibe kaum Zeit, ihre Stellungnahmen für die Verbandsanhörung am Montag und Dienstag nächster Woche vorzubereiten. Ina Korter (Grüne) schlug vor, die Anhörung zu boykottieren: „Das wäre ein deutliches Signal.“
CDU und FDP wiesen die Vorwürfe zurück. Seit drei Monaten sei der Entwurf bekannt, seitdem hätten die Verbände schon ihre Kritik vorgebracht.
Der Gesetzentwurf von CDU und FDP war in der vergangenen Woche erstmals im Landtag beraten worden, im Juni soll er verabschiedet werden. Er sieht unter anderem eine engere Verzahnung zwischen Haupt- und Realschulen, die Umwandlung der besser mit Lehrerstunden ausgestatteten Vollen Halbtagsschulen in Verlässliche Grundschulen und das verkürzte Abitur an Gesamtschulen ab Sommer 2010 vor.
Landeselternratsvorsitzender Pascal Zimmer sagte, die Regierung wolle schnell Fakten schaffen. Er forderte einen „Bildungsgipfel“. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) habe Angst, dass „ihm seine eigene Koalition auseinanderläuft, wenn die Diskussion anhält“, sagte Eberhard Brandt, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Helga Akkermann vom Schulleitungsverband fürchtet einen „Qualitätsverlust in der Schullandschaft“. Sie rechne zudem im Sommer mit akuten Problemen bei der Unterrichtsversorgung, sagte sie. Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) hatte kürzlich gesagt, dass durch den 13-Punkte- Notfallplan bislang drei Viertel der rund 2050 benötigten Lehrerstellen gesichert seien. Wie das Ministerium auf diese Zahlen komme, wisse sie auch nicht, sagte Akkermann.
Patrick Ziemke, Vorsitzender des Landesschülerrats, nannte es ein Unding, dass die Regierung den Protest ignoriere: „Die machen einfach die Ohren zu und hoffen, dass es aufhört, aber es wird nicht aufhören.“
Der Gesetzgebungs- und Beratungsdienst des Landtages hatte gestern im Kultusausschuss moniert, dass einige Passagen im Entwurf etwa zur Berufsvorbereitung an Hauptschulen zu ungenau seien. Während Heiligenstadt von Ungereimtheiten sprach, sagte Karl-Ludwig von Danwitz (CDU), es gehe nur um kleine redaktionelle Änderungen. Bislang sollen rund 1000 Resolutionen gegen das Gesetz eingegangen sein.
„Bürokratie bremst mich“
Schulleiterinnen aus Bad Bevensen überlastet / Resolution an Ministerin
Von Saskia Döhner, HAZ 19.5.2009
Bad Bevensen. Heidi Gatz ist Schulleiterin mit Leib und Seele – aber sie hat die Nase voll. Seit 14 Jahren leitet sie die Grundschule Himbergen in der Samtgemeinde Bevensen (Kreis Uelzen). Zwölf Lehrer kümmern sich um die 185 Kinder in acht Klassen – eine kleine Schule, aber ein großer Verwaltungsaufwand. Lehrerin zu werden sei ihre Berufung gewesen, sagt Gatz. Doch mittlerweile ist aus dem Traumjob eine Last geworden. Die Bürokratie nehme seit zwei Jahren ständig zu, klagt die 59-Jährige. „Ich muss Formulare ausfüllen, die eigentlich Schreibkräfte bearbeiten könnten, andere wichtige Dinge bleiben liegen.“ Irgendwie sei da ein Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins: „Das Land schmeißt uns immer neue Brocken vor die Beine.“ Eine Wochenendfortbildung habe sie beispielsweise absagen müssen, weil sie nach einer Woche Listen durchsehen immer noch keinen Vertretungslehrer gefunden hatte.
19 Stunden unterrichtet Gatz in der Woche. „Mit beiden Beinen in der Klasse zu stehen, ist wichtig“, sagt sie. Mindestens doppelt so viel Zeit verbringt sie indes mit Verwaltungsarbeit. Nachmittags erreiche sie allerdings kaum noch jemand in der Landesschulbehörde, und die Pausen am Vormittag seien für Telefonate viel zu kurz. „Manchmal ist es zum Verzweifeln“, klagt sie.
Weniger Schüler, größere Klassen: Unterricht in der Waldschule in Bad Bevensen.Schulze (4)
Schon im Oktober hat Gatz wie ihre Kollegin Friederike Hein (53), die die Waldschule in Bad Bevensen leitet, bei der Landesschulbehörde eine Überlastungsanzeige gestellt. Knut Markuszewski, Bürgermeister der Samtgemeinde, sorgt sich um die Gesundheit der engagierten Grundschulleiterinnen. „Wir fürchten, dass sie unter der Arbeitslast irgendwann zusammenbrechen.“ Im März hat der Samtgemeindeausschuss deshalb einstimmig eine Resolution an das Kultusministerium verabschiedet und bessere Rahmenbedingungen für die Leiter der drei Grundschulen in der Samtgemeinde gefordert. Je kleiner die Schule, desto weniger Anrechungsstunden gibt es für Verwaltungsarbeit. „Das geht nicht auf“, findet Gatz. Zudem gebe es an kleinen Schulen – anders als an großen Systemen – auch keinen Konrektor. Da sei es kein Wunder, dass viele kleine Grundschulen für freiwerdende Leiterstellen keinen oder gerade mal einen Bewerber finden, meinen Hein und Gatz. „Wer will das schon machen?“
Ob Bücherausleihe, Einstellungsgespräche mit Lehrern, Einschulungsgespräche mit Eltern und Kindern, Sprachtests, die Besoldung der pädagogischen Mitarbeiter, Haushaltspläne erstellen – manchmal weiß auch Friederike Hein nicht, wo ihr der Kopf steht. Sie kommt morgens um 7.30 Uhr und verlässt ihr Büro selten vor 18 Uhr. Trotzdem ist der Schreibtisch der 53-Jährigen voll mit Akten. „Ich habe das Gefühl, die Bürokratie bremst mich, ich komme einfach nicht mehr voran“, sagt sie. Die Wochenenden, die Ferien seien ausgefüllt mit Verwaltungsarbeit.
Den Vergleich mit einem Wirtschaftsunternehmen mag Hein nicht: „Eine Schule ist keine Firma, und ein Schulleiter ist auch kein Manager.“ Und überhaupt: „In welchem Betrieb ist der Chef vormittags in der Produktion tätig und nachmittags Manager?“
Der spürbare Schülerrückgang bringt für die beiden Leiterinnen keine Entlastung, eher im Gegenteil: „Die Klassen werden größer.“ Und Sitzkreise, wie sie in der Grundschule üblich sind, sind mit 28 Schülern in einem engen Raum alles andere als eine gemütliche Sache.
Für vieles, was „man sich da im Kultusministerium am grünen Tisch in der Großstadt Hannover ausdenkt“, haben Gatz und Hein wenig Verständnis. Dass sich kleine Schulen zu einem Verbund zusammenschließen, sei ja ein guter Ansatz, aber angesichts von Entfernungen von rund zwölf Kilometer zwischen den einzelnen Standorten sei ein gemeinsames Management ohnehin weniger praktikabel. Eine flexible Eingangsstufe, ein Mittagstisch, Unterricht in gesunder Ernährung – Ideen für ihre Schulen haben Hein und Gatz viele. Nur fehlt ihnen die Zeit.
„Eine Schule ist
keine Firma,
ein Schulleiter
kein Manager“:
Friederike Hein.
„Manchmal ist
es zum
Verzweifeln,
wichtige Aufgaben
bleiben liegen“:
Heidi Gatz.
„Ich sorge
mich um
die Gesundheit
der engagierten
Leiterinnen“:
Knut Markuszewski.
„Keine Käfighaltung“
Von lni, HAZ 19.5.2009
Hannover. Nach Kritik des Landesrechnungshofs hat der Verband Bildung und Erziehung (VBE) die Klassengröße mit bis zu 28 Grundschülern als „Käfighaltung“ kritisiert. Der Rechnungshof hatte beklagt, viele Kommunen tricksten das Land bei den Belegungen von Grundschulklassen aus, um Klassen teilen zu können und mehr Lehrer zu bekommen. Der VBE wies die Kritik am Montag zurück und teilte mit, alle Fälle schöpften den Rechtsrahmen voll aus.
Land setzt Schulleiter unter Druck
Von Saskia Döhner, HAZ 18.5.2009
Hannover. Die Angst des Kultusministeriums vor dem Widerstand gegen das neue Schulgesetz ist offenbar so groß, dass jetzt auch der Druck auf die Leiter der Gesamtschulen steigt. Am 7. Mai, zwei Tage nachdem die Fraktionen die Gesetzesnovelle beschlossen hatten, ging bereits ein Schreiben an die Schulleiter heraus. In dem Brief, der dieser Zeitung vorliegt, werden die Veränderungen für den Unterricht an Gesamtschulen erläutert, die das verkürzte Abitur mit sich bringt. Betroffen seien vor allem die landesweit 32 Integrierten Gesamtschulen. Die Schüler sollen in den Jahrgängen 5 und 6 weiter gemeinsam unterrichtet werden, ab Klasse 7 werde differenziert, zunächst in Mathematik und Englisch, später in Deutsch und den Naturwissenschaften.
Die Schulleiter werden in dem dreiseitigen Schreiben gebeten, die Stellungnahme des Ministeriums an die Eltern- und Schülervertreter sowie die Lehrer weiterzuleiten. Die Schulleiter müssen auch Rechenschaft darüber ablegen, ob sie der Bitte gefolgt sind: „Angesichts der intensiven Diskussionen in den Gesamtschulen und der zahlreichen Eingaben bitte ich um Rückmeldung, wann und in welcher Form Sie die Kenntnisnahme veranlasst haben“, heißt es. Morgen wollen die Oppositionsparteien, Lehrer, Eltern- und Schülerverbände bei einer gemeinsamen Pressekonferenz ihre Kritik an der Schulgesetznovelle vorbringen.
Grundschüler protestieren
Unterschriften übergeben
Von Daniel Behrendt, HAZ 14.5.2009
Hannover. Die Uhrzeit war mit Bedacht gewählt: Gestern Mittag, fünf Minuten vor zwölf, machten rund 500 Lehrer, Schüler und Elternvertreter aus allen Teilen Niedersachsens vor dem Wirtschaftsministerium ihrem Ärger über die geplante Abschaffung der sogenannten Vollen Halbtagsschule Luft. Im Zuge der Kundgebung überreichten die Demonstranten dem CDU-Landtagsfraktionschef David McAllister eine Unterschriftensammlung der besonderen Art: mehrere Säcke, gefüllt mit einigen Tausend beschrifteten, mahnend erhobenen Händen aus Pappe. Gegen 14 Uhr löste sich die friedliche Demonstration auf.
Djure Meinen (re)
und die
Demonstranten
in der Innenstadt.
Neumann
Hintergrund der Proteste ist die von Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) geplante Änderung des Schulgesetzes, die ab 2010 unter anderem die Abschaffung der Vollen Halbtagsschulen – Grundschulen mit besonders guter Lehrerausstattung – vorsieht. Stattdessen soll die sogenannte Verlässliche Grundschule zum Regelfall für Niedersachsen werden. Beide Modelle sehen eine garantierte Betreuung der Schüler von 8 bis 13 Uhr vor – in der Vollen Halbtagsschule ausschließlich durch ausgebildete Pädagogen, in der Verlässlichen Grundschule dagegen auch durch geringer qualifizierte Kräfte.
Djure Meinen, Vater zweier schulpflichtiger Kinder und Organisator der Protestaktion, hat Sorge, dass die geplante Gesetzesnovelle zulasten schulischer Qualität gehen könnte: „Volle Halbtagsschulen haben meist ein besonderes Konzept, etwa die Integration behinderter Schüler.“ Solches könnte mit einer schlechteren Fachkräfteausstattung künftig nicht mehr realisiert werden, fürchtet Meinen.
Tumulte während der Schuldebatte
SPD attackiert Sprecher der Ministerin / Wulff greift SPD-Wahlkampf an
Von Klaus Wallbaum, HAZ 14.5.2009
Hannover. Die Botschaft war gründlich vorbereitet. Doch Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) kam am Mittwoch im Landtag kaum dazu, das positiv klingende Ergebnis der Suche nach neuen Lehrern vertiefend darzustellen. Immer wieder spielten sich im Parlament tumultartige Szenen ab – und das Ausmaß an gegenseitigen Beschimpfungen steigerte sich von Minute zu Minute. Am Ende uferte die Debatte völlig aus, der Zeitplan wurde um mehr als eine Stunde überzogen. Dabei hätte dieser sonnige Mittwoch eigentlich der Tag der allgemeinen Freude werden können. Denn Heister-Neumann sagte, das Ministerium habe beider Ausschreibung für das kommende Schuljahr Erfolg gehabt. Zunächst hätten sich 2400 Pädagogen auf die 2300 Stellen beworben. Zwar bleibt offen, wie gut die Bewerber sind, ob auch überall die Mangelfächer bedient werden können und die Schulen in unattraktiven Regionen. Aber immerhin sei Niedersachsen bei den Lehrern offenbar sehr gefragt. Auch ein anderes Problem sieht nun kleiner aus als noch vor Tagen. Weil viele Lehrer im neuen Schuljahr ihre Arbeitszeitkonten in Freizeit ausgleichen, fehlen Lehrer im Unterricht, die Regierung schätzt das auf 2050 Stellen. 500 davon werden neu ausgeschrieben. Der Rest aber sollte über teils umstrittene Schritte bewältigt werden – verstärkter Unterricht durch Referendare, weniger genehmigte Teilzeitanträge von Lehrern in Mangelfächern, Einsatz von Pensionären und die frühzeitige Verbeamtung von „Feuerwehrlehrern“, die in Notzeiten aushelfen sollen.
Noch vor Kurzem hatte es so ausgesehen, als ob die Rechnung nicht aufgeht. Gestern verkündete Heister-Neumann nun, man habe 1645 der 2050 Stellen „heute bereits erwirtschaftet“. Bei den Referendaren und Pensionären klappt das bisher weniger, aber beispielsweise bekommen die Schulen Geld überwiesen, um sich selbst auf die Suche nach Lehrern zu begeben. Es könnten auch noch mehr als 200 Stellen zusätzlich ausgeschrieben werden. Ina Korter (Grüne) und Frauke Heiligenstadt (SPD) bezweifelten die Wirksamkeit der Schritte, woraufhin Heister-Neumann den beiden vorhielt, sie würden „langsam autistische Züge entwickeln“.
Aber es waren nicht die neuen Zahlen der Ministerin, die gestern die Gemüter im Landtag am stärksten erhitzten. Die SPD konzentrierte sich zunächst auf ihren Vorwurf, die Regierung habe das Disziplinarverfahren gegen den Gesamtschullehrer und GEW-Landesvorsitzenden Eberhard Brandt wegen angeblich zu wenig geleisteten Unterrichts bewusst inszeniert – um den Kritiker Brandt an den Pranger zu stellen. Ein Vorwurf lautete, das Ministerium habe die vertrauliche Personalakte Brandts Journalisten zugespielt. SPD, Grüne und Linkspartei bezichtigten Heister-Neumanns Pressesprecher Andreas Krischat – einen Mitarbeiter aus dem direkten Arbeitsumfeld der Ministerin, der seine Anweisungen direkt von der Chefin bekommt. Als Heister-Neumann am Vormittag auf Oppositionsfragen zu Krischat nur ausweichend antwortete, bestand die SPD auf einer Sondersitzung des Kultusausschusses – und drohte inoffiziell mit einem Untersuchungsausschuss. Am Nachmittag wurde dann zwar nur der Antrag auf Akteneinsicht daraus, doch immerhin hatte die SPD zunächst ganz demonstrativ mit ihren Muskeln gespielt.
Aber als die Christdemokraten zur Mittagszeit witterten, dass die SPD den Fall Brandt in den Mittelpunkt der Parlamentssitzung rücken wollte, entschieden sie sich spontan zum Gegenangriff. Ministerpräsident Christian Wulff warf den Sozialdemokraten in der Schuldebatte „ein Übermaß an Unverfrorenheit“ vor. Im derzeitigen Europawahlkampf arbeite die SPD nämlich mit bildungspolitischen Broschüren, die von der Landtagsfraktion bezahlt und vertrieben werden, also mittelbar mit staatlichen Geldern. Dies jedoch ist unzulässig, Parteiund Fraktionsarbeit müssen voneinander getrennt werden. Kurz nach Wulffs Attacke, die er mit dem Hinweis ergänzte, mit den SPD-Broschüren könnten sich „auch Gerichte“ beschäftigen, stieg der Geräuschpegel im Landtag steil an. Ina Korter (Grüne) meinte, der Wortbeitrag des Ministerpräsidenten habe nur einen Sinn: „Der will vom Thema ablenken.“
Heister-Neumann rechnet nach
Kultusministerin legt neue Zahlen vor / Novelle des Schulgesetzes eingebracht
Von Saskia Döhner und Klaus Wallbaum, HAZ 13.5.2009
Will in die Offensive gehen:
Kultusministerin
Elisabeth Heister-Neumann
(CDU) gestern im Landtag.
dpa
Hannover. Gestern musste die derzeit unter Dauerbeschuss stehende Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) im Landtag neue heftige Angriffe der Opposition einstecken. Heute nun will sie in die Offensive gehen. Ihr Ministerium wird mitteilen, wie stark das „Notprogramm“ der Regierung für zusätzliche Lehrerstellen bisher gewirkt hat. An Details wurde offenbar gestern noch gefeilt, doch auf den Fluren des Parlaments hieß es, man könne mit einem „positiven Signal“ rechnen.
Das Thema dürfte die Kernfrage für das politische Schicksal der Christdemokratin sein. Weil viele Lehrer im neuen Schuljahr, das Anfang August startet, den Freizeitausgleich für frühere Mehrarbeit beanspruchen, fehlen 2050 Lehrerstellen – quer durch alle Schulformen, vor allem in den Gymnasien. Im Februar hatte die Regierung ein Bündel an Maßnahmen vorgelegt, das von weniger Genehmigungen für Teilzeitanträge über die höhere Unterrichtsverpflichtung für Referendare bis zur Reaktivierung von Pensionären reicht – vor allem für Mangelfächer, das sind neben Latein noch Naturwissenschaften.
In den vergangenen Wochen waren immer wieder Zweifel laut geworden, ob die im Februar beschlossenen Schritte überhaupt den gewünschten Effekt zeigen. Vor allem die Bereitschaft von Referendaren, freiwillig mehr zu unterrichten, blieb sehr gering ausgeprägt. Es hielten sich Vermutungen, nur etwa die Hälfte der angepeilten 2050 Stellen kämen zusammen. Hinweise wurden laut, man werde womöglich den Schulen ein Budget geben, damit diese sich kurzfristig selbst Lehrpersonal besorgen – etwa bei den Pensionären.
Am Dienstag allerdings zeigte man sich im Kultusministerium und in der CDU/FDP-Koalition auffallend optimistisch. „Sie werden sehen, dass wir die Unterrichtsversorgung sichern“, sagte der FDP-Politiker Björn Försterling. Ina Korter (Grüne) und Frauke Heiligenstadt (SPD) sprachen hingegen von einem zu erwartenden „Desaster“.
Unterdessen nahm gestern die nächste Änderung des Schulgesetzes die erste Hürde im Landtag. Die Integrierten Gesamtschulen (IGS) sollen von 2010 an das Abitur nach zwölf Jahren ablegen, die „Vollen Halbtagsschulen“ – Grundschulen mit besonders guter Lehrerausstattung – verlieren 2010 ihren Sonderstatus und Haupt- und Berufsschule sollen besser verzahnt werden. Schon in der kommenden Juni-Sitzung des Landtags, der letzten vor den Sommerferien, sollen diese Änderungen im Gesetz endgültig beschlossen werden. Aus Sicht der Opposition will die Koalition alles „im Eiltempo“ durchsetzen.
„Die Schulpolitik ist eine Tragödie“
Die Opposition bläst zum Generalangriff, die Regierung wehrt sich: „Nur Stimmungsmache“
Von Saskia Döhner und Klaus Wallbaum, HAZ 13.5.2009
Hannover. Anstatt um Bildung geht es erst einmal um Bauern. Zum Auftakt der Schuldebatte am Dienstag im Landtag sagt der Grünen-Fraktionsvorsitzende Stefan Wenzel, es sei schon bezeichnend, dass die CDU nach dem Rücktritt ihrer Schulexpertin Ursula Körtner keinen ausgewiesenen Kultuspolitiker als Nachfolger gefunden habe, sondern am Ende einen Landwirt. Für diese Spitze erntet er gleich böse Zwischenrufe von den Regierungsfraktionen. Und der neue CDU-Bildungsexperte Karl-Ludwig von Danwitz kontert prompt und erinnert Wenzel daran, dass auch dieser Agrarökonomie in Göttingen studiert habe und obendrein „noch zwei Jahre als Waldarbeiter“ tätig gewesen sei.
CDU-Landes- und -Fraktionsvorsitzender David McAllister (von links), Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) verfolgen die Landtagsdebatte. dpa (2)
Nach dem Landwirtschafts-Intermezzo geht es aber doch um Bildung. Wenzel holt zum Generalangriff aus: Die Regierung mache „eine Politik mit Scheuklappen und Denkverboten“, die Eltern zu einer doppelten Flucht treibe – zur Flucht von den Hauptschulen, weil sie den Kindern keine Perspektiven böten, und von den Gymnasien, „weil Jugendliche auch noch etwas anderes tun müssen als pauken, pauken, pauken“. Am Schluss wird Wenzel persönlich und wendet sich direkt an Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU): „Zwei Fragen bleiben: Warum sind Sie Ministerin geworden, und warum sollten Sie es eigentlich bleiben?“
Wehrt sich gegen Angriffe der
Opposition: Kultusministerin
Elisabeth Heister-Neumann.
Christa Reichwaldt (Linke) meint, die Regierung stolpere von einer eklatanten Fehlentscheidung in die nächste. Für die schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Frauke Heiligenstadt, ist die Bildungspolitik der Regierung „eine einzige Tragödie“. Eltern, Schüler und Lehrer würden verprellt, Kritiker mundtot gemacht. Es herrsche Chaos an den Schulen und in der Landesschulbehörde. „Es nützt nichts, die Hauptdarstellerin auszutauschen, wenn das Stück schlecht bleibt“, resümiert sie. Die Regie führe eben nicht Heister-Neumann, sondern Ministerpräsident Wulff.
Im Regierungslager sieht man das natürlich anders. Björn Försterling (FDP) wirft der Opposition „Hysterie“ vor: „Sie haben nicht das Wohl der Kinder, sondern nur den nächsten Wahltermin im Kopf.“ Und auch er wird persönlich: „Frau Heiligenstadt würde im Bildungsstück gar keine tragende Rolle spielen können, weil sie nicht mal das Theater fände.“ Von Danwitz (CDU) verteidigt die Einführung des Turbo-Abiturs an Gesamtschulen: „Was Abiturienten in Mecklenburg-Vorpommern können, sollten wir auch den Niedersachsen zutrauen.“ Man dürfe den leistungsstarken Schülern „keine zusätzliche Runde“ zumuten, zumal das Abitur nach zwölf Jahren längst internationaler Standard sei. Heister-Neumann wirft der Opposition „Stimmungsmache“ vor. Man mache keine Politik gegen Gesamtschulen, sagt sie, und verweist auf zwölf neue Integrierte und zwei Kooperative Gesamtschulen, die im August ihren Betrieb aufnehmen.
Eberhard Brandt von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat dem neuen Schulgesetz schon am Morgen auf einer Pressekonferenz eine geringe Lebensdauer prophezeit: „Es ist ein solches Konfliktpotenzial in der Koalition, dass es die Legislaturperiode nicht überdauern wird.
KOMMENTAR VON SASKIA DÖHNER:
Zwangsturbo
Alle Einsprüche haben nichts genutzt: Seit gestern ist das verkürzte Abitur an Gesamtschulen beschlossene Sache. Gemeinsamer Unterricht war bislang das Kernprinzip der Integrierten Gesamtschule. Nun wird getrennt, ab Klasse 7 erst in Englisch und Mathematik, später dann auch in Deutsch und in den Naturwissenschaften. Man wolle den Gesamtschulen das Turbo-Abitur ermöglichen, hatten Ministerpräsident Wulff und Ministerin Heister-Neumann den ursprünglichen Gesetzentwurf begründet. Von Zwang war nicht die Rede.
Mehr Freiheit für unten, weniger Reglement von oben wollte der frühere Kultusminister Bernd Busemann und führte deshalb die Eigenverantwortliche Schule ein. Warum rückt man jetzt ohne Not von diesem Weg in die Selbstständigkeit wieder ab? Konsequent wäre es, den Schulen und Schulträgern selbst zu überlassen, ob sie den kürzeren oder schnelleren Weg zum Abitur wählen.
Eine flexible Eingangsstufe für die ersten Grundschulklassen gibt es bereits. Warum nicht auch eine flexible Oberstufe, die Schüler je nach individuellem Leistungsstand in zwei, drei oder vier Jahren durchlaufen können?
Mehr Mut, weniger Ideologie – mit diesem Grundsatz kommt man in der Bildungspolitik weiter als mit alten Grabenkämpfen.
„Heister-Neumann kann zuhören, aber setzt wenig um“
Von einer Hoffnungsträgerin zum möglichen Bauernopfer – Niedersachsens Kultusministerin muss sich gegen Rücktrittsforderungen wehren
Von Saskia Döhner, HAZ 12.5.2009
Hannover. Ihr erster öffentlicher Auftritt im neuen Amt beginnt mit einem Stolpern. Als Elisabeth Heister-Neumann am 3. April 2008 die Bühne des Hannover Congress Centrums erklimmt, um vor dem niedersächsischen Schulleitungsverband ihre erste Rede als Kultusministerin zu halten, gerät sie auf den letzten Stufen ins Straucheln. Und fängt sich auch in ihrem anschließenden Vortrag nicht mehr so richtig. Viel zu grundsätzlich referiert die CDU-Politikerin über die „Wissensgesellschaft“ und „Bildung als Kapital“. Die Feuertaufe misslingt. Die rund 1000 Schulleiter im Saal murren. Später, als Heister-Neumann dann konkreter wird und den Schulleitern Entlastung etwa bei der Suche nach Feuerwehrlehrern verspricht, bekommt sie doch noch Beifall. Auf der neuen Ministerin im Kabinett Wulff ruhen große Hoffnungen. Abschaffung der Orientierungsstufe, Schulinspektion, Abitur nach zwölf Jahren, Eigenverantwortliche Schule – mit dem Reformtempo ihres Vorgängers Bernd Busemann sind am Schluss viele Lehrer nicht mehr mitgekommen. Vor allem im Philologenverband, der Interessenvertretung der Gymnasiallehrer, ist der Unmut groß. Aber auch gegen das 2003 eingeführte Gesamtschulgründungsverbot laufen immer mehr Eltern Sturm. Kurzerhand kippt Ministerpräsident Christian Wulff das Gesetz und lässt nach seinem erneuten Wahlsieg im Januar 2008 die beiden umstrittenen Minister Heister-Neumann (Justiz) und Busemann (Kultus) ihre Ämter tauschen. Die Idee hinter dem Schachzug: Heister-Neumann soll Ruhe an der Schulfront bringen. In der Anfangszeit wird die Ministerin, die wegen ihrer freundlich-ausgleichenden Art von politischen Freunden und Gegnern gleichermaßen geschätzt wird, nicht müde, immer wieder zu beteuern, dass sie den Schulen eine Pause gönnen will. Doch dazu kommt es nicht: Heister-Neumann, die „die Langsamkeit neu entdecken will“, wird von der Wucht der Ereignisse überrollt. Und am 8. Mai, wieder ein Donnerstag wie der Tag ihres unglücklichen Auftritts beim Schulleitungsverband, sieht sie sich mit rund 11 000 demonstrierenden Lehrern konfrontiert, die wütend darüber sind, dass sie ihre seit zehn Jahren angesammelten Überstunden erst kurz vor der Pensionierung abbauen sollen. Vertreter des konservativen Philologenverbandes marschieren Seite an Seite mit den eher regierungskritischen Anhängern der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Heister-Neumann zeigt sich mutig. Sie kneift nicht, sondern sucht – obwohl es ihr sichtlich schwerfällt – das Gespräch mit den Demonstranten, beschwichtigt die aufgebrachten Pädagogen, erläutert, dass man nach den ersten lauten Protesten einen Kompromiss zum Ausgleich der Mehrarbeit gefunden hat.
Dialogbereit, aber beratungsresistent? Kultusministerin Heister-Neumann stellt sich im Mai 2008 den protestierenden Lehrern. Simonsen
„Zuhören kann sie“, darin sind sich Lehrer-, Schüler,- und Elternvertreter mit den Bildungsexperten der Parteien in ihrem Urteil über Heister-Neumann einig. So wie sie zu Beginn ihrer Zeit als Justizministerin Gefängnisse im Land besucht und mit Insassen und Bediensteten redet, so reist sie auch als neue Kultusministerin durch Niedersachsen, besucht Kindergärten und Schulen. Nach der Großdemonstration der Lehrer geht sie auch auf die Verbände und Gewerkschaften zu, beruft einen runden Tisch ein, um die Probleme zu bewältigen, die der doppelte Abiturjahrgang 2011 mit sich bringt. Das Thema wird immer drängender, allerdings hat es Heister-Neumann von ihrem Vorgänger geerbt. „Die Gespräche fanden immer in einer sehr freundlichen, netten Atmosphäre statt“, erinnert sich Patrick Ziemke, Vorsitzender des Landesschülerrats. Während der ersten zwei, drei Begegnungen habe Heister-Neumann nur zugehört, berichtet der ehemalige Landeselternratsvorsitzende Matthias Kern. „Sie kann begeistern“, sagt Björn Försterling (FDP). Karl-Heinz Klare, stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender und Schulexperte, lobt „ihre herzliche Art“. „Sie ist den Menschen in besonderer Weise zugewandt und zeigt ihnen, dass sie ihre Sorgen ernst nimmt, das ist eine schöne Eigenschaft.“ Guillermo Spreckels, Vorsitzender des Philologenverbandes, betont: „Ihre Gesprächsbereitschaft hat uns sofort positiv gestimmt“. Heidrun Korsch von der Direktorenvereinigung lobt den „persönlichen Ansatz“, mit dem Heister-Neumann an Bildungspolitik herangehe. „Nach einem Gespräch mit ihr fühlt man sich irgendwie gut“, sagt ein Politiker aus der schwarz-gelben Regierungskoalition. Aber die Frage sei wie lange. Geredet werde viel, umgesetzt wenig, heißt es immer wieder. Ist das Zuhören nur eine Pflichtübung? „Was nützt es, wenn man gut zuhören kann, aber nichts davon in seine Politik einfließen lässt und Ratschläge nicht annimmt?“ fragt ein Elternvertreter. Das Schlagwort von der „beratungsresistenten Ministerin“ macht die Runde. Diese Eigenschaft habe sie schon als Justizministerin gehabt, heißt es. „Manchmal hatte man das Gefühl, als hätte man gar nicht mit ihr geredet“, sagt ein Freidemokrat. Ob beim Abbau des Arbeitszeitkontos oder der Bearbeitung der Teilzeitanträge – immer wieder stößt die CDU-Politikerin die Verbände vor den Kopf, weil sie ihnen fertige Beschlüsse vorsetzt, anstatt vorher gemeinsam darüber zu beraten. Heister-Neumann bespreche vieles nur im kleinsten Kreis, sagen Kritiker. „Die Basisverankerung fehlt“, sagt Frauke Heiligenstadt, schulpolitische Sprecherin der oppositionellen SPD. Manchmal habe sie keine Antenne für die emotionale Situation der Betroffenen. „Da führt man monatelang Gespräche, und hintenrum werden wichtige Maßnahmen festgezurrt, ohne dass wir informiert werden“, ärgert sich ein Schülerratsmitglied. Und manch ein Funktionär sehnt sich bald zurück nach ihrem hemdsärmeligen Vorgänger Busemann, der „zwar seine Überzeugungen hatte“, wie ein Lehrervertreter sagt, „mit dem man auch mal einen Konflikt außerhalb seines Ministeramts regeln konnte“. Vielleicht fühlt Heister-Neumann sich dem Ministerpräsidenten, der sie ins Amt befördert hat, verpflichtet, vielleicht will sie auch einfach nur ihren Kurs durchziehen – in einigen Punkten sei sie starrsinnig, heißt es. „Sie lässt die Toleranz vermissen, die eine Ministerin eigentlich haben sollte“, urteilt einer. Und ein anderer sagt, sie klebe an der Parteilinie. Dabei bröckelt es auch an dieser Front. Viele Mitglieder der CDU-Fraktion sehen die Einführung des Turbo-Abiturs auch an Gesamtschulen skeptisch. In den Schulen wächst von Monat zu Monat der Frust. Immer wieder gibt es Demonstrationen, wie zuletzt am vergangenen Sonnabend, als rund 10 000 Schüler, Eltern und Lehrer gegen das verkürzte Abitur an Gesamtschulen protestieren. Kritiker wie die Vorsitzende des Schulleitungsverbandes, Helga Akkermann, der GEW-Landesvorsitzende Eberhard Brandt und der Landesschülerrat würden abgestraft, moniert die Opposition. Heister-Neumann habe kein politisches Gespür, sie sei noch zu sehr Verwaltungsdirektorin, heißt es hinter vorgehaltener Hand im Regierungslager. Ina Korter, Bildungsexpertin der Grünen, spricht von einer Chaos-Strategie: „Man kann keine Politik gegen alle machen.“ Obwohl in jüngster Zeit Rücktrittsforderungen laut geworden sind, zu einer Hassfigur ist Heister-Neumann selbst bei ihren schärfsten politischen Kontrahenten nicht geworden. Im Gegenteil: „Man hat fast Mitleid mit ihr“, sagt einer. „Man könnte das Gefühl bekommen, dass sie sich aufopfert“, meint ein Unionsmitglied.
Wechselt die Ministerin nach Berlin?
Von Klaus Wallbaum, HAZ 12.5.2009
Hannover. Wird Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann, wenn nicht bald Erfolgsnachrichten kommen und die Ungeduld der eigenen Leute wächst, ihren Posten verlassen? Oder muss sie sich von ihren Beratern trennen? Beide Schritte führen unweigerlich zu Folgeproblemen. In der Koalition wird, hinter vorgehaltener Hand, über verschiedene Varianten diskutiert:
• Neuer Staatssekretär: Heister-Neumann könnte Ministerin bleiben, müsste sich aber von ihrem Staatssekretär Peter Uhlig trennen. Als neuer Staatssekretär käme die „Allzweckwaffe“ der CDU-Landtagsfraktion in Betracht, der Fraktionsgeschäftsführer Bernd Althusmann. Der Vorteil für Ministerpräsident Christian Wulff wäre, dass er seine Ministerin, für die er sich erst Anfang 2008 gegen interne Bedenken bewusst entschieden hat, halten könnte. Nachteilig wäre dann aber, dass Heister-Neumann degradiert wäre – der Staatssekretär wäre mächtiger als sie. Außerdem gilt Althusmann längst als ministrabel. Würde er Staatssekretär, so müsste er sein Landtagsmandat aufgeben und wäre unter Wert eingesetzt.
• Wechsel nach Berlin: Heister-Neumann könnte innerhalb der Landesregierung eine neue Position einnehmen, neuer Kultusminister würde in diesem Fall wohl Althusmann. Denkbar wäre, dass die Ministerin die Leitung der Landesvertretung in Berlin übernimmt und dort Staatssekretär Wolfgang Gibowski ablöst. Dass die Vertretung auf Ebene des Bundes und der EU von einem Minister wahrgenommen wird, ist in Deutschland nichts Ungewöhnliches. Bis 2003 gab es das auch in Niedersachsen, letzter Amtsinhaber war Wolfgang Senff (SPD). Schon vor der Landtagswahl 2008 hatten einige Parteifreunde Wulff vorgeschlagen, Heister-Neumann mit der Landesvertretung in Berlin zu betrauen – doch Wulff entschied sich für das Kultusressort.
• Kabinettsumbildung: Mit einer Kabinettsumbildung könnte Wulff kaschieren, dass es im Grunde zu allererst um die Lösung von Problemen im Kultusministerium geht. In diesem Zuge könnten auch die Minister Hans-Heinrich Ehlen (Landwirtschaft), Lutz Stratmann (Wissenschaft) und eventuell auch Mechthild Ross-Luttmann (Soziales) ihre Ämter aufgeben. Eine Riege von jüngeren CDU-Politikern stünde bereit, deren Posten zu übernehmen. Wulff hat zu Beginn der Wahlperiode eine Umbildung der Regierung angekündigt, einen genauen Zeitpunkt aber offengelassen. Günstiger für die Betroffenen wäre eine Kabinettsumbildung nach Februar 2010 – weil die meisten von ihnen dann sieben Jahre im Amt waren und eine bessere Versorgung beanspruchen können. Außerdem ist eine Regierungsumbildung nach der Bundestagswahl vorteilhafter. Denn womöglich eröffnen sich für einige Niedersachsen im Herbst neue Perspektiven, in die Bundespolitik zu wechseln.
Realschulen verlieren in der Elterngunst
Von Bärbel Hilbig, HAZ 11.5.2009
Hannovers Realschulen verlieren zunehmend in der Gunst der Eltern. Bei der jährlichen Trendumfrage zu den Halbjahreszeugnissen wünschten sich nur noch 17 Prozent der Eltern von Viertklässlern, dass ihr Kind eine Realschule besucht.
Im Vorjahr wollten noch 20,6 Prozent diese Schulform wählen, im Jahr 2007 sogar 22 Prozent. Gleichzeitig gibt es eine gegenläufige Entwicklung bei den Integrierten Gesamtschulen (IGS). 30 Prozent der Eltern wünschen sich einen IGS-Platz für ihr Kind. Die Zahl stieg bereits in den Vorjahren von 24,8 Prozent (2007, allerdings ohne Grundschüler der IGS Roderbruch, die ab 2008 einbezogen wurden) auf 27,5 Prozent im Jahr 2008.
Für die Schulform der IGS überraschend ist jedoch, dass die aktuellen Ergebnisse deutlich unter den Zahlen der Elternumfrage vom September 2008 liegen. Damals wollte die Stadt den Bedarf an neuen Integrierten Gesamtschulen ermitteln. Sie fragte die Eltern aller Grundschüler schriftlich, ob sie sich eine IGS oder eine Schule des dreigliedrigen Schulsystems (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) für ihr Kind wünschen. Fast 75 Prozent der Eltern antworteten – und 44 Prozent (bezogen auf die absolute Zahl der Grundschüler) sprachen sich für die IGS aus.
Die jetzt vorliegende jährliche Trendumfrage zu den Halbjahreszeugnissen ist aber mit Sicherheit verlässlicher: Die Antworten sind zwar nicht verbindlich, aber ein knappes halbes Jahr vor der Entscheidung dürften viele Eltern sich über die Wahl der Schulform recht sicher sein.
Nach der hohen Nachfrage im September hatte die Stadt die Gründung drei neuer Integrierter Gesamtschulen angekündigt. Wenn sich nun jedoch eher 30 als 44 Prozent eine IGS für ihr Kind wünschen, reichen möglicherweise auch zwei Neugründungen aus. Folgt man den Wünschen der Eltern, wären für das neue Schuljahr gut 1100 Plätze für Fünftklässler an der IGS notwendig. Aktuell stehen jedoch nur 910 Plätze zur Verfügung. Mit dem Start der IGS Stöcken im August erhöht sich das Angebot auf stadtweit 1040 IGS-Plätze im fünften Jahrgang. Im kommenden Jahr will dann die IGS Badenstedt mit weiteren 130 Plätzen für Fünftklässler ihren Betrieb aufnehmen.
Die am stärksten nachgefragte Schulform ist weiterhin das Gymnasium. Laut Wunsch der Eltern werden im August 1726 Kinder und damit knapp 47 Prozent des Jahrgangs dort ihre Schullaufbahn fortsetzen (Vorjahr: 46,5 Prozent). Die Hauptschule bleibt fast unverändert auf niedrigem Niveau. Nur 5,6 Prozent der Eltern von Viertklässlern wollen ihr Kind auf eine Hauptschule schicken (Vorjahr 5,4 Prozent). Die Lehrer hatten dagegen für 22,3 Prozent der Kinder die Hauptschule empfohlen, für 37,3 Prozent die Realschule und für 40,4 Prozent das Gymnasium.
10.000 demonstrieren in Hannover gegen Schulpolitik
Von lni, HAZ 11.5.2009
Hannover. Schüler, Eltern und Lehrer aus ganz Niedersachsen haben am Sonnabend in Hannover gegen die Schulpolitik der Landesregierung demonstriert. Auch Opposition-Politiker und Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) beteiligten sich an den Protesten.
Demo gegen Turbo-Abi: Schüler demonstrieren in der Innenstadt gegen das Abitur nach zwölf Jahren an Integrierten Gesamtschulen. © Martin Steiner
Etwa 10 000 Menschen forderten Ministerpräsident Christian Wulff und Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (beide CDU) unter anderem auf, das geplante „Turbo-Abi“ nach nur zwölf Jahren an Gesamtschulen zu kippen. Herr Wulff habe längst den gesellschaftlichen Rückhalt für seine Politik verloren, sagte der Landeschef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Eberhard Brandt.
Mit so vielen Demonstranten hatten selbst die Veranstalter nicht gerechnet. Knapp 10 000 Schüler, Eltern und Lehrer aus ganz Niedersachsen kamen am Sonnabend in Hannover zusammen, um gegen die Schulpolitik der Landesregierung zu demonstrieren - doppelt so viele wie erwartet. „Herr Wulff hat längst den gesellschaftlichen Rückhalt für seine Politik verloren“, rief GEW-Landeschef Eberhard Brandt den Demonstranten zu, die bei jeder Nennung der Namen von Ministerpräsident Christian Wulff und Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (beide CDU) zu ohrenbetäubenden Buhrufen anstimmten.
Die eigentlich von den Gesamtschulen als Protest gegen das umstrittene „Turbo-Abi“ nach nur zwölf Jahren geplante Demonstration wurde zum Rundumschlag gegen Wulff und seine in Bedrängnis geratene Kultusministerin. Das „Turbo-Abi“, die geplante Abschaffung der sogenannten Vollen Halbtagsschulen - Grundschulen mit besonders guter Ausstattung - , die unsichere Unterrichtsversorgung, der Konfrontationskurs gegen nahezu jeden Kritiker: Themen hatten sich für die Demonstranten zuletzt zuhauf ergeben.
Nicht nur Gesamtschüler, auch Vertreter von Gymnasien und Grundschulen kamen in die Landeshauptstadt, um ihrem Ärger über die festgefahrene Situation Luft zu machen. „Mit Wulff und Heister geht Bildung über’n Deister“, stand auf einem der Plakate inmitten des Protestzuges durch die Innenstadt, an dem sich auch zahlreiche Landtagsabgeordnete der Opposition und Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) beteiligten.
Neben der immer größer werdenden Proteste setzt auch die eigene Partei Heister-Neumann zu. „Sie steht stark unter Beschuss, weil wir keine Hoffnung haben, dass es besser wird“, sagte ein Mitglied der CDU-Fraktion. Dass Wulff seine „Arbeitsplatzgarantie“ für Heister-Neumann von Ende März („Frau Ministerin Heister-Neumann ist am Jahresende noch im Amt.“) einhält, wird in der Fraktion stark bezweifelt. „Das Ding ist ziemlich am Ende“, hieß es dazu.
Immer wieder wird der derzeitige Parlamentarische Fraktions-Geschäftsführer Bernd Althusmann als möglicher Nachfolger ins Gespräch gebracht. Dabei könnte die Fraktion die Proteste gegen das neue Schulgesetz, das im Juni im Landtag verabschiedet werden soll, noch verschmerzen. Trotz des wachsenden Widerstands auch in den eigenen Reihen gegen das „Turbo-Abi“ an den Gesamtschulen sind die meisten Abgeordneten fest entschlossen, das Vorhaben umzusetzen.
Sollte jedoch die von Heister-Neumann versprochene hundertprozentige Unterrichtsversorgung nicht klappen, droht auch in der CDU endgültig eine Bombe zu platzen. „Wenn das schief läuft, hält das keinen mehr“, hieß es aus der Fraktion. Deren Chef David McAllister betont wie Wulff immer wieder, die Unterrichtsversorgung müsse unbedingt klappen. An diesem Montag wird es einen Fingerzeig geben, ob dies auch gelingt. Das Kultusministerium will dann über die Bewilligung der Lehrer-Teilzeitanträge informieren. Durch eine strengere Prüfung der Anträge soll Unterricht im Umfang von 350 Lehrerstellen gesichert werden. In der Fraktion rechnen nur wenige damit, dass die Rechnung aufgeht.
Trotz des immensen Drucks wird eine kurzfristige Ablösung der Ministerin nicht erwartet. „Wulff wird sich schwertun, sie zu entlassen. Momentan würde ihm das als Zeichen der eigenen Schwäche ausgelegt“, sagte ein langjähriger CDU-Abgeordneter. Wahrscheinlicher sei, dass sich nach der Europawahl am 7. Juni oder spätestens nach der Bundestagswahl am 27. September etwas tue.
Heister-Neumann zum Rücktritt aufgefordert
Von ddp, 9.5.2009
Das niedersächsische Kultusministerium gerät zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik. In der seit Wochen schwelenden Affäre um das angebliche Schulschwänzen des Lehrergewerkschaft-Chefs Eberhard Brandt konnte eine Sitzung des Kultusausschusses am Donnerstag offenbar die Wogen nicht glätten.
Grund ist der Rückzug der schulpolitischen Sprecherin der CDU-Fraktion, Ursula Körtner. Körtner hatte ihr Amt am Dienstag überraschend niedergelegt - just an dem Tag, an dem die Koalition ihre umstrittene Schulreform auf den Weg brachte.
Die SPD bewertete den Rücktritt Körtners am Donnerstag als "vorläufigen Tiefpunkt" der Christdemokraten in Niedersachsen. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und Heister-Neumann "haben für ihre Politik der Ausgrenzung, der Flickschusterei und der Diffamierung keinen Rückhalt mehr in den eigenen Reihen", sagte SPD-Landeschef Garrelt Duin.
Die Bildungspolitik der Landesregierung schade den Kindern in Niedersachsen, kein verantwortungsvoller Bildungspolitiker könne solche Beschlüsse verantworten, ergänzte Duin. Er bekräftigte die Forderung seiner Partei nach einem Rücktritt von Ministerin Heister-Neumann: "Es ist Zeit für einen Neuanfang."
Auch in der Affäre um den angeblichen Schulschwänzer und GEW-Landeschef Brandt reißt die Kritik nicht ab. In ihrer Unterrichtung des Kultusausschusses über das gegen Brandt angestrengte Disziplinarverfahren habe die Landesregierung am Donnerstag "viele Fragen" unbeantwortet gelassen, sagte der Vorsitzende des Kultusausschusses, Claus Peter Poppe (SPD).
Poppe betonte, viele Ausschussmitglieder seien "sehr verärgert" - vor allem darüber, dass die Landesregierung zur Unterrichtung nicht Kultusministerin Heister-Neumann oder ihren Staatssekretär, sondern lediglich einen Abteilungsleiter geschickt habe. "Das betrachten wir als Missachtung des Ausschusses", sagte Poppe. Die Landesschulbehörde hat gegen Brandt ein Disziplinarverfahren eingeleitet, weil er sein Unterrichtspensum an seiner Wolfsburger Schule nicht erfüllt haben soll.
Die Linke sah die Landesregierung auch nach der Sondersitzung des Kultusausschusses "nicht von dem Vorwurf entlastet", Brandt mit "falschen Anschuldigungen diskreditiert" zu haben. Der Verdacht der Kampagne gegen den GEW-Vorsitzenden erhärte sich, sagte die Bildungsexpertin der Linksfraktion, Christa Reichwaldt. Ähnlich äußerte sich SPD-Bildungspolitikerin Frauke Heiligenstadt. Da Heister-Neumann dem Kultusausschuss ferngeblieben sei, werde sie sich den Fragen nun kommende Woche im Landtag stellen müssen, sagte Heiligenstadt.
Vertreter der Koalition wiesen die Vorwürfe zurück. Nach der Unterrichtung durch das Kultusministerium zum Disziplinarverfahren gegen Brandt seien "keine Fragen mehr offen", sagte CDU-Vizefraktionschef Karl-Heinz Klare. "Das Ministerium hat alle Fragen im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten umfassend beantwortet."
Gerangel um Posten als Schulsprecher
CDU entscheidet Montag über Körtner-Nachfolge
Von Klaus Wallbaum, HAZ 9.5.2009
Hannover. In der CDU-Landtagsfraktion zeichnet sich eine Kampfabstimmung um den Posten des schulpolitischen Sprechers ab. Die Stelle ist vakant, nachdem Ursula Körtner aus Bad Pyrmont am Dienstag überraschend ihren Rücktritt erklärt hatte. Für die Nachfolge kandidieren der 47-jährige Unternehmer Stephan Siemer aus Vechta und der 50-jährige Agrarwissenschaftler Karl-Ludwig von Danwitz aus Schneverdingen im Kreis Soltau-Fallingbostel. Noch ist unklar, ob als Vertreter aus der Region Hannover auch der 42-jährige Versicherungskaufmann Christoph Dreyer aus Laatzen antritt. Alle drei eint, dass sie bisher nicht im Kultusausschuss tätig waren – also auch von den Spannungen unbelastet sind, die zwischen den Schulpolitikern und dem Ministerium einerseits, dem Rest der CDU-Fraktion andererseits herrschten. Eine Entscheidung über die Nachfolge von Körtner soll in der Fraktionssitzung am Montag fallen. Der Vorstand will, wie es heißt, auf eine Empfehlung verzichten. In der Sitzung soll es auch erste Hinweise darauf geben, inwieweit das „Notprogramm“ für das nächste Schuljahr greift. 2050 Stellen wollte die Regierung gewinnen etwa über weniger genehmigte Teilzeitanträge und mehr Unterricht der Referendare. Angeblich wurde bisher erst knapp die Hälfte dieser Zahl erreicht.
„Fehler Turbo-Abi nicht wiederholen“
150 Eltern und Lehrer diskutieren mit Politikern an der IGS Kronsberg
Von Bärbel Hilbig, HAZ 9.5.2009
Hannover. Hannovers CDU-Chef Dirk Toepffer hatte Donnerstagabend in der Integrierten Gesamtschule Kronsberg eine undankbare Rolle: Als Landtagsabgeordneter sollte er bei einer Podiumsdiskussion die Pläne der Regierungskoalition zum Abitur nach zwölf Jahren an der IGS verteidigen. Er versuchte es nur halbherzig – und kündigte schon zu Anfang an, dass er sich für einen Schnuppertag an der Schule anmelde. „Im Gesetzentwurf steht, der integrative Charakter der IGS werde gewahrt. Sie müssen mir erklären, warum das mit verkürztem Abitur nicht geht“, sagte Toepffer. Doch damit gab er sich ahnungsloser, als er ist. Die CDU Hannover-Stadt hatte bereits vor einer Woche in einer Resolution betont, sie werde Maßnahmen, die auf eine Zerschlagung der Gesamtschulen zielen, entschlossen entgegentreten. „Es gibt Kollegen in meiner Fraktion, die keine IGS in ihrem Wahlkreis haben und nicht wissen, wie das funktioniert“, sagte Toepffer. Er versprach, in der Landtagsfraktion entsprechend seiner Überzeugung zu argumentieren. Einige Eltern unter den rund 150 Zuhörern wollten wissen, wie er sich bei der Abstimmung im Landtag verhalten werde. Toepffer räumte ein, der Fraktionszwang werde nur selten aufgehoben, so zum Beispiel bei Gewissensentscheidungen wie zur Sterbehilfe. „Sonst funktioniert der parlamentarische Prozess nicht.“ Die Antwort kam im Publikum nicht gut an. „Was gibt es wichtigeres als Bildungsgerechtigkeit?“, fragte eine Zuhörerin. Prof. Manfred Bönsch kritisierte, bei der Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren am Gymnasium seien die Inhalte nicht gestrafft worden. „Die eigentliche Baustelle ist das Gymnasium“, sagte Bönsch unter Applaus. In diesem Punkt traf er sich mit FDP-Ratsherr Jens Mayburg. „Diesen Fehler, den man beim verkürzten Abitur am Gymnasium gemacht hat, darf man bei der IGS auf keinen Fall wiederholen.“ Mayburg trat allerdings für das Abitur nach zwölf Jahren ein: Die Absolventen in Deutschland seien im internationalen Vergleich zu alt. Nur müsse man sich Zeit nehmen, mit den Betroffenen über die Einführung zu reden. Allerdings ging Mayburg davon aus, dass die Landtagsfraktionen schnell entscheiden wollen. „Und im Nachhinein macht man sich Gedanken“, murmelte Anneli Keßler, Leiterin der IGS Kronsberg, kopfschüttelnd. Stefan Politze, SPD-Landtagsabgeordneter, erläuterte, der IGS stehe es bereits frei, das Abitur nach zwölf Jahren anzubieten. „Da Eltern und Lehrer das nicht wollen, soll es ihnen nun aufgedrückt werden.“ Dirk von der Osten, Elternvertreter der IGS Kronsberg, verwies darauf, dass die Bildungssysteme in anderen Ländern auf Ganztagsunterricht und qualifizierter vorschulischer Bildung beruhen. Astrid Tenter, Mutter eines IGS-Schülers, pflichtete bei: „Die Verkürzung der Schulzeit muss bei Änderungen der letzte Schritt sein.“
CDU und FDP werden nicht versetzt
Von Birgit und Horst Oelze, ehemalige IGS-Lehrer, Auf der Horst, LZ 9.5.2009
Wegen mangelnder schulpolitischer Reife sind die Garbsener CDU und FDP bei der Abiturprüfung nach dem zwölften Schuljahr in der Ratssitzung am 27. April durchgefallen. In allen Kernfragen zeigten sie mangelhafte bis ungenügende Leistungen:
1. Sie bezweifeln, dass Garbsen für die Frage überhaupt zuständig ist. Falsch! Denn beim Thema IGS sind mindestens 50 Prozent der Garbsener Schüler und deren Eltern direkt betroffen.
2. Sie halten deutsche Abiturienten für zu alt. Richtig! Aber sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Fast überall in Europa werden die Kinder früher eingeschult und integrativ bis zur achten Klasse beschult. Sie gehen zur Ganztagsschule, und das Abitur ist dort keine hochgestochene Reifeprüfung. Deshalb weg mit dem dreigliedrigen Schulsystem in Niedersachsen – dann könnte man vergleichen.
3. IGS-Abiturienten haben schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt. Das ist ein uraltes Vorurteil. Wirklich schlechte Aussichten haben eher die Schüler des Gymnasiums, die unter dem Druck des Turboabiturs ein bis zwei Schuljahre wiederholen müssen. Und sitzen bleiben? Wie beschämend ist dies nach wie vor.
4. CDU/FDP fordern eine Wahlmöglichkeit zwischen dem Abitur nach zwölf und 13 Jahren. Bravo, liebe FDP. Das haben wir ja jetzt schon in der Wahl zwischen Gymnasium und IGS. Und genau das will die Landesregierung nun aber kippen. Und:
An der IGS können Schüler schon jetzt das Abitur nach der zwölften Klasse ablegen. Allein oder als Gruppe können sie nach dem achten Schuljahr eine Klasse überspringen. Aber die meisten von ihnen brauchen mehr Zeit, um ihre Fähigkeiten auszubilden. Gesamturteil: CDU und FDP sind schulpolitisch nicht wählbar.
Sie ignorieren, dass nur ein integratives Schulsystem – wie bei den Pisa-Siegern – zukunftsfähig ist. Wir empfehlen den beiden Parteien sehr, ein 13. Schuljahr zu besuchen.
Ganztagsschulen sind überall sonst die Regel
Von Dieter Roggenkamp, ehemaliger IGS-Leiter, Berenbostel, LZ 9.5.2009
Seit mehr als 30 Jahren bietet die IGS Garbsen ihren Kindern mehr Chancengleichheit. Nicht soziale Herkunft und Geld für Nachhilfe, sondern die Schulstruktur und das Lernklima entscheiden hier über den Schulerfolg. Einerseits verlassen kaum noch Schüler ohne Abschluss diese Schule, andererseits machen viele das Abitur bereits nach zwölf Schuljahren. Die Schulzufriedenheit von Schülern, Eltern und Lehrkräften ist ein deutliches Zeichen dafür, dass hier jedes Kind ohne Schulwechsel den persönlich besten Schulabschluss erreichen kann.
Aber für die CDU/FDP-Landesregierung soll nicht länger sein, was ihrer Meinung nach nicht sein darf: Um die weitere Gefährdung der Dreiklassenschule zu verhindern, soll die erfolgreiche klassenlose IGS eingeschränkt werden. Zur Begründung wird auf die weltweit zwölfjährige Schulzeit bis zum Abitur verwiesen. Dabei wird aber unterschlagen, dass in allen anderen als den deutschsprachigen Ländern die Gesamt- und Ganztagsschule die einzige Schulform ist.
Der Weg dahin muss auch in Garbsen und Niedersachsen offengehalten werden, damit statt sozialer Auslese eine bestmögliche Förderung aller Kinder möglich bleibt.
Gesamtschule bereitet sich auf die nächste Demonstration vor
Von Sven Sokoll, Leine-Zeitung 7.5.2009
![IGS-Schüler malen Plakate für die Kundgebung (am Tisch, vo]() |